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Geophysik: Fossilien werfen neues Licht auf irdische Frühzeit

Begann das Leben auf der Erde früher als bislang angenommen? Darauf deutet eine Reihe jüngst entdeckter Fossilien hin - und stellt zugleich die allgemein akzeptierte Theorie über die Anfangszeit des Sonnensystems in Frage.
Urknall

Im trockenen, sonnendurchglühten Nordwesten Australiens, am Wendekreis des Steinbocks, findet sich das älteste Gestein der Erdoberfläche. Fährt man eine Weile durch das nördliche Outback, südlich von Port Hedlund an der Küste, erreicht man eine Reihe vom Zahn der Zeit abgeschliffener Berge. Sie gehören zur Region Pilbara Craton, die vor 3,5 Milliarden Jahren entstand, als die Erde noch jung war.

Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Vom Saum einer der Berge breiten sich uralte, orangefarbene Gesteinsbrocken aus: »apex chert« genannte Ablagerungen (apex = Berggipfel; chert = sedimentär und diagenetisch entstandene Kieselgesteine). Unter dem Mikroskop zeigen sich in diesem Gestein winzige Röhren. Einige sehen aus wie Felszeichnungen, die einen Wirbelsturm darstellen, andere eher wie platt gedrückte Würmer. Es sind die wohl umstrittensten Gesteinsproben, die jemals auf unserem Planeten gesammelt wurden: Möglicherweise enthalten sie Spuren der ältesten Lebensformen auf der Erde.

Im Dezember 2017 feuerten Forscher eine neue Salve von Argumenten in der jahrzehntelangen Debatte um die Natur dieser Strukturen ab. Es handle sich tatsächlich um fossile, 3,465 Milliarden Jahre alte Lebensformen, erklärte John Valley, Geochemiker der University of Wisconsin. Haben Valley und seine Kollegen Recht, dann folgt aus diesen Fossilien, dass sich das Leben auf der Erde erstaunlich früh in der turbulenten Jugendzeit des Planeten diversifiziert hat.

Neues Bild der frühen Erdgeschichte

Die Fossilien gehören zu einer ganzen Welle von Entdeckungen, die zu einem neuen Bild der frühen Erdgeschichte führen könnten. 2017 haben mehrere unabhängige Forscherteams 3,7, 3,95 und möglicherweise sogar 4,28 Milliarden Jahre alte Gesteinsproben ausgegraben, zerkleinert und mit Laserstrahlen beschossen, die eventuell fossile Lebensspuren enthalten. All diese Mikrofossilien – oder die mit ihnen verbundenen chemischen Indizien – sind heftig umstritten. Aber sie wecken Zweifel an der traditionellen Geschichte unseres Planeten.

Danach war die Erde eine halbe Milliarde Jahre nach ihrer Entstehung eine glühend heiße Hölle. Die junge Erde war übersät mit Vulkanen und wurde von unzähligen Planetenbruchstücken bombardiert. Die Umweltbedingungen waren so lebensfeindlich und höllisch, dass die Geologen diese Zeitalter als Hadaikum bezeichnen, abgeleitet vom griechischen Wort Hades für die Unterwelt. Leben ist erst entstanden, als vor etwa 3,8 Milliarden Jahren ein besonders heftiges Bombardement aus dem All zu Ende ging.

Doch dieses Szenario gerät zusehends unter Beschuss. Viele Geologen nehmen inzwischen an, die Erde sei von Anbeginn an gemäßigt temperiert mit offenem Wasser an der Oberfläche gewesen. Das älteste Gestein, das bislang untersucht wurde, lässt die Vermutung zu, dass sich die Erdkruste bereits vor 4,4 Milliarden Jahren abgekühlt und verfestigt hatte. Und Sauerstoff in diesem alten Gestein deutet auf offenes Wasser bereits vor mindestens 4,3 Milliarden Jahren hin. Statt eines epochalen finalen Bombardements haben die Einschläge von Meteoriten vielleicht langsam nachgelassen, als das Sonnensystem sich in seine heutige Konfiguration begeben hat.

