Begehrtes Gold: Wie Geopolitik den Goldpreis treibt

Gold hatte schon immer eine starke Anziehungskraft – auf Individuen wie auf ganze Länder. Doch ungefähr um 2023 hat ein echter Ansturm auf das Edelmetall eingesetzt. Seither hat sich der Goldpreis mehr als verdoppelt, und ein Ende ist nicht abzusehen. Gerade die Zentralbanken vieler Länder decken sich weiter mit dem wertvollen Edelmetall ein. So nahmen zuletzt die Goldreserven aller Notenbanken weltweit um jährlich rund 1000 Tonnen zu. Auch für 2025 erwarten Fachleute erneut einen kräftigen Zuwachs, um etwa 800 bis 900 Tonnen.
Hinter dem Kaufrausch der Banken stecken geopolitische Erwägungen. Gold dient zwar auch als Absicherung gegen Währungsrisiken und als sicherer Hafen in Krisenzeiten. Doch auffällig ist, dass in den letzten Jahren besonders Länder, die ein distanziertes oder sogar konfrontatives Verhältnis zum Westen haben, ihre Devisen verstärkt in Gold anlegen. Das gilt vor allem für Russland und China, aber zum Teil auch für die Türkei und Indien. Die sehr weit reichenden Sanktionen des Westens gegen Russland und das Einfrieren russischer Vermögenswerte in der EU und den USA haben in verschiedenen Ländern die Angst wachsen lassen, dass ihnen im Konfliktfall Ähnliches widerfahren könnte.
Hinzu kommt, dass viele dieser Länder bisher einen vergleichsweise kleinen Anteil ihrer Devisenreserven in Gold angelegt haben: etwa 10 bis 40 Prozent – wenig im Vergleich zu einigen europäischen Ländern wie Deutschland und Italien. Bei ihnen liegt der Wert bei über 70 Prozent.
Kurswechsel in China
So hatte China lange Zeit eher auf US-Staatsanleihen als auf Investitionen in Gold gesetzt. Das Land war bis vor wenigen Jahren der größte Gläubiger der hoch verschuldeten USA. Mittlerweile hat die chinesische Regierung die Bestände an amerikanischen Anleihen deutlich reduziert und setzt verstärkt auf die Reservewährung Gold.
Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass die chinesische Regierung die wahre Höhe ihrer Goldkäufe verschleiert. Offensichtlich will die chinesische Führung vermeiden, dass in vollem Umfang sichtbar wird, wie stark sie sich von der internationalen Leitwährung Dollar abwendet. Denn die damit verbundene Schwächung des Dollars könnte Gegenreaktionen des stets unberechenbaren US-Präsidenten Donald Trump auslösen.
Ein weiterer Grund dürfte die Befürchtung sein, dass der Goldpreis noch weiter stiege, wenn die chinesische Zentralbank größere Käufe bekannt gäbe. Das kann nicht im Sinn der verantwortlichen Währungshüter sein, solange sie noch weitere umfangreiche Käufe planen. Und dass das chinesische Militär nicht im Rampenlicht stehen möchte, das angeblich auch einen Teil seiner Reserven in Gold anlegt, erscheint plausibel.
Deswegen hat die chinesische Führung ein Interesse daran, einen Teil des weltweiten Abbaus selbst zu kontrollieren. Mit Erfolg. Mit intensivem Abbau des Edelmetalls verbindet man für gewöhnlich zwar Länder wie Russland, Australien und Kanada. Diese drei Nationen folgen jedoch erst auf den Plätzen zwei bis vier der größten Förderländer. Der größte Goldproduzent der Welt ist inzwischen – China.
Unabhängigkeit vom Dollar
Anders als bei einigen kritischen Rohstoffen wie den seltenen Erden ist Chinas Führungsposition beim Abbau allerdings derzeit keine Bedrohung für andere Länder. Der Anteil des Landes an der Gesamtproduktion beträgt derzeit lediglich rund zehn Prozent, und viele Länder der Welt fördern nennenswerte Mengen Gold.
