Gender-Care-Gap: Die Fürsorgefalle

Schon in der Grundschule hatte ich einen klaren Plan für später: eine Familie mit zwei Kindern, möglichst nur wenige Jahre auseinander. Auch von der Erziehung hatte ich eine genaue Vorstellung – fast alles so zu machen wie meine Eltern. Mein Vater hatte einen Vollzeitjob, meine Mutter war mit mir und meinem Bruder zu Hause. Später arbeitete sie zeitweise selbstständig, als wir älter waren, übernahm sie einen Teilzeitjob. Das ließ fast immer Zeit für das gemeinsame Mittagessen nach der Schule und die Fahrten zu Freundinnen, Freunden und Hobbys. Irgendwann arbeitete sie dann wieder den ganzen Tag.
Dass ich daraus meinen eigenen Lebensentwurf ableitete, ist einerseits ein Zeugnis der tollen Kindheit, die ich verbringen durfte. Andererseits zeigt es, wie früh und wie selbstverständlich sich Geschlechterrollen in unser Denken einschreiben.
Care-Arbeit ist in vielen Köpfen immer noch hauptsächlich Frauensache. Dabei geht es nicht nur um Kindererziehung, sondern um »alle unbezahlten Tätigkeiten, die für einen Haushalt und seine Mitglieder zur Verfügung gestellt werden und essenziell für die Gesundheit, das Wohlbefinden, die Pflege und den Schutz für jemanden oder etwas sind«, wie es im zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus 2016 heißt. Als Arbeit gilt demnach eine Tätigkeit, wenn sie geistige oder körperliche Anstrengung verlangt und Zeit kostet, die eine Person sonst für andere Dinge nutzen könnte. Das Essen zu kochen gehört also genauso dazu wie die Hausaufgabenbetreuung oder die Pflege eines Angehörigen.
Die physische und mentale Last
Gerade bei der Pflege von alten und kranken Menschen spielt unbezahlte Arbeit aktuell sogar wieder eine größere Rolle, erklärt Ute Klammer. Sie leitet das Deutsche Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) und das Institut für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen. »Es fehlen überall Fachkräfte und wir haben einen so hohen Krankenstand wie nie«, so die Professorin. »Also sind wir wieder viel mehr gezwungen, häusliche Care-Arbeit zu leisten – das ist quasi ein Rückschritt hinter das, was wir schon erreicht hatten.« Dass Europa weltweit die älteste Bevölkerung hat, verschärft die Situation noch: Bis 2050 dürften hier mehr als ein Drittel der Menschen über 60 Jahre alt sein.
Oft übersehen wird zudem die unsichtbare Arbeitslast: die Denkarbeit, auch als »Mental Load« bezeichnet. Sie umfasst die gesamte Planung, die tagtäglich anfällt: Wann ist der nächste Impftermin der Kleinen? Wer fährt das Kind zur Geburtstagsparty und welches Geschenk bringt es mit? Muss die Turnhose noch gewaschen werden vor der Sportstunde morgen? Und sind eigentlich noch genug Spülmaschinentabs da? Was nach Kleinigkeiten klingt, summiert sich schnell zu einer erheblichen psychischen Belastung – vor allem, wenn die Organisation hauptsächlich an einem Elternteil hängen bleibt.
So groß ist die Lücke
Care-Arbeit ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Doch wie ist sie in Deutschland verteilt? Die aktuelle Auswertung der Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes auf Basis der Daten von 2022 überrascht zunächst: »Frauen ab 18 Jahren arbeiten pro Woche gut eine Stunde mehr als Männer.« Mehr? Wo Männer doch oft als Hauptverdiener gelten?
Der Denkfehler liegt im Arbeitsbegriff. Viele verstehen darunter ausschließlich bezahlte Erwerbstätigkeit. Und tatsächlich verbringen Männer damit im Schnitt deutlich mehr Zeit: rund 24 Stunden pro Woche, Frauen etwa 16. Das jedenfalls sind die Durchschnittswerte für Erwachsene jeden Alters und aus allen Erwerbs-, Bildungs- und Familienformen. Entsprechend können die Zahlen für jede Person sehr unterschiedlich sein und gerade Vollzeitarbeitende noch viel mehr Zeit mit bezahlten Tätigkeiten verbringen. Doch die Arbeit endet nicht mit dem Feierabend. Rechnet man die unbezahlte Care-Arbeit hinzu – bei Frauen im Schnitt 29,5 Stunden pro Woche, bei Männern 20,4 –, verschiebt sich das Bild. Insgesamt kommen Männer dann auf gut 44 Wochenstunden, Frauen auf gut 45.
