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News: Gestresste Austern

In der harten Schale steckt ein weicher, geschmackvoller Kern, der die Auster zur Königin unter den Muscheln erhebt. Um an ihr köstliches Innenleben zu gelangen, müssen Feinschmecker aller Welt zunächst gewaltsam das gepanzerte Gehäuse knacken. Doch bei diesen speziellen Gaumenfreuden ist Vorsicht geboten, denn die durch Fang und Verlesen gestressten Weichtiere sind sehr empfänglich für bakterielle Infektionen.
An der Auster, der vornehmsten der Schalentiere, scheiden sich die Geister und die Geschmäcker, denn es ist nicht jedermanns Sache, lebende Meeresfrüchte auszuschlürfen. Hinter den hartumleibten Gesellen verbergen sich jedoch sehr zartfühlende Wesen, wie Arnaud Lacoste und seine Kollegen von der Station Biologique Roscoff nun nachwiesen. "Einige Züchter meinen, dass die Austern wie Steine sind", erläutert der Forscher, "doch die Weichtiere reagieren äußerst empfindlich auf umweltbedingten Stress."

Sein Team ging der Frage nach, wie anfällig gestresste Austern der Art Crassostrea gigas für Mikroorganismen sind. Während das Bakterium Vibrio splendidus bei den Meerestieren Krankheit und Tod verursacht und bei den Züchtern aufgrund des hohen Ertragsverlustes sehr gefürchtet ist, sind andere Vertreter der Vibrio-Gruppe, beispielsweise das Cholera-Bakterium Vibrio cholerae, zwar für Austern ungefährlich, jedoch nicht für den Menschen.

Für ihre Untersuchungen infizierten die Wissenschaftler junge Austern mit einer kleinen Menge von Vibrio-splendidus-Bakterien. Nach drei Tagen unterwarfen sie die Versuchstiere mechanischem Stress: Eine rotierende Trommel simulierte die Bewegung, der die Meerestiere alle zwei Monate bei der Qualitätssortierung ausgesetzt sind. Weiterhin maßen die Forscher den Gehalt des Stresshormons Noradrenalin in den Schalentieren.

Dabei kamen die Wissenschaftler zu folgenden Ergebnissen: Die Noradrenalin-Produktion und Sterblichkeit war bei den unter Stress stehenden Austern wesentlich höher als bei unbehandelten Artgenossen. "Ungeschüttelte" Exemplare, denen die Forscher das Stresshormon spritzten, waren anfälliger für Vibrio splendidus als gewöhnliche Tiere. Gestresste Weichtiere können somit ein Reservoir für tierische und menschliche Vibrio-Erkrankungen darstellen.

"Lacostes Arbeit hat einen Zusammenhang zwischen Stressfaktoren, einem Stresshormon und der Erkrankung nachgewiesen", betont Máire Mulcahy vom University College Cork. Doch die genaue Wirkungsweise auf biologischer Ebene ist noch rätselhaft. Deshalb suchen die Wissenschaftler nun nach Molekülen, welche die Lücke zwischen dem hormonellen und dem Immunsystem der Auster schließen. Mit diesem Wissen ließen sich – so hoffen die Forscher – leichter Austern und vermutlich auch andere Schalentiere mit geschädigtem Immunsystem aufspüren.

Das Team um Lacoste untersucht ebenfalls, ob sich in gestressten Austern mit geschwächtem Immunsystem menschliche Krankheitserreger vermehren können. Dem scheint so zu sein, wie Lacoste hervorhebt: "Vorläufige Ergebnisse mit zwei derartigen Bakterien deuten darauf hin, dass sie dem Immunsystem der Meerestiere entwischen".

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