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Pharmakologie: Glück mit Nebenwirkung

"Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen", so lautet ein gehässiger Schulhofspruch. Das mag manch einer nicht gerne hören, und versucht es dann eben doch - mit den Pillen. Immer mehr Menschen nehmen Substanzen ein, um ihre Gehirnleistung zu verbessern. Oder einfach nur, um gute Laune zu haben.
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Prozac hat sich zur Lifestyle-Droge entwickelt. 35 Millionen Menschen weltweit schlucken sie als "mood stabilizer", meistern damit schwierige Lebensphasen oder nutzen sie einfach zur Stärkung ihres Selbstwertgefühls. In den USA ist eine regelrechte Prozac-Generation entstanden, völlig gesunde Menschen können sich ein Leben ohne das Mittel gar nicht mehr vorstellen. Aber als Lifestyle-Droge war Prozac eigentlich nicht konzipiert, in den 1980er Jahren kam es als Mittel gegen Depressionen auf den Markt. Nur liegt es aber in der Natur der Dinge, dass ein Mittel, das bei depressiven Menschen die Stimmung hebt, dies auch bei gesunden Menschen vermag – und so wird es auch von diesen genommen.

Auch andere Medikamente, die auf das Gehirn wirken, finden einen immer breiteren Absatz. Provigil (Modafinil) ist als Medikament gegen Narkolepsie, eine seltene Schlafstörung entwickelt worden. Aber seit 2004 ist es auch zur Behandlung von Schlafproblemen bei Nachtschicht-Arbeitern zugelassen und wird auch von manch einem Geschäftsmann gegen Jetlag genommen. Bis zu fünf Prozent der US-amerikanischen Schulkinder nehmen Ritalin, ein Medikament zur Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndroms (ADHS). Neunzig Prozent der Ritalin-Produktion wird in den USA abgesetzt – was wohl kaum die tatsächliche Verteilung ADHS-kranker Kinder in der Welt reflektiert.

"Der Trend kommt aus den USA, aber der Zugang zu diesen Substanzen ist auch hierzulande durch die Einführung des Internets erheblich leichter geworden", sagt Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Zwar unterliegen Medikamente wie Prozak oder Ritalin dem Arzneimittelgesetz und müssen vom Arzt verschrieben werden, aber im Internet bieten einige Firmen per Mausklick fast alles, was man für ein scheinbar sorgloses, erfolgreiches Leben so brauchen kann. Wer kein Rezept hat, füllt einen Fragebogen online aus und bekommt per Internet-Diagnose eines ausgestellt. Da kann man sich dem Eindruck, es geht hier mehr um Verkaufen als um Heilen, kaum noch entziehen.

Markt oder Medizin?

Wenn immer mehr Menschen Medikamente nehmen, um einem Idealbild zu entsprechen, hat das auch Auswirkungen auf die Gesellschaft – denn was therapierbar ist und therapiert wird, wird sehr schnell auch als krank definiert. Der gesellschaftliche Gute-Laune-Anspruch und Leistungsdruck wächst, dadurch verschiebt sich die Grenze zwischen krank und gesund. So manch eine Eigenart wird als medizinisch relevante Erkrankung definiert, die dann therapiert werden muss. "Heute will man gleich eine Erklärung, wenn das Kind kein Einstein wird", meint Hüther, "und dann kommt uns eine Medizin entgegen, die die entsprechenden [therapeutischen und] diagnostischen Instrumente zur Verfügung stellt, um bestimmte Subgruppen herauszudefinieren und ihnen das Label einer Erkrankung aufzudrücken."

"Kinder sind keine Gartenzwerge, die nach immer gleicher Norm hergestellt werden"
(Gerald Hüther)
Vor allem im Bereich der Kinderpsychologie sind die Übergänge sind zwischen krank und gesund fließend. Manche Kinder lernen schnell lesen, andere brauchen etwas länger. Ab wann nennt man sie Legastheniker? Manche Kinder sind etwas disziplinierter, andere etwas unruhiger. Heißt das gleich, dass sie unter ADHS leiden? "Kinder sind eben keine Gartenzwerge, die alle nach der gleichen Norm hergestellt werden, es gibt große individuelle Unterschiede. Es gibt auch oft Entwicklungsverzögerungen, die später ohne Probleme aufgeholt werden", erklärt Hüther. Bekommen diese Kinder aber vorzeitig den Stempel der Krankheit aufgedrückt und werden mit Medikamenten abgespeist, beraubt man sie der Möglichkeit, ihre Entwicklung aus eigenem Antrieb zu stabilisieren.

