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Neurotransmitter: »Jedes Alter braucht ein anderes Glück«

Dopaminschübe, Stresspausen und schließlich Gelassenheit – unser Glück wandelt sich mit dem Leben. Große Krisen können hierbei hilfreich sein, sagt der Mediziner Tobias Esch. Ein Interview
Ein Skateboarder führt einen Trick in der Luft aus, während er über eine Rampe springt. Im Hintergrund sind Gebäude und ein bewölkter Himmel zu sehen. Zwei Personen beobachten die Szene, eine davon hält eine Kamera.
Nervenkitzel ist ein typischer Glückstreiber in jungen Jahren. Später treten andere Facetten von Glück in den Vordergrund.

Herr Esch, die berühmte Opernsängerin Maria Callas soll einmal gesagt haben: »Es gibt Leute, die zum Glücklichsein geboren werden, und andere, die zum Unglücklichsein bestimmt sind. Ich habe einfach Pech gehabt.« Was hätten Sie ihr als Glücksforscher geantwortet?

Frau Callas hatte in ihrem Leben sehr unterschiedliche Phasen. Dieses Zitat stammt aus der letzten, und die war von gleich drei Unglücken geprägt: Sie war von ihrem Geliebten verlassen worden. Hinzu kam eine Depression und dann auch noch Alkoholmissbrauch. All das hinderte Maria Callas leider daran, noch in die letzte von drei Glücksphasen im Leben einzusteigen. Sie starb dann schon mit 53 Jahren.

Hätte die Diva denn, nachdem sie lange als Superstar gefeiert worden war, im Alter je wieder glücklich werden können – ohne diese Droge des Erfolgs?

Glück hat verschiedene Farben, und diese Farben verändern sich über die Lebenszeit. Die Königsklasse ist zumindest laut Aristoteles die »Eudaimonie« – eine Zufriedenheit, die gerade das Alter kennzeichnet, die weniger narzisstisch ist und weniger Applaus braucht. Eudaimonie ist eine Form von Zufriedenheit, die von innen kommt. Wir sprechen daher mitunter auch von Glückseligkeit.

Ziehen speziell Bühnenkarrieren vielleicht Menschen an, die vom Charakter her eher nach äußerer Anerkennung lechzen?

Das mag so sein. Und gerade narzisstisch veranlagte Menschen haben teils Schwierigkeiten, in diese dritte Lebensphase der Eudaimonie einzugehen. Vielleicht hat die Callas aber auch einfach nicht lange genug gelebt. Der Lebenslohn der Alterszufriedenheit setzt meist etwas später ein, das zeigen die Statistiken. Wenn sie die akuten Schicksalsschläge überlebt hätte, wäre sie vielleicht als alte Frau doch noch glücklich geworden.

Eine schöne Vorstellung.

Ja, aber hier gibt es natürlich einen Vorbehalt. Statistisch gesehen erleben die allermeisten Menschen Glück, aber eben nicht alle.

»In jeder Lebensphase dominiert ein anderer Cocktail aus Botenstoffen unser Motivationssystem«
Tobias Esch |

Der Arzt, Neurowissenschaftler und Gesundheitsforscher ist Professor und Lehrstuhlinhaber an der Universität Witten/Herdecke und leitet dort das Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung.

Welche Formen des Glücks kommen vor der Eudaimonie-Phase?

Wir kennen aus der Neurobiologie drei Formen des Glücks, bei denen unterschiedliche Gehirnregionen und Botenstoffe beteiligt sind. Ich nenne es das ABC-Modell des Glücks. Glück gibt es zumeist nur im Plural, jedes Alter braucht ein anderes, in jeder Lebensphase dominiert ein anderer Cocktail aus Botenstoffen unser Motivationssystem. Zunächst einmal ist da in der Phase A das jugendliche Glück des Habenwollens und der Ambition. Es jagt nach Vergnügen, Nervenkitzel, ist risikofreudig und lustbetont, hat Appetit. Oft ist es mit dem Botenstoff Dopamin verbunden und nicht festhaltbar.