Anders ausgedrückt: Männer verwenden knapp die Hälfte ihrer gesamten Arbeitszeit auf unbezahlte Tätigkeiten, Frauen fast zwei Drittel. Genau hier entsteht der Gender-Care-Gap. Er misst den relativen Unterschied im Zeitaufwand für unbezahlte Sorgearbeit. Berechnet wird er, indem die zusätzliche Care-Zeit der Frauen – gut neun Stunden pro Woche – ins Verhältnis zur männlichen Care-Zeit gesetzt wird. 9 geteilt durch rund 20 ergibt einen Wert von etwa 43 Prozent. Frauen leisten also ungefähr 43 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer.
Im Vergleich zur vorherigen Auswertung von 2012/2013 ist das tatsächlich eine kleine Verbesserung. Damals betrug die Lücke noch 52 Prozent. Die Männer haben ihren unentgeltlichen Einsatz seitdem um gut eine Stunde pro Tag erhöht. Für Frauen bedeutet das allerdings kaum Entlastung – im Schnitt arbeiten sie täglich nur etwa 10 Minuten weniger als vor über 10 Jahren.
Facetten der Care-Arbeit
Doch bei der Arbeit im und um das Zuhause gibt es auch Bereiche, die eher männlich konnotiert sind. ›Gartenarbeit, Pflanzen- und Tierpflege, Bauen und handwerkliche Tätigkeiten‹ ist der einzige Aspekt, mit dem Männer laut der Auswertung deutlich mehr Zeit pro Woche verbringen als Frauen. Etwa gleichauf sind die Geschlechter beim Einsatz in einem Ehrenamt oder ähnlichem sozialen Engagement. Alle anderen Aufgaben erledigen mit Abstand eher die weiblichen Familienmitglieder.
Hinzu kommt: Wer Kinder hat, arbeitet von vornherein über zehn Stunden mehr als Erwachsene ohne Nachwuchs. Wenig überraschend leisten vor allem Mütter dabei wenig Erwerbs- und viel Sorgearbeit. Bei der Pflege von Angehörigen sind die Geschlechterunterschiede hingegen nicht so deutlich. Hier übernehmen Männer und Frauen größtenteils ähnliche Aufgaben. Außer in Haushaltsfragen: Das Putzen, Waschen und Kochen erledigen weiterhin vor allem Frauen, die pflegen – mit etwa vier Stunden mehr pro Woche als männliche Pflegende.
Der Gap hat System
Ursachen für all diese Zahlen gibt es viele, sagt Ute Klammer: »Es hat natürlich etwas mit dem Rollenverständnis zu tun, aber es gibt auch nach wie vor starke institutionelle Rahmenbedingungen, die die Organisation und Verteilung häuslicher Care-Arbeit unterstützen.« Damit meint sie eine andere Lücke: den Gender-Pay-Gap – Frauen verdienen auf dem Arbeitsmarkt weiterhin weniger.
Verstärkt wird das durch Anreize im Sozial- und Steuersystem, vor allem durch das Ehegattensplitting. Beim Ehegattensplitting werden die Einkommen beider Ehepartner zusammengerechnet und gemeinsam besteuert – dadurch zahlen Paare mit unterschiedlich hohen Einkommen oft weniger Steuern. So ist es für die Zweitverdienerin im Haushalt oft unattraktiv, mehr zu arbeiten, weil schnell ein großer Teil des zusätzlichen Gehalts als Steuern verpufft. »Dazu kommt die fehlende Kinderbetreuung, die ebenfalls zum Gender-Care-Gap beiträgt«, so Klammer.
