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Mitgefühl: Wie Empathie mit der Geografie zusammenhängt

Männer attestieren sich im Mittel weniger Mitgefühl als Frauen – weltweit. Aber je näher am Äquator, desto kleiner der Unterschied zwischen den Geschlechtern.
Eine Person in einem gestreiften Oberteil steht vor einer Tafel und zeigt auf eine mit Kreide gezeichnete Skizze der Erde. Die Skizze zeigt die Umrisse von Kontinenten. Die Person blickt zur Zeichnung und scheint in Gedanken vertieft zu sein.
Mitgefühl und Perspektivenwechsel: In deutschsprachigen Ländern ist beides eher frauentypisch.

Empathie ist eher Frauensache – das gilt in der Psychologie als gut belegt. Doch wie groß dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern ausfällt, hängt von der geografischen Lage eines Landes ab. Zu diesem Schluss kommt ein Team um den Psychologen William Chopik von der Michigan State University in der Fachzeitschrift »Personality and Individual Differences«. Wie die Gruppe schreibt, fallen die Geschlechterunterschiede umso größer aus, je weiter nördlich ein Land vom Äquator entfernt liegt.

Für ihre Untersuchung griffen die Forschenden auf Selbstauskünfte von mehr als 100 000 Personen aus 24 Ländern zurück. Der Fragebogen erfasste zwei Facetten von Empathie: zum einen das emotionale Mitleiden (»Ich empfinde oft Mitgefühl mit Menschen, denen es schlechter geht als mir«), zum anderen die kognitive Empathie, also die Tendenz, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen (»Ich versuche manchmal, meine Freunde besser zu verstehen, indem ich mir vorstelle, wie die Dinge aus ihrer Sicht aussehen«). Aus den Selbsteinschätzungen auf einer Skala von 1 bis 5 (»trifft gar nicht zu« bis »trifft sehr gut zu«) berechneten Chopik und seine Kolleginnen für jedes der 24 Länder, wie weit die Empathie von Männern und Frauen im Schnitt auseinanderlag.

Diese Differenz hing mit der geografischen Lage der Länder zusammen: Der Breitengrad erklärte 48 Prozent der Geschlechterunterschiede in der kognitiven Empathie und 28 Prozent in der emotionalen Empathie. Auf den Philippinen, in Singapur und Mexiko war beim gedanklichen Perspektivenwechsel praktisch kein Geschlechterunterschied messbar, in den Niederlanden dagegen der größte; Deutschland und die Schweiz lagen im oberen Mittelfeld. Beim emotionalen Mitgefühl fielen die Geschlechterunterschiede größer aus, unterschieden sich aber insgesamt weniger zwischen Ländern. Hier lag Dänemark vorn, die Schweiz kurz dahinter und Deutschland im Mittelfeld. Österreich tanzte ein wenig aus der Reihe; hier waren die Geschlechterunterschiede beider Empathiefacetten kleiner, als geografisch zu erwarten gewesen wäre.

Chopik und seine Kolleginnen interpretieren diese Befunde im Licht eines Modells, dem zufolge klimatische Bedingungen das Erleben und Verhalten der Menschen prägen. Die nördlicheren Breitengrade mit ihren ausgeprägten Jahreszeiten erfordern demnach eher langfristige Überlebensstrategien. Und damit gehen, so jedenfalls die Theorie, unterschiedliche Geschlechterrollen und eine entsprechende Sozialisation einher – etwa dergestalt, dass von Frauen mehr Empathie erwartet werde als von Männern. Vor allem die unterschiedliche Neigung zum Perspektivenwechsel führen die Forschenden darauf zurück. Die Studie habe allerdings ihre Grenzen, räumen sie ein: Die Daten beruhten zum einen nur auf Selbsteinschätzungen und stammten zum anderen aus lediglich 24, mehrheitlich nördlichen Ländern.

  • Quellen
Romero, A. et al., Personality and Individual Differences 10.1016/j.paid.2025.113596, 2026

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