Was ist das B in Ihrem Modell?

Das Glück der Erleichterung in den mittleren Jahren. Es ist gekennzeichnet von Aversion und Bedrohungsvermeidung. Viele Menschen sind durch Beruf und Familie im Dauerstress. Das B-Glück ist eher ein Gefühl der Erleichterung, wenn Sorgen, Schmerz und Stress einmal nachlassen. Das geht oft einher mit dem Ausstoß von Endorphinen und vor allem einer Regulation der Stresshormone.

Und nach der Rushhour des Lebens folgt in Phase C die Eudaimonie – ausgerechnet dann, wenn es mit Karriere, Ruhm und Gesundheit bergab geht?

Das ist auch als Zufriedenheitsparadox bekannt. Auch wenn die unterschiedlichen Botenstoffe im Belohnungssystem in jeder Lebensphase stets zusammenwirken, dabei aber unterschiedliche Provenienzen haben, geht diese Alterszufriedenheit mit höheren Levels an Botenstoffen wie Oxytocin und Serotonin einher – oder sogar endogenem Opium, das heißt körpereigenem Morphium. Das nennen wir in der Fachliteratur zuweilen »Quiescence«, eben weil Geist und Organismus zur Ruhe kommen. Das ist eine stille Form der bescheidenen Zufriedenheit, welche den wilden Sturm und Drang des Dopaminglücks und die ängstliche Flucht vor dem Schmerz im Endorphinglück oder den Stress des mittleren Alters wieder einfängt und gewissermaßen abschließt. Mit der Eudaimonie laufen wir gleichsam in den Hafen der Zufriedenheit ein, wie Odysseus nach seiner langen Irrfahrt übers Meer.

»Wie glücklich ich bin, lässt sich wohl zu zwei Dritteln beeinflussen«

Und dennoch scheint es Menschen zu geben, die eher zum Glück geboren sind als andere. Angeblich soll die genetische Veranlagung in etwa zu 50 Prozent zum Glücksempfinden beitragen, rund zehn Prozent hängen von den Lebensumständen wie Armut oder Krieg ab und die restlichen 40 Prozent lassen sich beeinflussen.

Diese Statistik geht beispielsweise auf die Psychologin Sonja Lyubomirsky von der University of California in Riverside zurück; um die Details gibt es seit Jahren immer wieder Fachdebatten. Aber weiten wir einfach mal den Blick und schauen weiter zurück in der Forschungsgeschichte, dann fällt auf: Ursprünglich wurde der Anteil der Vererbung sogar bei rund 80 Prozent vermutet. Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigte sich, unter anderem durch Zwillingsstudien, dass der genetische Anteil deutlich niedriger liegt. In den letzten Jahren neigen immer mehr Forschende eher dazu, den Anteil der Gene bei vielleicht einem Drittel zu sehen. Das bedeutet: Wie glücklich ich bin, lässt sich wohl zu zwei Dritteln beeinflussen.

Bin ich meines Glückes Schmied?

Nein, so einfach ist es nicht. Denn dazu kommen Faktoren wie beispielsweise: Wurde ich in einem Bürgerkriegsland geboren, oder vielleicht in eine verarmte Familie? Hinzu kommt die Pfadabhängigkeit. Kleine, genetisch bedingte Charakterunterschiede in der frühen Kindheit können kumulativ einen großen, selbstverstärkenden Effekt haben. Wenn ich als Kind etwas aufgeschlossener bin, mache ich vielleicht mehr positive Erfahrungen, ich fühle mich besser, bekomme mehr Anerkennung, werde dadurch noch selbstbewusster. Wenn ich dagegen als Kind eher zweifle und misstrauisch bin, dann werde ich viel häufiger in meiner Skepsis bestätigt. Wir sprechen in Neurobiologie und Psychologie auch von Lämmern und Böcken. Und wenn ich als eigensinniger, skeptischer Bock geboren wurde, dann kann das mein ganzes Leben prägen.

