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Graecopithecus: Kam der erste Vormensch aus Europa?

Ein 7,2 Millionen Jahre alter Beinknochen aus Bulgarien könnte die Entwicklungsgeschichte des Menschen auf den Kopf stellen. Lief der erste Aufrechtgänger aber tatsächlich durch Europa?
Schimpansen
Eine Gruppe Schimpansen überquert eine Straße, ein Tier läuft auf zwei Beinen. Vermutlich mit dem aufrechten Gang begann in Afrika die Evolution des Menschen. Oder doch in Europa?

Seit mehr als einem Jahrzehnt gehen Madelaine Böhme und David Begun der Frage nach, ob sich die Vorfahren der menschlichen Linie tatsächlich in Afrika entwickelt haben – oder ob sie nicht ursprünglich von woanders gekommen sein könnten. Etwa aus Europa. Ein Kronzeuge ihrer These ist Graecopithecus freybergi. Der Menschenaffe lebte vor ungefähr 7,2 Millionen Jahren in einer savannenähnlichen Landschaft – dort, wo heute Griechenland und Bulgarien liegen.

Lange Zeit kannten Fachleute von Graecopithecus nur einen Unterkiefer mit einigen Zähnen, der im Jahr 1944 bei Athen entdeckt wurde. Später, 2012, fand sich in Azmaka in Bulgarien ein weiterer Zahn. Nun berichten David Begun von der University of Toronto, Madelaine Böhme von der Universität Tübingen und Nikolai Spassov vom bulgarischen Nationalmuseum für Naturgeschichte sowie weitere Paläontologen in der Zeitschrift »Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments« vom Fund eines neuen Fossils am selben Fundort: eines etwa 7,2 Millionen Jahre alten Oberschenkelknochens. Auch dieses Fossil ordnen sie der Gattung Graecopithecus zu.

Anatomisch gesehen habe es der Knochen in sich: Denn seine Gestalt liefere Anhaltspunkte dafür, dass sich dieses Wesen auf zwei Beinen fortbewegen konnte. Demnach sei in Europa bereits während der geologischen Epoche des späten Miozäns eine Frühform des aufrechten Gangs am Boden entstanden.

Zweibeinigkeit gilt als Kernmerkmal des Menschen. Unsere frühesten Vorfahren sollten demnach ebenfalls daran erkennbar sein, dass sie auf ihren Hinterbeinen dahintapsen konnten. Graecopithecus wäre folglich nicht nur ein Hominide oder ein Vertreter der Homininae (siehe Kasten), sondern der bislang früheste bekannte Angehörige der Hominini – also der früheste Vorläufer der Gattung Homo, zu der auch wir moderne Menschen zählen, einschließlich unserer ausgestorbenen Vorfahren.

Hominidae, Homininae oder Hominini?

Die Systematik der Menschenaffen hantiert mit ähnlich klingenden Begriffen. Was steckt hinter den einzelnen Bezeichnungen?

Zu den Hominidae, den Menschenaffen, zählen die Unterfamilie der Homininae und die Orang-Utans. Die Unterfamilie der Homininae wiederum umfasst Gorillas, Schimpansen, Bonobos und Menschen samt ihren jeweiligen Vorfahren.

Vom letzten gemeinsamen Vorfahren der Schimpansen trennte sich vor etwa sieben bis sechs Millionen Jahren die menschliche Linie ab – der Tribus der Hominini, auch Homininen genannt: Dies sind Vormenschen wie Australopithecus und Paranthropus sowie alle Angehörigen der Gattung Homo, zu der etwa Homo erectus, Neandertaler und wir anatomisch moderne Menschen zählen. Sie bewegten sich gewohnheitsmäßig oder ausschließlich aufrecht.

David Begun spitzt die Ergebnisse in einer Pressemitteilung zu: »Mit einem Alter von 7,2 Millionen Jahren könnte dieser Vorfahr, den wir der Gattung Graecopithecus zuordnen, der älteste bekannte Mensch sein«, so der Paläoanthropologe. In der Studie formulieren die Fachleute ihre Resultate hingegen deutlich vorsichtiger; sie erklären, das Fossil aus Azmaka gehöre zu den Homininae und nicht zu den Hominini und sei ein Kandidat für eine Vorform der Zweibeinigkeit. Aus ihr könnte der aufrechte Gang der späteren Homininen hervorgegangen sein.

Wo sich diese Entwicklung vollzog, darüber schweigen sich die Forscher in ihrem Paper aus. Immerhin heißt es, die Nachfahren des frühen Aufrechtgängers Graecopithecus könnten sich aufgrund klimatischer Veränderungen vor sieben bis sechs Millionen Jahren nach Afrika ausgebreitet haben.