Neben Australien, Russland und Kanada sind auch die USA, Mexiko, Kasachstan und Ghana bedeutende Förderer des Edelmetalls. Für London, den führenden Goldhandelsplatz der Welt, spielt Chinas Politik allerdings inzwischen eine gewisse Rolle. China strebt danach, von dieser zentralen Drehscheibe unabhängiger zu werden. »Chinesische Bürger dürfen Goldbarren nur am Handelsplatz Shanghai Gold Exchange kaufen«, erklärt Adrian Ash, Forschungsleiter der führenden Handelsplattform BullionVault. Münzen dürfen dagegen auch bei Banken gekauft werden.
Indien wendet sich ebenfalls dem Gold zu, um vom Dollar unabhängiger zu werden – die Kurskorrektur hat jedoch auch eine kulturelle Komponente. Traditionell kaufen die indische Oberschicht und der wohlhabendere Teil der Mittelschicht gerne Goldschmuck. Dieser ist in Indien gerade bei Hochzeiten als Ausstattung für die Braut sehr wichtig. Da liegt es nahe, dass auch die Zentralbank auf das Edelmetall als Reservewährung setzt. »Indien hat keine eigenen Minen, ist aber einer der größten Goldkäufer der Welt, vor allem wegen privater Kunden. Besonders darum hat die indische Regierung den Export von Gold ins Ausland verboten«, sagt Adrian Ash.
Zudem rufen die Sanktionen des Westens gegen Russland bei der indischen Regierung Besorgnis hervor, da das Land schon in sowjetischen Zeiten ein enges Verhältnis zu Moskau pflegte. Verstärkt wurde der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit vom Dollar auch durch die Politik Donald Trumps. Dieser hatte auf viele indische Produkte Zölle von 50 Prozent verhängt.
Die globalen Gewichte verschieben sich
Dass Indien auf mehr geopolitische Unabhängigkeit vom Westen setzt, zeigt auch, dass im Jahr 2024 die Reserve Bank of India 100 Tonnen Gold aus London – wo lange Zeit erhebliche Teile der indischen Reserven lagerten – nach Indien holte. Es folgten bis Oktober 2025 nochmals 64 Tonnen. Insgesamt verfügt Indien über knapp 900 Tonnen Gold, und weit über die Hälfte lagert jetzt im eigenen Land. Allerdings ist sein Anteil an den Devisenreserven mit rund elf Prozent eher gering, sodass auch in den nächsten Jahren mit weiteren Käufen der indischen Zentralbanker zu rechnen ist.
Russland ist nicht nur einer der bedeutendsten Produzenten, sondern erhöht derzeit den Goldanteil an den Devisenreserven auch drastisch. »Zwischen 2014 und 2018 hat Russland 80 Prozent seiner eigenen Produktion aufgekauft«, erklärt Adrian Ash. Zu dieser Zeit gab es bereits Sanktionen gegen Russland wegen der Annexion der Krim. Selbst wenn Russland in den letzten Jahren seine Bestände erhöht hat, so hält es immer noch nur etwa 35 Prozent seiner finanziellen Reserven in Gold. Fachleute gehen deshalb davon aus, dass das Land über die nächsten Jahre einen vergleichbar hohen Goldanteil anstrebt, wie er in vielen Ländern Europas üblich ist.
Auch der türkische Präsident Erdogan will sich unabhängiger vom Westen machen. 2024 beantragte er die Mitgliedschaft in der von China, Indien und Russland dominierten BRICS-Staatengemeinschaft. Und just in jenem Jahr wurde die Türkei zum weltweit zweitgrößten Goldkäufer. Beides ist geopolitische Strategie: Die BRICS-Staaten arbeiten an Finanzinstitutionen, die unabhängig von US-Dollar und Euro sind. Eine weitere Rolle spielt die Inflation, die in der Türkei zeitweilig auf über 70 Prozent stieg. Immer mehr Unternehmen und Institutionen haben ihr Vermögen wegen des Wertverlustes der türkischen Lira in Gold angelegt.
