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Georg Cantor und die Mengenlehre: Der Mythos um den Erfinder der Unendlichkeit

Georg Cantor gilt als einer der ganz großen Mathematiker: Er war der Erste, der die Unendlichkeit ins Fach einführte. Doch seine wichtigste Arbeit entpuppt sich als Plagiat.
Unendlichkeit
Das Konzept der Unendlichkeit hielt nur gegen Widerstände Einzug in die Mathematik.

Als Demian Nahuel Goos am 12. März 2025 Karin Richter in ihr Büro folgte, fiel ihm als Erstes die Büste auf. Von einem hohen Sockel in der Zimmerecke blickte ein glatzköpfiger, älterer Herr mit stoischer Miene. Goos sah darin nichts von dem ängstlichen, einsamen Mann, der ihn seit mehr als einem Jahr nicht mehr losgelassen hatte. Stattdessen erblickte er den Georg Cantor, wie ihn die Geschichte zeichnet: einen intellektuellen Giganten, unbeirrt, willensstark – und entschlossen, entgegen dem Widerstand seiner Fachkollegen eine mathematische Revolution anzuzetteln.

Hier, an der Universität Halle, hatte Cantor vor rund 150 Jahren seine Revolution begonnen. Hier veröffentlichte er 1874 eine der bedeutendsten Arbeiten in der 4000‑jährigen Geschichte der Mathematik. Sie behandelt ein Konzept, das in dem Fach lange als Frevel galt: die Unendlichkeit. Cantors Arbeit zwang die Fachwelt, einige ihrer ältesten Grundannahmen zu hinterfragen – und begründete so ein neues Forschungsfeld, das schließlich die gesamte Mathematik neu ordnen sollte.

Der 35‑jährige Mathematiker und Journalist Goos war fünf Stunden mit dem Zug nach Halle zu Karin Richter gereist, um Briefe aus Cantors Nachlass einzusehen. Einen davon hatte er bereits als Scan erblickt und ahnte deshalb schon, was die anderen enthalten würden. Aber er wollte es mit eigenen Augen sehen. Richter – die wie Cantor ihre gesamte Laufbahn in Halle verbrachte, zunächst als Mathematikerin, später im Ruhestand als Dozentin für Mathematikgeschichte – bedeutete Goos, Platz zu nehmen.

Sie hob einen dünnen blauen Ordner von ihrem mit Büchern bedeckten Tisch. Darin fanden sich Dutzende Klarsichthüllen, jede mit einem alten handschriftlichen Brief. Goos blätterte darin. Er fühlte sich wie ein Archäologe, der eine verschollene Grabkammer betritt. Dann kam er zu einer bestimmten Seite und erstarrte. Ihm stockte der Atem.

Georg Cantor | Der deutsche Mathematiker gilt als Begründer der Mengenlehre und als der Mann, der die Unendlichkeit in die Mathematik brachte. Doch sein Handeln war nicht frei von wissenschaftlichem Fehlverhalten.

Es lag nicht an der Handschrift. Inzwischen war er mit der seltsamen, heutzutage schwer entzifferbaren Kurrentschrift vertraut, die in Deutschland bis um das Jahr 1900 üblich war. Es war auch nicht die Unterschrift, die ihn überraschte. Er wusste, dass der deutsche Mathematiker Richard Dedekind eine Schlüsselfigur in Cantors Erforschung der Unendlichkeit gewesen war – und beide sich häufig geschrieben hatten. Was ihn so erstaunte, war das Datum: 30. November 1873.

Diesen Brief hatte er noch nie gesehen. Niemand hatte ihn gesehen. Die Fachwelt hielt ihn für verloren – zerstört im Tumult des Zweiten Weltkriegs oder womöglich von Cantor selbst vernichtet. In seinen Händen hielt Goos den Brief, der Cantors Vermächtnis umschreiben konnte. Der Brief, der endgültig bewies, dass Cantors berühmte Arbeit von 1874, die die Mathematik neu ausrichtete, ein Plagiat war.

Ein leuchtender Stern

Cantor wurde 1845 in Sankt Petersburg als erstes Kind seiner Eltern geboren. Als er elf Jahre alt war, erkrankte sein Vater; die Familie zog wegen der harten russischen Winter nach Deutschland. Cantor blieb dort sein ganzes Leben und verlor schließlich jeden Anflug eines ausländischen Akzents. Doch in dieser Wahlheimat fühlte er sich nie ganz zu Hause.

Während der Vater immer kränker wurde, setzte dieser all seine Hoffnungen auf den Ältesten seiner sechs Kinder. Zur Konfirmation schrieb er dem 15-jährigen Georg einen Brief, in dem er warnte, viele talentierte Menschen würden von jenen niedergemacht, die sich neuen Ideen widersetzten – nur unerschütterlicher religiöser Glaube verhindere, dass man zu einem »verlorenen Genie« werde. Um als »leuchtender Stern am Horizont der Wissenschaft« zu glänzen, müsse man unbeirrt Anfeindungen standhalten.

Cantor trug diesen Brief sein Leben lang bei sich. Er verinnerlichte das heroische Ideal intellektueller Auflehnung und fand bald ein Feld, in dem er sein Talent ausleben konnte: die Mathematik. In dieses Fach, so schrieb er, ziehe ihn »eine unbekannte, geheime Stimme«. Mit 18 Jahren, nach dem Tod seines Vaters, nutzte er sein Erbe, um sich an der Universität Berlin einzuschreiben, einem der damals wichtigsten Zentren der Mathematik. Dort begann der Konflikt, der ihn bis zu seinem Tod begleiten sollte.

