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Domestikation: Gene identifiziert, die Haustiere zahm und süß machen

Viele Haustiere benehmen sich zutraulich und sehen goldig aus. Wie beides zusammenhängt, haben Forscher nun herausbekommen.
Chihuahua Kopf

Vor knapp einem Jahr hatten Forscher eine Hypothese darüber aufgestellt, was Haustiere eigentlich im Gegensatz zu ihren wilden Verwandten zahm macht – und warum dies oft, bei unterschiedlichen Tieren von Hund bis Schaf, auch mit auffällig ansehnlichen Äußerlichkeiten einhergeht: Gezähmte, an Menschen gewöhnte Haustiere haben zum Beispiel häufiger Schlappohren, generell eine Kindchenschema-Physiognomie, längere Jugendzeiten, gefleckte Körperfarben und ein insgesamt kleineres Hirn. Vermutlich, so die Forscheridee damals, hängt das mit einer ganz bestimmten Selektion zusammen, die mit der Zuchtwahl einhergeht: Sie bevorzugt einen bestimmten Defekt in Stammzellen der so genannten Neuralleiste, die dann gleichzeitig das Verhalten und das Aussehen verändern.

Unklar war allerdings geblieben, ob diese Hypothese wirklich stimmt: Falls ja, müsste sich dies auch in den beim Zuchtprozess selektierten Genen irgendwie wiederfinden, hatten die Forscher im vergangenen Juli geschrieben. Ebendas haben nun Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts in Leipzig experimentell überprüft, indem sie die Gene von zahmen und wilden Zuchtlinien von Ratten und Nerzen (Neovison vison) verglichen. Sie hatten beide Tiere über einige Generationen hinweg auf eine zahme, menschenfreundliche und eine wilde, aggressive Linie hin gezüchtet. Am Ende fielen bei den gezähmten Ratten 1880 typische Gene auf, bei den Nerzen 525. 82 dieser Gene waren besonders spannend, weil sie sich sowohl bei zahmen Ratten wie zahmen Nerzen verändert hatten, berichtete Alex Cagan nun in einem Beitrag zur "Biology of Genomes"-Konferenz 2015. Unter diesen Genen müssten sich nun – wenn die Ausgangshypothese stimmt – solche entdecken lassen, die irgendwie mit den Neuralleisten zu tun haben.

Und tatsächlich finden sich auf der Liste Erbgutfaktoren, die etwa den epidermalen Wachstumsfaktor und damit assoziierte Regulatorproteine kodieren: Proteine, die unter anderem auch für die Bewegung und Verteilung der Neuralleistenzellen im Embryo entscheidend mitverantwortlich sind. Offenbar ist an der Hypothese über die Zahmheitsgene also etwas dran: Die Neuralleistenzellen, die bei der Entstehung von Zähnen sowie Haut- und Hirnzellen ihre Hand im Spiel haben, beeinflussen auch das hormonelle Kommunikationssystem der "Stressachse", die über die Flucht- und Kampfreaktionsschwelle der Tiere wacht und so womöglich auch die Reaktion auf und Gewöhnung an Menschen beeinflusst. Zahme Tiere, so die abschließende Botschaft, sind solche, bei denen die Neuralleiste beim heranwachsenden Tier die Regler auf Toleranz stellt – und nebenbei die Ohren abknickt und das Kindchenschema fördert.

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