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Invasionsökologie: Glibbrige Globetrotter

Quallen stehen in der menschlichen Popularitätsskala der Tiere ziemlich weit hinten: Sie können feurig nesseln, in Legionsstärke durch die Meere ziehen und sind für Strandbesucher die Ekeltiere schlechthin. Und dann teilen sie mitunter auch noch unsere Reiselust.
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Seit sich der Mensch vor Jahrtausenden auf Wanderschaft gemacht hat, schleppt er in seinem Gefolge – beabsichtigt oder nicht – unzählige Tiere und Pflanzen mit sich. Deshalb bewohnen heute fern der ursprünglichen Heimat Wanderratten und Hausmäuse fast jede noch so entlegene Pazifikinsel oder flattern Haussperlinge in Havanna, Hanoi wie in Hyderabad. Hier trifft der Begriff Neozoon sicher zu. Doch wer vermag sicher darzulegen, ob bestimmte Mücken-, Floh- oder Krebschenspezies nicht schon immer weltweit prosperierten und folglich als echte Kosmopoliten zu gelten haben oder allenfalls Zugereiste sind?

Vor allem in den Meeren ist die Globalisierung der Fauna und Flora auf den ersten Blick weniger leicht sichtbar und es liegen kaum historische Aufzeichnungen vor, die einen Vergleich mit früher erlauben würden. Dabei überbringt gerade die moderne Seefahrt – deren Beginn durchaus auf die Zeit um 1500 festgelegt werden darf – exotische Arten besonders effektiv in neue Gefilde: Geschätzte 3000 Spezies schippern ständig Tag für Tag an der Außenhülle oder im Ballastwasser von Tankern, Frachtern oder Luxuslinern über die Weltmeere

In fremden Häfen werden sie dann aus den Tanks gespült oder mechanisch entfernt, sodass sie unversehens Neuwässer erobern können – im Schnitt ist etwa ein Viertel aller marinen Hafenbewohner exotischer Natur. So gelangten etwa Zebramuscheln (Dreissena polymorpha) aus dem Schwarzen Meer nach Nordamerika, während die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi den umgekehrten Weg nahm. Wer nun allerdings glaubt, dass es sich dabei nur um ein akademisches Problem handelt, der täuscht: Beide verursachten bereits Schäden in Milliardenhöhe in Fischerei, Schifffahrt oder Energieerzeugung, ganz zu schweigen von verdrängten einheimischen Spezies.

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Ohrenquallen | Ohrenquallen kommen weltweit in allen Meeren vor. Doch unklar war, ob sie das durch eigenen Antrieb schafften oder ob der Mensch sie unabsichtlich in fremde Gewässer verschleppte. Genetische Untersuchungen und Computersimulationen zeigen nun, dass es wohl weit mehr Ohrenquallenarten gibt, als bislang bekannt, aber dass viele von ihnen dennoch im Gefolge der modernen Schifffahrt an neue Gestade gelangten. Der Lebenszyklus der Quallen ist zu kurz, um ihnen eine ozeanübergreifende Ausbreitung mit Meeresströmungen zu ermöglichen.
Um sie wieder loszuwerden, setzen Behörden weltweit verstärkt auf natürliche Feinde der Tiere, die spezifisch nur auf diese eine störende Art wirken. Doch um sie zu finden – und nebenbei diverse biogeografische Fragestellungen zu klären –, muss erst einmal die ursprüngliche Heimat der unerwünschten Spezies gefunden werden. Eine Wissenschaftlergruppe um Michael Dawson von der Universität von New South Wales in Sydney widmete sich nun diesen Aspekten exemplarisch anhand der Ohrenquallengattung Aurelia, deren Art Aurelia aurita eine weltweite Verbreitung hat – so dachte die Forschung zumindest bislang.