Gegenstand des Streits war die Unendlichkeit. Mathematiker hatten diese Abstraktion vor Jahrtausenden eingeführt, um damit der Tatsache zu begegnen, dass man zu jeder Zahl immer eine größere finden kann. Doch die Unendlichkeit brachte Probleme mit sich. Der griechische Philosoph Zenon schmiedete damit allerlei Paradoxien. Sobald Unendlichkeit ins Spiel einzog, schienen einfache Konzepte wie Größe und Addition zu zerfasern. Hinzu kam eine religiöse Herausforderung. Im Christentum musste Gott größer sein als alles Geschaffene, größer als jede Zahl. Würden Mathematiker die Unendlichkeit beherrschen, käme das einer Kränkung Gottes und damit der Autorität der Kirche gleich.

Über Jahrtausende wichen Mathematiker diesen Schwierigkeiten aus, indem sie die Unendlichkeit als reine Begrifflichkeit betrachteten, nicht als gültige mathematische Entität. Carl Friedrich Gauß bezeichnete sie 1831 in einem Brief als eine »façon de parler«. Doch binnen weniger Jahrzehnte ließ sich die Unendlichkeit nicht mehr ignorieren.

Fachleute begannen, grundlegende Begriffe präziser zu fassen. Sie erkannten, dass selbst ihr Verständnis davon, was Zahlen sind, auf wackligen Füßen stand. Bis dahin hatten sie Zahlen vor allem als Lösungen von algebraischen Gleichungen betrachtet: als ganze Zahlen, Brüche, Quadratwurzeln und Kombinationen daraus. Nun wollten einige Mathematiker erforschen, wie diese Arten von Zahlen zueinanderstehen – und ob es weitere zu entdecken gab.

Richard Dedekind | Im Gegensatz zu Georg Cantor ist Richard Dedekind außerhalb der deutschen Fachwelt kaum bekannt – dabei gilt er bis heute als Visionär.

Unter ihnen war Richard Dedekind. 1858 fand er eine Möglichkeit, die reellen Zahlen – also alle Zahlen der Zahlengeraden – streng zu definieren. Doch er veröffentlichte sie nicht. Als vorsichtiger, methodischer Denker suchte er den Austausch, bis er sich seiner Sache wirklich sicher war. Unterdessen hatte Cantor, ohne von Dedekinds Arbeit zu wissen, 1870 sein Studium beendet und begann, konkrete Fragen zum Verhalten von Gleichungen zu untersuchen. An philosophischen Fragen nach dem Wesen der Zahlen war er noch nicht interessiert, doch seine Arbeit führte ihn dazu, seine eigene Definition der reellen Zahlen zu entwickeln. Anfang 1872 veröffentlichten Dedekind und Cantor unabhängig voneinander ihre Ergebnisse. Damit hatten beide etwas Radikales getan: Sie hatten die Zahlengerade neu definiert.

Bis dahin hatte man angenommen, die Zahlengerade wirke zwar kontinuierlich, weise aber bei hinreichender Vergrößerung Lücken auf. Um das zu verstehen, kann man den Abschnitt zwischen null und eins betrachten, der unendlich viele Brüche enthält: Für zwei beliebige Bruchzahlen findet sich dazwischen stets eine weitere. Aber egal, wie weit man in einen Bereich hineinzoomt – es gibt bestimmte Zahlen wie √2, die man durch Bruchzahlen allein nie erreicht. Es schienen sich zwangsläufig Lücken aufzutun.

Doch in ihren Arbeiten von 1872 fanden Cantor und Dedekind eine Methode, eine zusammenhängende Zahlengerade zu konstruieren. Egal, wie weit man in irgendeinen Abschnitt hineinzoomt, man findet unendlich viele reelle Zahlen, die kontinuierlich miteinander verbunden sind. Plötzlich ließ sich die lange gefürchtete Unendlichkeit nicht mehr in einen entlegenen Winkel der Zahlengeraden verbannen. Sie ist allgegenwärtig.

In jenem Sommer verbrachten Cantor und Dedekind einen Urlaub im malerischen Schweizer Seedorf Gersau, wo sie einander erstmals begegneten und lange zusammen spazierten, um ihre Ideen zu besprechen. Für Außenstehende mussten sie wie ein ungleiches Paar gewirkt haben. Der damals 27-jährige Cantor war groß, breitschultrig und temperamentvoll. Er genoss die Aufmerksamkeit seiner Kollegen, aber unter der Oberfläche war er zutiefst besorgt, wie sie ihn wahrnahmen. Das trieb ihn an – er wollte schnell und oft publizieren. Dedekind hingegen war 13 Jahre älter, deutlich kleiner und zurückhaltend. Ihm fehlte jeder Publikationsdrang. Tatsächlich veröffentlichte er zeit seines Lebens relativ wenig.

Doch die beiden Mathematiker verstanden sich auf Anhieb. In späteren Briefen schwelgten beide immer wieder in Erinnerungen an diesen schönen Tag am See. Sie hatten in einander einen Freund gefunden. Doch diese Verbundenheit sollte nicht von Dauer sein.