Man braucht also auch etwas Glück, um glücklich zu sein?

Ja, manche Menschen bauen auch schlicht rein körperlich den Belohnungsbotenstoff Dopamin schneller ab. Ihre Grundausstattung oder Werkseinstellung neigt einfach dazu, die Botenstoffe des Belohnungssystems schneller verschwinden zu lassen. Damit fallen ihnen Vorfreude und Typ-A-Glück tendenziell schwerer, sie neigen zu mehr Skepsis und zeigen übrigens auch einen geringeren Placeboeffekt. Und dennoch kann man trotz dieser Bedingungen glücklich sein – oder es werden.

Könnte ich mich denn wie Münchhausen am eigenen Schopf aus meiner Glücksbiologie herausziehen?

Es gilt, Freiräume zu nutzen, selbst unter schwierigen Umständen. »Trotzdem Ja zum Leben sagen«, nannte das der Wiener Nervenarzt Viktor Frankl, der in der NS-Zeit vier Konzentrationslager überlebt hatte.

Das erscheint wie eine fast übermenschliche Leistung, die Frankl viel Anerkennung einbrachte.

Das stimmt, aber wir können daraus viel für den Alltag lernen. Wir alle kennen wahrscheinlich Menschen, die gerade schlimme Dinge erleiden. Unser Nachbar zum Beispiel macht gerade eine Krebserkrankung durch; eine Freundin hat gerade ein Kind verloren; meine Mutter ist 93 und hat ein offenes Bein. All diese Menschen haben die Möglichkeit zur Selbsttranszendenz, wenn sie sich neu aufstellen und es schaffen, loszulassen vom Ego. Frankl nannte das die Bewältigung der Vergänglichkeit.

Viktor Frankl (1905–1997) |

Der jüdischstämmige österreichische Neurologe und Psychiater hatte als KZ-Häftling die NS-Jahre überlebt. Sein berühmtes Werk »… trotzdem Ja zum Leben sagen« von 1946 beschreibt, wie Menschen selbst unter extremen Bedingungen Sinn im Leben finden können.

Klingt das nicht eher resignativ?

Nein, im Gegenteil. Wer die eigene Vergänglichkeit annimmt, kann lernen, auf das zu schauen, was bleibt. Glücksempfinden kann auch daraus entstehen, dass ich sozusagen nach der Ernte nicht auf das kahle Stoppelfeld starre, sondern auf den vollen Kornspeicher. Was ist meine Essenz? Wofür hat es sich gelohnt, zu leben?

Ist diese Selbsttranszendenz nicht nur ganz wenigen Weisen vorbehalten?

Nein, sie scheint im Gegenteil von unserer Neurobiologie her in allen Menschen prinzipiell angelegt zu sein. Die Eudaimonie des Alters ist in sehr vielen Studien immer wieder belegt worden. Die Zunahme des Glücks trotz körperlicher Leiden ließ sich unabhängig von Einkommen und Kultur in 145 Ländern belegen. Allerdings muss man fairerweise auch hinzufügen: Der allerletzte Lebensabschnitt ist oft einfach nur von Elend und Schmerzen geprägt, da gibt es wenig zu beschönigen.

Wie aber sieht es am Anfang des Lebens aus, bei Kleinkindern, bevor sie »ich« sagen können? Leben zum Beispiel Vorschulkinder ebenfalls gemäß dem C-Glück des interesselosen Wohlgefallens in Eudaimonie, bevor sie mit der Pubertät zunehmend ins dopamingetriebene Motivationssystem A hereinwachsen?