Oberschenkelknochen | Von dem Fossilfund aus Bulgarien ist das untere Kniegelenkende verloren. Oben befindet sich der Gelenkkopf. Hier steckte der Beinknochen in der Hüftpfanne. Das Bild zeigt den ehemals wohl 22 Zentimeter langen rechten Oberschenkelknochen in vier verschiedenen Ansichten.

Im Gespräch mit »Spektrum« stellt Co-Autorin und Paläontologin Madelaine Böhme allerdings klar, dass sie und ihre Kollegen Graecopithecus in der Tat als einen Homininen ansehen. »Wir gehen davon aus, dass es sich um einen Vertreter der menschlichen Linie handelt.« War der aufrechte Gang und damit der erste Vormensch auf dem Balkan entstanden – und nicht wie bisher angenommen in Afrika?

Graecopithecus, gefunden in Bulgarien

Das neue Fossil, das nun eine Schlüsselrolle in Spassovs, Böhmes und Beguns These einnimmt, fand sich wie der einzelne Graecopithecus-Zahn am bulgarischen Fundplatz Azmaka, allerdings in einer etwas jüngeren Schicht. Mithilfe der Magnetostratigrafie und der Biochronologie, also der Altersbestimmung anhand umliegender fossiler Lebewesen, konnten die Wissenschaftler den rechten Oberschenkelknochen in die Zeit von vor 7,2 Millionen Jahren datieren. Er ist nicht vollständig erhalten; der untere Teil, wo das Knie ansetzte, ist abgebrochen. Aus Form und Größe des Knochens leitet das Team jedoch ab, dass er von einem etwa 24 Kilogramm schweren, wahrscheinlich weiblichen erwachsenen Graecopithecus-Exemplar stammt.

Bei der Fortbewegung hätte sich die frühe Primatin aber von anderen Menschenaffen unterschieden: »Eine Reihe von äußeren und inneren morphologischen Merkmalen, wie der verlängerte und aufrecht gerichtete Oberschenkelhals, spezielle Ansatzstellen für die Gesäßmuskulatur oder die Dicke der äußeren Knochenschicht, weisen Ähnlichkeiten mit zweibeinigen fossilen Menschenvorläufern und Menschen auf«, erklärt Hauptautor Spassov.

Wie wir Menschen heute sei dieser Graecopithecus jedoch nicht gelaufen. Vielmehr vereine der Knochen Merkmale, die sowohl von Vier- als auch von Zweifüßern bekannt sind. »Die Morphologie [des fossilen Knochens] deutet auf eine Übergangsform der Zweibeinigkeit hin«, schreiben die Fachleute.

»Ich bin noch nicht überzeugt, dass es der Oberschenkelknochen eines Zweibeiners ist«Scott Williams, Paläoanthropologe

Spassov und Co. fertigten Mikro-CT-Scans an und nahmen Maße am Knochen nach allen Regeln der Kunst. Dabei arbeiteten sie einen neuen Messwert namens FNOL – kurz für »femoral neck oblique length« – heraus, der typisch für die Zweibeinigkeit der Homininen sei. Es geht dabei um die Form des Oberschenkelhalses. Das ist der schmale Knochensteg, auf dem der Kopf des Hüftgelenks sitzt. Bei dem neuen Fossil aus Azmaka sei dieser Hals vergleichsweise lang und schräg zum Gelenkkopf hin aufgerichtet. Bei Primaten des späten Miozäns, die nicht zu den Hominiden zählen, gebe es diese Schräge nicht.

Durch die aufgerichtete Stellung hätte ein früher Zweibeiner den Schwerpunkt seines Körpers oberhalb der Hüfte halten können, erklärt Böhme. Bei Vierbeinern hingegen liegt der Schwerpunkt, wenn sie laufen, vor der Hüfte. »Das Merkmal FNOL ist daher ganz klar mit den Menschen oder der menschlichen Linie verbunden, also mit der Gattung Homo, Paranthropus und dem Australopithecus.« Bei Letzterem sei das Merkmal sogar besonders stark ausgeprägt.

Aufgerichtet in Afrika

Die Überreste des mutmaßlichen Graecopithecus-Vertreters fallen in eine bedeutende Entwicklungsphase der Menschwerdung. Vor etwa sieben Millionen Jahren hatte sich die Linie der Homininen von der unserer nächsten Verwandten, der Schimpansen und Bonobos, abgespalten. Wichtiges Merkmal dieser Entwicklung: der aufrechte Gang. Abgespielt habe sich diese Sache, darüber sind sich die meisten Fachleute einig, in Afrika.

