Direkt zum Inhalt

Nuklearenergie: Gibt es eine Renaissance der Kernkraft?

Deutschland isoliere sich mit dem Atomausstieg, kritisieren Vertreter von FDP und Union. Andere Länder würden weiter oder wieder auf Kernkraft setzen. Doch wo werden wirklich neue Reaktoren gebaut?
Das Kernkraftwerk Grohnde in Niedersachsen
In Deutschland ist der Atomausstieg beschlossene Sache – zumindest wenn es nach SPD und Grünen geht. Derzeit sind nur noch drei Kernkraftwerke am Netz. Der Meiler im niedersächsischen Grohnde gehört nicht dazu.

»Renaissance« ist ein großes Wort, das die epochale Wende vom Mittelalter zur Neuzeit bezeichnet. Immer wieder taucht es auch als Argument in der Energiedebatte auf: Die Atomkraft erlebe im Ausland eine Renaissance, während Deutschland aus der Kernenergie aussteige, sagen etwa Politiker der oppositionellen Union und der Koalitionspartei FDP. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) verlangt nun, dass eine Expertenkommission einen Weiterbetrieb der deutschen Reaktoren prüfen solle.

Eine Zahl passt allerdings wenig zur These von der Renaissance: Erstmals seit 40 Jahren sank im Jahr 2021 der Anteil der Kernenergie an der weltweiten kommerziellen Stromerzeugung unter zehn Prozent. Das zeigt der »World Nuclear Industry Status Report« (WNISR) des Atompolitik-Analysten Mycle Schneider. Der jährlich erscheinende Bericht wird unter anderem von der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung finanziert. Der Rekordwert lag im Jahr 1996 bei mehr als 17 Prozent.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Global mag die Zahl der Kernkraftwerke und ihre Stromproduktion stagnieren, aber unter einzelnen Ländern gibt es neben Aussteigern auch Neueinsteiger sowie Neubauten in Ländern, die seit vielen Jahren keine neuen Meiler gebaut hatten. Beginnt vielleicht gerade doch eine »Renaissance der Kernkraft«?

Seit Jahrzehnten stagniert die weltweite Anzahl an Atomkraftwerken

Die große Boomphase der Atomkraft waren die 1970er und 80er Jahre: Bis zu 35 Reaktoren jährlich gingen weltweit ans Netz. Am Ende liefen weltweit etwas mehr als 400 Meiler – und bis heute stagniert die Zahl auf diesem Niveau. An- und Abschaltungen halten sich etwa die Waage. Im Jahr 2022 gingen sechs Atomkraftwerke ans Netz, acht wurden dauerhaft abgeschaltet.

Ohne China wäre die Stagnation längst ein Rückgang. Das Land trug etwa die Hälfte des Zubaus in den letzten zehn Jahren bei. Die Volksrepublik legte auch keine Reaktoren still, denn diese sind allesamt relativ jung.

Vor allem im letzten Jahrzehnt hat China in der Kernkraftnutzung aufgedreht und seine Atomstromproduktion vervierfacht. Das bedeute jedoch nicht, dass Peking vor allem auf Kernkraft setze, sagt Uwe Stoll, technischer Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Garching. Die GRS ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Bund, TÜV und den Ländern Bayern und Nordrhein-Westfalen. Sie gilt als das führende Institut für Reaktortechnik in Deutschland. »China baut auch andere Energietechniken stark aus«, sagt Stoll. Solar und Wind produzierten 2021 in China mehr als doppelt so viel Strom wie alle chinesischen Atomkraftwerke zusammen.

Eine gewisse Dynamik entsteht auch außerhalb Chinas. Mehrere Länder steigen neu in die Atomkraft ein. Das noch stark von Kohle abhängige Polen will bis Anfang der 2040er Jahre sechs neue Meiler bauen, um seine Klimaziele zu erreichen. Im türkischen Akkuyu baut der russische Staatskonzern Rosatom ein Kernkraftwerk mit vier Reaktoren, die ab nächstem Jahr ans Netz gehen sollen. Ein weiterer Neueinsteiger ist Bangladesch, wo ebenfalls Rosatom seit 2017 zwei Reaktoren baut, die 2023 und 2024 ans Netz gehen sollen. Auch Ägypten hat im Sommer mit dem Bau eines Reaktors, ebenfalls russischer Bauart, begonnen.

Den Newcomern gegenüber stehen laut WNISR sechs Länder, die ihre atomaren Einstiegspläne ausgesetzt oder gestrichen haben. Besonders große Würfe machen aber auch die Neueinsteiger nicht. Die türkischen und die bangladeschischen Atomkraftwerke werden jeweils etwa zehn Prozent zum dortigen Strommix beitragen. Und auch die in Polen geplanten Kraftwerke werden bei Weitem nicht die Leistung der dortigen Kohlekraftwerke erreichen.

Japan revitalisiert die Atomkraft – ein bisschen

Ähnlich sieht es in Japan aus. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima schickte das Land seine Reaktoren in die Pause. Inzwischen laufen neun der Meiler wieder, unter erhöhten Sicherheitsanforderungen. Sie tragen derzeit etwa sieben Prozent zum japanischen Strommix bei.

