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Paläoanthropologie: Gleiches Zahnwachstum beim Neandertaler und Homo sapiens

Neandertaler-Zahn
Die These, dass beim Neandertaler die Zähne – und damit auch der gesamte Körper – schneller wuchsen als beim heutigen Menschen, scheint erneut widerlegt. Wissenschaftler aus Frankreich, Italien und Großbritannien konnten mit neuen bildgebenden Verfahren keine Hinweise auf unterschiedliche Wachstumsraten der beiden Menschenarten nachweisen.

Neandertaler-Zähne | Die dreidimensionale Rekonstruktion eines Milchbackenzahns (links) sowie eines bleibenden Backenzahns (rechts) vom Neandertaler zeigt den Zahnschmelz (weiß) sowie das darunter liegende Dentin. Im Innern sind die Pulpahöhle und die Wurzelkanäle zu erkennen.
Im Jahr 2004 hatte das französisch-spanische Forscherduo Fernando Ramirez Rozzi und José Bermúdez de Castro auf Grund von Zahnuntersuchungen auf ein schnelleres Wachstum beim Neandertaler geschlossen: Die unteren Wachstumsrillen, die so genannten Perikymatien, seien beim Neandertalerzahn weniger dicht als beim heutigen Menschen. Demnach wären die Zähne schneller gewachsen, und – so die weitere Schlussfolgerung – die Neandertalerkindheit wäre kürzer gewesen. Eine lange Jugend gilt jedoch wiederum als besonders menschliche Eigenschaft unserer Spezies, da sie die ausgeprägte Hirnreifung ermöglicht.

Milchbackenzahn eines Neandertalers | Im vergrößerten Ausschnitt des Neandertaler-Milchbackenzahns ist der Übergang vom Dentin zum äußeren Zahnschmelz dargestellt. Deutlich zu sehen ist die so genannte Neonatallinie im Zahnschmelz, die bei der Geburt entsteht. Die Position dieser Linie sowie das verlangsamerte Zahnschmelzwachstum sind beim Neandertaler ähnlich wie beim anatomisch modernen Menschen.
Ein Jahr später hatten amerikanische und britische Kollegen um Debra Guatelli-Steinberg die Hypothese überprüft – und verworfen. Umfangreiche Analysen der Perikymatien bei verschiedenen Volksgruppen der heutigen Menschheit hätten keine signifikanten Unterschiede zum Neandertaler ergeben.

Christopher Dean vom University College London und seine Kollegen bestätigen nun die Zweifel. Die Forscher hatten mit hochauflösender Computertomografie das Innenleben zweier Neandertal-Backenzähne rekonstruiert. Hierbei offenbarten sich im Vergleich zum anatomisch modernen Menschen kompliziertere Strukturen zwischen Zahnschmelz und Dentin sowie eine langsamere Herausbildung der Wurzelausläufer. Insgesamt reiften jedoch Zahnkrone und Zahnwurzel beim Neandertaler vergleichbar schnell heran. Demnach könnte auch die Kindheit eines Neandertalers ähnlich lang gewesen sein wie beim heutigen Menschen. (aj)

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