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Altchinesische Medizin: Giftiges Betäubungsmittel auf 600 Jahre altem Chirurgenbesteck

Laut Schriftquellen stellten chinesische Mediziner im 14. und 15. Jahrhundert aus hochgiftigem Eisenhut ein Betäubungsmittel her. Nun haben Fachleute einen direkten Nachweis dafür entdeckt.
Eine rostige, altertümliche Schere mit gebogenen Griffen und spitzen Klingen ist auf der linken Seite des Bildes zu sehen. Ein kleines Etikett mit einem grünen Symbol ist an einem Griff befestigt. Rechts im Bild befindet sich eine Nahaufnahme der Oberfläche der Schere, die eine rötliche Verfärbung zeigt. Unten links ist eine Maßstabsleiste von 20 mm abgebildet. Der Hintergrund ist dunkel, um die Details der Schere hervorzuheben.
Auf den Scherenblättern fanden sich die rötlichen Rückstände eines Betäubungsmittels. Das Gerät aus China stammt aus dem 14. oder frühen 15. Jahrhundert.

An chirurgischen Instrumenten aus China haben Fachleute Spuren eines der stärksten bekannten Pflanzengifte nachgewiesen, das wahrscheinlich als örtliches Betäubungsmittel aufgetragen worden war. Es könnte sich um den ältesten direkten Beleg für ein Anästhetikum handeln. Das Chirurgenbesteck lag im Grab eines Mediziners im ostchinesischen Jiangyin, der im 14. und frühen 15. Jahrhundert gelebt hatte. Mithilfe einer mikroskopischen Analyse konnte das Team um Xue Ling von der Northwest University in Xi’an die rötlichen Substanzreste als Aconitin bestimmen, wie es in der archäologischen Fachzeitschrift »Antiquity« berichtet. Dabei handelt es sich um einen hochgiftigen Stoff aus der Pflanzengattung Eisenhut (Aconitum).

Die Überreste entdeckten die Fachleute an einer chirurgischen Schere und an einer Gewebezange aus Eisen. Beide Objekte lagen im Grab des Arztes Xia Quan, der während der frühen Ming-Dynastie von 1348 bis 1411 gelebt hatte. Archäologen hatten die Grablege bereits 1974 ausgegraben; die Objekte wurden in einem Museum untergebracht.

Weil nur geringe Rückstände des Stoffs an dem Chirurgenbesteck hafteten, nutzten die Wissenschaftler zur Bestimmung die Stimulierte Raman-Streuung (SRS) Mikroskopie. Das Verfahren arbeitet mit Laserstrahlen und liefert ein Bild der chemischen Zusammensetzung einer Probe, selbst wenn diese sehr klein ist, erklärt Co-Autor Congcang Zhao von der Northwest University in einer Pressemitteilung.

Schere und Greifzange |

Bei den untersuchten Geräte handelt es sich um eine Operationsschere (oben) und vermutlich eine Zange zum Greifen von Gewebe (unten). An beiden Objekten fanden sich Rückstände von Aconitin.

Auf diese Weise konnten sie das extrem starke Pflanzengift der Gattung Eisenhut nachweisen. In altchinesischen Texten sind Rezepturen überliefert, in denen Arten wie Herbsteisenhut (Aconitum carmichaelii) und Kamtschatka-Eisenhut (Aconitum kusnezoffii) genannt sind. Die alten Schriften verraten aber noch mehr: Wenn der Arzt beispielsweise ein Geschwür entfernte, sollte er zuerst ein betäubendes Mittel auftragen und anschließend die äußere Haut mit einer Schere entfernen. Das lege nahe, so die Wissenschaftler, dass die Narkosemittel mit den chirurgischen Instrumenten in Berührung kamen und Spuren davon an ihnen haften blieben.

Urin und Essig

Den altchinesischen Medizinern sei klar gewesen, wie hochgiftig Eisenhut ist. Sie versuchten daher, die Stärke des Gifts zu verringern: Laut den Fachleuten erwähnen die alten Schriften die Beimischung von menschlichem Urin oder das Abkochen mit Essig. Daraus sei ein Pulver entstanden, das als Betäubungsmittel verwendet wurde.

Wie Zhao betont, dienen die beiden Geräte als Beleg dafür, dass die Ärzte der frühen Ming-Dynastie in der Lage waren, aus dem Pflanzengift ein schmerzstillendes Mittel für Operationen herzustellen. Zudem habe man mit den Spuren »erstmals direkte chemische Nachweise für Anästhetika auf alten chirurgischen Instrumenten gefunden«.

  • Quellen
Ling, X. et al., Antiquity 10.15184/aqy.2026.10347, 2026

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