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Wahrnehmung von Pflanzen: Regengeplätscher lässt Reis schneller sprießen

Reiskörner können das Geprassel von Regen wahrnehmen – und reagieren darauf mit schnellerem Auskeimen. Dabei helfen ihnen Strukturen, die auch ihre Wachstumsrichtung mitbestimmen.
Nahaufnahme von fallenden Wassertropfen, die auf eine Wasseroberfläche treffen und Spritzer erzeugen.
Der Regen bringt Strukturen im Inneren der Pflanzenzellen in Schwingung – und aktiviert so offenbar ihr Wachstum.

Haben Pflanzen einen Sinn für Geräusche? Auf gewisse Weise schon: Ein Reiskorn keimt unter einer dünnen Wasserschicht deutlich schneller, wenn Regentropfen auf die darüberliegende Wasseroberfläche trommeln. Diese Beobachtung beschrieben Nicholas Makris und Cadine Navarro vom US-amerikanischen MIT in einer Ende April 2026 erschienenen Forschungsarbeit. Sie haben zudem eine Idee, welcher Mechanismus hier am Werk sein dürfte: Das Geplätscher erzeugt im Wasser Wellen, die ihrerseits winzige Strukturen in den Reiszellen erschüttern. Die Bewegung ist für den Embryo im Samen wahrnehmbar und veranlasst ihn dazu, auszutreiben.

Die beiden Forscher untersuchten insgesamt mehr als 8000 Reiskörner, die sie in Schälchen unter wenigen Zentimetern Wasser sprießen ließen. Einige Abschnitte der Gefäße beträufelten sie sechs Tage lang durchgehend mit Wassertröpfchen. Diese hatten verschiedene Volumina und fielen aus unterschiedlichen Höhen, um leichten, mittelschweren und starken Regen zu simulieren. Samen im Umfeld von dicken Tropfen keimten rund 35 Prozent schneller als in stillen Wassern. Mittelgroße Tröpfchen erhöhten die Geschwindigkeit immerhin noch um knapp 15 Prozent.

Mit Messungen und mathematischen Modellen folgerten die Fachleute, dass der Schalldruck der entscheidende Faktor bei der Wachstumsbeschleunigung war. Sie wiesen nach, dass die Druckwelle der Tropfen ausreichte, um sogenannte Statolithen in den Reiskornzellen zu bewegen. Diese Körnchen dienen Pflanzen als Gravitationssensoren und helfen ihnen dabei, ihre Wurzeln gen Erdmittelpunkt und ihren Spross in die entgegengesetzte Richtung zu strecken. Und sie ermöglichen offenbar auch die Wahrnehmung von Schallsignalen, was wiederum das Wachstum antreibt.

Für das Experiment wählten die Wissenschaftler mit Reis absichtlich ein Getreide, das im Nassanbau gedeiht. Diesen erachteten sie als besonders vielversprechend für den Versuch, denn der Schall der aufprallenden Tropfen versetzt die Flüssigkeit darunter viel stärker und weitreichender in Schwingung als die umgebende Luft. »Das hat mit der Tatsache zu tun, dass Wasser dichter als Luft ist – derselbe Tropfen erzeugt so unter Wasser größere Druckwellen«, erklärt Makris in einer Presseaussendung des MIT. »Der Samen, der wenige Zentimeter vom Einschlag des Regentropfens entfernt liegt, ist einem Schalldruck ausgesetzt, der mit dem ein paar Meter hinter einer Flugzeugturbine vergleichbar ist.«

Makris und Navarro vermuten, dass diese Form der Schallempfindung in vielen weiteren Getreide- und Pflanzenarten vorkommt. Welchen Einfluss sie bei ihnen hat und ob sie auch im Trockenanbau eine Rolle spielt, haben sie bislang nicht untersucht. Mit künftigen Experimenten wollen die Forscher zudem herausfinden, ob andere Schallreize, zum Beispiel Windstöße, das Pflanzenwachstum ebenfalls anregen – oder ob die Geräuschkulisse der fallenden Regentropfen in ihrer Wirkung einzigartig ist.

  • Quellen
Makris, N.C., Navarro, C., Scientific Reports 10.1038/s41598–026–44444–1, 2026

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