"Es gibt Kinder, die sind 15 Jahre lang mit Ritalin behandelt worden und haben nicht ein einziges Mal einen Psychotherapeuten gesehen", berichtet Hüther. Laut Leitlinien der Fachverbände für Kinder- und Jugendpsychiatrie sollte Ritalin nur in Zusammenhang mit einer Psychotherapie gegeben werden. Aber das ist, laut Hüther, ein reines Lippenbekenntnis. "In der Praxis gibt es für die vielen Kinder, die mit Ritalin behandelt werden, gar keine Kapazitäten und psychotherapeutische Möglichkeiten". Mit Ritalin bekämpft man aber nicht die Ursache der Krankheit, sondern lediglich die Symptome. Werden die Ursachen der Störung nicht angegangen, müssen die Kinder über Jahre hinweg täglich das Medikament einnehmen.

Schöner Leben mit Amphetamin

Ritalin wirkt auf den Dopamin-Haushalt – wie genau, weiß keiner. "Einige Experten sagen, es setzt Dopamin im Hirn frei, ich selbst gehöre zu der Gruppe die sagen, es schaltet das dopaminerge System ab", so Hüther. Dopamin ist ein so genannter Neurotransmitter, ein Botenstoff im Gehirn, mit dessen Hilfe Signale zwischen Nervenzellen ausgetauscht werden. Dopamin ist an vielen Funktionen des Gehirns beteiligt, die dann durch die Gabe von Ritalin beeinflusst werden. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Ritalin Nebenwirkungen hat, wie zum Beispiel Schlaflosigkeit oder Appetitlosigkeit. Ritalin gehört, wie die Droge "Speed", zu den Amphetaminen und fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Allerdings besteht nach vorliegenden Untersuchungen kein erhöhtes Risiko der Suchterkrankung durch eine Behandlung mit Ritalin.

Auch andere Medikamente, die die Gehirnfunktion beeinflussen, wirken auf Neurotransmitter. Eine Klasse von Antidepressiva, zu der auch Prozak gehört, wirkt zum Beispiel auf das serotonerge System. Aber Serotonin regelt nicht nur die Gemütsverfassung, es wirkt auch auf den Appetit, auf das Schlafverhalten und beeinflusst ganz grundlegende Funktionen wie die Atmung. "Sie werden kaum eine Substanz finden, der selektiv nur die Wirkung von Serotonin auf den Schlaf verändert, Sie müssen immer in Kauf nehmen, dass diese anderen vom serotonergen System geregelten Funktionen mitbeeinflusst werden", erklärt Hüther. "Jedes Medikament, das in diese Signalwege eingreift, hat Nebenwirkungen, weil diese Signalwege so vielfältig verwendet werden. Der Traum der Pharmakologen, für jedes Krankheitsbild ein Medikament zu finden, hat sich ausgeträumt".

Diese Tatsache hat sich allerdings in der Öffentlichkeit wohl noch nicht ganz herumgesprochen. "Es entsteht immer mehr die Erwartungshaltung, dass sich jede Abweichung von der Norm durch ein entsprechendes Medikament normalisieren lässt. Und das ist, glaube ich, ein Trugschluss", meint Hüther. Nicht nur ist das technisch nicht machbar, es ist auch gesellschaftlich nicht unbedingt erstrebenswert. Kranken Menschen muss natürlich geholfen werden, gesund zu werden und ihre Leiden zu mindern. Aber unsere Heilungsambitionen sollten nicht darauf hinauslaufen, jedes unerwünschte Verhalten wegtherapieren zu wollen.

Es wäre schade, wenn bald jeder schüchterne Mensch per Definition unter dem "Social-Anxiety-Symptom" leiden würde, bedenklich geradezu, wenn jeder Schichtarbeiter, der sich bei der Nachtarbeit nicht konzentrieren kann, als krank definiert wird. Wo wären die melancholischen Klänge in der Musik, wenn jeder traurig gestimmte Komponist unter Prozak gesetzt würde? Wo wären die Kabarettisten und Satiriker, hätte man sie vorzeitig wegen "oppositionellem Trotzverhalten" therapiert? Das Gehirn ist der Sitz der Psyche, jeder Eingriff in die gesunde Hirnfunktion ist daher auch ein Angriff auf die Persönlichkeit.
01.11.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01.11.2005

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