»Bereits sehr früh sah alles schon ganz ähnlich aus wie in unserer heutigen Zeit. Es gab Wasser und möglicherweise zumindest zum Teil eine stabile Kruste. Es ist also nicht völlig auszuschließen, dass es sich bereits um eine lebensfreundliche Welt gehandelt und es irgendeine Art von Leben gegeben hat«, sagt Elizabeth Bell, Geochemikerin an der University of California in Los Angeles. Zusammengenommen liefern die jüngsten Indizien von der frühen Erde und vom Mond ein Bild, das stark vom bisherigen Bild des Hadaikums abweicht: eine überwiegend feste, temperierte, von Meteoriteneinschlägen weitgehend verschonte Welt mit Wasser an der Oberfläche, ein Garten Eden von Anbeginn an.

Hinweise aus der Frühzeit

Vor etwa 4,54 Milliarden Jahren entstand die Erde aus Staub und Gesteinsbrocken, die nach der Geburt der Sonne übrig geblieben waren. Stetig fielen weitere kleine Überreste auf die embryonische Erde herab und heizten sie auf. Darüber hinaus reicherten sie die junge Erde mit radioaktiven Elementen an, die den Planeten zusätzlich von innen aufheizten. Magmaozeane bedeckte die Oberfläche der Erde. Zu jener Zeit war die Erde weniger ein Gesteinsplanet als eine glühende Kugel aus Lava.

Nicht lange nachdem sich die Urerde gebildet hatte, kollidierte sie mit unvorstellbarer Wucht mit einem anderen, kleineren Planeten. Möglicherweise verdampfte die Ur-Erde dabei komplett, und aus einem Teil der Materie beider Körper entstand der Mond. Auch danach fielen weiterhin Meteoriten auf die Erde, einige davon rissen Krater mit bis zu 1000 Kilometer Durchmesser in die Oberfläche. Im Standardszenario des Hadaikums kulminierte dieser Zustrom im Großen Bombardement, das auch als lunarer Kataklysmus bezeichnet wird. In jener Zeit wanderten zahlreiche Asteroiden in das innere Sonnensystem und zernarbten die Gesteinsplaneten und den Mond. In dieser frühen Epoche, die vor 3,8 Milliarden Jahren zu Ende ging, war die Erde geschmolzen und besaß keine feste Kruste – und konnte damit auch kein Leben tragen.

Doch vor etwa einem Jahrzehnt führten winzige Kristalle, Zirkone genannt, zu Zweifeln an diesem Szenario. Die Edelsteine, die zumeist etwa so groß sind wie die Punkte in diesem Text, künden von einer kühleren, feuchteren und möglicherweise lebensfreundlicheren Welt – und zwar bereits vor bis zu 4,3 Milliarden Jahren. In den vergangenen Jahren unterfütterte die Entdeckung von Fossilien in uraltem Gestein die von den Zirkonen gelieferte Geschichte. Die verdrehten Mikrofossilien aus der Region Pilbara Craton sind das jüngste Beispiel dafür.

Leben vor vier Milliarden Jahren?

Der bislang älteste – von vielen Forschern allerdings angezweifelte oder gar völlig abgelehnte – Anhaltspunkt für Leben auf der Erde ist mindestens 3,77 Milliarden Jahre, vielleicht sogar erstaunliche 4,28 Milliarden Jahre alt. Im März 2017 beschrieben der Geochemiker Dominic Papineau vom University Collage London und sein Student Matthew Dodd röhrenförmige Fossilien in einem Felsaufschluss in Quebec, der aus den Anfängen der Erdgeschichte datiert. Bei der Nuvvuagittuq-Grünsteingürtel genannten Felsformation handelt es sich um den Überrest eines Urozeans. Die darin befindlichen Fossilien sind etwa halb so dick wie ein menschliches Haar und nur einen halben Millimeter lang. Sie bestehen aus Hämatit, einem Eisenoxid. Es könnte sich, so Dodd, um versteinerte Überreste mikrobieller Kolonien handeln, die bereits vor bis zu 4,28 Milliarden Jahren existierten.

