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Ernährung in der Schwangerschaft: Essen für zwei?

Zu viel, zu wenig, das Falsche: Die Liste mit Ernährungsfauxpas, die Schwangere begehen können, ist lang. An welche Ratschläge sollten werdende Mütter sich halten?
Schwangere Frau mit EinkäufenLaden...

Wer sich im Familien- und Freundeskreis als schwanger outet, kann sich meist vor gut gemeinten Ratschlägen kaum noch retten. Bei Tisch wird der zukünftigen Mutter gern einmal ungefragt eine zusätzliche Kelle auf den Teller getan, inklusive Kommentar: »Du isst ja jetzt für zwei!« Mathilde Kersting vom Forschungsdepartment Kinderernährung der Universitätsklinik der Ruhr-Universität in Bochum kann bei solchen Aussagen nur mit dem Kopf schütteln: »Der Kalorienbedarf steigt in den ersten Monaten so gut wie gar nicht an und in der späten Schwangerschaft um rund 200 Kilokalorien.« Die Devise lautet also eher: »Besser essen, statt für zwei zu essen!«

Wie die Ökotrophologin erklärt, ist die Ernährung vor allem in der frühen Entwicklungsphase wichtig, weil sich dort die Organe und Stoffwechselwege bilden. Dem Modell der »frühen Programmierung« zufolge werden in der Schwangerschaft bereits die Weichen für die langfristige Gesundheit eines Kindes gestellt. So beeinflusst die Ernährung der Mutter vor, aber besonders während der Schwangerschaft zum Beispiel, ob der Nachwuchs am Ende ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes hat.

Global ein Riesenproblem: Fehlernährung

Das Problem: Ungefähr ein Drittel der Weltbevölkerung ist fehlernährt. Rund 815 Millionen Menschen müssen hungern, fast zwei Milliarden sind übergewichtig oder adipös. Ist eine Mutter während der Schwangerschaft untergewichtig, hat also einen Body-Mass-Index von weniger als 18,5 (der BMI setzt Gewicht und Größe zueinander ins Verhältnis), steigt das Risiko für Fehl- oder Frühgeburten. Durch einen Nährstoffmangel während der Frühschwangerschaft verlangsamt sich das Wachstum des Fötus, ein niedriges Geburtsgewicht ist wahrscheinlich. Bei einer Unterversorgung in der späteren Schwangerschaft kann sich die Struktur und Funktion der Plazenta verändern. Der Fötus passt sich an. Der Mangel beeinflusst hormonelle Regelkreise und Stoffwechselprozesse so, dass das Risiko steigt, später im Leben eine chronische Erkrankung – etwa Diabetes, Bluthochdruck, Osteoporose – zu entwickeln.

»Der Kalorienbedarf steigt in den ersten Monaten so gut wie gar nicht an und in der späten Schwangerschaft um rund 200 Kilokalorien«
(Mathilde Kersting, Ernährungsexpertin)

Auch die kindliche Hirnentwicklung kann durch den Mangel leiden. Kinder von untergewichtigen Schwangeren hinken mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit einer normalen Entwicklung in puncto Spracherwerb oder Motorik hinterher. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung aus Brasilien, bei der Forscher knapp 4000 Kinder bis zu ihrem zweiten Geburtstag begleiteten. Und bei 2000 Kindern zwischen neun bis zwölf Jahren in Indonesien stellten Forscher fest, dass der Nachwuchs deutlich hinsichtlich Lernen und Gedächtnis profitierte, wenn die Mütter während der Schwangerschaft Präparate mit Mikronährstoffen als Zusatz zu den Mahlzeiten erhalten hatten. Der berühmte Satz »Das Kind holt sich schon, was es braucht«, trifft in solchen Fällen eben nicht ins Schwarze. »Wo nichts ist, kann sich das Kind auch nichts holen«, sagt Mathilde Kersting. Und das gilt durchaus auch in Ländern mit wenig Armut und einem reichhaltigen Nahrungsangebot.

Hungrig nach Mikronährstoffen

Denn während der Bedarf an Kalorien in der Schwangerschaft kaum steigt, wächst der an Protein und Mikronährstoffen durchaus. Erwartet eine Frau ein Kind, benötigt sie schätzungsweise 50 Prozent mehr Folsäure und Eisen, rund 40 Prozent mehr Zink und Jod und etwa 20 Prozent mehr B-Vitamine. Auch in Ländern, in denen Mangelernährung eigentlich kein Problem ist, kann es bei einer einseitigen Ernährung zu einer Unterversorgung mit Mikronährstoffen kommen – und damit zu negativen Folgen für die Gesundheit von Mutter und Kind.

