Gletscherbruch in Nepal: Warum Nepals Schlammflut so verheerend wurde

Steile Hänge, schmale Täler, Gletscher und eine sich erwärmende Welt – das sind die Zutaten, aus denen verheerende Schlammströme wie jetzt in Tibet und Nepal entstehen. An den schroffen Gipfeln des höchsten Gebirges der Welt thronen Eis und Schmelzwasser hoch über den Menschen und rauschen immer wieder mit enormer Gewalt die Flusstäler hinab. Doch das Ausmaß der aktuellen Katastrophe mit womöglich vielen Hundert Toten und Verletzten ist außergewöhnlich – ebenso die nun überall verbreiteten Aufnahmen der gigantischen Flutwelle entlang der Flüsse Lende Khola und Trishuli. Das zentrale Rätsel ist nun: Woher kam all das Wasser?
Große Mengen Wasser sind der entscheidende Faktor dafür, dass der Schlammstrom in Nepal über viele Kilometer durch die Flusstäler schießen und so verheerende Schäden anrichten konnte. Mit Sediment und Geröll bildet sich eine Mischung, die einerseits fließfähig ist, andererseits aber auch eine viel größere Masse und Dichte als reines Wasser hat. Sie kann hausgroße Steinblöcke über viele Kilometer mitschleppen und mit ihrer gewaltigen Wucht Infrastruktur und Gebäude einfach wegreißen.
Der Ursprung des Desasters ist inzwischen wohl identifiziert. Satellitenbilder scheinen zu zeigen, dass über einem Flusstal in Nepal ein Felssturz den darunterliegenden Gletscher zum Kollabieren brachte und die Masse rund einen Kilometer tief auf den Talgrund fiel. Die entstehende Reibung verflüssigt einen Teil des Eises, sodass sich eine Masse aus Eis, Schlamm und Geröll bildet. Grundsätzlich ähnelt das Ereignis dem Bergsturz von Blatten in der Schweiz vom 28. Mai 2025, als rund zehn Millionen Tonnen Eis und Schutt vom Birchgletscher abbrachen und mehrere Ortschaften begruben.
Ein Bergsturz mit enormer Energie
Der Bergsturz von Blatten erzeugte ein Beben der Stärke 3,1 – in Nepal hatte das mutmaßliche Signal des Sturzes laut Analysen des US-amerikanischen Geologischen Dienstes (USGS) eine Stärke von 5,2. Das würde bedeuten, dass beim Abbruch in Nepal rund 1500-mal mehr Energie frei wurde. Doch diese Anfangsmasse war wohl nicht groß genug, um die späteren Verheerungen zu erklären. Nach dem ersten Abbruch müssen noch erhebliche Mengen an Wasser und Gestein hinzugekommen sein. Die enorme Energie des Ereignisses trug womöglich dazu bei, dass das geschah.
Nach Einschätzung des Geomorphologen Dan Shugar von der University of Calgary liegt der Gletscher auf 5400 Metern – doch schon der nur wenige Kilometer entfernte Zusammenfluss von Lende Khola und Trishuli liegt weniger als 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Dieser enorme Höhenunterschied fütterte den Schlammstrom mit weiterer Energie.
Fachleute vermuten, dass bei einem großen Felssturz die aufprallende Masse aus Gestein und Eis den Porendruck im Boden des Tals so stark erhöht, dass sich das Material verflüssigt und in den sich entwickelnden Schlammstrom hineingerät. Und auch danach wechselwirkt ein hochenergetischer Geröllstrom mit den wassergesättigten Sedimenten darunter. So beschrieb eine Arbeitsgruppe, wie ein Felssturz in Tibet im Jahr 2018 durch die wassergesättigten Sedimente einer alten Gletschermoräne zu einem Schlammstrom wurde.
Wasser im Boden als wesentlicher Faktor
Hier machten Schlamm und Flüssigkeit aus dem Untergrund das Material fließfähiger und vergrößerten auch seine Mächtigkeit, sodass es viel weiter bergab strömte, als es das ursprüngliche Material allein gekonnt hätte. Die Autorinnen und Autoren der Untersuchung kommen zu dem Ergebnis, dass diese von außen eingearbeitete Flüssigkeit für die Eigenschaften des Schlammstroms eine deutlich größere Rolle spielen kann als das ursprünglich im Felssturz enthaltene Eis.
Plausibel ist, dass dieser Mechanismus auch für die Katastrophe in Nepal eine Rolle spielt. Die hausgroßen Flutwellen, die in einigen Videos zu sehen sind, stammen demnach längst nicht mehr vom ursprünglichen Gletscherabbruch. Gerade im Sommer sind die Flusstäler des Himalaja durch ergiebige Niederschläge und Schmelzwasser der Gletscher sehr wasserreich. Demnach könnte der Strom schon sehr früh so groß und energiereich gewesen sein, dass er in den Flusstälern des Lende Khola und Trishuli über viele Kilometer große Mengen Wasser und Schlamm auf dem Boden aufnahm.