»Sie bildeten gallertartige, rostrote Matten auf Gestein um Schlote«, erklärt Dodd. Ähnliche Strukturen existieren auch in den heutigen Ozeanen: Mikrobenkolonien und blutrote Röhrenwürmer gedeihen in der Umgebung der Schwarzen Raucher, hydrothermaler Quellen am Grund der Tiefsee. Dodd stieß in der Umgebung der Röhren auch auf Graphit und Karbon-»Rosetten«, winzigen Ringen aus Kohlenstoff, die organische Stoffe enthalten. Solche Rosetten können zwar auch durch zahlreiche nichtbiologische Prozesse entstehen. Doch Dodd fand zusätzlich das Mineral Apatit, das als Indiz für biologische Aktivität gilt.

Die Forscher analysierten außerdem die Häufigkeit unterschiedlicher Kohlenstoffisotope in dem Graphit. Lebewesen bevorzugen im Allgemeinen leichte Isotope, deshalb gilt eine Anreicherung von Kohlenstoff-12 gegenüber Kohlenstoff-13 ebenfalls als Indiz für biologische Aktivität. Tatsächlich weist das in der Umgebung der Rosetten gefundene Graphit auf die Anwesenheit von Lebewesen hin. Zusammengenommen deuten die Wissenschaftler die Röhren und die Chemie in ihrer Umgebung als Überreste einer mikrobiellen Kolonie, die sich nahe einer hydrothermalen Quelle befand, so Dodd.

Zwar streiten die Geologen über das exakte Alter der Gesteinsformation, aber sie sind sich einig, dass es sich um eine der ältesten, vielleicht die älteste Eisenablagerung auf der Erde handelt. Dann müssten auch die Fossilien so alt sein – und damit viel älter als alles, was zuvor gefunden wurde. Und älter, als es die Wissenschaftler für möglich gehalten hätten.

Spuren uralter Lebensformen

Im September 2017 veröffentlichten Forscher aus Japan eine Untersuchung von Graphitstücken aus 3,95 Milliarden Jahren altem Sedimentgestein des »Saglek Block« im kanadischen Labrador. Yuji Sano und Tsuyoshi Komiya von der Universität Tokio deuten das Verhältnis der Kohlenstoffisotope in diesen Stücken ebenfalls als Hinweis auf Leben. Aber in der Umgebung der Graphitstücke gab es keinerlei Strukturen, die wie Fossilien aussahen. Zudem ist die Herkunft des umgebenden Gesteins unklar – der Kohlenstoff könnte auch jünger sein, als es den Anschein hat.

Weiter nach Osten, im südwestlichen Teil Grönlands, war ein anderes Forscherteam auf Spuren uralter Lebensformen gestoßen. Im August 2016 berichteten Allen Nutman von der University of Wollongong in Australien und seine Kollegen über die Entdeckung von Stromatolithen, versteinerten Überresten von Mikroben, die 3,7 Milliarden Jahre alt sind. Viele Geologen bleiben gegenüber diesen Behauptungen skeptisch. Nutmans Fossilien beispielsweise stammen aus dem Isua-Gneis im südlichen Grönland, das zu den ältesten Sedimentgesteinen der Erde zählt. Doch der Isua-Gneis lässt sich nur schwer deuten. So wie nichtbiologische Prozesse die Rosetten in Dodds Gesteinsproben bilden könnten, so können einfache chemische Vorgänge ohne die Hilfe von Lebewesen zahlreiche schichtförmige Strukturen formen. Dann würde es sich nicht um Stromatolithen, sondern um eine nichtbiologische Vortäuschung von Stromatolithen handeln.

