Longevity: Gene haben stärkeren Einfluss auf Lebenserwartung als gedacht

Die Gene beeinflussen viel stärker, wie alt wir werden, als bislang angenommen. Zu diesem Schluss kommt ein Forschungsteam um Ben Shenhar vom israelischen Weizmann Institute of Science. In vorigen Forschungsarbeiten wurde der genetische Anteil meist auf etwa 20 bis 25 Prozent geschätzt. Die neuen Analysen legen hingegen nahe, dass mehr als die Hälfte des biologisch möglichen Lebensalters auf genetische Faktoren zurückgeht – zumindest dann, wenn äußere Einflüsse wie Unfälle, Gewalt oder Naturkatastrophen herausgerechnet werden. Die Forschenden nutzten dafür mathematische Modelle und Daten von Zwillingen, die zusammen oder getrennt aufgewachsen sind. Die Ergebnisse sind im Fachmagazin »Science« erschienen.
Um die Rolle der Gene präziser zu erfassen, unterscheidet das Forschungsteam zwischen intrinsischen und extrinsischen Todesursachen. Intrinsische Faktoren umfassen innere biologische Prozesse wie genetische Defekte oder den altersbedingten physiologischen Verfall. Extrinsische Ursachen hingegen beruhen auf äußeren Einflüssen wie etwa Unfällen, Infektionskrankheiten, Tötungsdelikten oder Umweltgefahren. Solche externen Risikofaktoren könnten den tatsächlichen Einfluss der genetischen Veranlagung auf die Lebensdauer überlagern, betonen die Autorinnen und Autoren.
Forschende, die nicht an der Studie beteiligt waren, halten die neuen Werte für nachvollziehbar und realistisch. Es werde überzeugend dargelegt, dass frühere Studien die Vererblichkeit der Lebensspanne unterschätzt haben, sagt etwa Chiara Herzog, Arbeitsgruppenleiterin am Department für Zwillingsforschung und Genetische Epidemiologie des King’s College London, dem Science Media Center. Vererblichkeit sei keine feste Konstante, sondern könne je nach Population und betrachtetem Zeitraum variieren. »Die berichteten Werte sind mit Ergebnissen aus Tiermodellen vereinbar, etwa aus Mausstudien. Eine Verdopplung gegenüber früheren Schätzungen erscheint daher plausibel.«
Völlig überraschend sei der grundsätzliche Befund jedoch nicht, betont Herzog. Immerhin sei auch die maximale Lebensspanne von Säugetieren genetisch bedingt: Mäuse leben nur wenige Jahre, andere Arten wie der Grönlandwal jedoch bis zu 500 Jahre. »Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch Umwelt oder Lebensstil erklären, da selbst unter optimalen Bedingungen eine artspezifische Obergrenze besteht – auch unter besten Haltungsbedingungen kann eine Maus nach heutigem Kenntnisstand keine 200 Jahre alt werden«, erklärt die Forscherin.
Innerhalb der biologischen Grenzen gebe es auf der Ebene des Individuums jedoch einen großen Spielraum, ergänzt Björn Schumacher, Leiter des Instituts für Genomstabilität in Alterung und Erkrankung an der Universität zu Köln. »Wir können die Gene, mit denen wir geboren wurden, zwar nicht beeinflussen, aber wir können die Umweltfaktoren und vor allem unser Verhalten ändern.« Zahlreiche Studien belegten den Einfluss solcher Faktoren auf das Altern. »Rauchen hat sich als der wichtigste Umweltfaktor herausgestellt, der den Alterungsprozess beschleunigt«, sagt Schumacher. »Sport, eine gesunde Ernährung und ein besserer sozioökonomischer Status dagegen können das Altern verlangsamen.« Die Arbeit eröffnet somit neue Möglichkeiten, genetische Faktoren der Langlebigkeit besser zu verstehen, die zugrundeliegenden biologischen Mechanismen zu entschlüsseln und langfristig innovative Ansätze für Prävention und Therapie von altersbedingten Krankheiten zu entwickeln.
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