Geschichten auf der Spur

Solange er denken kann, liegen Demian Goos Fairness am Herzen. 2008, mit 17 Jahren, zog er mit seiner Familie von Deutschland nach Argentinien, der Heimat seiner Mutter. »Ich spielte gern Fußball mit Freunden«, sagt er. Doch ihn störte die Ungerechtigkeit im Sport. »Wenn ich ein Spiel sah und eine Entscheidung war falsch, wollte ich helfen, sie zu korrigieren.« Als Schiedsrichter konnte er seine Überzeugungen schließlich in Taten übersetzen.

In den folgenden 15 Jahren – während Bachelor, Master, Promotion, Postdoc und einer Dozentenzeit an der Nationalen Universität von Rosario – pfiff er nebenbei Profispiele. Einmal drohte ihm ein Zuschauer vor dem Spiel mit einer Machete, er solle für seine Mannschaft pfeifen. Als diese jedoch im nächsten Spielzug foulte, zögerte Goos nicht. Er atmete tief durch und zeigte die Rote Karte. »Die Zeit als Schiedsrichter war eine sehr prägende Erfahrung«, sagt er. »Ich weiche nicht zurück, wenn man versucht, mich einzuschüchtern.«

Obwohl ihm die mathematische Forschung Spaß machte, faszinierten ihn vor allem die Geschichten dahinter. In seiner Freizeit las er über die Historie mathematischer Ideen und erzählte sie seinen Kommilitonen im Café der Universität lebhaft nach. Als Postdoc führte er Studierende bisweilen nach draußen, um mathematische Konzepte – Optimierungsalgorithmen, chaotische Systeme – mit Ausdruckstanz zu veranschaulichen. Viele mochten das, doch einige Professoren warnten ihn davor, solche unorthodoxen Methoden anzuwenden. »Sie dachten wohl, sie könnten mir Angst machen«, sagt Goos. »Aber sie kannten die Machete-Geschichte nicht.«

Im Jahr 2020, noch als Postdoc, erkrankte Goos und musste regelmäßig zur Behandlung nach Deutschland reisen. Einige Jahre später kehrte er ganz zurück. Nachdem seine Postdoc‑Zeit endete und es ihm gesundheitlich besser ging, entschied er sich, die Wissenschaft zu verlassen und seiner Leidenschaft fürs Erzählen zu folgen. Anfang 2023 erhielt er ein wissenschaftsjournalistisches Stipendium vom MIP-Labor an der Freien Universität Berlin. Er wollte einen Podcast entwickeln – mit den packendsten Geschichten aus der Mathematik.

Auf den Treppen der Staatsbibliothek | Der Mathematiker und Wissenschaftskommunikator Demian Nahuel Goos ist ein leidenschaftlicher Geschichtensammler. In Kooperation mit »Spektrum« und »detektor.fm« hostet er den Podcast »Geschichten aus der Mathematik«.

Und er wusste sofort, womit er beginnen wollte. »Da ich der emotionale Typ bin, der ich nun mal bin, konzentrierte ich mich auf die emotionalste Geschichte überhaupt«, sagt er. Die Geschichte, wie die Unendlichkeit real wurde und zur Geburt der Mengenlehre führte, der heutigen Grundlage der gesamten Mathematik. »Die Unendlichkeit treibt unser Verständnis der Mathematik an eine Grenze«, sagt Goos. »Man muss sich von mathematischer Intuition verabschieden und einfach offen und empfänglich sein für all die Faxen, die einem dort begegnen.«

In der Schule hatte er gelernt, dass Cantor der alleinige Begründer der Mengenlehre war. Demnach begann alles mit einem Beweis, den der Mathematiker 1874 veröffentlichte. Darin zeigte er, dass es verschiedene Größen von Unendlichkeiten gibt, und räumte endgültig mit der Vorstellung auf, die Unendlichkeit sei lediglich ein mathematischer Taschenspielertrick.

Goos begann mit der Recherche für einen Podcast über Cantors Entdeckung. Doch schnell erkannte er: Die wahre Geschichte ist deutlich komplizierter als das, was man ihm erzählt hatte. »Zunächst wollte ich die Geschichte erzählen, die alle erzählen. Sie ist wunderschön«, sagt er. »Aber sie ist falsch. So war es nicht.«

Das Trojanische Pferd

Die Wahrheit ist: Cantor war kein einsames Genie. Er hatte einen Partner – zumindest zeitweise.

Immer wenn Cantor auf gleich gesinnte Mathematiker traf, umwarb er sie mit Eifer. Er erschien im Morgengrauen bei seinen Kollegen, um eine neue Idee zu diskutieren, und wartete mitunter stundenlang, bis diese aufstanden. So war es auch mit Dedekind. Nach ihrer Begegnung im Jahr 1872 in Gersau nutzte Cantor jede Gelegenheit, den älteren Mathematiker um Rat zu bitten. Im November 1873 begann Cantor einen Austausch, der den Lauf der Mathematik für immer verändern sollte. »Gestatten Sie mir, Ihnen eine Frage vorzulegen«, schrieb er in hastig hingekritzelten Zeilen, »die für mich ein gewisses theoretisches Interesse hat, die ich mir aber nicht beantworten kann; vielleicht können Sie es.«

Die Beharrlichkeit, die Cantors Vater ihm eingepflanzt hatte, übertrug er nun auf die unendliche Natur der Zahlengeraden. »Er hatte ein starkes Sendungsbewusstsein«, sagt José Ferreirós, Historiker und Philosoph der Mathematik an der Universität Sevilla. »Er war davon überzeugt, die Einführung der tatsächlichen Unendlichkeit werde nicht nur die Mathematik, sondern die Wissenschaft insgesamt verändern.« Für Cantor widersprach diese Unendlichkeit nicht Gottes Überlegenheit; sie bedeutete vielmehr, dass Gott nicht fern und unerkennbar, sondern allgegenwärtig ist.