»Ich denke nicht, dass eine dieser anderen Untersuchungen falsch ist, aber ich glaube auch nicht, dass eine von ihnen einen Beweis darstellt«(John Valley)

Zudem wurde sowohl der Nuvvuagittuq-Grünsteingürtel als auch das Isua-Gneis über Milliarden von Jahren erhitzt und zusammengepresst – ein Vorgang, bei dem das Gestein schmilzt, rekristallisiert und dabei seinen ursprünglichen Sedimentzustand verliert. »Ich denke nicht, dass eine dieser anderen Untersuchungen falsch ist, aber ich glaube auch nicht, dass eine von ihnen einen Beweis darstellt«, befindet Valley, der Forscher aus Wisconsin. »Alles, was wir sagen können, ist, dass die [Felsen von Nutman] wie Stromatolithen aussehen, und das ist verführerisch.« Im Hinblick auf seine eigenen Untersuchungen der Fossilien aus dem Pilbara Craton zeigt sich Valley freilich weit weniger vorsichtig.

3,465 Milliarden Jahre lang ruhten die tornadoförmigen Mikrofossilien im Pilbara Craton, dann wurden sie von ihrem Ursprungsgestein abgetrennt und in einem Kasten nach Kalifornien transportiert. Der Paläobiologe William Schopf von der University of California in Los Angeles veröffentlichte seine Entdeckung der seltsamen Kringel 1993 und identifizierte elf unterschiedliche mikrobielle Taxa in den Gesteinsproben. Kritiker erklärten, die Strukturen könnten auch durch nichtbiologische Prozesse entstanden sein. Seither wogt die Auseinandersetzung darüber unter den Geologen hin und her. Im Jahr 2017 hat Schopf eine Probe an Valley geschickt, der ein Experte im Umgang mit einem extrem empfindlichen Instrument zur Messung von Isotopenverhältnissen ist, einem Sekundärionen-Massenspektrometer.

Wie Valleys Team herausfand, zeigen einige der Fossilien dasselbe Kohlenstoffisotopen-Verhältnis wie moderne fototrophe Bakterien. Drei weitere Fossilienarten besitzen das gleiche Kohlenstoffisotopen-Verhältnis wie methanotrophe oder Methan produzierende Bakterien. Und die Isotopenverhältnisse korrelieren mit bestimmten Bakterienspezies, die Schopf bereits identifiziert hat. Das Team hat die Isotopenverhältnisse genau an den Umrissen der Mikrofossilien gemessen, betont Valley. Damit, so der Forscher, handelt es sich um die ältesten Strukturen, die sowohl von der Form her als auch chemisch Fossilien ähneln.

Komplexe Gemeinschaft primitiver Organismen

Akzeptiert man die Interpretationen der von Dodd, Komiya und Nutman beschriebenen Gesteinsproben, so handelt es sich zwar nicht um die ältesten Fossilien. Aber die winzigen Strukturen von Schopf und Valley bieten einen entscheidenden Vorteil: Sie zeigen Diversität. Das Vorhandensein so vieler unterschiedlicher Kohlenstoffisotopen-Verhältnisse weist auf eine komplexe Gemeinschaft primitiver Organismen hin. Diese Lebensformen müssen also bereits Zeit gehabt haben, sich in endlosen Iterationen weiterzuentwickeln. Das bedeutet, sie müssen noch viel früher als vor 3,465 Milliarden Jahren entstanden sein. Demnach sind unsere ältesten Vorfahren wirklich sehr, sehr alt.