»Die Dichte an Nährstoffen war in der Nahrung, die unsere Vorfahren als Jäger und Sammler zu sich nahmen, wesentlich höher, als sie es in unseren heutigen Lebensmitteln ist«, sagt Berthold Koletzko von der Abteilung für Stoffwechsel und Ernährung am Dr. von Haunerschen Kinderspital des Universitätsklinikums München. Bereits ein kleines Stückchen Leber – etwas, das heute kaum noch jemand isst – enthalte große Mengen an Vitaminen und Eisen; ein Stückchen Kuchen hingegen hauptsächlich leere Kalorien. Selbst bei einer ausgewogenen Ernährung mangelt es häufig an den Mikronährstoffen Folsäure und Jod. Für Frauen sei es deshalb sinnvoll, möglichst schon dann, wenn sie eine Schwangerschaft planen, Folsäurepräparate einzunehmen. »Es ist ein Skandal, dass wir hier in Deutschland keine effektive Prävention betreiben und nicht, wie in anderen Ländern üblich, einige Grundnahrungsmittel wie Mehl oder Salz mit Folsäure anreichern«, sagt Koletzko. Wäre das der Fall, könne man schwere Fehlbildungen, wie sie bei einer von 1000 Schwangerschaften auftreten, verhindern. In Deutschland betrifft das jährlich rund 800 Kinder.

Folsäure ist essenziell für die Zellteilung und das Wachstum. Das macht sie besonders in der Frühschwangerschaft wichtig. Ist zu wenig Folsäure da, besteht die Gefahr, dass sich das Neuralrohr nicht richtig schließt und das Kind mit einem offenen Rücken geboren wird. Ein Folsäuremangel kann zudem auch zu weniger offensichtlichen Veränderungen am Nervensystem führen. Forscher der US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) fanden 2019 zum Beispiel Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen niedrigen Folsäurespiegeln bei Frauen und einem erhöhten Risiko für eine Autismus-Spektrum-Störung bei ihren Kindern.

Übergewicht wird von Generation zu Generation weitergegeben

Auch ein Überfluss an Nahrung kann Folgen haben. In Deutschland sind rund ein Drittel der Frauen im gebärfähigen Alter übergewichtig oder adipös, sie haben also einen BMI, der über einem Wert von 25 beziehungsweise über 30 liegt. Ein zu hohes Körpergewicht der Mutter ist verbunden mit einem höheren Risiko für Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, einem hohen Geburtsgewicht und späterem Übergewicht des Kindes. »Studiendaten von über 160 000 Müttern und ihren Kindern zeigen, dass sich bei Übergewicht der Mutter das Risiko für das Kind, ebenfalls übergewichtig zu werden, verdoppelt. Bei Adipositas der Mutter verdreifacht sich das Risiko für eine Adipositas des Kindes sogar«, sagt Koletzko.

Berthold Koletzko war federführend am internationalen Projekt »EarlyNutrition« beteiligt, bei dem Forscherinnen und Forscher von 36 Institutionen aus Europa, den USA und Australien über mehrere Jahre untersuchten, welchen Einfluss die frühkindliche Ernährung auf die spätere Gesundheit hat. Dabei entdeckten die Wissenschaftler: Für die steigende Anzahl übergewichtiger Kinder scheint zumindest teilweise eine metabolische Programmierung im Mutterleib verantwortlich zu sein. Das Risiko für eine Stoffwechselstörung kann also generationenübergreifend weitergegeben werden.

Schnittstelle Plazenta

Eine zentrale Rolle spielt bei all dem die Plazenta. Sie ist die Schnittstelle zwischen dem mütterlichen und kindlichen Stoffwechsel. Eine deutsch-spanische Forschergruppe untersuchte Plazentaproben von normal- und übergewichtigen Müttern direkt nach der Geburt. Insgesamt 72 Gene waren je nach Gruppe unterschiedlich aktiv, darunter solche, die am Kohlenhydratstoffwechsel beteiligt sind. Die Plazenta verändert also unter dem Einfluss von Ernährungsfaktoren ihre Funktion und Struktur. Auch die Entwicklung anderer Organe des Fötus wie der Thymusdrüse (Immunabwehr), der Muskulatur, der Lunge, der Bauchspeicheldrüse, der Nieren und des Gehirns passt sich der Versorgungslage mit Nährstoffen an.

Unter-, Mangel- oder Überernährung können sich auf verschiedenen Ebenen auf den Fötus auswirken. Eine Programmierung des Stoffwechsels im Mutterleib findet zum Beispiel über epigenetische Veränderungen statt. So kann eine Unterversorgung mit Nährstoffen in der ersten Zeit der Schwangerschaft etwa die Methylierung einiger für die Entwicklung wichtiger Genregionen beeinflussen – und damit die Art und Weise, wie gut diese Gene abgelesen werden können.

