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Klimawandel: Geoengineering vor dem Bann?

Lässt sich der Klimawandel durch technische Eingriffe in die Erdatmosphäre bremsen? Ein Moratorium der Weltgemeinschaft könnte nun die Beantwortung dieser Frage empfindlich verhindern. Doch das Verbot stößt auch auf Widerstand.
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Ist es der letzte verzweifelte Ausweg zur Rettung unseres siechen Planeten? Oder ein waghalsiges Manöver, das das Leben auf der Erde stärker bedroht als das eigentliche Problem, das es lösen soll? Die Meinungen zum so genannten Geoengineering gehen weit auseinander, denn es könnte zwar die schlimmsten Folgen der Erderwärmung zumindest dämpfen, doch sind dafür massive technische Eingriffe in das Erdklima nötig.

Während der internationalen Biodiversitätskonferenz (CBD) in Nagoya letzte Woche äußerten sich viele Teilnehmer eindeutig: In der neuen Übereinkunft zum Schutz der Artenvielfalt nahmen sie einen Passus auf, der das Geoengineering faktisch beendet, "bis eine gesicherte wissenschaftliche Basis besteht, die derartige Aktivitäten rechtfertigt und die damit verbundenen Risiken ausreichend berücksichtigt". Das Moratorium, das bis spätestens 2012 in Kraft treten soll, ist nicht verpflichtend und beeinträchtigt Forschungsarbeiten zumindest in naher Zukunft nicht – ohnehin stecken viele Projekte noch in den Kinderschuhen; ihre Ergebnisse sind als vorläufig zu werten. Einige Wissenschaftler befürchten jedoch, dass die CBD-Vereinbarung Verwirrung stiftet und die Entwicklung des Geoengineerings und seiner Umsetzung verzögert – mit allen Nachteilen, sollte sich die Erderwärmung zukünftig drastisch beschleunigen.

Der Beschluss von Nagoya erscheint fast zeitgleich mit einem thematisch passenden Bericht, der Ende Oktober in den USA veröffentlicht wurde – eine vom Kongress der Vereinigten Staaten in Auftrag gegebene Untersuchung, die die Regierung zur weiteren Erforschung von Geoengineering aufruft. Im Vorwort weist Bart Gordon, demokratischer Abgeordneter aus Tennessee und scheidender Vorsitzender des Kongressausschusses für Wissenschaft und Technik, auf die Risiken hin, sollte der wissenschaftliche Fortschritt auf diesem Gebiet verhindert werden. Gleichzeitig unterstützt er die rasche und gründliche Entwicklung potenzieller Strategien, mit der sich das Klima manipulieren ließe.

"Wenn der Klimawandel eine der größten Bedrohungen für die Artenvielfalt und unser Wohlergehen darstellt, dann gefährdet uns dieser Bann ebenso. Denn wir müssen alle vorhandenen Lösungswege kennen und verstehen", sagt Gordon, dessen Report die nationale Nanotechnologieinitiative der USA als positives Beispiel hervorhebt: Dieses Programm umfasst und koordiniert die Forschungsarbeit von 13 Bundesbehörden.

Die in Nagoya getroffenen Vereinbarungen erlauben indes weiterhin kleinere Studien, die unter streng kontrollierten Bedingungen ablaufen. Dies gilt allerdings nur, wenn sie zuvor sorgfältig begutachtet wurden und wirklich "Bedarf an spezifischen Daten" besteht. Der Geochemiker Ken Caldeira von der Carnegie Institution for Science in Stanford kritisiert diesen Passus als zu vage und verwirrend: "Was bedeutet 'spezifisch'? Wer bestimmt, welche Daten nötig sind? Wie belege ich, dass Bedarf besteht, etwas zu erforschen?" Ihn besorgt, dass nicht zwischen einzelnen Geoengineering-Ansätzen unterschieden wird – etwa dem kritisch beäugten Sonnenschirm in der Atmosphäre, der die Einstrahlung verringern soll, und den weniger problematischen Technologien, die der Atmosphäre Kohlendioxid entziehen, um es in unterirdischen Speichern einzulagern.