Diese Fossilien waren keineswegs der erste Hinweis darauf, dass die junge Erde eher einem Garten Eden als der Hölle geglichen hat. Bereits 2001 lieferte das Gestein selbst Indizien dafür. Damals stieß Valley auf Zirkone, aus denen sich ableiten ließ, dass unser Planet bereits vor 4,4 Milliarden Jahren eine feste Kruste besaß. Zirkone sind kristalline Mineralien, die Silizium, Sauerstoff, Zirkonium und manchmal weitere Elemente enthalten. Sie entstehen im Magma, und im Gegensatz zu besser bekannten Kohlenstoffkristallen sind sie tatsächlich für die Ewigkeit: Sie überleben das Gestein, in dem sie entstanden sind, und widerstehen Äonen gewaltiger Drücke, Erosion und Deformation. Deshalb sind Zirkone die einzigen Gesteine, die aus dem Hadaikum übrig geblieben sind – und das macht sie zu unglaublich wertvollen Zeitkapseln.

»Das Hadaikum ähnelte nicht der Hölle. Das haben uns die Zirkone gezeigt. Sicher, es gab Vulkane, aber sie waren vermutlich von Ozeanen umschlungen. Und es gab zumindest etwas trockenes Land«(John Valley)

Valley sammelte einige Zirkone in den Jack Hills in Westaustralien. Die Sauerstoffisotope in den Mineralien legen nahe, dass das Material durch flüssiges Wasser verändert wurde. Demnach musste ein Teil der Erdkruste bereits abgekühlt und fest sein, damit sie flüssiges Wasser beherbergen konnte – 400 Millionen Jahre früher als die frühesten bekannten Sedimentgesteine. Und wenn es flüssiges Wasser gab, dann vermutlich ganze Ozeane, sagt Valley. Denn andere Zirkone lieferten dasselbe Ergebnis. »Das Hadaikum ähnelte nicht der Hölle. Das haben uns die Zirkone gezeigt. Sicher, es gab Vulkane, aber sie waren vermutlich von Ozeanen umschlungen. Und es gab zumindest etwas trockenes Land«, so der Forscher.

Und die Zirkone könnten sogar auf Leben in jener Epoche hindeuten. Bell und ihre Kollegen präsentierten 2015 Belege für Graphit, eingebettet in winzige, 4,1 Milliarden Jahre alte Zirkonkristalle aus den Jack Hills. Die Kohlenstoffisotopen-Verhältnisse des Graphits deuten auf einen biologischen Ursprung. Allerdings ist auch dieses Ergebnis heftig umstritten. »Gibt es dafür andere Erklärungen als Leben? Na klar!«, gibt Bell zu bedenken. »Aber ich würde dies als bislang bestes Indiz für eine Art Fossil oder eine biogene Struktur ansehen.«

»Das Leben war bereits in der Lage, interessante Dinge zu tun, als die Erde den schlimmsten Einschlägen aller Zeiten ausgesetzt war«(Bill Bottke)

Wenn die von den alten Gesteinen gelieferten Signale korrekt sind, dann gab es überall Leben, schon immer. Egal wo Wissenschaftler suchen, stets stoßen sie auf Hinweise auf Leben und seine Chemie, entweder in der Form von Fossilien oder anderer uralter Überreste von Lebensformen. Leben scheint also keineswegs empfindlich und zerbrechlich zu sein, sondern selbst unter schwierigsten Bedingungen Fuß zu fassen.

»Das Leben war bereits in der Lage, interessante Dinge zu tun, als die Erde den schlimmsten Einschlägen aller Zeiten ausgesetzt war«, sagt der Planetenforscher Bill Bottke vom Southwest Research Institute in Boulder, Colorado. Aber vielleicht war es auch ganz anders: Vielleicht waren diese Einschläge gar nicht so häufig wie bislang angenommen. Wir wissen, dass die Erde – wie andere Himmelskörper auch – in der Vergangenheit von Asteroiden bombardiert wurde. Mond, Mars, Venus, Merkur – alle tragen Spuren dieser Einschläge. Die Frage ist, wann und für wie lange dieses Bombardement stattfand.