Dawsons Team untersuchte dazu das genetische Material von insgesamt 78 Medusen – den sich geschlechtlich fortpflanzenden Stadien der Nesseltiere – aus allen Teilen der Weltmeere und erstellte daraus einen phylogenetischen Stammbaum. Hier ergaben sich bereits die ersten Überraschungen, da Aurelia weit vielfältiger zu sein scheint, als sich auf den ersten Blick erkennen lässt. Die äußerlich quasi nicht zu unterscheidenden Exemplare verteilen sich nun aufgrund diverser Erbgutunterschiede nicht mehr nur auf drei, sondern gleich auf sechzehn Arten.

Doch ist damit jetzt die weltweite Verbreitung – und damit die eventuelle Verschleppung durch den Menschen – von Aurelia aurita hinfällig? Durchaus nicht, denn einige der fragil-schleimigen Neuentdeckungen drangen wohl durchaus mit Hilfe des Menschen in unbekannte Gewässer vor: Die noch unbenannte Aurelia sp. 8 etwa nutzte, wie unzählige andere Meeresbewohner auch, die Öffnung des Suezkanals für einen Transfer vom Roten ins Mittelmeer oder umgekehrt. Und auch Aurelia aurita selbst ging auf Reisen – nun nicht mehr weltweit, wie zuvor vermutet, aber zumindest vom Nordatlantik in das Schwarze Meer.

Dass diese ozeanischen Verpflanzungen durch direkte Mitwirkung des Menschen verursacht wurden, legt ein Simulationsmodell der Forscher nahe. In dieses gaben sie den Lebenszyklus der Quallen sowie die globalen Meeresströmungen ein und berechneten damit die Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Ausbreitung der Medusen über die Weltmeere. Allerdings verdriftet immer nur das Medusenstadium der Tiere, das in der Natur jedoch maximal ein Jahr überlebt. Dieser Schwimmkörper produziert wiederum durch sexuelle Fortpflanzung eine Larve, die sich nach etwa einer Woche auf nicht zu tief liegendem Meeresboden fest ansiedelt und dort zu einem so genannten Polypen heranwächst, der neuerliche Medusen auf ungeschlechtliche Weise hervorbringt.

Diese Abfolge ist folglich zu kompliziert und kurzfristig, um komplette Ozeanüberquerungen zu durchlaufen – sogar wenn dazwischen liegende Inseln als Trittsteine dienen: Nach etwa 100 bis 1000 Jahren erreichten die Quallen im Modell ein stabiles und regional begrenztes Verbreitungsgebiet ohne weitere Expansion, wie sie für einige Aurelia-Arten auch gegenwärtig gültig sind. Selbst nach Durchläufen mit 10 000 Jahren schaffte keine Spezies den Sprung von Japan oder Australien nach Nordamerika, denn um den ganz großen Teich letztendlich überwinden zu können, braucht es fünf bis zehn Jahre, ohne dass Land in Sicht käme.

Um etwaige Distanzen doch zu überbrücken, benötigen die Nesseltiere folglich Hilfe, die sie in Form menschlicher Schifffahrt auch bekommen: Mit ihr gelangte etwa Aurelia sp. 1, die sich mittlerweile globaler Verbreitung erfreut, von Australien nach Kalifornien und Europa, wo sie jeweils immer dann erstmals auftrat, nachdem sich der frachtergebundene Warenaustausch zwischen diesen Destinationen intensivierte. Im Gegensatz zu anderen tierischen Neubürgern leidet sie noch kaum unter genetischer Armut, denn Vertreter ihrer Art wurden immer wieder in diese Häfen deportiert – was das Erbgut der Populationen regelmäßig auffrischte.

Unter diesen Quallen gibt es sogar Kriegsgewinnler: Aurelia sp. 4, die eigentlich auf das Gebiet zwischen Borneo und den Palau-Inseln beschränkt war, schwebt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nun auch durch die Gewässer Hawaiis, wo sie erstmals im Hafenbecken von Pearl Harbor nachgewiesen wurde. Verfrachtet wurde sie dorthin durch die zahlreichen Kriegsschiffe, die beständig zwischen der Inselwelt des Westpazifiks und ihrem Stützpunkt pendelten.
17.08.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 17.08.2005

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