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Bisongenetik: Gene und Steinzeithöhlenkunst entlarven Stammbaum des Wisents

Der Wisent ist fast ausgestorben, was genetische Ahnenforschung ungemein erschwert. Woher kam das Büffeltier, wer waren seine Vorfahren - und was haben Steinzeitjäger da eigentlich gemalt?
Ein Wisent steht im WaldLaden...

Der Wisent, die europäische Variante des amerikanischen Bisons, hatte eine bis dato etwas mysteriöse Lücke in seinem Familienstammbaum: Ärgerlich ungeklärt blieb stets, aus welcher Rinderart sich der vor 100 Jahren beinahe ausgestorbene und dann ausschließlich in Schutzgebieten überlebende Bison bonasus eigentlich entwickelt hatte. Bei diesem Problem half eine DNA-Stammbaumanalyse der heute lebenden Tiere nicht weiter: Der Genpool der Herden ist nicht vielfältig genug, weil alle Wisente von nur zwölf Tieren abstammen, die in den 1920er Jahren gerade noch vor der Ausrottung in ein Zuchtprogramm gerettet wurden. Und auch die gefundenen Knochen der Wisent-Ahnen Europas verwirren eher, als zu helfen, denn sie sind merkwürdig vielfältig. Ein internationales Forscherteam suchte daher nach zusätzlichen prähistorischen Belegen – und analysierte nun erstmals sowohl Bison-Gene aus alten Knochenfunden als auch die naturalistischen Darstellungen der Tiere in Höhlenmalereien.

Carole Fritz, CRNS und Gilles Tosello

Reproduktion eines Wisent-Höhlengemäldes
Diese Reproduktionen zeigen Höhlengemälde aus unterschiedlichen Zeiten – links vom Schieber ein eher steppenbisonartiges Tier in der Chauvet-Pont-d’Arc-Höhle aus dem Aurignacien, rechts vom Schieber ein deutlich später, vor rund 17 000 Jahren entstandenes Kunstwerk in der Pergouset-Höhle. Es zeigt ein Tier, das schon deutlich einem heutigen Wisent (Bison bonasus) ähnelt – mit kürzeren Hörnern und einem weniger stark ausgeprägtem Buckel.

Die von Steinzeitkünstlern europaweit geschaffenen Abbilder von Bisons haben sich über die Jahrtausende hinweg stark verändert: Mehr als 18 000 Jahre alte Zeichnungen zeigen immer Tiere mit langen Hörnern und einem ausgeprägten Buckel, die an amerikanische Bisons erinnern – jüngere Gemälde dagegen schlankere Tiere mit kürzeren Hörnern, die dem europäischen Wisent deutlich mehr ähneln. Das war aber offenbar kein Wechsel der Malmode, sondern der Modelle, also der Tierwelt, meinen die Forscher: In dieser Zeit hatte eine Nachfolgerart den langhörnigen Steppenbison in Europa verdrängt. In Frage dafür kommt nur eine Mischform, so die Paläogenetiker nach der Analyse: Vor rund 120 000 Jahren, das ergab die vergleichende Analyse von 64 alten Genomen aus Rinderknochen, hatte sich der Steppenbison (Bos priscus) mit Auerochsen verpaart und war zum Vorgänger der Wisente geworden, die dann nach der Eiszeit ihre Konkurrenten in der Natur und auf der Höhlenleinwand verdrängen konnten.

Wahrscheinlich haben sich dabei Steppenbison-Bullen mit Auerochsen-Kühen gepaart. Die Vermischung würde auch die auffälligen Unterschiede der heutigen amerikanischen und europäischen Bison-Unterarten erklären, die trotzdem miteinander Nachwuchs zeugen können: Beide stimmen in den Y-Chromosomen überein – die aus der männlichen, von Steppenbisons geerbten Linie stammen –, unterscheiden sich aber in den Mitochondrien-Genen, die wohl nur die Wisente ihrer mütterlichen Auerochsen-Seite verdanken.

Die Wisente haben als Mischart die dramatischen Klimaveränderungen der Nacheiszeit offenbar besser verkraftet als ihre Stammspezies, der Steppenbison – der anscheinend aus Europa abgewandert ist. Die alte Art brachte sich in die neuen Linien des späteren amerikanischen Bisons ein, die, wohl mit weiteren Mischanteilen etwa von Genen des Yaks, vor und nach der Eiszeit auch in die Neue Welt gewandert sind.

42/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 42/2016

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