Eine gute Frage. Ja, die Eudaimonie des Alters ist wahrscheinlich nur ein schwaches Echo der völlig ozeanischen Geborgenheit, in welcher der Fötus im Mutterleib heranwächst. Es gibt kein Außen, kein Selbst, alles ist reine Gegenwärtigkeit. Aber dann kommt die Geburt, die sich wie ein großes Unglück anfühlen muss: Vorher war es warm, immer war etwas zu essen da, alles war sicher und schön. Plötzlich der Druck im Geburtskanal, draußen ist es kalt, die Nabelschnur wird durchtrennt, das Neugeborene muss Stress machen, es muss seinen Schmerz hinausschreien, damit sich seine Lungen mit Luft füllen und es leben kann.

Und am Ende des Lebens wirken viele demenziell veränderte Menschen dann wieder wie Kleinkinder in ihrem selbstverlorenen Gestammel …

Aber etwas bleibt, so etwas wie ebenjene Essenz von mir, wie es beispielsweise der Alternsforscher Andreas Kruse von der Universität Heidelberg einst nannte. Diese Essenz ist nicht an Intelligenz und Leistung gebunden. Diese Eudaimonie im Motivationssystem C schließt den Kreis des Lebens. »Zwischen den jungen und den alten Erdenkindern gibt es eine unsichtbare Verbindung, die ihren Ursprung dort hat, wo das Leben hingeht und wo es herkommt«, soll Rembrandt gesagt haben. Und im Matthäus-Evangelium heißt es: »Ihr müsset werden wie die Kinder, um ins Himmelreich zu kommen!« Mit der Selbstauflösung schließt sich der Kreis des Glücks.

»Wohin gehn wir denn? Immer nach Hause«, heißt es bei Novalis.

Das trifft es gut. Als Arzt weiß ich: Wenn man demente Menschen fragt, wo sie hinwollen, sagen sie oft: nach Hause. Das beschreibt diese Lebensreise durch unsere drei Motivationssysteme sehr gut: C, A, B, C.

Dem Geigenvirtuosen Itzhak Perlman riss im New Yorker Lincoln Center vor voll besetztem Haus einmal eine Saite, direkt vor dem Konzert. Perlmann improvisierte mit den verbleibenden drei Saiten. Es wurde eines seiner besten Konzerte, das Publikum war begeistert. Perlman sagte dazu: »Wissen Sie, manchmal ist es die Aufgabe des Künstlers, herauszufinden, wie viel Musik man noch machen kann mit dem, was einem noch übrig geblieben ist.« Diese Anekdote erzählen Sie in Ihrem Buch »Die Neurobiologie des Glücks«. Aber legen Genies wie Perlman die Latte nicht sehr hoch – so hoch, dass sie kaum erreichbar erscheint für weniger Begnadete?

Nein, genau diese Eudaimonie wird von viel mehr Menschen gelebt, als wir bislang wussten, das stellt die Forschung erst jetzt fest. Seit fünf Jahren sind wir dabei, möglichst viele Menschen für eine breit angelegte Studie dazu zu befragen, in Zusammenarbeit auch mit meinen amerikanischen Kollegen, etwa an der Harvard University. Wir suchen gezielt nach Menschen, die in der mittleren Lebensphase durch einen Schicksalsschlag gezwungen werden, sich umzuorientieren, vom Glück B auf das Glück C. Das geschieht bei den meisten über viele Jahre, und meist erst ab Ende 50.

Wie finden Sie diese Unglückspilze?

Wir arbeiten mit vielen Institutionen, Netzwerken und auch Kliniken zusammen, die unsere Einladung an Menschen weitergeben, die etwa durch einen Unfall querschnittsgelähmt wurden und nun plötzlich im Rollstuhl sitzen. Außerdem schauen wir uns große epidemiologische Datenbanken auch aus Deutschland an, die Menschen über längere Zeiträume begleiten. Wir sehen hier teilweise unglaubliche Dinge.

Sicherlich viel Verzweiflung wie bei Maria Callas?

Natürlich, aber bei ganz vielen Menschen sehen wir nach einem Schicksalsschlag ein posttraumatisches Wachstum und ein rasches Umstellen des Motivationssystems von B zu C – oder sogar von A zu C.