Bemerkenswert ist hingegen, dass Polen neuerdings im großen Stil als Einkäufer auftritt. Seit 2023 hat die polnische Zentralbank ihre Goldbestände mehr als verdoppelt. Die polnischen Reserven sind mittlerweile größer als die Großbritanniens oder Spaniens. 2024 war das Land sogar der größte Käufer in der Welt, und bis November 2025 kaufte Polen erneut 67 Tonnen. Angesichts der guten Beziehungen Polens zu den USA scheint das Motiv der geopolitischen Unabhängigkeit von Washington eine eher geringe Rolle zu spielen. Vielmehr hat der Krieg im Nachbarland Ukraine ein Gefühl der Unsicherheit in Warschau erzeugt. Polen versucht daher, seine finanziellen Reserven zu diversifizieren.
Der Goldrausch als Umweltproblem
Für die Umwelt sind dieser multinationale Kaufrausch und der hohe Edelmetallpreis keine gute Nachricht. In den Minen benutzt man giftige Stoffe wie Quecksilber und Natriumcyanid, mit denen sich das Edelmetall aus den Gesteinen herauslösen lässt. Sehr stark nimmt der Goldabbau in kleineren, oft illegalen Minen zu, in denen häufig Quecksilber zum Einsatz kommt. Das ist sowohl für die Umwelt als auch für die Gesundheit der Minenarbeiter sehr gefährlich. Laut Schätzungen stammt inzwischen rund ein Fünftel des neu geförderten Goldes aus diesem »artisanal mining«, wie es in der Fachwelt heißt. Der kleinskalige, aber großflächige Abbau zerstört besonders in Ländern des Globalen Südens ganze Landschaften.
Doch sogar große, industriell betriebene Goldminen belasten durch oft extrem sauren Schlamm, schwermetallhaltigen Abraum und giftige Chemikalien sowohl die Böden als auch in der Nähe liegende Gewässer. Speziell mit dem Einsatz von Natriumcyanid lässt sich selbst aus eher goldarmen Erzen noch vergleichsweise viel Metall herauslösen. Zudem führt Bergbau oft dazu, dass Böden im Umfeld der Mine erodieren.
Wenn also wie im November 2025 ein gewaltiges Goldvorkommen im Wert von 166 Milliarden Euro in China entdeckt wird, mag dies für Investoren, Käufer und die chinesische Führung eine positive Nachricht sein. Für die Bevölkerung vor Ort lässt sich das aber häufig nicht sagen. Auch für das Klima hat der Abbau negative Folgen. So fallen für jede gewonnene Feinunze Gold mehrere Hundert Kilogramm CO₂ während des energieintensiven Produktionsprozesses an.
Immerhin ist der Run auf das Edelmetall keineswegs universell. Die Bundesbank zum Beispiel verfolgt eher eine Strategie des gelassenen Abwartens. Deutschland verfügt mit etwa 3350 Tonnen immer noch über die zweitgrößten Goldreserven weltweit – nach den USA – und profitiert damit von den wirtschaftlich erfolgreicheren Jahren der Vergangenheit. Zugleich ist der Wert der Goldreserven durch den Preisanstieg deutlich gewachsen. In den letzten Jahren trat die Deutsche Bundesbank deswegen kaum als Käufer in Erscheinung.
Es gibt sogar Staaten, die ihre Reserven reduzieren. So verkauften die Philippinen 2024 Gold im Umfang von 28,6 Tonnen, womit der Inselstaat das Land war, das weltweit am stärksten seine Bestände reduziert hatte. Die Regierung in der Hauptstadt Manila hatte den hohen Goldpreis genutzt, um ihre Kassen etwas aufzufüllen. So argumentierte Benjamin Diokno, der ehemalige Gouverneur der philippinischen Zentralbank, dass »unsere Goldbestände bereits übermäßig hoch sind«, und fragte: »Sollte man da nicht schon verkaufen?«
Die Verkäufe sind gerade vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass das Land durchaus von geopolitischen Spannungen betroffen ist. Vor allem der Streit mit China über die Seegrenzen im Südchinesischen Meer bewegt die Philippinen. Die meisten anderen Staaten kalkulieren jedoch anders. Für viele ist Gold zu einem Instrument und Symbol wirtschaftlicher Unabhängigkeit und geopolitischen Einflusses geworden. Darum wird das wertvolle Edelmetall in den nächsten Jahren noch weiter an Bedeutung gewinnen – trotz des hohen Preises, trotz der Umweltfolgen. Gold ist Macht: Das gilt heute mehr denn je.

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