Um bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu werden und auch unter dem Eindruck der aktuellen Energiekrise will das Land die Atomkraft wieder etwas intensiver nutzen: Bis 2030 soll Kernkraft 20 bis 22 Prozent der japanischen Stromproduktion decken. Dazu sollen Laufzeiten bestehender Meiler verlängert und auch neue gebaut werden. Das Ziel liegt jedoch unter dem Status vor Fukushima, als Atomstrom fast ein Drittel im Strommix ausmachte.

Die Lücke schließen sollen regenerative Energiequellen. Zur Atomkraft äußert sich Ministerpräsident Fumio Kishida widersprüchlich. Zwar sagte er kürzlich, Japan müsse die Atomkraft voll ausschöpfen. Im August 2022 hingegen meinte er, er wolle die Abhängigkeit Japans von der Kernenergie so weit wie möglich reduzieren.

Sieht so eine Renaissance aus? Uwe Stoll sieht den Begriff kritisch. »Schon in den Nullerjahren wurde davon gesprochen«, sagt er. Mehr Kernkraftwerke als damals gibt es aber nicht. Nur in Großbritannien und Frankreich würde er von einer Renaissance sprechen. In Großbritannien ist der Wortsinn am ehesten erfüllt: Der Wiedergeburt ging ein Sterben voraus. 34 Kraftwerke wurden seit 1977 abgeschaltet, weitere Abschaltungen stehen an. »Viele Reaktoren zeigen Alterungsprobleme«, erklärt Stoll, »das will man mit Neubauten ausgleichen.« Derzeit entstehen zwei Reaktoren in Hinkley Point, Südwestengland, die bis Mitte des Jahrzehnts in Betrieb gehen sollen: der erste AKW-Neubau im Vereinigten Königreich nach 17 Jahren. Zwei weitere Meiler sollen im ostenglischen Sizewell entstehen.

Ähnlich in Frankreich: Präsident Emmanuel Macron kündigte im Februar 2022 eine »Renaissance der Atomkraft« an. Auch in Frankreich sank die Atomstromproduktion seit Jahren auf ein Rekordtief, was neben anderen Gründen auch an der Alterung der Meiler liegt. Nun sollen bis 2050 sechs Reaktoren gebaut sowie der Bau von acht weiteren geprüft werden. Ein erster neuer Reaktor entsteht zurzeit im nordfranzösischen Flamanville.

Europäische Atomindustrie ist aus der Übung

Gut möglich ist aber, dass die Wiedergeburten schwer verlaufen. England und Frankreich setzen auf Meiler einer neuen Generation, den »EPR« des französischen Herstellers Framatome. EPR ist die Kurzform von European Pressurized Reactor und der Markenname einer Baureihe von Druckwasserreaktoren. Jüngst ging in Finnland der erste EPR ans Netz – zwölf Jahre später und viel teurer als geplant. Auch der Reaktor in Flamanville sollte schon vor zehn Jahren ersten Strom liefern.

Dass Planungen so aus dem Ruder laufen, liegt laut Uwe Stoll unter anderem daran, dass in Westeuropa jahrzehntelang keine Kraftwerke gebaut wurden. »Die Zulieferindustrie hat wenig Erfahrung, so dass es immer wieder Probleme mit Lieferketten gibt«, sagt er. Mit jedem Neubau würde sich dieses Manko indessen verringern. »Wir werden einen Zuwachs bei Neubauten sehen«, prognostiziert er. Doch dieser werde nicht allein vom gewohnten Modell des leistungsstarken, teuren Meilers wie dem EPR getragen werden, schätzt Stoll.

Sechs dieser Reaktoren kosten rund 60 Milliarden Euro, rechnet er vor. Solche Summen seien für Privatinvestoren nicht zu schultern. In einigen Ländern könnten eher »kleine modulare Reaktoren« einen Boom auslösen. Ihre geringe Größe soll eine industrielle Serienfertigung der Komponenten erlauben und Anlagen billiger machen.

»Es wird auch erwogen, alte Kohlekraftwerke durch solche kleineren Reaktoren zu ersetzen, weil die eine ähnliche Leistung haben und damit leichter in das bestehende Leitungsnetz integriert werden könnten«, sagt Stoll. Private Investoren könnten sie eher finanzieren. Allerdings stecken modulare Reaktoren noch in der Entwicklung, und wie wirtschaftlich sie sein werden, muss sich noch zeigen.

Unterm Strich erscheint, obwohl einige Länder wieder mehr als zuvor auf Atomkraft setzen, der Begriff »Renaissance« viel zu groß. Die Wieder- und Neueinsteiger sehen die Atomkraft eher als Ergänzung denn als tragende Säule ihrer Energiesysteme. Mycle Schneider drückte sich gegenüber dem Fernsehsender »n-tv« deutlich aus: Aus seinem Bericht gehe hervor, dass es nirgends eine Renaissance der Atomkraft gebe. »Alle Jahre wieder wird dieser Begriff ›Renaissance der Atomkraft‹ benutzt, aber es ist verblüffend, wie wenig passiert«, sagt Schneider.

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte