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Ausstellung: Gottkönige aus dem Regenwald

Ein Maya-König hat 13 Seelen, die Götter brauchten drei Anläufe, um den Menschen zu erschaffen und das Reich der Toten ist vielleicht ein Paralleluniversum - überraschende Einblicke in die mehr als 1500 Jahre alte Kultur der Maya bietet eine Ausstellung in Rosenheim.
Jademaske eines unbekannten Maya-Herrschers
Die Pfunde, mit denen Inés de Castro, die Kuratorin der Rosenheimer Ausstellung wuchert, können sich sehen lassen: Neben zwei kostbaren Jademasken, von denen es weltweit nur insgesamt acht gibt, konnte sie zahlreiche Keramik-Gefäße, Figuren und Werkzeuge in die Rosenheimer Ausstellungshalle "Lokschuppen" holen und stellte damit einen eindrucksvollen Überblick über die Hochkultur der "Könige aus dem Regenwald" – so der Titel der Ausstellung – zusammen.

Jademaske eines unbekannten Herrschers | Diese Jademaske eines unbekannten Herrschers stammt aus der späten klassischen Periode der Mittelamerkanischen Kultur um 600 bis 800 v. Chr.
Auch ein Faksimile des Dresdner Maya-Codex ist unter den Exponaten – eines jener meterlangen, gefalteten Bücher der Maya, von denen nur drei dem Feuer der spanischen Priester entkommen sind. Museen in Mexiko und Guatemala gaben für die Ausstellung ihre Nationalheiligtümer außer Landes. Die Hüter bedeutender Sammlungen wie beispielsweise im British Museum London oder im Israel Museum Jerusalem schickten die Maya-Schätze ihrer Dauerausstellungen für ein ganzes Jahr nach Deutschland. Die meisten Exponate aus Mittelamerika werden zukünftig gar nicht mehr außerhalb der Landesgrenzen Mexikos und Guatemalas zu sehen sein, man wird sie nur noch vor Ort oder als Kopie bestaunen können. Der Rosenheimer Lokschuppen beherbergt also derzeit eine wirklich hochkarätige Gesamtschau der noch immer geheimnisvollen Hochkultur.

Jademasken, für die man sonst nach Mittelamerika reisen muss

"Als Ethnologin liegt mir viel daran, das Fremde anderer Kulturen einem breiten Publikum zu vermitteln, und nachdem in der Zeit seit der letzten Ausstellung vor 15 Jahren die Schrift der Maya entschlüsselt werden konnte, gibt es eine Menge neuer Erkenntnisse über diese Kultur", schwärmt die Kuratorin.

Der Focus der Ausstellung liegt auf der klassischen Epoche (6. bis 10. Jahrhundert n. Chr.) im Tiefland von Mexiko und Guatemala. Die Exponate decken alle Lebensbereiche von Landwirtschaft über Königtum, Religion und Architektur ab und schlagen sogar einen Bogen zu den Maya von heute.

Zu Beginn taucht der Besucher ein in das Dunkel des Dschungels, Rufe exotischer Vögel erklingen. Zur perfekten Illusion fehlen nur noch die Urwaldpflanzen und die regenschwangere feuchtheiße Luft der Tropen. Vorbei an großformatige Modellen der Tempelanlagen und Video-Installationen geht es auf eine Zeitreise 1500 Jahre zurück.

Metropolen mit 125 000 Einwohnern

Herrscherstele von Waxaklajunn Ub'Aah K'awiil (695-738 n. Chr.) | Die Abbildung zeigt eine 3,5 Meter hohe Nachbildung einer steinernen Stele aus Copán im heutigen Honduras. Als steinerner Weltenbaum hat sich hier einer der Herrscher von Copán verewigt: Waxaklajunn Ub'Aah K'awiil (695-738 n. Chr.), auch als "18 Kaninchen" bekannt, war ein wichtiger Kunstmäzen, der am 6. Juli 695 n. Chr. inthronisiert wurde. Die Stele zeigt ihn in typischer Herrscherpose mit dem Zepter in Form einer doppelköpfigen Schlange, Lendenschurz, Jaguarfell und ausladendem Kopfputz.
Die Ausmaße der antiken Maya-Städte sind auch für heutige Verhältnisse atemberaubend. Bis zu 125 000 Menschen lebten in diesen Metropolen zu einer Zeit, als bei uns die ersten Mönche gerade damit begannen, Kirchen auf den Schutthalden der vom Sturm der Völkerwanderung verwüsteten römischen Städte zu errichten. Maya-Mathematiker konnten bereits lange vor den Europäern das "Nichts" mit der Zahl "Null" formulieren und berechneten die Länge eines Jahres und anderer astronomischer Phänomene genauer als die Gelehrten der Alten Welt. Doch die Blütezeit dieser Kultur endete noch vor der Ankunft der ersten Spanier und nach wie vor rätseln Wissenschaftler über die Gründe dafür.

Zwar haben die Maya der Nachwelt mit Schriftzeichen reich verzierte Stehlen und Stuckreliefs hinterlassen, aber die Forscher tappten über deren Bedeutung lange Zeit in Dunkeln. Erst seit wenigen Jahren ist die Hieroglyphenschrift weitgehend entschlüsselt und das ermöglichte Archäologen und Ethnologen eine innere Sicht auf die Kultur und die politische Organisation der Maya. "Vor der Entzifferung der Hieroglyphen wussten wir nur, dass es Stadtstaaten gab mit einem König an der Spitze, aber wussten nichts über die Hierarchie", so Inés de Castro. "Mittlerweile kennen wir die Herrscher mit Namen und verstehen auch die Beziehungen zwischen den Stadtstaaten."

Die Könige gingen strategische Allianzen mit anderen Königreichen ein oder kämpften um die Kontrolle der Handelswege. Das Königtum wurde auf die Nachkommen vererbt und eine geschickte Heiratspolitik gehörte genauso zum diplomatischen Repertoire der Mayakönige wie die Entführung eines Gegenspielers, damit dieser keine Thronfolger zeugen konnte. Die Maya-Supermächte Tikal und Calakmul kämpften über ein Jahrhundert um die Macht, ehe Tikal den Kampf im Jahr 695 n. Chr. für sich entscheiden konnte. Die altamerikanischen Herrscher standen also auch in Sachen Machtpolitik den Europäern um nichts nach.

Experimentierfreudige Götter

Der Maisgott: Ideal von Schönheit und Jugend | Zentrale Figur in der Mythologie der Maya ist der Maisgott. Er verkörpert das Ideal von Schönheit und Jugend. Der immer wieder aus der Erde keimende Mais ist das Sinnbild für die Wiedergeburt.
Aber nicht nur die politische Struktur ist seit der Entschlüsselung der Maya-Hieroglyphen transparenter geworden. Ramón Carrasco, der Leiter des Archäologischen Projektes Calakmul, untersucht gegenwärtig, welche Schöpfungskonzepte oder Bestattungsriten die Maya hatten. In ihrer Mythologie gab es nicht nur einen Gott, der die gesamte Welt schuf, sondern zahlreiche Götter, die sich diese Aufgabe teilten. Beispielsweise spaltete der Regengott Chaak einen heiligen Berg mit seinem Blitzbeil und aus der Spalte trieb ein Spross, der sich zur ersten Maispflanze in Gestalt des Maisgottes entwickelte. Die Erschaffung des Menschen klappte freilich nicht auf Anhieb. Wie der Schöpfungsmythos Popol Wuj berichtet, versuchten die Götter es zunächst mit Holz und Lehm. Das ging allerdings zweimal schief. Erst der dritte Versuch mit einem Teig aus Mais klappte.

Könige mit 13 Seelen

Jaderelief mit Herrscherdarstellung, | Ein Jaderelief mit Herrscherdarstellung aus dem Hochland von Mexiko. Es entstand in der Späten Klassik der Maya, 600-900 n. Chr.
Die Maya der klassischen Periode betrachteten den Tod als Rückkehr des menschlichen Seelenwesens (cu'ulel), ins Jenseits (xibalbá), den Ort, an dem die Vorfahren wohnen. Er befand sich im Inneren der Berge und man konnte ihn nur durch eine Höhle erreichen. Die Maya-Könige hatten ein Seelenwesen, das aus bis zu 13 Seeelen bestand. Dadurch unterschieden sie sich von den nicht adeligen Mitglieder der Gesellschaft. Die toten Herrscher wurden für die Reise ins Jenseits kompliziert präpariert, in Leichentüchern gepackt und mit wertvollen Jademasken und anderem Schmuck ausgestattet, damit sie im Jenseits ihrem Status gemäß auftreten konnten.

Das Jenseits: Unterwelt oder Parallelwelt?

