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News: Gott des Stabes

Zum Glück hatten Plünderer die kleinen Bruchstücke eines Flaschenkürbis übersehen, die unter der Erde von historischen Grabstätten nördlich von Lima schlummerten. Nun wurden sie von Forschern entdeckt und entpuppten sich dabei als die ältesten religiösen Relikte im Andenstaat Peru.
Böse wirkt das kleine Männchen mit seinem weit aufgerissenen Mund und den hervorstechenden, spitzen Reißzähnen. Arme und Beine sind weit vom Körper weggestreckt, so als wolle es seinem Gegenüber drohen oder ihn erschrecken. Dem geistähnlichen Wesen fehlt die linke Hand, dafür trägt es an dieser Stelle einen Schlangenkopf, der aus seinem Arm erwächst. Schlangen schmücken auch seine Kopfbedeckung und seine Kleider. In der rechten Hand hält es einen Stab als Markenzeichen, und deswegen nennen ihn auch alle Dios de los Baculos – "Gott des Stabes".

Aus der Sicht von Kinderaugen erinnert Dios de los Baculos eher an einen bösen Teletubbie – nicht so aus der Perspektive von Archäologen. Sie erkennen in der eher kindlich und schemenhaften Figur eine der ältesten Gottheiten, die das religiöse Denken und Handeln im prähistorischen Andenstaat Peru über viele Jahrtausende prägte. Der bislang älteste Fund vom "Gott des Stabes" stammt aus dem Jahre 1000 vor Christus. In dieser Zeit, so vermuteten Wissenschaftler, entwickelten sich erste Formen religiösen Glaubens im Volke der Chavín.

Das muss nun revidiert werden, denn zwei neue Funde belegen, dass die Andenvölker bereits 2250 Jahre vor Christus an Götter glaubten und religiöse Zeremonien abhielten. Die Wissenschaftler hatten sich also um über 1000 Jahre verschätzt.

Den Beweis lieferten Jonathan Haas und Winfried Creamer von der Northern Illinois University. Zusammen mit Kollegen vom Proyecto Arqueológico Norte Chico suchten sie nördlich von Lima, nahe an der Pazifikküste im Pativilca-Tal auf Friedhöfen nach Artefakten. Eigentlich standen die Chancen schlecht, hier etwas zu finden, denn die Stätten waren schon vor vielen Jahren geplündert worden, weil die Behörden es versäumt hatten, die Gebiete rechtzeitig unter Schutz zu stellen.

Dennoch hatten die Forscher Glück und entdeckten im sandigen Untergrund ein Bruchstück einer Kürbisschale, die im ursprünglichen Zustand so groß war wie ein Softball. Die Bewohner der Anden höhlten Flaschenkürbisse aus und nutzen sie als Gefäße. Normalerweise zerfällt ein Kürbis schnell zu Kompost, doch hier hatte das aride Klima hervorragende Konservierungsarbeit geleistet – sogar das eingeschnitzte archaische Motiv war noch zu erkennen, das die Forscher eindeutig als den "Gott des Stabes" identifizieren.

Auf einem benachbarten Friedhofsgelände fanden sie ein weiteres Kürbisstück, ebenfalls farbig verziert mit dieser göttlichen Ikone. Beide archäologischen Funde stellen Grabbeigaben dar und sind nach dem Ergebnis der Radiokarbonmethode über 4000 Jahre alt. Die Menschen glaubten also schon damals an ein Leben nach dem Tode.

Ähnlich wie das Kreuz in der christlichen Religion, ist auch der "Gott des Stabes" eine klar erkennbare religiöse Ikone, betont Haas. Das Motiv taucht immer wieder in den Religionen der Andenvölker auf: Erstmalig, wie der jüngste Fund belegt, im Jahre 2250 vor Christus, später bei den Chavín (1000 bis 200 vor Christus) und im Reich der Wari und der Tiwanaku (600 bis 1000 nach Christus). Vor allem in der Zeit der Chávin entwickelte sich eine religiöse Kultur, die bekannt ist für Fabelwesen und Gottheiten, die halb Mensch und Tier waren und die Angst eines Volkes vor Vergänglichkeit ausdrückten.

Der Glaube an den "Gott des Stabes" währte bis in das vorkoloniale Inkareich und endete erst mit der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert. Durch Vertreibung, Krankheit und Tod ging das Inka-Reich unter. Und damit verschwanden auch die Götter aus der Welt der Anden.

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