Nicht zuletzt verringert die Mischung aus Wasser und Schlamm, die aus den fruchtbaren, feuchten Böden der Flusstäler entsteht, die Reibung. Der darüberrauschende Schlammstrom wird so schwächer gebremst. In dem relativ steil abfallenden Gelände gerade der Oberläufe der Flüsse nimmt der Massenstrom so enorm viel Energie auf.
Schlammströme gibt es immer wieder
Ein weiterer Faktor waren möglicherweise mehrere Wasserkraftanlagen entlang des Oberlaufs des Tishuli. Diese sind Laufwasserkraftwerke, die den Wasserstrom eines Flusses nutzen und keine großen Staumauern und Reservoirs brauchen. Allerdings brauchen auch solche Bauwerke einen gewissen Staubereich, um Schwankungen der Flussrate auszugleichen. Diese oft gar nicht so kleinen Wasserkörper können direkt den Wassergehalt des Schlammstroms erhöht und ihn so mobiler, schneller und größer gemacht haben.
Der verheerende Schlammstrom ist keineswegs der erste in dieser Region, im Gegenteil. Im Tal des Trishuli verursachte erst 2025 ein übergelaufener Gletschersee eine schwere Sturzflut, bei der rund ein Dutzend Menschen starben. 2021 verursachte ein Bergsturz aus Fels und Eis im indischen Bundesstaat Uttarakhand einen ganz ähnlichen Schlammstrom, der mehr als 30 Kilometer weit durch das Tal des Flusses Rishiganga strömte. 200 Menschen starben, zwei hydroelektrische Kraftwerke wurden zerstört. 2018 brachen in über 5000 Metern Höhe große Mengen Stein und Eis ab und verursachten einen Schlammstrom, der noch in zehn Kilometern Entfernung den Fluss Yarlung Tsangpo aufstaute. Die gleiche Situation hat sich nun im Tal des Trishuli ebenfalls entwickelt. Die enormen, von der Flut abgelagerten Schuttmassen blockieren laut Berichten einen Zufluss und stauen ihn jetzt zu einem See auf, der weitere Wassermassen in das Katastrophengebiet zu ergießen droht.
Insbesondere ist das aktuelle Ereignis nicht der erste Schlammstrom nach einem Bergsturz, der überraschend viel Wasser enthält. Fachleute diskutieren unter anderem deswegen schon länger über mögliche Warnsysteme entlang der Flusstäler, die den Menschen in so einem Fall – oder auch bei anderen Katastrophen wie auslaufenden Gletscherseen – Zeit geben könnten, sich in Sicherheit zu bringen. Tatsächlich sind solche Warnsysteme, unter anderem auf Basis von Erdbebendaten, technisch möglich.
War es der Klimawandel?
Studien zeigen jedoch, dass die größeren Schwierigkeiten darin liegen, die Warnung effektiv an die Betroffenen weiterzugeben – und dafür zu sorgen, dass sie auch angemessen reagieren. Neben geeigneter Infrastruktur wären laut Analysen dazu umfassende Informationskampagnen und vor allem regelmäßige Warnübungen nötig. Allerdings ist es höchst aufwendig, in der teilweise sehr unzugänglichen Region die nötige Technik zu installieren. Solche Systeme würden auch enge Kooperation zwischen den verschiedenen Staaten der Region erfordern, was nicht zuletzt wegen der Grenzstreitigkeiten zwischen Indien einerseits und China und Nepal andererseits schwierig ist.
Angesichts der Häufigkeit solcher Bergstürze und der entstehenden Schlammströme wäre der Aufwand gerechtfertigt. Nicht zuletzt erwarten Forscherinnen und Forscher, dass große Bergstürze durch den Klimawandel häufiger werden. Gerade die Hochgebirgsregionen des Himalaja erwärmen sich deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Das macht einerseits Gletscher instabiler und lässt andererseits den Permafrost tauen, der vielerorts noch Böden und Felswände stabilisiert. Ob der aktuelle Schlammstrom wirklich ursächlich auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann, ist allerdings jenseits solcher allgemeiner Aussagen fraglich.
Bisher sind ohnehin nur wenige Informationen darüber verfügbar, was genau beim Gletschersturz passierte. Auch welche Faktoren den Abbruch zu so einer außerordentlich verheerenden Schlammlawine machten, kann man so kurz nach der Katastrophe schlicht nicht sicher sagen. Die bei früheren Schlammströmen beobachteten Effekte können lediglich einen Hinweis geben. Welche außergewöhnliche Verkettung von Ereignissen aus einem in der Region nicht ungewöhnlichen Bergsturz eine Katastrophe mit wohl vielen Hundert Toten machte, müssen zukünftige Forschungen klären. Schon jetzt ist aber klar, dass die Kombination aus hohen Bergen, steilen Hängen, tiefen Tälern und Eis auf einer sich erwärmenden Erde auch zukünftig vernichtende Tsunamis aus Wasser und Geröll durch die Täler schicken wird. Und das nicht nur im Himalaja.
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