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Gewalt in der Familie: Wenn Kinder ihre Eltern schlagen

Kinder werden überraschend oft gegenüber ihren Erziehungsberechtigten handgreiflich – auch Mädchen.
Ein Kind mit langen Haaren schreit mit weit geöffnetem Mund. Der Hintergrund ist einfarbig hellblau, was den Fokus auf das Gesicht und den Ausdruck des Kindes lenkt. Die Haare wehen zur Seite, was auf eine Bewegung oder einen Windstoß hindeutet.
Physische Aggression gegen die eigenen Eltern ist oft ein Tabuthema.

Körperliche Aggression in Familien geht nicht immer von den Erwachsenen aus: Mitunter werden auch Kinder und Jugendliche gegenüber ihren Eltern handgreiflich. Da das Phänomen bislang kaum ergründet ist, haben sich Forschende der Universitäten Zürich und Basel in einer Langzeitstudie damit befasst.

Das Team um die Psychologin Laura Bechtiger untersuchte die Daten einer Zürcher Langzeitstudie, in der die psychosoziale Entwicklung von mehr als 1 500 Personen von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter begleitet wurde. Die Teilnehmenden im Alter von 11 bis 24 Jahren wurden wiederholt gefragt, ob sie ihre Eltern in den vergangenen zwölf Monaten »aus Wut geschlagen, getreten oder mit Gegenständen nach ihnen geworfen« hatten.

Insgesamt gab ein Drittel der Befragten mindestens einmal im Lauf der Studie an, gegenüber den Eltern gewalttätig geworden zu sein. Besonders oft geschah dies in der frühen Pubertät: Vom 11. bis zum 13. Lebensjahr stieg die Prävalenz leicht an auf einen Höchstwert von 15 Prozent, danach nahm sie stetig wieder ab. Bei den 24-Jährigen bejahte nur noch jeder Zwanzigste die Frage nach Gewalt gegenüber den Eltern.

Um mögliche Risikofaktoren zu identifizieren, nutzten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten aus umfangreichen Fragebögen, in denen die Teilnehmenden, ihre Eltern und Lehrkräfte schon vor Beginn der Studie Auskunft zum kindlichen Verhalten und dem Familienklima gegeben hatten. Erfasst wurden etwa Störungen der Impulskontrolle oder Symptome von ADHS, das allgemeine Aggressivitätsniveau, der Erziehungsstil, Streits der Eltern und die Beziehungsqualität zwischen Kindern und Eltern.

Kinder, die schon früh Anzeichen von Hyperaktivität oder Impulsivität zeigten, neigten später eher zu körperlichen Angriffen auf die eigenen Eltern. Auch eine strenge Erziehung sowie häufige Konflikte zwischen den beiden Elternteilen waren mit mehr kindlicher Gewalt verbunden. Schützend dagegen war offenbar ein konstruktiver Umgang mit Konflikten seitens der Kinder sowie eine enge, unterstützende Beziehung mit den Eltern. Weder das Geschlecht der Kinder noch der soziale Hintergrund der Familie spielte eine besondere Rolle – Jungen wurden zwar etwas häufiger tätlich, doch die Mädchen standen ihnen kaum nach.

Körperliche Aggression von Heranwachsenden scheint keine Seltenheit zu sein und tritt meist in einer Lebensphase auf, in der Eltern und Jugendliche ihre Beziehung neu aushandeln müssen. Das Team betont, dass es entscheidend sei, bereits in der Kindheit aggressives Verhalten zu verringern. Zudem gelte es, hilfreiche Strategien zur Konfliktlösung zu vermitteln und ein unterstützendes Umfeld in der Familie zu schaffen, etwa durch einen bewussten Umgang mit Ärger und Stress auf allen Seiten.

  • Quellen
Bechtiger, L. et al., European Child & Adolescent Psychiatry 10.1007/s00787–025–02953-w, 2026

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