Er begann, die reellen Zahlen als ein einziges, unendliches Ganzes zu betrachten und Fragen zu stellen, die zuvor niemand gestellt hatte. Gibt es einen Unterschied zwischen der Unendlichkeit, welche die drei Punkte in »1, 2, 3, 4, …« andeuten, und jener, die im geheimnisvollen Kontinuum der Zahlengeraden steckt? Mit anderen Worten: Gibt es mehr reelle Zahlen als natürliche Zahlen? Auf den ersten Blick wirkte die Frage unsinnig. Was sollte es überhaupt bedeuten, dass unendliche Mengen verschiedene Größen haben?

Cantor wollte es herausfinden. Er fragte Dedekind, ob sich die beiden Mengen in »Eins‑zu‑eins‑Korrespondenz« bringen ließen – also ob man jeder reellen Zahl eine eindeutige natürliche Zahl zuordnen könne. Für eine andere Menge sei ihm das gelungen, schrieb er: Er habe gezeigt, dass man jeder rationalen Zahl (also Zahlen, die sich als Bruch schreiben lassen) eine einzige natürliche Zahl zuweisen könne, ohne dass etwas übrig bleibe. Das heißt: Auch wenn es so scheint, als gäbe es weit mehr Brüche als natürliche Zahlen, sind beide Mengen gleich groß. Fachleute nennen diese Mengen »abzählbar«.

Bijektion | Zwei Mengen sind gleich groß, wenn es eine Eins-zu-eins-Abbildung (Bijektion) zwischen den Elementen der jeweiligen Mengen gibt. So etwa zwischen der Menge der natürlichen Zahlen (0, 1, 2, 3, …) und der geraden Zahlen (0, 2, 4, …), die man erhält, wenn man die natürlichen Zahlen n verdoppelt, also: n → 2n.

Doch Cantor gelang es nicht, die natürlichen Zahlen auf dieselbe Weise mit den reellen Zahlen zu vergleichen. Dedekind antwortete rasch, auch er könne es nicht – aber er habe einen Beweis dafür ausgearbeitet, dass die algebraischen Zahlen (die als Lösungen algebraischer Gleichungen entstehen) abzählbar seien. »Ich würde dies Alles nicht geschrieben haben«, schloss Dedekind seinen Brief an Cantor, »wenn ich es nicht für möglich hielte, dass Ihnen die eine oder die andere Bemerkung nützlich sein könnte. Ist es nicht der Fall, so bitte ich um Entschuldigung.«

Es folgte ein mathematischer Schlagabtausch. Angestachelt durch Dedekinds Fortschritte, arbeitete Cantor in den folgenden Tagen unablässig an der offenen Frage. Könnte er zeigen, dass die reellen Zahlen einer größeren Unendlichkeit entsprechen als die natürlichen Zahlen?

Am 7. Dezember 1873 schrieb er an Dedekind, er glaube, es geschafft zu haben: »Sollte ich mich jedoch täuschen, so finde ich gewiss keinen nachsichtigeren Beurteiler als Sie.« Er legte seinen Beweis dar, doch er war sperrig und verschachtelt. Dedekind antwortete mit einer Vereinfachung, die das Argument klarer machte, ohne an Strenge zu verlieren. Unterdessen hatte Cantor, noch bevor er Dedekinds Brief erhielt, eine ähnliche Idee entwickelt, wie sich der Beweis verschlanken ließe. Die Details hatte er – anders als Dedekind – jedoch noch nicht ausgearbeitet.

Cantor hielt nun zwei Mengen in den Händen, beide unendlich groß, aber eine größer als die andere. Die Konsequenzen waren revolutionär. Er begann daraufhin, nicht nur von einer Unendlichkeit zu träumen, sondern von einer ganzen Hierarchie von Unendlichkeiten. Wenn man sie so konkret miteinander vergleichen konnte, mussten sie real sein und nicht bloß eine Sprechweise, wie Gauß sie bezeichnet hatte. Cantor begriff, dass sein Beweis die Welt der Mathematik bis ins Mark erschüttern konnte. Aber nicht, ohne mächtige Gegner zu verärgern.

Einer davon war Leopold Kronecker, ein mathematischer Ideologe, der die Unendlichkeit verabscheute. Er glaubte nicht an das Kontinuum der Zahlengeraden. Der Mathematiker Ferdinand von Lindemann berichtete, Kronecker habe einst seine Arbeit zur Irrationalität von Pi für wertlos erklärt, da Zahlen, die sich nicht als Lösung einer algebraischen Gleichung darstellen lassen, in Kroneckers Welt nicht existierten.

Leopold Kronecker | Der Mathematiker war in der Fachwelt extrem einflussreich. Das nutzte er, um den Lauf der Mathematik zu prägen – und versuchte so, die Erforschung der Unendlichkeit zu unterbinden.

Kronecker war ein mächtiger Gatekeeper in der Mathematik. Er war Teil des Herausgebergremiums von »Crelles Journal«, einer der weltweit führenden mathematischen Zeitschriften. Und er zögerte nie, seinen großen Einfluss zu nutzen, um seine reaktionäre Agenda durchzusetzen. Häufig entschied Kronecker darüber, welche Ergebnisse die Fachwelt schnell erreichten – wenn überhaupt.