Immerhin haben wir als Gesellschaft schon einen weiten Weg hinter uns. Früher hieß es im Bürgerlichen Gesetzbuch: »Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.« Erst 1977 wurde diese Regelung in einer Reform des Ehe- und Familienrechts gestrichen. Stattdessen steht da nun: »Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen.«
»Sobald aus Frauen Mütter werden, kommen eben doch sehr unterschiedliche Vorstellungen zu den Rollen auf«Katharina Wrohlich, Expertin für Gender Economics
»Man könnte jetzt sagen, das ist doch lange her«, sagt Katharina Wrohlich, Professorin und Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. »Aber solche Vorstellungen und Normen halten sich sehr hartnäckig.« In Deutschland sei der Gender-Care-Gap allerdings mittlerweile gar nicht so stark mit der Ehe verknüpft – dafür umso deutlicher mit der Elternschaft. »Sobald aus Frauen Mütter werden, kommen eben doch sehr unterschiedliche Vorstellungen zu den Rollen auf.«
So ähnlich habe ich es in meiner eigenen Familie auch erfahren. Finanziell war ich nie auf Augenhöhe mit meinem Mann: Er hatte eine feste Anstellung in Vollzeit, ich studierte erst noch und war dann Doktorandin in der Forschung – mit einer 50-Prozent-Stelle, bei der 100 Prozent Einsatz erwartet wurden. Durch das Pendeln zum Labor und zurück kam ich oft später nach Hause als mein Mann. Die Hausarbeit verteilten wir recht pragmatisch: Wer da war und Zeit hatte, erledigte die Sachen.
Dann kam das erste Kind. Zu einem Zeitpunkt, wie wir ihn perfekter nicht hätten aussuchen können: Die Laborarbeit für meine Doktorarbeit war zu Beginn der Schwangerschaft fast fertig, die letzten Experimente mit radioaktivem Material übernahmen zwei Kolleginnen. Während der Elternzeit schrieb ich die Dissertation und promovierte, als mein Kind etwas über ein Jahr alt war. Nur – was tun mit einem Doktortitel und Laborerfahrung, wenn die nächsten Forschungseinrichtungen etwa eine Stunde von Zuhause entfernt sind? Lange Fahrten vertrugen sich nicht mit meinem Wunsch, das Mittagessen gemeinsam mit unserem Kind zu verbringen. Und Homeoffice passt nur sehr bedingt zu Laborarbeit. So scheiterte meine wissenschaftliche Karriere an der Organisation des Elternseins – und an meinen eigenen Vorstellungen vom Familienleben.
Elternzeit: ein Paradebeispiel
»Viele junge Paare wollen eigentlich Arbeit und Familie gleichgestellter organisieren«, sagt Ute Klammer. »Die Rahmenbedingungen führen aber oft dazu, dass sie trotzdem in asymmetrischen Konstellationen landen.« Etwa wenn es um die Kinderbetreuung bei den ganz Kleinen geht, so Katharina Wrohlich. Die »Partnermonate« – zwei extra Monate Elterngeld für Paare, die sich die Kinderbetreuung partnerschaftlich aufteilen – seien zwar ein guter Anfang, doch häufig bleibe es bei den Männern genau dabei. Den Rest der Zeit übernehme weiterhin meist die Mutter. Laut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2024 rund 44 Prozent der Mütter in Elternzeit, deren jüngstes Kind unter drei Jahren war; die Väter kamen nur auf 21 Prozent. Allerdings nimmt die Elternzeitquote seit 2023 grundsätzlich ab, weil offenbar mehr Frauen früher wieder in den Beruf einsteigen – wenn auch oft in Teilzeit.
Was ihnen in solchen Zeiten intensiver Care-Arbeit auf dem Arbeitsmarkt entgeht, lässt sich nicht nur auf das Gehalt reduzieren. »Oft verpassen sie durch die längeren Auszeiten die Chance, ihre Karriere weiterzuentwickeln«, so Ute Klammer. Und das wirke sich auch dann negativ aus, wenn sie eine Lohnersatzleistung wie das Elterngeld bekämen. »In der heutigen Gesellschaft kann man niemandem raten, langfristig nicht zu arbeiten, wenn die Person nicht ein hohes Armutsrisiko eingehen will.«
»So viele Kinder kann man gar nicht haben, um mit den Rentenpunkten dafür auf eine auskömmliche Rente zu kommen«Katharina Wrohlich, Wirtschaftswissenschaftlerin
Das gilt auch mit Blick auf das Alter: Eltern können sich für die Kindererziehung Rentenpunkte anrechnen lassen. So, als hätten sie pro Kind drei Jahre lang Beiträge in Höhe des Durchschnitts aller Versicherten eingezahlt. Wer in der Zeit trotzdem arbeitet, bekommt die Punkte obendrauf. Katharina Wrohlich sieht das zwar als sinnvolle Unterstützung – nicht aber als ausreichenden Ausgleich. »So viele Kinder kann man gar nicht haben, um mit den Rentenpunkten dafür auf eine auskömmliche Rente zu kommen, wenn eine Frau ab der Familiengründung nicht wieder in Vollzeit findet und immer in der Teilzeit bleibt.«
Die Teilzeitfalle
Das ist laut Wrohlich jedoch durchaus häufig der Fall. »Ab dem Zeitpunkt der Familiengründung fällt die meiste Care-Arbeit auf die Frau, und das wird nie wieder so richtig rückgängig gemacht, wenn die Kinder größer oder aus dem Haus sind.« Auch das spiegelt sich in der Analyse des Statistischen Bundesamtes: 2024 arbeitete fast jede zweite Frau in Teilzeit, bei den Männern waren es nur 12 Prozent. Besonders häufig sind Mütter mit Kindern unter drei Jahren in solchen Jobs zu finden, doch Mütter im Allgemeinen folgen in der Statistik dicht dahinter.
