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Grabung in Frankreich: Gräber hockender Gallier entdeckt

Archäologen haben in Dijon Gräber aus der Keltenzeit mit sitzenden Skeletten freigelegt. Schon 2024 kam dort Ähnliches zum Vorschein. Rätselhaft ist, wer die seltsam Bestatteten waren.
Eine Archäologin in orangefarbener Arbeitskleidung kniet auf einer Ausgrabungsstätte und untersucht ein freigelegtes menschliches Skelett im Boden. Im Hintergrund sind weitere Arbeiter und Gebäude zu sehen. Die Szene zeigt eine archäologische Untersuchung in einem urbanen Umfeld.
Eine Archäologin des Institut national de recherches archéologiques préventives (Inrap) legt 2026 eine Grube mit einem sitzenden Toten frei.

Bei Grabungen in der französischen Stadt Dijon sind Archäologen auf außergewöhnliche Bestattungen gestoßen: Sie fanden mindestens fünf menschliche Skelette, die in einer Art Schneidersitz im Boden hockten. Offenbar waren die Toten sitzend beigesetzt worden. Wie die staatliche Denkmalbehörde Inrap berichtet, stammen die Gräber vermutlich aus der keltischen Epoche, der sogenannten La-Tène-Zeit (450–25 v. Chr.). Bereits 2024 hatten die Archäologen des Inrap in allernächster Nähe 13 ähnlich drapierte Skelette, ebenfalls aus gallischer Zeit, aufgedeckt. Diese Überreste wurden inzwischen genauer untersucht: Es waren ausschließlich Männer, die zum Zeitpunkt ihres Todes unverheilte Verletzungen hatten. Unklar sei aber noch, wie die Skelette zu deuten sind.

Die 13 bereits bekannten Toten saßen in regelmäßigen Abständen auf einer Länge von 25 Metern im Boden – aufgereiht in Nord-Süd-Richtung. Auch die neu entdeckten Gräber sind auf diese Weise angeordnet, wobei ein Teil davon zu einer bislang unbekannten Reihe in 20 Metern Entfernung gehört. Anthropologische Untersuchungen der 2024 entdeckten Skelette ergaben, dass es sich um 40 bis 60 Jahre alte Männer handelte, die, sofern an den Knochen und Zähnen ersichtlich, zu Lebzeiten bei guter Gesundheit waren.

Anders als für gallische Bestattungen typisch hatte keiner der Männer Beigaben erhalten. Auch sonst fehlten Artefakte; einzig ein Toter trug einen Reif aus schwarzem Gestein um den linken Arm. Den Schmuck datieren die Ausgräber ins 3. Jahrhundert v. Chr. Ungefähr in diese Zeit könnten auch die übrigen Beisetzungen gehören. Denn dass sie miteinander in Verbindung stehen, mache die gleichförmige Anordnung wahrscheinlich – sowohl die der Gruben als auch die der Toten.

Gewaltsam getötet

Die toten Männer lehnten allesamt mit dem Rücken an der Ostwand der Grube, ihr Blick richtete sich nach Westen. Und wie es scheint, waren sie nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern gewaltsam getötet worden: An den Oberarmknochen stellten die Fachleute unverheilte Verletzungen fest; auf den Schädel eines Mannes war mit einem spitzen Gegenstand eingeschlagen worden.

Sitzgallier | Im Jahr 2024 entdeckten Archäologen in Dijon mehrere Gruben mit sitzenden Skeletten. Die Toten waren irgendwann im 3. Jahrhundert v. Chr. in die Erde gelangt.

Schon in den 1990er-Jahren hatten Archäologen im weiteren Umfeld der jetzigen Grabung zwei gleiche Grubengräber entdeckt – und dazu einen Tierfriedhof aus derselben Zeit. Überreste von Hunden, Schafen und Schweinen lagen im Boden, die laut den Archäologen als Teil einer gallischen Kultstätte verstanden werden können.

Krieger, Ahnen oder Priester?

Doch wer waren diese Männer? Gemeinsamkeiten wie die hockende Haltung, die Bestattung ohne Beigaben und die Anordnung im Boden sprechen dafür, dass sie einer speziellen Gruppe angehörten. Aus der keltischen Bildkunst kenne man zudem Darstellungen von Göttern und Kriegern im Schneidersitz. Die Experten des Inrap lassen allerdings eine genaue Deutung offen. So könne es sich um Angehörige der Elite, Krieger, Ahnen oder Mitglieder einer religiösen Kaste gehandelt haben.

Die Anthropologin Valérie Delattre und die Archäologin Laure Pecqueur vom Inrap schlugen hingegen bereits 2017 im Fachblatt »Gallia– Archéologie des Gaules« vor, in den Toten keltische Priester zu erkennen, die schon in der Antike, etwa in Julius Cäsars »De bello Gallico«, unter dem Namen Druiden bekannt waren. Zweifelsfreie Belege für diese These fehlen jedoch noch.

Sicher ist dagegen, dass solche Bestattungen häufiger überliefert sind. Es gibt mindestens zehn Fundplätze aus ehemals keltischem Gebiet im heutigen Frankreich und der Schweiz, bei denen, soweit bekannt, verstorbene Männer am Rand von keltischen Kultstätten oder fürstlichen Residenzen in den Boden gesetzt wurden.

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