Auf Basis der von den Apollo-Astronauten vom Mond zur Erde gebrachten Gesteinsproben kamen Forscher zu dem Schluss, dass es im Hadaikum zwei unterschiedliche Epochen des kosmischen Billardspiels gab. Die erste davon war eine unvermeidliche Folge der Planetenentstehung: Es dauerte eine ganze Weile, bis die Planeten die größten Asteroiden aufgenommen und Jupiter den Rest im Asteroidengürtel zusammengesammelt hatte.

Ist der Mond beinahe zerstört worden?

Die zweite Epoche kam später. Sie setzte 500 bis 700 Millionen Jahre nach der Geburt des Sonnensystems ein und endete vor etwa 3,8 Milliarden Jahren. Diese Epoche wird als Großes Bombardement oder lunarer Kataklysmus bezeichnet. Die Isotopenverteilung von Kalium und Argon in den Apollo-Gesteinsproben liefert Hinweise darauf, dass Teile des Mondes etwa 400 Millionen Jahre nach der Entstehung des Erdtrabanten plötzlich geschmolzen sind. Die Forscher sehen darin einen Beweis dafür, dass der Mond von einem gewaltigen Einschlag um ein Haar zerstört worden wäre.

Auch Zirkone liefern physikalische Hinweise auf ein spätes Höllenfeuer. Einige von ihnen enthalten »geschockte« – durch Stoßwellen veränderte – Mineralien. Sie müssen also extremer Hitze und extremen Drücken ausgesetzt gewesen sein. Gewaltige Einschläge wären eine mögliche Erklärung. Viele dieser Zirkone sind jünger als drei Milliarden Jahre. Aber Bell stieß auf einen Zirkon mit Spuren einer schnellen, extremen Erhitzung vor 3,9 Milliarden Jahren – und damit auf ein mögliches Indiz für das Große Bombardement: »Alles, was wir wissen, ist: Es gibt eine Gruppe rekristallisierter Zirkone aus dieser Zeit. Die Koinzidenz mit dem Großen Bombardement macht es verlockend, hier eine Verbindung zu sehen.« »Aber um diesen Zusammenhang wirklich zu belegen, müssen wir weitere Zirkone von anderen Fundorten untersuchen. Und bislang gibt es keine weiteren derartigen Hinweise«, meint Aaron Cavosie von der Curtin University in Australien.

Patrick Boehnke, der jetzt an der University of Chicago tätig ist, warf 2016 noch einmal einen Blick auf die von den Apollo-Missionen zur Erde gebrachten Gesteinsproben. Jahrzehntelang galten sie als Hauptbeweise für das Große Bombardement. Gemeinsam mit Mark Harrison von der University of California in Los Angeles reanalysierte er die Argonisotope. Die Gesteinsproben könnten, so die beiden Forscher, viele Male von Einschlägen geschockt worden sein, seit sie bei der Geburt des Mondes kristallisiert waren. Dadurch würden sie jünger aussehen, als sie tatsächlich sind.

Wie repräsentativ sind die Apollo-Gesteinsproben?

»Selbst wenn man diese Probleme der Analyse löst«, merkt Boehnke weter an, »bleibt das Problem, dass die Apollo-Gesteinsproben alle aus einem kleinen Bereich kommen.« Es besteht also die Möglichkeit, dass die Proben aller sechs Apollo-Missionen von einem einzigen Asteroideneinschlag stammen, bei dem sich das Auswurfmaterial über die gesamte erdzugewandte Seite des Mondes verteilte. Den Mond umkreisende Sonden wie GRAIL – das Gravity Recovery and Interior Laboratory – und der Lunar Reconnaissance Orbiter haben außerdem etwa 100 zuvor unbekannte Krater aufgespürt, die auf ein Einschlagmaximum bereits vor 4,3 Milliarden Jahren hinweisen.