Cantor, der seine Arbeit mit seinem Mentor Karl Weierstraß besprochen hatte, wollte seine Ergebnisse in »Crelle« veröffentlichen. Dort, so dachte er, könne er die Unendlichkeit in den Mainstream bringen. Der Welt den Geist Gottes offenbaren. Ein leuchtender Stern am mathematischen Horizont werden. Cantors Sendungsbewusstsein, jene »geheime Stimme« in ihm, wurde lauter.

Cantor hatte ein gutes Verhältnis zu Kronecker. Aber Jahre zuvor hatte Dedekind Kronecker ein wichtiges Ergebnis weggeschnappt; Kroneckers Abneigung gegen ihn war berüchtigt. Wenn Cantor eine Arbeit einreichen würde, die er gemeinsam mit Dedekind verfasst hatte – eine Arbeit, die unverhohlen erklärte, es gebe mehrere Größen von Unendlichkeiten –, würde sie wahrscheinlich nie veröffentlicht werden. Also traf Cantor zwei Entscheidungen.

Die erste war, ein Trojanisches Pferd zu bauen. Sein Mentor Weierstraß hatte sich für Dedekinds Beweis begeistert, dass algebraische Zahlen abzählbar sind. Also wählte Cantor für seine Publikation einen irreführenden Titel, der nur die algebraischen Zahlen erwähnte.

Diesen Beweis – Dedekinds Beweis – setzte er als Trojanisches Pferd ein, um die verbotenen Tore zur Unendlichkeit aufzustoßen. Dafür stellte Cantor den Beweis zu den algebraischen Zahlen an den Anfang seiner Publikation und fügte erst darunter seinen Beweis hinzu, wonach die reellen Zahlen nicht abzählbar sind – in Dedekinds vereinfachter Fassung. Cantor spielte die Tragweite dieses zweiten Teils herunter. »Er entschied sich bewusst für Formulierungen, die bei Kronecker und allen, die die Unendlichkeit hassten, keinen Verdacht erregen würden«, sagt Goos.

Cantors zweite Entscheidung war, die Autorschaft für sich allein zu beanspruchen. Sorgfältig tilgte er jede Spur von Dedekinds Beitrag – sogar Begriffe, an denen Eingeweihte dessen Handschrift erkannt hätten. In typischer Cantor‑Manier zimmerte er die Arbeit innerhalb eines Tages zusammen und reichte sie bei »Crelle« ein. Am nächsten Morgen, dem ersten Weihnachtsfeiertag 1873, schickte er Dedekind einen Brief: Weierstraß habe ihn überredet, zu publizieren. »Dabei kamen mir, wie Sie später finden werden, Ihre, mir so werten, Bemerkungen und Ihre Ausdrucksweise sehr zu statten.«

Wer schreibt am Ende die Geschichte?

Die ersten Hinweise auf Cantors Täuschung förderte Emmy Noether im frühen 20. Jahrhundert zutage. Die Mathematikerin war eine Verehrerin Dedekinds. Oft pries sie seine mathematische Weitsicht. »Alles findet sich schon bei Dedekind«, pflegte sie zu sagen. Im Jahr 1930 bündelte sie seine mathematischen Arbeiten in einer vierbändigen Ausgabe, als sie auf Briefe stieß, die er aus dem Austausch mit Cantor aufgehoben hatte. Gemeinsam mit dem französischen Philosophen Jean Cavaillès veröffentlichte sie auch diese.

Mehr als ein Jahrzehnt war seit dem Tod Dedekinds und Cantors vergangen. Noether und Cavaillès verbrachten Jahre damit, Briefe aus Dedekinds Nachlass aufzuspüren. Im Jahr 1933, nach Hitlers Machtübernahme, floh Noether – sie war jüdischer Herkunft – in die USA, wo sie zwei Jahre später an Krebs starb. Cavaillès brachte das Projekt 1937 zu Ende.

Die veröffentlichte Korrespondenz warf Fragen auf. Sie begann mit einem Briefwechsel kurz nach der Begegnung von Cantor und Dedekind im Jahr 1872. Die Briefe aus Dedekinds Nachlass umfassten nur jene, die er erhalten hatte, nicht seine Schriften an Cantor. Dann endete der Austausch abrupt im Januar 1874 – es herrschte mehrere Jahre lang Stille. Als die Korrespondenz 1877 wiederaufgenommen wurde, erschienen nun auch Dedekinds eigene Briefe an Cantor. Offenbar hatte Dedekind beschlossen, fortan von allem, was er an seinen Kollegen schrieb, eine Abschrift zu behalten.

Zudem fand sich eine Notiz, die Dedekind offenbar für sich selbst verfasst hatte, nachdem er Cantors Veröffentlichung in »Crelle« gesehen hatte. Darin beschrieb er, dass er Cantor den ersten Beweis der Arbeit sowie die überarbeitete Fassung des zweiten geschickt hatte – und beide wenige Monate später »fast wortwörtlich« abgedruckt fand, unter Cantors Namen allein.

Dedekind ging mit diesem Vorwurf nie an die Öffentlichkeit; Noether und Cavaillès kommentierten ihn nicht. »Ich denke, sie entschieden sich sehr bewusst dafür, nichts zu sagen und die Briefe für sich sprechen zu lassen«, sagt Ferreirós. »Das war der Ehrenkodex jener Zeit.« Auch sonst thematisierte es niemand – zumindest nicht im Druck. Die frühesten Cantor‑Biografien, verfasst von seinen Schülern, priesen sein Genie.