Das erinnert an prominente Beispiele wie das der früheren Bahnradrennfahrerin Kristina Vogel, die nach einem schweren Unfall querschnittsgelähmt ist, oder von Samuel Koch, der bei »Wetten dass …?« versuchte, mit Sprungfedern über ein Auto zu hüpfen und dabei schwer verunglückte. Aber sind diese Geschichten nicht deshalb so schlagzeilenträchtig, weil sie eben so selten sind?

Genau hier liegt ein Missverständnis. Diese Glücksbiografien scheinen viel häufiger zu sein, als wir in Öffentlichkeit und Forschung bislang angenommen haben. Bei der Durchsicht unserer Patienteninterviews und Forschungsdaten drängt sich mir der Verdacht auf: Fast jeder Mensch hat möglicherweise das Potenzial, in kürzester Zeit das Belohnungssystem umzustellen auf das bescheidene, geduldige System C, das eigentlich mit dem Alter einhergeht, sich aber auch in jungen Jahren aktivieren lässt. Diese Menschen, die beispielsweise im Rollstuhl sitzen und zufrieden sind, das müssen keine Promis oder Genies sein. Das könnten oft einfach meine Nachbarn sein oder beliebige Leute von der Straße. Selbst junge Menschen können lernen, Musik zu machen mit dem, was noch übrig ist, was das Instrument oder die eigene Stimme hergibt. Allerdings gilt das auch nicht für jeden. Und genau das beforschen wir.

Samuel Koch |

Der Schauspieler und Autor verunglückte im Jahr 2010 in der Fernsehsendung »Wetten, dass …?«, als er versuchte, mit speziellen Sprungstiefeln nacheinander über fünf fahrende Autos zu springen. Er ist vom Hals abwärts querschnittsgelähmt.

Wie gelingt diesen Menschen das Umsteuern? Was haben diese Menschen, was Maria Callas fehlte?

Sie müssen einen neuen Lebenssinn finden. »Wer ein Wofür zu leben hat, erträgt fast jedes Wie«, heißt es in der »Götzen-Dämmerung« bei Friedrich Nietzsche. Viktor Frankl verwendete dafür jenen Begriff der Selbsttranszendenz. Damit meint er genau das: Als Spezies sind wir gut darauf vorbereitet, trotzdem Ja zum Leben zu sagen.

Durch unseren überschäumenden Optimismus?

Nein, weil wir flexibel sind. Homo sapiens hat die nötige Gehirnplastizität, um perspektivisch zwischen den drei Motivationssystemen zu wechseln – so wie zwischen verschiedenen Sprachen –, um an wechselnde Umweltbedingungen angepasst zu sein, vom Uterus über die Jugendabenteuer und die arbeitsreiche Lebensmitte bis hin zur Weisheit des Alters.

Es sei denn, man hat Pech in der Genlotterie …

Statistisch betrachtet haben die meisten von uns das genetische Potenzial zum Glück. Aber natürlich gibt es dafür keine Garantie, das Leben ist ein Prozess, der nur Wahrscheinlichkeiten kennt. Aber die sind auf unserer Seite. Unsere Chance auf die angemessene Farbe des Glücks, passend zu unserer Situation, sind sehr gut, entwickelt über Jahrmillionen der Evolution.

Aber ausgerechnet ganz am Ende des Lebens versagen diese Systeme dann oft leider?

Ja, aber meist geht es dabei nur um eine sehr kurze Zeit. Diese Ergebnisoffenheit zu akzeptieren, auch das gehört zur Eudaimonie.

Ist Ihre Glücksforschung stoisch grundiert?

Ich schätze die Stoa sehr. Aber in der Philosophie gibt es viele uralte Strömungen, die ähnliche Beobachtungen gemacht haben wie wir mit unserer Forschung heute. Der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart sagte zum Beispiel: »Nimm dich selbst wahr, und wo du dich findest, da lass von dir ab; das ist das Allerbeste.« Er beschreibt hier recht treffend den Übergang von Motivationssystem A und B zur Eudaimonie des Systems C.