Bereits 2008 schuf die CBD einen Präzedenzfall, als sie sich dafür aussprach, jegliche Düngungsversuche in den Ozeanen auszusetzen, die das Planktonwachstum anregen. Kleinere Forschungsprojekte durften zwar weiterlaufen, dennoch sah sich die deutsche Regierung veranlasst, das so genannte LOHAFEX-Projekt auszusetzen, bei dem Wissenschaftler des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts 2009 das Südpolarmeer mit Eisen düngen wollten. Erst nach einigem Hin und Her durften die Forscher das Experiment fortsetzen.

Pat Mooney, geschäftsführender Vorstand der kanadischen Umweltgruppe ETC in Ottawa und eine der treibenden Kräfte für das Moratorium, betont, dass Delegierte aus der ganzen Welt die Initiative getragen haben – darunter etwa die Abgesandten Norwegens, der Schweiz, Boliviens sowie der Philippinen. "Wir verhindern kein einziges Experiment mit kleinem Umfang. Aber Regierungen denken nun wohl zweimal darüber nach, bevor sie Großversuche zulassen", so Moore.

Der Geoengineering-Experte David Keith von der University of Calgary stimmt mit ihm grundsätzlich überein: Die Forschung im kleinen Maßstab sollte vorangetrieben werden, nicht aber bereits heute der Einsatz der Techniken in großem Stil. Keith hat selbst einen Bericht in Auftrag gegeben, der sich detailliert mit den Kosten des Aufbaus eines atmosphärischen Sulfatschirms befasst – ein Projekt, mit dem man das Sonnenlicht dimmen und damit die Erderwärmung reduzieren könnte. Mit Hilfe einer kleinen Flotte speziell angefertigter Flugzeuge ließen sich eine Million Tonnen Schwefel pro Jahr in der Stratosphäre zum Preis von nur ein bis zwei Milliarden US-Dollar ausbringen – genug, um mehr als die Hälfte des bislang durch Menschenhand verursachten zusätzlichen Treibhauseffekts wieder zu kompensieren. Zudem könnte die Maßnahme jederzeit ausgeweitet werden. "Zum ersten Mal überhaupt haben wir dies seriös kalkuliert", sagt Keith. Denn nur wenn man wisse, wie ein Geoengineering-Programm überhaupt aussieht, könne man mögliche Einflüsse und Folgen untersuchen, so der Forscher weiter.

Im Gegensatz zur CBD ermutigt der Weltklimarat (IPCC) Wissenschaftler geradezu, ihre Arbeiten zum Geoengineering auszuweiten. Nächstes Jahr im Juni soll sogar eine Konferenz stattfinden, auf der Kosten, Auswirkungen und Nebeneffekte der Klimamanipulation zur Diskussion gestellt werden. Und es wird darüber gesprochen, in welcher Form das Geoengineering in den nächsten IPCC-Bericht einfließt. Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und leitender Mitarbeiter an den IPCC-Berichten, befürchtet, dass die vereinbarten Reduzierungen der Treibhausgasemissionen nicht genügen, um die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 bis 2 Grad Celsius zu beschränken.

"Geoengineering ist eine Option, um dieses Ziel zu erreichen. Es muss uns daher unbedingt weiterhin als potenzielles Gegenmittel zur Verfügung stehen", betont Edenhofer.

Anm. d. Red.: Auf Anregung von Ottmar Edenhofer erfolgte eine Klarstellung durch den IPCC.

"Das IPCC empfiehlt keine genau definierten Maßnahmen oder Klimapolitiken und empfiehlt auch nicht Geoengineering, um die globale Erwärmung während dieses Jahrhunderts auf 1,5 bis 2 Grad Celsius zu beschränken. Stattdessen bewertet das IPCC in seinem 5. Bericht alle möglichen Optionen, die den Klimawandel einschränken könnten. Es greift dazu auf von Experten begutachtete wissenschaftliche Publikationen zurück."
44. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44. KW 2010

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