Erst Jahrzehnte später nahmen Historiker wie Ivor Grattan‑Guinness den Briefwechsel wieder auf. Sie suchten verzweifelt jene Briefe, die Dedekind 1873 an Cantor geschickt hatte – jene, die Cantors Fehlverhalten beweisen könnten. Angeblich waren sie nach Cantors Tod in dessen Büro an der Universität Halle verblieben, aber nun unauffindbar. Höchstwahrscheinlich, so schloss Grattan‑Guinness, gingen sie im Zweiten Weltkrieg verloren oder in den darauffolgenden Zerstörungen, als 1945 US-amerikanische und sowjetische Truppen Halle besetzten.

Ohne die Briefe wollten Grattan‑Guinness und andere Fachleute Cantor kein Fehlverhalten vorwerfen. Manche glaubten, er habe mit Dedekinds Einverständnis gehandelt; andere entschuldigten die Entscheidung damit, Cantor habe den Austausch initiiert und die erste Version des wichtigeren zweiten Beweises geliefert.

Podcast | Während eines journalistischen Forschungsstipendiums am MIP-Labor in Berlin, begann Goos die Recherche zur Geschichte Georg Cantors. Diese sollte als Ausgangspunkt für einen Podcast dienen.

Als Goos 2024 bei seiner Podcast‑Recherche davon erfuhr, war er entsetzt. Er fand nur einen Text, der Cantors Fehlverhalten ausdrücklich thematisierte: In einem 1993 veröffentlichten Aufsatz beschuldigte der Historiker Ferreirós Cantor, Dedekinds Arbeit gestohlen und ohne Anerkennung veröffentlicht zu haben. Andere Cantor‑Biografen widersprachen jedoch umgehend: Die Darstellung sei zu zugespitzt. Außerdem gab es ohne den fehlenden Dedekind‑Brief keinen stichhaltigen Beweis – nur Dedekinds Notiz. Wie konnte man sich da sicher sein?

Das Thema blieb eine obskure Debatte unter Mathematikhistorikern. Cantors Ruf eines einsamen Genies blieb bestehen.

Goos wollte in seinem Podcast die wahre Geschichte erzählen und belegen. »Man sagte immer, die Briefe seien nach dem Krieg verloren gegangen«, beschreibt Goos. Das störte ihn. »Vieles ist ohne Zweifel verloren gegangen, aber das heißt nicht, dass nicht auch etwas überlebt hat.« Viele Historiker hatten vergeblich nach den Briefen gesucht. Goos hatte gerade erst mit seiner Recherche begonnen. Konnte es sein, dass alle Experten etwas übersehen hatten?

Ein einsames Dasein

Cantors Arbeit in »Crelles Journal« sorgte zunächst nicht für viel Aufmerksamkeit. Die Fachwelt übersah weitgehend, was er darin versteckt hatte. Doch Cantor hatte damit seinen ersten Schlag auf den mathematischen Status quo geführt: Er hatte in der führenden Fachzeitschrift bewiesen, dass es Unendlichkeiten unterschiedlicher Größe gibt. Das sollte die Fachwelt letztlich zwingen, die Grundlagen der Mathematik zu überdenken.

Unterdessen stellte Dedekind die Korrespondenz mit ihm ein. Fast drei Jahre schrieben sie einander nicht. Dann – aus nicht ganz geklärten Gründen – nahm Dedekind vorsichtig wieder Kontakt auf. Diesmal behielt er zur Absicherung jedoch von jedem seiner Briefe eine Kopie. Wieder diskutierten sie über die Unendlichkeit. Cantor wollte seine Arbeiten zu den vielen Größen der Unendlichkeit fortführen und suchte Rat. Seine Briefe wurden bittender, die von Dedekind vorsichtiger. Der Austausch trug Früchte; bald reichte Cantor ein neues, gewagteres Manuskript bei »Crelle« ein – diesmal ohne Tarnung.

Kronecker revoltierte. Er nutzte seinen Einfluss in der Berliner Fachwelt, um die Begutachtung der Arbeit maximal zu verzögern. Nach mehreren Monaten setzten sich Weierstraß und andere Fachleute für Cantor ein; die Arbeit erschien schließlich. Und wieder tauchten darin Ideen aus Dedekinds Briefen auf – ohne Anerkennung. Erneut brach Dedekind die Korrespondenz ab.

Cantor sollte den Bruch mit einem seiner wenigen Verbündeten womöglich bereuen. Er bemühte sich, das mathematische Provinznest Halle zu einem Zentrum der Mengenlehre zu machen – jenes Fachs, das aus seiner Arbeit erwuchs. Die beste Chance dafür schien, Dedekind zu gewinnen. 1882 versuchte er, ihn anzuwerben. Doch Dedekind sagte höflich ab.

Während Cantor weitere Ergebnisse zur Unendlichkeit veröffentlichte, arbeitete Kronecker daran, die Community gegen ihn aufzubringen. Er nannte Cantor unter anderem einen »Verderber der Jugend«. 1883, als Cantor Halle verlassen und an die prestigeträchtigere Universität Berlin wechseln wollte, blockierte Kronecker – dort Professor – dessen Berufung. Auch andere, darunter Freunde, rieten Cantor zunehmend vom Publizieren ab.

