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News: Gerechtigkeit als innerdeutsches Problem

An der Universität Trier entstand im Fach Psychologie eine Studie, die psychologischen Folgen der deutschen Wiedervereinigung untersucht. Im Mittelpunkt des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit 1994 finanzierten Projekts stehen Einstellungen Ost- und Westdeutscher zu den Lebensbedingungen im wiedervereinigten Deutschland. Konkret geht es um die Frage, ob die Lebensbedingungen in Ost und West als ungleich gut wahrgenommen werden, für wen unterschiedlich gute Lebensbedingungen ein Gerechtigkeitsproblem darstellen und ob wahrgenommene Ungerechtigkeiten das Wohlbefinden und die seelische Gesundheit beeinträchtigen.
Die Studie wurde erarbeitet von Prof. Dr. Manfred Schmitt, der zwischenzeitlich auf die Professur für Psychologische Methodenlehre, Psychodiagnostik und Evaluationsforschung an die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg gewechselt ist, und seinen Mitarbeitern. Das Projekt wird aber bis auf weiteres in Trier weitergeführt. Inzwischen liegen wichtige Befunde zur Fragestellung vor, deren Ergebnisse hier zusammenfassend aufgeführt werden:

1.
Ost- und Westdeutsche schätzen die berufliche Situation im Osten als deutlich schlechter ein und bewerten diese Schlechterstellung des Ostens als ungerecht.

2.
Westdeutsche haben ein besseres Bild von den Ostdeutschen als von sich selbst. Bei Ostdeutschen ist es umgekehrt. Ihr Bild von sich faellt deutlich positiver aus als ihr Bild von Westdeutschen.

3.
Im Vergleich zu Westdeutschen sind Ostdeutsche nach objektiven Kriterien im Berufsleben vielfältig benachteiligt.

4.
Mit Blick auf die Situation im Berufsleben überwiegen in Ost und West die beiden Gefühle Angst und Hoffnungslosigkeit. Beide Gefühle sind im Osten deutlich stärker ausgeprägt als im Westen.

5.
Die Lebenszufriedenheit Ostdeutscher ist in vielen Bereichen schlechter als jene Westdeutscher. Dennoch sind das allgemeine Wohlbefinden und die seelische Gesundheit in beiden Landesteilen gleich gut.

6.
Das allgemeine Wohlbefinden sinkt in dem Maße, in dem eine Person sich über die Zukunft im Berufsleben ängstigt und auf die besseren beruflichen Bedingungen im anderen Landesteil neidisch ist. Auch Schuldgefühle über gute eigene berufliche Möglichkeiten bedeuten ein Risiko für die seelische Gesundheit. Stolz auf die gute berufliche Situation im eigenen Landesteil hingegen schützt das Wohlbefinden. Diese Zusammenhänge gelten in Ost und West.

7.
Weiterhin hängt die seelische Gesundheit von der Lebenszufriedenheit von vier wichtigen Lebensbereichen ab: der Zufriedenheit mit sich selbst, der Zufriedenheit mit der persönlichen beruflichen Situation, der Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit, der Zufriedenheit mit der Partnerschaft oder Ehe.

8.
Schließlich trägt das Bild, das man von den Mitmenschen im eigenen Landesteil hat, zur seelischen Gesundheit bei. Ein kollektives Selbstbewußtsein schützt das Wohlbefinden. Dieser Zusammenhang erklärt möglicherweise den überraschenden Befund, daß Ostdeutsche trotz größerer objektiver und subjektiver Belastungen nicht weniger seelisch gesund sind als Westdeutsche. Kompensierend wirkt bei Ostdeutschen möglicherweise das ausgeprägt kollektive Selbstbewußtsein.

9.
Im Rückblick ist das Wohlbefinden Westdeutscher während der letzten zehn Jahre kontinuierlich gestiegen. Bei Ostdeutschen gab es einen Einbruch in den Jahren 1991 und 1992. Seitdem steigt das Wohlbefinden kontinuierlich an.

10.
Zwischen Gerechtigkeitsurteilen und Gefühlen besteht ein deutlicher Zusammenhang: Wer den eigenen Landesteil im beruflichen Sektor ungerechterweise als benachteiligt erlebt, reagiert mit Angst und Neid. Da diese beiden Gefühle mit dem allgemeinen Wohlbefinden und der seelischen Gesundheit besonders eng zusammenhängen, kann geschlossen werden: Wahrgenommene Ungerechtigkeiten im wiederver-einigten Deutschland gefährden die seelische Gesundheit.

11.
Schuldgefühle wegen der relativ besseren beruflichen Bedingungen im eigenen Landesteil motivieren Westdeutsche zu Solidarität und Verzichtsbereitschaft zugunsten des Ostens.

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