Ernährungstipps für werdende Mütter

Das Netzwerk »Gesund ins Leben« erklärt, worauf Frauen, die schwanger werden wollen oder es schon sind, achten sollten. Dazu zählen etwa folgende Tipps:

  • Achten Sie auf eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung. Essen Sie lieber besser anstatt für zwei!
  • Reichlich essen können Sie pflanzliche Lebensmittel (Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte). Konsumieren Sie tierische Lebensmittel nur in Maßen und zuckerhaltige Speisen und Getränke sowie Fertigprodukte mit hohem Anteil gesättigter Fettsäuren nur sparsam.
  • Wählen Sie Lebensmittel sorgfältig aus. Verzichten sie auf den Verzehr von rohen tierischen Produkten und achten Sie auf Hygiene im Umgang mit Lebensmitteln.
  • Ergänzen Sie Folsäure und Jod sowie bei Bedarf Eisen. Sprechen Sie Nahrungsergänzungsmittel abhängig von Ihrer individuellen Ernährungssituation mit Ihrem Arzt ab.
  • Eine Gewichtszunahme von 10 bis 16 Kilogramm in der Schwangerschaft ist für normalgewichtige Frauen angemessen.

Mehr Informationen rund um das Thema »Essen und Trinken in der Schwangerschaft« finden Sie auch auf der Internetseite des Netzwerks.

Stress, Infektionen und Fehlernährung verändern zudem die Aktivität der HPA-Achse. Darunter versteht man die aufeinander abgestimmten Aktionen des Hypothalamus, der Hypophyse und der Nebennierenrinde. Das Miteinander der Hormone, die diese Organe ausschütten, reguliert die Stressantwort und beeinflusst nahezu alle Körperfunktionen, wie Immunabwehr, Sexualverhalten, Stoffwechsel und Gemütslage. Läuft die Aktivität der HPA-Achse aus dem Ruder, erhöht das beispielsweise das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Risiko, kein Schicksal

Dass die Ernährung der Mutter die Gesundheit ihrer Kinder schon vor deren Geburt beeinflusst, lässt sich also kaum leugnen. Doch viele andere Faktoren prägen ebenfalls die kindliche Entwicklung: die Gene, Stress, Chemikalien und Medikamente, Zigaretten, Alkohol, Infektionen und auch die Ernährung des Vaters (durch genetische und epigenetische Prozesse). Wie groß der Einfluss dieser Faktoren im Einzelnen ist, ist individuell verschieden. Das liegt etwa daran, dass die Einflussgrößen teils miteinander wechselwirken. Ist eine Mutter zum Beispiel vor oder während der Schwangerschaft großem Stress ausgesetzt, kann das ihren Schlaf und ihre Ernährung beeinträchtigen, was sich dann wiederum nachteilig auf die Gesundheit ihres Kindes auswirkt.

»Eine Fehlernährung steigert das Risiko für chronische Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen des Kindes. Das bedeutet aber nicht, dass die Erkrankungen beim Kind unausweichlich auftreten werden«, sagt Mathilde Kersting. Die Bedeutung der ersten 1000 Tage werde manchmal magisch erhöht und der Eindruck erweckt, man könne später im Leben nichts mehr korrigieren. Und dieser Eindruck trügt natürlich. Wer sich zum Beispiel in der Schwangerschaft für einen gesunden Lebensstil entscheidet – abwechslungsreich essen, weniger Zucker, weniger gesättigte Fette, mehr körperliche Bewegung – kann selbst bei eigenem Übergewicht das Risiko für ein Geburtsgewicht des Kindes über 4000 Gramm deutlich senken, wie ein Studie mit mehr als 2000 schwangeren Frauen zeigt.

Berthold Koletzko sagt: »Natürlich kann ein Mensch zu jedem Zeitpunkt seines Lebens durch eine Lebensstiländerung seine Gesundheitsrisiken günstig beeinflussen.« Das gilt ebenso für Menschen, die vielleicht mit ungünstigeren Startbedingungen auf die Welt gekommen sind, ist allerdings nicht immer einfach. Unter Druck setzen sollten Schwangere sich trotzdem nicht. Statt alles von der negativen Seite her zu betrachten, rät der Ernährungsexperte dazu, sich auf die positiven Effekte zu konzentrieren. Schwangere sollten sich deshalb eher sagen: »Ich habe die Chance, die Lebensqualität meines Kindes zu fördern, indem ich mich ausgeglichen ernähre, nicht rauche, keinen Alkohol trinke, weniger Zucker, dafür mehr Obst und Gemüse esse und auf die Versorgung mit Mikronährstoffen achte.«

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