Cantor nahm den Widerstand persönlich. »Er sehnte sich nach Anerkennung«, sagt Goos. »Aber wer Dinge anders macht als alle anderen, darf nicht erwarten, dass das allen gefällt.« 1884 wurde Cantor wegen einer schweren Depression in eine Klinik eingewiesen. Mit der Zeit isolierte er sich immer stärker. »Es gab ein Muster«, sagt Ferreirós. »Viele seiner Beziehungen zu Kollegen endeten im Streit.«

Schließlich fiel Cantor dem Widerstand zum Opfer, vor dem ihn sein Vater gewarnt hatte. Als ihm wiederholt jene Positionen und Ehrungen verwehrt blieben, die er für angemessen hielt, wich sein Sendungsbewusstsein der Verbitterung. Seine Depression kehrte zurück, und er wurde in den folgenden zwei Jahrzehnten mehrfach in ein Hospital eingewiesen. 1917 wurde er schließlich in einer Heilanstalt untergebracht, von wo er seiner Frau regelmäßig schrieb und sie anflehte, ihn nach Hause zu holen. Ein Jahr darauf starb er.

Cantor war an den Rand gedrängt worden. Doch allmählich fanden seine Ideen bei einer neuen Generation von Mathematikern Anklang. Sie sahen darin das Potenzial, die gesamte Mathematik von Grund auf neu zu schreiben.

Ein glücklicher Fund

Auch Goos wollte etwas neu schreiben. In einer 2024 erschienenen Folge des Podcasts »Geschichten aus der Mathematik«, den er in Kooperation mit »detektor.fm« und »Spektrum« betreibt, behandelte er den Konflikt zwischen Cantor und Dedekind. Doch ohne neue Belege fiel es ihm schwer, die Debatte zu führen. Er wandte sich anderen Projekten zu, aber die Sache ließ ihn nicht los.

In seiner Freizeit suchte er weiter nach Hinweisen auf die verschollenen Briefe. »Ich glaube wirklich nicht, dass es noch ein Buch gibt, das ich nicht habe«, sagt er. Er spürte Originalquellen auf und durchforstete Universitätsarchive, wann immer er konnte. »Ich rede hier wirklich von Primärquellen, die irgendwo ein einziges Mal in einer einzigen Zeile in einem einzigen Artikel erwähnt werden.«

Verlorener Brief | Demian Goos hält den Scan eines Briefs in der Hand, der jahrzehntelang als verschollen galt.

So stieß er im Sommer 2024 auf den bruchstückhaften Scan eines Briefes, der wie ein Schreiben von Dedekind an Cantor aussah. Er befand sich auf einer Website der Georg-Cantor-Vereinigung. »Das ist eine Gruppe von Leuten, die versuchen, Cantors Andenken lebendig zu halten«, sagt Goos. Der Brief stammte aus dem Jahr 1877, also lange nach dem Konflikt, und daher war Dedekinds Abschrift bekannt. Aber der tatsächliche Brief, den Cantor erhalten hatte, war nie aufgetaucht. Goos schrieb Mitglieder der Vereinigung an – ohne Antwort.

Monate später kehrte er auf die Website zurück. Diesmal bemerkte er einen Hinweis, den er zuvor übersehen hatte. Offenbar stammte der Brief von einer Spende im Jahr 2009 durch eine Erbin. Er ging diesem Hinweis nach, sichtete Stammbäume und historische Dokumente, bis er schließlich auf Angelika Vahlen stieß – Cantors Urenkelin, die in Halle lebte.

Als er sie anrief, sagte sie ihm, sie kenne sich nicht mit Mathematik aus und habe die Briefe der Forschung zugänglich machen wollen. Sie habe sie der Universität Halle (heute offiziell Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) übergeben, gelandet seien sie bei der Vorsitzenden der Cantor-Gesellschaft, der Mathematikprofessorin Karin Richter.

Goos suchte Richter auf und kam so im März 2025 in ihr Büro. Dort öffnete er den dünnen blauen Ordner, den sie ihm reichte. Er hatte erwartet, den Brief von Dedekind zu sehen, den er auf der Website der Cantor-Gesellschaft erblickt hatte. Er empfand das als gute Möglichkeit, das bereits Bekannte zu verifizieren und vielleicht neue Einsichten zu gewinnen.

Doch vor ihm lag der Brief, auf den er seit über einem Jahr gehofft hatte. Obwohl Dedekinds verschnörkelte Handschrift noch weniger entzifferbar war als Cantors Kritzelei, war sich Goos sicher. Denn die Seiten waren gespickt mit algebraischen Zahlen, die den ersten Teil von Cantors revolutionärer Arbeit ausmachten. Und unten stand die unmissverständliche Schlussformel: »Mit den herzlichen Grüßen, Ihr ergebenster R. Dedekind – Braunschweig, 30. November 1873.«

Wusste Richter überhaupt, was sie da hatte? Goos bat um Scans. Richter versicherte, sie werde darüber nachdenken.

Auf der Rückfahrt – seiner zweiten fünfstündigen Reise an diesem Tag – brütete Goos über diese Entdeckung. Er hatte erlebt, wie deutsche Mathematiker reagierten, wenn er Cantors Verrat ansprach. »Stolz ist etwas, mit dem sich Deutsche oft nicht wohlfühlen«, sagt Goos. »Aber auf Cantor sind wir stolz.« Eine größere Cantor-Verehrerin als Richter dürfte schwer zu finden sein.

Zwei Tage später wählte Goos Richters Nummer: kein Anschluss unter dieser Nummer. »Ich habe mit ihr gesprochen, und sie wirkte nicht wirklich begeistert, die Briefe zu teilen. Dann rufe ich an – und die Nummer existiert nicht mehr«, sagt er. Er ärgerte sich, im Büro nicht einfach das Handy gezückt und Fotos der Briefe gemacht zu haben.

