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Gesundheit: Zunge auf kaltem Metall verträgt sich tatsächlich schlecht

Es ist eine schlechte Idee – und dennoch findet sie immer wieder Nachahmer: Wer an eisig kaltem Metall schleckt, erleidet oft schwere Zungenverletzungen.
Ein Kind in Winterkleidung, einschließlich einer grünen Mütze und einer dicken Jacke, steht draußen im Schnee. Es streckt die Zunge aus, um an einem großen Eiszapfen zu lecken. Im Hintergrund ist eine schneebedeckte Schaukel zu sehen. Die Szene vermittelt eine spielerische Winteratmosphäre.
Eiszapfen sind geschmacksneutral, aber wenigstens nicht gesundheitsgefährdend, wenn man an ihnen schleckt.

Für manche Kinder üben Metallstangen an eisigen Wintertagen eine magische Anziehungskraft aus: Was passiert, wenn ich sie abschlecke? Nur zu oft enden diese Versuche mit Feuerwehreinsätzen, bei denen die Helfer versuchen, schadensfrei das Gewebe vom Metall zu befreien. Und nicht selten geht das auf die Gesundheit. Auch der Wissenschaftler Anders Hagen Jarmund von der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technik in Trondheim widerstand dieser Versuchung nicht und untersuchte deshalb mit seinem Team, was bei diesen missglückten Experimenten passiert und welche Schäden üblich sind. Offensichtlich hatte zuvor niemand dies untersucht, zumindest fand die Arbeitsgruppe keine veröffentlichten Studien dazu.

Um genauere Zahlen zu erhalten, durchsuchten Jarmund und Co. die Veröffentlichungen von skandinavischen Zeitungen seit 1748 und stießen auf einen ersten Bericht dazu aus dem Jahr 1845. Insgesamt landeten sie 17 000 Treffer und ermittelten mehr als 850 Berichte, in denen tatsächlich über festgefrorene Zungen geschrieben wurde. Manche davon waren so spektakulär, dass sie es in verschiedene Zeitungen schafften, sodass insgesamt 113 Fälle dingfest gemacht wurden (die Dunkelziffer dürfte jedoch weit größer sein). Dabei stießen die Wissenschaftler auch auf einen Bericht, der dem Phänomen einen Namen gab: die Tundrazunge.

Und sie identifizierten diverse Trends: Schwerpunktmäßig neigten fünfjährige Jungen zu diesem Verhalten – zumindest dominierte diese Altersklasse und überwog das männliche Geschlecht mit 60 Prozent. In der Mehrzahl der Fälle ließ sich die Zunge durch Erwärmen des Metalls in der Umgebung problemlos lösen, doch immerhin 18 Prozent mussten wegen Gewebeschäden in eine ärztliche Praxis oder eine Klinik. Meist hatten die Kinder einen traumatischen Aus- oder Abriss von Gewebe erlitten, wahrscheinlich weil sie versucht hatten, ihre Zungen loszureißen. 

Systematische Untersuchung der Verletzungen

An diesem Punkt beschloss die Gruppe, eine systematische Studie durchzuziehen: Zusammen mit Gelehrten aus dem Bereich des Ingenieurswesens und der Biophysik testete das Team, was passiert, wenn man insgesamt 84 Schweinezungen mit unterkühlten Metallflächen zusammenbringt und sie dann wieder zu lösen versucht. Zum Einsatz kamen dabei zusätzlich Infrarotkameras, ein Kräftesensor und ausreichend Spucke, welche die Menschen spendeten.

Wie bei Menschen klebten auch Schweinezungen fest, wenn sie eisig kaltes Metall berührten (die Zungen wurden vor dem Versuch immer auf Körpertemperatur gebracht). In mehr als 50 Prozent der Fälle erlitten die Zungen dann Verletzungen, wenn die Forscher sie ruckartig von der Stange lösen wollten. Und je stärker sie zogen, desto schlimmer wurden die Verletzungen: Zum Teil blieben ganze Zungenabschnitte am Metall hängen, sie verloren im wahrsten Sinne ihre Spitze. Zwischen minus 5 und minus 15 Grad Celsius war die Verletzungsgefahr am größten. Zur Überraschung der Wissenschaftler nahm das Risiko bei noch geringeren Temperaturen wieder ab, womöglich weil die Zunge dann selbst so hart gefroren wurde, dass sie höhere Widerstandskräfte gegen das Zerreißen entwickelte.

Jarmund und sein Team empfehlen daher dringend, nicht in Panik zu verfallen, wenn die Zunge festfriert, und sie dann ruckartig loszureißen. Stattdessen solle man das Metall durch warmes Wasser oder Anhauchen im Umfeld der Zunge so lange erwärmen, bis sich die Zunge wieder löst. Alternativ könnte man natürlich auch fünfjährige Jungen von kalten Metallstangen fernhalten – oder erst gar nicht das Metall ablecken wollen.

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  • Quellen
Jarmund, A. et al., International Journal of Pediatric Otorhinolaryngology 10.1016/j.ijporl.2026.112740, 2026
Jarmund, A. et al., Head Face Medicine 10.1186/s13005–025–00581-y, 2026

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