Wie kommt es, dass ausgerechnet viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen in Arztberufen so unglücklich sind?

Dafür mag es viele Gründe geben, darüber haben wir ebenfalls geforscht: Überarbeitung, Burn-out, Zeitdruck. Aber es gibt auch eine philosophische Ebene: In der Medizin messen wir gemeinhin drei Dimensionen der Gesundheit: die körperliche, die geistig-mentale und die soziale. Alle drei werden objektiv gemessen, und alle drei verschlechtern sich für die meisten Patienten mit zunehmendem Alter. Zwei Drittel der Menschen über 65 sind in Deutschland chronisch krank, sie haben mindestens zwei Diagnosen zu Krankheiten, die sie nicht wieder loswerden. Das menschliche Leben läuft danach auf den größten anzunehmenden Unfall in der Medizin zu: den unausweichlichen Tod – schrecklich. Aber jetzt kommt es: Trotz des Niedergangs in drei Dimensionen empfinden viele alte Menschen mehr Zufriedenheit als in jungen Jahren. Bislang hat die Medizin auf diesen Widerspruch keine gute Antwort.

»Wir wollen die bislang in der Medizin übersehene Dimension des Lebensglücks sichtbar machen«

Weil die Frage nach dem Glück dem Versuch gleicht, einen Pudding an die Wand zu nageln?

Das wäre mir zu fatalistisch. Eine evidenzbasierte Erklärung des Zufriedenheitsparadoxons ist durchaus möglich. Denn es gibt eine vierte Dimension der Gesundheit, und das ist die Sinnfrage, also die subjektive Bedeutung, die ich meinem Leben gebe. Diese Dimension ist genau so wichtig wie die anderen drei, und sie sollte ebenso gemessen werden. Das ist nicht einfach, aber mit unserer Studie zum Lebensglück von Querschnittsgelähmten wollen wir dazu beitragen, die bislang in der Medizin übersehene Dimension des Lebensglücks sichtbar zu machen.

Was würden wir dann sehen?

Wir alle sind Vergänglichkeitsbewältiger, wie es Viktor Frankl nennt. In der Medizin hat dieses Phänomen bislang keinen Ort, und das führt zu großer Frustration bei Ärzten und Patienten gleichermaßen. Ohne die Sinndimension kann aber der körperliche Verfall zu Zynismus und Burn-out führen. Und dieser Dauerstress wiederum erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein Teufelskreis. Wir nennen die vierte Dimension der Gesundheit auch die spiritokulturelle. Neben Sinn geht es hier etwa um Heimat und Kultur: Wofür stehe ich morgens auf – und warum gerade hier? Manchmal verlieren Ärzte vielleicht diese Perspektive, die Beheimatung im eigenen Leben, außerhalb der Medizin.

Gibt es einen Ausgang aus diesem teils selbst verschuldeten Unglück? In Ihrem Buch »Neurobiologie des Glücks« fordern Sie die Lesenden auf, als Teil der Vergänglichkeitsbewältigung einen Nachruf auf sich selbst zu schreiben. Haben Sie Ihren eigenen schon verfasst?

Nein, ich muss gestehen, ich habe die von mir verschriebene Glücks-Medizin sozusagen selbst noch nicht eingenommen. Wohl aber habe ich über die Inschrift auf meinem Grabschein sinniert.

Und was könnte auf Ihrem Grabstein stehen?

Na ja, mein Team und Menschen, die mich sonst im beruflichen Kontext erleben, merken wohl hoffentlich, dass ich ernsthaft bemüht bin. Und dass ich Fehler zugeben kann. Es würde mir reichen, wenn dies von mir bleibt: »Er hat sich Mühe gegeben.«

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  • Quellen

Blanchflower, D., Journal of Population Economics 10.1007/s00148–020–00 797-z, 2021

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