Einen Monat lang kontaktierte er jeden in Halle, den er kannte, und bat um Hilfe, Richter zu erreichen. »Ich dachte schon, ich werde verrückt«, erzählt er. »Gibt es sie überhaupt?« Schließlich verriet ihm eine Kollegin, wann und wo Richter eine Vorlesung hielt. Also trat er im April erneut die weite Reise an. Richter erklärte, sie habe ihren Telefonanbieter gewechselt. Sie übergab ihm einen Scan und eine Transkription. Nur ein Brief – aber es war der entscheidende.

Noch einen Monat später, noch eine Reise, und Richter überreichte ihm einen weiteren Brief von Dedekind, diesmal vom Sommer 1873. Goos wusste nicht, ob er sich noch mehr dieser Fahrten leisten konnte: »Ich bin nicht reich.« Deshalb beschloss er, dass es an der Zeit sei, die Welt wissen zu lassen, was er gefunden hatte.

Ein wahrhaftigeres Vermächtnis

Heute überragt Cantors Ruhm den von Dedekind bei Weitem. Beide leisteten bedeutende Beiträge zu den Grundlagen der Mathematik. Aber oft wird Cantor zugeschrieben, die Unendlichkeit gezähmt und die Mengenlehre erschaffen zu haben. Sein Ruf als einer der größten Mathematiker der Geschichte wurde durch Biografien und Sachbücher gefestigt, sein Name ist auch außerhalb der Fachwelt bekannt.

Über Dedekind gibt es hingegen keine englischsprachigen Biografien. Sein Wikipedia‑Eintrag ist deutlich kürzer als der seines einstigen Freundes. Doch unter einigen Mathematikern – nicht zuletzt dank Noethers Einsatz – gilt er als wenig bekannter Visionär. »Je mehr ich über Dedekind lerne, desto beeindruckter bin ich«, sagt Joel David Hamkins, Mengenlogiker und Philosoph an der University of Notre Dame. »Cantor hat all diese großen Sätze bewiesen, aber Dedekind war wahrscheinlich der größere Mathematiker.«

Die wahre Geschichte hinter Cantors Arbeit von 1874 liegt seit 90 Jahren offen. Doch es ist nicht die Art von Geschichte, die man gern erzählt. »Jeder Wissenschaftszweig braucht einen Helden«, sagt Ferreirós. »Die Chemie hat Lavoisier, die Mechanik Newton, die Relativitätstheorie Einstein. Es gibt immer diesen Einen. Aber das ist immer eine Lüge.«

Seit Goos diese Lüge anzweifelt, stößt er auf Widerstand. Als er vom verschollenen Brief berichtete, zweifelten Mathematiker an seiner Bedeutung – vor allem in Deutschland. Sie stellten infrage, warum das wichtig ist. Die Reaktionen erinnerten oft an die Einwände, die Historiker vor 30 Jahren gegen Ferreirós’ Aufsatz vorbrachten.

Doch das Thema ist wichtig. Mathematik gilt häufig als die Wissenschaft, die am weitesten von der fehlerbehafteten Realität entfernt ist. Ihre Wahrheiten sind absolut. Wichtig ist die Arbeit, die zu erforschende Welt. Alles andere, einschließlich Urheberschaft und Anerkennung, ist zweitrangig.

»Cantor war sehr jung, sehr leidenschaftlich, sehr begeistert. Und er machte einen großen Fehler«José Ferreirós, Mathematikhistoriker

Das verdeckt jedoch, wie wissenschaftliche Wahrheitsfindung tatsächlich funktioniert. »Mathematik ist ein kollektives Unternehmen«, sagt Ferreirós. »Selbst bei der Mengenlehre haben Sie nicht das schöne Beispiel eines Einzelnen, der das Ganze erfindet.« Und diese Auffassung verdeckt, dass Mathematik von Menschen gemacht wird. Man kann Egos, Meinungen und Fehler nicht von ihrem Werk trennen. Wenn es um die eigene Arbeit geht, ist Anerkennung sehr wichtig. Viele wissen beinahe enzyklopädisch, wer welches Theorem bewiesen und welche Kollegen welche Preise gewonnen haben.

Die Enthüllung zu Cantors Beweis schmälert nicht sein Vermächtnis. Er war der Erste, der zeigte, dass es mehr reelle als natürliche Zahlen gibt – damit wurde die Unendlichkeit überhaupt erst erschließbar. »In meinen Augen ist der zweite Satz entscheidend«, sagt Hamkins. Und dessen Beweis stammt nicht von Dedekind.

Dennoch ist es wichtig, Dedekinds Rolle bei einer der größten Entdeckungen der Mathematik anzuerkennen – und Cantors Entscheidung, ihn nicht zu nennen. Letztlich reduzieren Cantors Entscheidungen ihn nur vom Helden zum Menschen – und liefern damit ein ehrlicheres Bild von ihm. »Er war sehr jung, sehr leidenschaftlich, sehr begeistert«, sagt Ferreirós. »Und er machte einen großen Fehler.«

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  • Quellen

Ferreirós, J., Historia Mathematica 10.1006/hmat.1993.1030, 1993

Goos, D. N.: Phlogiston 33, 2025

Grattan-Guiness, I., The Rediscovery of the Cantor-Dedekind Correspondence, Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 76 (1974/75)

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