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Migration: Giftige Blüten im Paradies

Zu den Meisterleistungen der Menschheit gehören die Entdeckungsfahrten der Südsee-Insulaner: Ohne Kompass und Sextanten, dafür in kleinen Kanus durchquerten sie den Südpazifik und eroberten entlegene Eilande wie die Osterinsel. Flohen sie aus ihrer alten Heimat vor einer tödlichen Gefahr?
Osterinsel Moai
Es war so etwas wie eine Massenflucht – verteilt über sechs Jahre: Zwischen 1994 und 2000 kehrte fast ein Fünftel der Bevölkerung der Cook-Inseln ihrer Heimat den Rücken und wanderte nach Australien oder Neuseeland aus. Sie flohen vor der Armut der kleinen Südsee-Eilande und suchten ein besseres Leben, weil sie sich zu Hause kaum mehr das Essen leisten konnten. Statt selbst gefangenem frischem Fisch und Meeresfrüchten aus den artenreichen Korallenriffen ihrer Archipele bestimmte dort nun teure Fertignahrung den Speiseplan, was sich ärmere Bevölkerungsschichten kaum leisten konnten. Auf der Suche nach Arbeit und Einkommen emigrierten sie in andere Staaten.

Cook-Inseln | Was idyllisch wirkt, kann bisweilen die Gesundheit übel beeinträchtigen: Immer wieder kommt es auf den Cook-Inseln zu Lebensmittelvergiftungen durch verseuchte Fische, die toxische Algen gefressen haben.
Warum aber hatten die Insulaner ihren Ernährungsstil geändert? Erlagen sie den Verheißungen westlicher Marketingstrategien? Oder hatte der Wandel tiefer liegende Gründe? Letzteres meinen die Forscher um den Cook-Insulaner Teina Rogo vom Florida Institute of Technology in Melbourne. Auslöser der Lebensmittelkrise zum Ende des letzten Jahrhunderts war ihrer Meinung nach vor allem vergifteter Fisch, den massenhaft auftretende Dinoflagellaten verseucht haben sollen – ein Problem, das in tropischen Gewässern immer wieder auftaucht und unter dem Namen Ciguatera geläufig ist.

Ciguatera endet nur in seltenen Fällen tödlich, löst aber einige sehr unerfreuliche Symptome wie schwere Übelkeit, Kopfschmerzen, chronische Müdigkeit und Kreislaufbeschwerden aus. Und die Krankheit bringt das Temperaturgefühl der Betroffenen durcheinander: Laufen sie über einen am Morgen eigentlich kühlen Strand, so fühlt er sich unter ihren Füßen brennend heiß an. Schon Kapitän James Cook berichtete von der Ciguatera, als er vor den Vanuatu-Inseln ankerte, und heute trifft sie weltweit bis zu einer halben Million Menschen jährlich – sie gehört zu den häufigsten Lebensmittelvergiftungen, die durch Meeresgetier ausgelöst werden.

Doch während man sie mittlerweile relativ gut behandeln kann, hatte die Erkrankung in historischen Zeiten katastrophale Folgen, denn sie raubte den ortsansässigen Fischern die Nahrungsgrundlage – zumal in Polynesien, wo Fisch traditionell den wichtigsten Beitrag zur Versorgung der Bewohner mit Proteinen lieferte. Eine Abhängigkeit, die Rogo und seine Kollegen zu einer neuen These anregte: Brachen die Polynesier vor Jahrhunderten nicht aus reinem Entdeckergeist zu neuen Ufern auf, sondern könnte sie die Ciguatera immer wieder aus ihrer Heimat vertrieben haben – so wie kurz vor der Jahrtausendwende? Hat also der Mangel an Eiweißen die Eroberung des Pazifiks bis hin nach Neuseeland, Hawaii und den Osterinseln zwischen 1000 und 1450 ausgelöst?

Die Forscher verglichen dazu archäologische und klimatische Daten sowie medizinische Berichte seit den 1940er Jahren, um einen möglichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Besiedlungswellen im Südpazifik und Ausbrüchen der Ciguatera zu ermitteln. Tatsächlich bemerkten sie in ihren Ausgrabungen immer wieder Wechsel in den gefundenen Gräten und Angelhaken, die sich nicht auf Überfischung zurückführen lassen, da sie zu abrupt stattfanden: Bedeutende Rifffische wie Zackenbarsche verschwinden quasi über Nacht und werden durch die Überreste von Tun- und anderen wandernden Hochseefischen ersetzt. Die Dramatik, in der sich diese Wandel vollziehen, deutet nicht auf eher schleichende Veränderungen wie Übernutzung, sondern auf schnelle Ereignisse hin – plötzliche Ungenießbarkeit beispielsweise.

Osterinsel Moai | Die Osterinsel gehört zu den abgelegensten Inseln der Erde – und wurden dennoch schon durch die Polynesier in Kanus entdeckt.
Während der letzten 70 Jahre waren Ausbrüche der Ciguatera eng mit dem Klima verknüpft, was nahelegt, dass dies auch in den Jahrhunderten zuvor der Fall war. Die Toxine treten dabei auf den Cook-Inseln und in Französisch-Polynesien vor allem dann auf, wenn die so genannte Pazifische Dekaden-Oszillation (PDO) ihnen vergleichsweise unterkühltes Wasser beschert. Darin gedeihen wiederum die Algen sowie die auf ihnen siedelnden Dinoflagellaten besser, weil ihnen die sauer- und nährstoffreicheren Bedingungen gelegen kommen. Von ihrer Plage verschont bleiben nur die Hochseefische, die mit den küstennahen Blüten nicht in Kontakt kommen. Ihre Ausbeutung ist jedoch schwieriger und gefährlicher, und die polynesische Bevölkerung konnte sich schlechter versorgen.

Gleichzeitig blasen in diesen Phasen aber auch vornehmlich Winde aus Nordost, die Boote von den Cook-Inseln aus gen Neuseeland antreiben: eine Reise, die mit heutigen Nachbauten der traditionellen Kanus schon in 16 Tagen geschafft wurde. Die frühen Polynesier könnten also durchaus vor dem Hunger in der alten Heimat geflohen sein, folgert Rongos Team. Neuere Daten legen ohnehin nahe, dass beispielsweise Neuseeland nicht in einem einzigen großen Ereignis um 1350 besiedelt wurde, als angeblich sieben Kanus dort anlandeten. Vielmehr erreichten immer wieder Boote zu unterschiedlichen Zeiten die Gestade der relativ großen Landmasse – das erste wohl bereits um 1280. Und die stärkste Reisetätigkeit fiel offenkundig mit den Wechseln von der Küsten- zur Hochseefischerei zusammen, wegen der die verfügbaren Ressourcen an Land knapper wurden.

Ihre These schließe andere Erklärungen wie Kriege, Überbevölkerung, ökologische Katastrophen oder schlicht verbesserte Boote wie die zur gleichen Zeit entwickelten Kanus mit doppeltem Rumpf – ähnlich dem der heutigen Katamarane – nicht aus, so Rongo, doch müssten wohl auch Lebensmittelvergiftungen als Ursache in Betracht gezogen werden. Der Mut der Polynesier, hinaus ins Unbekannte zu ziehen, wird dadurch ohnehin in keinster Weise geschmälert.

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