Einen Grund dafür sieht Katharina Wrohlich in den Finanzen: »Wir haben in Deutschland ein Steuer- und Transfersystem, speziell mit dem Ehegattensplitting, steuerlicher Begünstigung für Einkünfte aus Minijobs und der beitragsfreien Mitversicherung für Ehepartner in der gesetzlichen Krankenversicherung.« Diese drei Elemente greifen in Hetero-Ehen so verstärkend ineinander, dass die Kombination ›Vollzeitstelle für den Mann und ein Minijob für die Frau‹ hochattraktiv sei. Um wirklich finanziell mehr herauszubekommen, müsste die Frau deutlich mehr arbeiten.
Auch die Arbeitsbedingungen können die Geschlechtergleichheit erschweren: »Oft arbeiten Frauen im Gesundheitsbereich oder in anderen sozialen Berufen, die sehr anstrengend sind und bei denen viel intrinsische Motivation gefragt ist.« Kämen dann auch noch branchenübliche Probleme wie Unterbesetzung hinzu, schafften die Frauen schlicht nur eine Teilzeitstelle, ohne sich dabei kaputtzumachen.
Männer: oft übersehen
Die Politik sucht derweil nach Wegen, Frauen besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Deutlich seltener geht es hingegen darum, wie man Männer dabei unterstützen könnte, mehr unbezahlte Care-Arbeit zu übernehmen. Für sie hat es nach wie vor mitunter größere Nachteile, für die Kinder oder bedürftige Angehörige im Job kürzer zu treten. Das untersuchten die Psychologinnen Toni Schmader von der University of British Columbia in Vancouver und Katharina Block von der Universität von Amsterdam genauer. In ihrer 2025 erschienenen Analyse beschreiben sie entsprechende Hürden für Männer, etwa kulturelle Stereotype und die Art und Weise, wie sie schon früh auf Maskulinität als Gegensatz zur Kümmerer-Rolle getrimmt werden. Schmaders und Blocks Fazit: Männer kümmern sich nicht, weil das bereits Frauensache ist, und um ein Mann zu sein, darf man sich möglichst nicht »weiblich« verhalten. Vor allem aber sähen viele Menschen gar kein Problem darin, dass Männer weniger Sorgearbeit leisten.
Wunsch versus Realität
In der öffentlichen Debatte herrscht das Idealbild vom Elternpaar mit zwei Vollzeitkarrieren. Das sei allerdings gar nicht die verbreitete Wunschvorstellung, sagt Katharina Wrohlich: »Viele Familien fänden es gut, wenn beide Elternteile etwa 75 Prozent arbeiten und sich zum Beispiel am Nachmittag abwechseln. Interessanterweise sehen wir gerade dieses Modell in der Realität nur ganz selten, nicht mal bei jedem zehnten Elternpaar.«
Auch der sogenannte Väterreport des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2023 zeigt die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Demnach befürworten 63 Prozent der Väter gleiche berufliche Chancen und finanzielle Unabhängigkeit für beide Elternteile. Gleichzeitig finden fast die Hälfte der Väter mit Kindern unter sechs Jahren, Frauen sollten für die Kinderbetreuung eine Zeit lang weniger arbeiten und die Kinder in den ersten Lebensjahren vor allem von der Mutter betreut werden.