»All diese Daten, ob aus der Umlaufbahn oder an Gesteinsproben gewonnen, und all die unterschiedlichen Gesteinsproben – durch Einschläge entstandenes lunares Glas, Proben der Luna- und der Apollo-Missionen, Mondmeteoriten – deuten gemeinsam darauf, dass es kein kataklysmisches Maximum vor 3,9 Milliarden Jahren gegeben hat«, sagt die Planetenforscherin Nicolle Zellner vom Albion College in Michigan.

Bottke, der Asteroiden und die Dynamik des Sonnensystems erforscht, ist einer von mehreren Wissenschaftlern, die mit alternativen Erklärungen aufwarten. Er favorisiert jetzt ein langsames Anwachsen des Bombardements, gefolgt von einem allmählichen Rückgang. Andere vermuten, es gäbe gar kein spätes Bombardement: Danach sind die Krater auf dem Mond und auf anderen felsigen Himmelskörpern Überreste der ersten Einschlagepisode und damit ein natürlicher Prozess der Planetenentstehung. »Wir haben nur eine kleine Menge an Daten – und wir versuchen, damit etwas anzufangen«, erläutert Bottke. »Man versucht, eine Geschichte daraus zu entwickeln, aber mitunter jagt man nur Gespenstern hinterher.«

»Als ich jung war, wurde mir beigebracht, es würde Milliarden von Jahren dauern, bis Leben entsteht. Doch ich konnte keinerlei Grundlagen für solche Behauptungen finden«(John Valley)

Wenn sich die neue Sichtweise bestätigt, werden die Wissenschaftler eine noch gewichtigere Frage zu debattieren haben als nur die Dynamik des jungen Sonnensystems. Wenn es sich nämlich bei einigen der neuen Indizien tatsächlich um Spuren früher Lebensformen handelt, dann sind unsere Vorfahren sehr viel älter, als wir bislang angenommen haben. Das Leben wäre dann sofort entstanden, als der Planet dafür empfänglich war – als er weit genug abgekühlt war, um flüssiges Wasser zu beherbergen.

»Als ich jung war, wurde mir beigebracht, es würde Milliarden von Jahren dauern, bis Leben entsteht. Doch ich konnte keinerlei Grundlagen für solche Behauptungen finden«, sagt Valley. »Ich halte es für möglich, dass Leben innerhalb weniger Millionen Jahre entsteht, nachdem die Bedingungen lebensfreundlich geworden sind. Aus Sicht einer Mikrobe ist eine Million Jahre eine lange Zeit. Doch geologisch ist es nur ein Augenblick.« Er ergänzt: »Es gibt keinen Grund dafür, dass Leben nicht bereits vor 4,3 Milliarden Jahren entstanden sein könnte.«

Wenn vor 3,9 Milliarden Jahren also nicht der ganze Planet sterilisiert wurde, wenn einige wenige große Asteroideneinschläge nur eine Hemisphäre des Planeten verwüstet haben, dann könnten die Vorfahren allen heutigen Lebens bereits kurz nach der Geburt unseres Planeten entstanden sein. Und das macht es zugleich viel wahrscheinlicher, dass auch an anderen Orten im Kosmos Leben entstanden ist. Das Leben könnte in der Lage sein, selbst schreckliche Bedingungen viel besser zu überstehen, als wir vermuten. Und es benötigt nur wenig Zeit, um Fuß zu fassen. Es entsteht schnell und häufig – überall im Kosmos. Seine unendlich vielfältigen Formen – von Mikroben, die röhrenförmige Strukturen produzieren, bis zu schleimigen Biofilmen – mögen zu klein und zu primitiv sein, um mit uns zu kommunizieren. Gleichwohl sind sie real und lebendig.

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Von »Spektrum der Wissenschaft« übersetzte und redigierte Fassung des Artikels »Fossil Discoveries Challenge Ideas About Earth's Start« aus »Quanta Magazine«, einem inhaltlich unabhängigen Magazin der Simons Foundation, die sich die Verbreitung von Forschungsergebnissen aus Mathematik und den Naturwissenschaften zum Ziel gesetzt hat.

24/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24/2018

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