Ob das "Jenseits" der Maya wirklich eine Unterwelt war, ist unter den Forschern allerdings umstritten. Ramón Carrasco dazu: "Das Jenseits der Maya, die andere Realität, wird nur aus Gründen der Konvention in der archäologischen Literatur meist als "Unterwelt" bezeichnet." Es könnte also Durchaus auch ein "Nebenan" sein, was die Existenz eines Paralleluniversums erlauben würde.

Die Postklassik: Dekadenz oder Emanzipation der Mittelschicht?

Schädelkette aus geschnitzten Muscheln | Ebenfalls Späte Maya-Klassik ist diese Schädelkette aus geschnitzten Weichtierschalen, die in Aguateca, Guatemala gefunden wurde.
Nach dem Ende der klassischen Epoche bauten die Maya kleinere Palastanlagen und auch die anderen Fundstücke sind einfacher gestaltet. Lange Zeit deutete man das als Zeichen von Dekadenz und Rückschritten. Inés de Castro steht dieser evolutionären Auffassung äußerst kritisch gegenüber. "In den letzten Jahren wehren wir Ethnologen uns gegen diesen heftigen Darwinismus. Klar, es gibt Entwicklungen die über bestimmte Stufen gehen, aber die Wertigkeit, die würden wir da gerne rausnehmen. Eine bäuerliche Kultur oder ein Staat mit vielen Hierarchien sind für uns gleichwertig." In aktuellen Publikationen ist deshalb eher von einem Bewusstseinswandel innerhalb der Maya-Gesellschaft die Rede: Die Elite der Gottkönige war zwar verschwunden, stattdessen hatte sich aber eine Art breite Mittelschicht entwickelt, die einen florierenden Fernhandel betrieb und davon wirtschaftlich profitierte.

Drei-Steine-Herd und Schrift-Webstuhl

Verzierte Muscheltrompete | Die verzierte "Muschel"trompete – eigentlich handelt es sich hier um eine Schnecke – stammt aus Asunción Mita in Guatemala. Sie entstand in der klassischen Zeit der Maya-Kultur um 250-900 n. Chr.
Die etwa acht Millionen Menschen, die sich heute als Maya bezeichnen, pflegen nach wie vor ihre Kultur und sprechen die alten Sprachen. In Guatemala kann man die Mehrheit der Bevölkerung zu den Indigenen, den Indígenas zählen. Nach 30 Jahren Bürgerkrieg herrscht zwar seit 1996 offiziell Frieden, trotzdem sind die Chancen auf Bildung, Arbeit und faire Lebensbedingungen für die modernen Maya auch heute noch schlechter als für die privilegierte herrschende Minderheit. Die Rosenheimer Ausstellung zeigt ein traditionelles yukatekisches Maya-Haus aus Lehm und Holz mit einem Walmdach, wie sie heute noch gebaut und bewohnt werden. Das steinerne Fundament dieser Häuser lieferte den archäologischen Beleg, dass sie seit Tausenden von Jahren so aussehen. Auch die Kochstelle sieht aus, wie vor 1500 Jahren: Eine tönerne, von einem Holzfeuer erhitzte Herdplatte, die auf drei Steinen ruht.

Viele Rituale, die heute noch praktiziert werden, lassen sich nahtlos mit den in Codices und Reliefs bezeugten Praktiken der Maya-Antike verknüpfen. Trotzdem ist die Kultur nicht konserviert. Die modernen Maya sind durchaus offen für die Einflüsse der westlichen Welt. So hat sich beispielsweise sehr schnell das Maya-Wort kematz'iib' für Laptop etabliert, was so viel heißt wie Schrift-Webstuhl.

Seit Rigoberta Menchú Tum vor 15 Jahren den Friedensnobelpreis für ihren unermüdlichen Einsatz für die Indígenas erhielt, schaut die Weltöffentlichkeit nach Guatemala. Die Nobelpreisträgerin will bei der Wahl im September Präsidentin ihres Landes werden. Und bis zur übernächsten Wahl im Jahr 2011 könnte es möglicherweise eine regierende Indígena-Partei unter ihrer Führung geben – munkelt man in den so genannten "gut unterrichteten Kreisen", die zur Ausstellungseröffnung sogar nach bis nach Rosenheim reichten.

Die Ausstellung "Maya – Könige aus dem Regenwald" ist noch bis zum 3. Oktober im Lokschuppen Rosenheim zu sehen. Danach geht sie vom 18. Oktober bis 13. April 2008 nach Hildesheim ins Roemer- und Pelizaeus-Museum.

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