Persönlich stecke ich selbst in diesem Rollenbild fest: Mir war es wichtig, nach dem Kindergarten mittags für meine Kinder da zu sein. Eine 50:50-Aufteilung der Erziehungszeit hätte ich mir keinesfalls gewünscht. Diese Sicht kommt in den öffentlichen Diskussionen wenig vor. Dort geht es meist um Mütter, die möglichst schnell wieder arbeiten wollen, gerne auch in Vollzeit. Ein völlig legitimer Wunsch, der unbedingt mehr gefördert werden sollte. Aber sollte das ein Widerspruch dazu sein, ebenso Frauen zu fördern, die sich zumindest vorübergehend um den Großteil der Care-Arbeit kümmern möchten? Und dafür zu sorgen, dass sie später dadurch beruflich und finanziell keine Nachteile haben?
Kann frau doch alles haben?
Letztlich müssen wir wohl verstehen, dass es nicht einen passenden Weg für alle gibt. Ideal wäre, jeder Mensch könnte seinen eigenen Lebensentwurf verwirklichen. Mit mehr oder weniger Care-Arbeit, aber finanziell abgesichert und mit Optionen in jedem Abschnitt. Erreichbar wird das nur, wenn wir auf verschiedenen Ebenen anpacken, sagt Ute Klammer: »Ich halte die Umgestaltung der Rahmenbedingungen für sehr wichtig, um etwa Anreize für traditionelle Geschlechtermodelle zu beseitigen.« Aber auch die Tarifpartner seien gefragt, wenn es um Lohnunterschiede zwischen Frauen- und Männerberufen gehe. »Dazu kommt die öffentliche Infrastruktur, also der Ausbau der Kinderbetreuung und der Pflege.«
Einen großen Nachholbedarf sieht Ute Klammer bei den Unternehmen. »In einem aktuellen Forschungsprojekt haben wir festgestellt, dass viele von ihnen nicht gut darauf vorbereitet sind, dass Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen auch Zeitrechte haben.« Wollte jemand für eine Weile kürzertreten oder fiel ganz aus, verteilten die Unternehmen die Arbeit oft auf die verbliebenen Beschäftigten. Diese Mehrbelastung führe dann eher zu Krankheit oder Burn-out und verschärfe die Schwierigkeiten für die Unternehmen noch. Wenn immer gerade genug Personal da sei, um die Aufgaben zu erledigen, seien Ausfälle jeder Art ein Problem. »In einer Gesellschaft, die auf gleichzeitige Erwerbs- und Sorgearbeit ausgelegt ist, brauchen wir schlicht bessere Strategien, die beides auch ermöglichen.«
Rationale Ungleichheiten
Es geht darum, echte Wahlfreiheit zu schaffen. Teils sei es in frühen Lebensabschnitten schwierig, die Folgen abzuschätzen, so Klammer: »Oft treffen junge Menschen durchaus rationale Entscheidungen – die sich aber in späteren Lebensphasen vor allem für Frauen als Falle erweisen.« Das sei das eigentliche Problem der Care-Arbeit: Aus ihr erwachsen Nachteile, die sich irgendwann nicht mehr kompensieren lassen. Wer lange sorgt, zahlt oft noch länger den Preis.
Ich selbst konnte die Familienzeit zum Glück als Chance nutzen. Denn die Arbeit im Labor hat sich nie zu meinem Traumjob entwickelt. Als die Kinder kamen, war es schlicht keine Option mehr, und ich habe mich getraut, den Schritt in den freien Journalismus zu wagen. Auch das war mit zwei kleinen Kindern nicht einfach und ist mit etwas größeren auch jetzt noch nicht in Vollzeit möglich. Aber es gibt mir die nötige Flexibilität, und bisher schaffe ich es gut, immer ein bisschen mehr zu arbeiten, je weniger ich zu Hause gebraucht werde.
Was dabei sehr hilft: gute Kommunikation mit meinem Mann. Wir kümmern uns weiterhin gemeinsam um den Haushalt und sagen einander, wenn es mal zu viel wird. So haben wir keine strikte 50:50-Aufteilung, die für uns beide nicht funktionieren würde, sondern ein respektvolles Miteinander, bei dem niemand auf der Strecke bleibt. Ob – und wenn ja welche – finanziellen Folgen unsere Entscheidungen für mich später noch haben werden, bleibt abzuwarten.
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