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Ernährung: Gesetzesübertretung?

"Esst mehr Fisch!", empfahl einst Robert Atkins und mahnte, auf die Kartoffelbeilage zu verzichten. Die so genannte Atkins-Diät, die auf Fette und Proteine statt auf Kohlenhydrate setzt, blieb allerdings umstritten. Schließlich sei es thermodynamisch egal, woher der Körper seine Kalorien zieht. Doch der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik hat hier auch noch ein Wörtchen mitzureden.
Haben Sie im Urlaub mal wieder zu viel geschlemmt? Und trotz Radtour im Grünen will das Bäuchlein einfach nicht verschwinden? Vielleicht wäre eine kleine Sommer-Diät angebracht? Angebote, wie Brigitte-, Fasten- oder Friss-die-Hälfte-Kuren, gibt es ja zur Genüge – ein durchschlagender Erfolg stellt sich allerdings nicht immer ein.

Auch der US-amerikanische Arzt Robert Atkins meinte, die Zauberformel gefunden zu haben, mit der sich lästige Pfunde verbannen lassen. Seine "Diät-Revolution" griff eine bereits Mitte des 19. Jahrhunderts propagierte Reduktionskost auf, bei der auf Kohlenhydrate weit gehend verzichtet wird, Fette und Proteine aber weiter hemmungslos genossen werden dürfen. Fleisch, Fisch und Käse sind also erlaubt, Kartoffeln, Brot und Nudeln dagegen tabu.

Doch die Atkins-Diät stieß bei Ernährungswissenschaftlern auf wenig Begeisterung. Der radikale Verzicht auf Kohlenhydrate kann Mangelerscheinungen erzeugen, der hohe Fettgehalt belastet Herz und Nieren, Abbauprodukte der Proteine können zu Gicht führen.

Doch im Mai 2003 schienen zwei Studien aus Philadelphia der inzwischen verrufenen Radikalkur Recht zu geben: Sowohl die Arbeitsgruppe von Frederick Samaha [1] als auch die Forscher um Gary Foster [2] konnten nachweisen, dass Übergewichtige nach einer Atkins-Diät zumindest zu Beginn stärker abnahmen als nach kohlenhydratreicher, fettarmer Nahrung.

"Kann nicht sein!", lautete sofort die Kritik, wobei sich die Kritiker auf den Ersten Hauptsatz der Thermodynamik beriefen. Demnach kann Energie nicht verloren gehen, ob der Körper seine Kalorien aus Fetten oder Kohlenhydraten bezieht, sollte daher im Endeffekt egal sein. Doch der Ansatz "Eine Kalorie ist eine Kalorie" greift nach Ansicht von Richard Feinman von der State University of New York und Eugene Fine vom Jacobi Medical Center in New York zu kurz. Die beiden Wissenschaftler berufen sich dabei ebenfalls auf die Gesetze der Thermodynamik – und zwar auf den Zweiten Hauptsatz [3].

Während der Erste Hauptsatz, wie Feinman und Fine so schön schreiben, lediglich ein "Buchhalter-Gesetz" sei, beschreibt der Zweite die Richtung einer chemischen Reaktion. Diese läuft nur dann ab, wenn die Gesamtentropie – anschaulich als "Unordnung" beschrieben – zunimmt. Die Entropiezunahme erfolgt in der Regel durch Wärmeabgabe, und die ist bei der Umsetzung von Proteinen, Kohlenhydraten und Fetten eben unterschiedlich, argumentieren die beiden Forscher. Das Prinzip "Eine Kalorie ist eine Kalorie" widerspreche damit dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik; ein Effekt einer Atkins-Diät sei zumindest theoretisch möglich.

Doch Zweifel bleiben. Ohne die Gesetze der Thermodynamik bemühen zu müssen, lässt sich die anfängliche Gewichtsabnahme auch einfach damit erklären, dass die Atkins-Anhänger tatsächlich weniger essen, weil die protein- und fettreiche Kost sie schneller satt macht. Meist währt die ersehnte Schlankheit auch nur kurz, nach einem Jahr Fettkur zeigt die verhasste Badezimmerwaage wieder weniger erfreuliche Werte an. "Die Seuche Übergewicht entsteht nicht durch einen kleinen biochemischen Mangel", betont auch der Ernährungswissenschaftler George Bray von der Louisiana State University. "Sie entsteht, weil untätige Menschen zu viel essen."

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