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Globaler Tod, die Sechste?

Fünf Mal in 600 Millionen Jahren Erdgeschichte musste das Leben auf unserem Planeten besonders empfindliche Verluste hinnehmen. Nun erlebt es offenbar das sechste solche Ereignis, ausgelöst nicht etwa durch äußere Einflüsse, sondern durch einen jungen, rücksichtslosen, machthungrigen Emporkömmling - Homo sapiens.
Mal ehrlich: Wann haben Sie den letzten Apollofalter gesehen? Diesen weiß-schwarzen Falter mit seinen charakteristischen roten Flecken? Dieses Jahr noch nicht, das ist klar, denn es dauert noch ein wenig, bis seine Zeit – der Sommer – gekommen ist. Auch ist er nicht leicht zu entdecken, schließlich bevorzugt er felsige Bereiche im Bergland. Doch selbst zur richtigen Zeit am richtigen Ort werden Schmetterlingskundler bald betrübt feststellen müssen: Nein, auch hier gibt es ihn nicht mehr – wieder ein Punkt weniger auf der Verbreitungskarte. Denn der Apollofalter ist in Deutschland akut vom Aussterben bedroht. Und er ist bei weitem nicht der einzige der 3600 heimischen Schmetterlingsarten.

Dabei verschwinden weltweit nicht nur Schmetterlinge von der Liste – in allen Tier- und Pflanzengruppen gibt es Vertreter, die Naturschützern Sorge machen, weil sie ums Überleben kämpfen. Lebensraumzerstörung, Ausrottung durch Jagd oder indirekt durch die Verringerung der Nahrungslieferanten, der Mensch hat viele Wege gefunden, seinen Mitgeschöpfen das Leben schwer bis unmöglich zu machen. Erwirbt er sich gar gerade den traurigen Ruhm, für das sechste Massenaussterben auf Erden verantwortlich zu sein?

Um diesen Vorwurf zu belegen oder abzuschmettern, sind umfangreiche Daten nötig. Daten, wie Jeremy Thomas und seine Kollegen vom Centre for Ecology and Hydrology Dorset zum einen und Carly Stevens und seine Mitarbeiter von der Open University zum anderen nun vorlegen. Und ihr Schluss ist klar: Ja, der Mensch produziert Massenaussterben Nummer sechs.

Thomas und seine Mitarbeiter griffen auf Studien zur Pflanzen- und Tierwelt Großbritanniens zurück, für die in den vergangenen zwanzig bis vierzig Jahren ein Arteninventar der Vögel, Schmetterlinge und Pflanzen der Insel erstellt wurde. Tausende Freiwillige hatten damals im Zehn-Kilometer-Raster akribisch alles aufgelistet, was ihnen fliegend, flatternd oder blühend vor die Füße kam. Erst kürzlich wurde diese Anstrengung wiederholt und bietet damit ein Bild der Geschehnisse in den letzten Jahrzehnten. Ein erschreckendes Bild: 71 Prozent der untersuchten 58 Schmetterlingsarten und 54 Prozent der über 200 Vogelarten in Großbritannien sind in den letzten zwanzig Jahren zurückgegangen oder gar ausgestorben [1]. Damit ist erstmals für eine Insektengruppe bewiesen, dass sie ähnlich wie Vögel und Pflanzen heftig unter der Zerstörung ihres Lebensraumes leidet.

Die Wissenschaftler um Carly Stevens beschäftigten sich dagegen mit dem Einfluss des Stickstoffeintrages auf 68 Grasländer querbeet in Großbritannien. Nicht nur Dünger sorgt für ständig steigende Konzentrationen, große Mengen des Nährstoffes gelangen über die Luft aus Abgasen von Industrie und Verkehr auch in abgelegene Ökosysteme, denen das Zusatzfutter gar nicht bekommt: Auch hier veränderten sich die Artenzahl und -zusammensetzung drastisch. Und das eindeutig zu Ungunsten: 28 Prozent von 1254 einheimischen Pflanzenarten erlebten in den vergangenen vier Jahrzehnten empfindliche Einbußen.

"Die durchschnittliche Stickstoffverschmutzung in Großbritannien und Europa könnte die Artenvielfalt um 20 Prozent verringern", erklärt die Forscherin. Ihre Ergebnisse zeigen, dass selbst der von der Europäischen Union gesetzte Grenzwert von 25 Kilogramm Stickstoff pro Hektar schon zu hoch liegt, da selbst geringe Nährstoffeinträge bereits eine Reduktion der Artenzahl bewirken können.

Mag sein, dass eine Übertragung der Ergebnisse auf die ganze Welt überzogen erscheint, doch sind die britischen Forscher nicht die einzigen, deren Arbeit eindrücklich vor einem globalen Massenaussterben warnt. Und die Größenordnungen des Artenverlustes, die in diesen beiden Studien zum Ausdruck kommen, lassen sich durchaus einreihen in die Ausmaße der bisher fünf großen Extinktionen in den 600 Millionen Jahren Geschichte des Lebens.

Allerdings gibt es einen großen Unterschied: Der auslösende Faktor ist diesmal nicht eine natürliche Klimaschwankung, irgendwelche Meteoriteneinschläge, Vulkanausbrüche oder sonstige große natürliche Unbill, nein – ein kleiner, junger Zweig der Evolution ist offenbar auf dem besten Wege, den gesamten alten Baum abzusägen. Ohne daran zu denken, dass er sich damit unheilbar tief ins eigene Fleisch schneidet.

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  • Quellen
[1] Science 303: 1879–1881 (2004)
[2] Science 303: 1876–1879 (2004)

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