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Digitale Epidemiologie: Google Trends zeigt: Impfen wirkt!

Die Analyse von Suchanfragen bei Google für den Begriff "Windpocken" belegt: Ihre Zahl brach in Ländern mit Impfvorkehrungen ein - vor allem in Deutschland.
Windpocken

Forscher um Kevin M. Bakker von der University of Michigan haben untersucht, wie die Zahl der Anfragen bei der Suchmaschine Google nach der "Kinderkrankheit" Windpocken mit den klinischen Fallzahlen und den Impfbemühungen der jeweiligen Staaten zusammenhängt. Sie konnten zeigen: Impfen wirkt! Die Suchanfragen nach dem Begriff gingen in Ländern zurück, in denen die Regierung Impfungen gegen die vor allem für Erwachsene gefährliche Krankheit förderte.

Paradebeispiel der untersuchten Länder ist Deutschland. So hat im Juli 2004 die Ständige Impfkommission der Bundesrepublik eine Empfehlung zur "Varizellenimpfung" – so heißen Windpocken im Fachjargon – ausgesprochen. Seit 2007 wird die Impfung in Deutschland vom Staat bezahlt. Die Suchanfragen nach Windpocken sind seither erheblich gesunken. Neben diesem Langzeittrend finden die Forscher länderübergreifend einen Jahreszeiteneffekt für Windpockenanfragen. Demnach ist die Zahl der Aufrufe jeweils im Frühjahr am höchsten, was sich mit früheren Studien und historischen Aufzeichnungen über saisonale Ausbrüche deckt.

Suchanfragen als Indikator für Erkrankungen

Die Idee hinter dieser Art Studien, die man auch unter dem Schlagwort "digitale Epidemiologie" kennt: Man vermutet, dass die Zahl der Suchanfragen für eine Krankheit oder ihre Symptome damit zusammenhängt, wie viele Menschen tatsächlich erkrankt sind. Demnach würde ein Ausbruch, etwa von Windpocken, zu einer Spitze in den Suchanfragen nach dem Begriff "Windpocken" bei Suchmaschinen wie Google führen. Die nun vorliegende Studie ist die erste, die sich auch mit der Verbindung von Suchanfragen und der Wirksamkeit von Impfungen befasst. "Die Ergebnisse zeigen: Wird landesweit die Impfung gegen Windpocken institutionalisiert, gibt es einen klaren Rückgang der Suchanfragen", sagt Bakker. "Daraus lässt sich auf einen starken Rückgang der absoluten Häufigkeit der Erkrankung schließen."

Um für Windpocken zu prüfen, wie präzise die Google-Suchanfragen die Zahl der echten Infektionen abbilden, mussten sich Bakker und Kollegen auf einige wenige Länder verlassen, in denen die Zahl der Erkrankungen von den staatlichen Behörden landesweit erfasst wird. Denn Windpocken unterliegen nicht dem Monitoringsystem für durch Impfungen verhinderbare Erkrankungen der Weltgesundheitsorganisation WHO. In Mexiko, Thailand und Estland, den drei Ländern, in denen Windpocken zentral erfasst werden, es aber keine Impfpflicht für die Krankheit gibt, zeigte sich bei der Analyse der Forscher ein enger Zusammenhang zwischen der Zahl der Google-Suchanfragen und den erfassten Erkrankungen. In den USA und Australien werden Windpocken einerseits erfasst, andererseits herrscht dort eine Impfpflicht. Der Zusammenhang zwischen Suchanfragen und Erkrankungen war auch in diesen Ländern deutlich – wenn auch etwas schwächer als in den drei anderen.

Windpocken sind mit Google leichter zu beobachten als Grippe

Zwar gab es schon früher Analysen von Google-Anfragen zu Krankheiten, etwa zur Grippe. Diese standen jedoch zuletzt in der Kritik. Häufig waren die Modelle unpräzise. Ein Grund dafür waren unspezifische Symptome, nach denen Menschen suchten und die sowohl zu einer Grippe als auch zu anderen Krankheiten passen konnten. Von den Modellen wurden diese Suchen zu häufig einer Grippeerkrankung zugeordnet, was zu überhöhten Schätzungen führte. Dieses Risiko ist bei den auch äußerlich gut identifizierbaren Windpocken wesentlich geringer.

Ausgehend von den Daten der fünf Länder mit zentraler Registrierung der Windpockenfälle entwickelten die Forscher auch ein Modell zur Vorhersage von Ausbrüchen, das zum Einsatz kommen könne, wenn klinische Daten nicht oder nur mit Zeitversatz verfügbar seien. "Es ist wirklich spannend, das menschliche Verhalten bei der Suche nach Informationen zu beobachten", sagt Bakker. "Die Messdaten sind eindeutig und zeigen, dass der Impfstoff einen starken Effekt hat." Der Ansatz liefere einen neuen Weg, die Spuren von Kinderkrankheiten und Immunisierungseffekte in der Bevölkerung zu beobachten.

22/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22/2016

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