Fossilien, die diesen Prozess bezeugen, sind dort allerdings dünn gesät. Als Kandidat handeln Paläontologen etwa Sahelanthropus tchadensis, der vor sieben Millionen Jahren im nördlichen Zentralafrika umherstreifte. Ebenso komme der rund sechs Millionen Jahre alte Orrorin aus Kenia infrage. Ob die beiden sich tatsächlich regelmäßig aufrichteten oder nur durchs Geäst kletterten, ist vor allem im Fall von Sahelanthropus stark umstritten. Spassov und seine Kollegen sehen nun hinreichend Belege, dass Graecophitecus diese Schlüsselrolle übernommen haben könnte – allerdings nicht in Afrika, sondern in Europa.

Bereits 2017 interpretierten die Forscher um Böhme die Form der Zahnwurzeln des Graecophitecus als ein Merkmal der Hominini. Die Fachcommunity wies die Deutung entschieden zurück. Mit dem neuen Knochen liefern Spassov, Begun, Böhme und ihr Team ein weiteres Argument für ihre These. Doch auch dieses Mal sind nicht alle damit einverstanden.

War es wirklich ein Graecopithecus?

»Ich bin noch nicht überzeugt, dass es der Oberschenkelknochen eines Zweibeiners ist«, erklärt der Paläoanthropologe Scott Williams von der New York University. »Ebenso bin ich nicht überzeugt, dass er überhaupt zu einem Graecopithecus gehört.« Für einen Vertreter dieser Gattung sei der neue Knochen nämlich viel zu klein.

Erster Vormensch? | Graecopithecus freybergi lebte vor 7,2 Millionen Jahren in einer Savannenlandschaft in Südosteuropa, in die Saharastaub wehte. Die wissenschaftliche Illustration zeigt die Gegend um das heutige Athen im späten Miozän.

Madelaine Böhme erklärt den Größenunterschied mit Verweis auf ein biologisches Phänomen: Die Männchen und Weibchen von Graecopithecus seien vermutlich unterschiedlich groß gewesen. Aus dem Erstfund, dem Unterkiefer bei Athen, errechneten sie und ihre Kollegen einen Körper von etwa 40 Kilogramm Gewicht. Das spricht für ein Männchen. Das neu entdeckte Weibchen sei etwas mehr als halb so schwer gewesen. »Das ist ein durchaus typischer geschlechtsdimorpher Gewichtsunterschied bei in größeren sozialen Gruppen lebenden Menschenaffen«, so die Paläontologin.

Bezeugt der Oberschenkelknochen aber tatsächlich irgendeine Art von Zweibeinigkeit? Williams sieht an dem Fossil länger bekannte Messgrößen nicht erfüllt, die nun durch FNOL ersetzt würden. Vor allem aber fehlen für ihn eindeutige anatomische Merkmale wie ein kleiner knöcherner Vorsprung, an dem ein Band ansetzte, das die Hüfte und den zweibeinigen Gang stabilisierte. Beim sieben Millionen Jahre alten Sahelanthropus aus Afrika liege das Merkmal vor, beim Knochen aus Azmaka gebe es davon keine Spur. Über die Funktion dieses Vorsprungs gehen die Forschungsmeinungen allerdings auseinander. Böhme hält die Ansatzstelle bei Sahelanthropus für eine Beschädigung – Raubtiere hätten hier einst am Knochen genagt.

Wenn sich Hominiden ein Habitat teilen

Zweibeinig oder nicht zweibeinig, das ist hier die Frage. Und sie ist offenbar höchst umstritten. Aber wie sicher ist, dass der Oberschenkelknochen wirklich zu ein und derselben Gattung Graecopithecus gehörte? Der Zahn und der Beinknochen lagen nicht in derselben Fundschicht in Azmaka. Könnten die Knochenstücke demnach auch von verschiedenen Menschenaffenspezies stammen? In ihrer Studie legen sich die Forscher nicht fest. Sie betonen, dass die Fossilien aus Griechenland und Bulgarien nicht unbedingt von derselben Art der Gattung Graecopithecus stammen müssen. Angesichts jüngster Erkenntnisse, dass sich vor Millionen von Jahren auch mehr als eine Hominiden- oder Homininenart ein Habitat teilen konnten, wäre ein solches Szenario nicht unwahrscheinlich. Das legt auch die neue Studie nahe.

Böhme formuliert es allerdings anders. Rund 40 000 Jahre und etwa sieben Meter derselben Flussablagerungen lägen die beiden Stücke in Azmaka auseinander. Erdgeschichtlich und örtlich befänden sie sich damit in allernächster Nachbarschaft. »Davon auszugehen, dass es zwei verschiedene höhere Primaten gab, ist also sehr unwahrscheinlich«, sagt Böhme.

Dafür spricht auch die geringere Artenvielfalt von Menschenaffen im späten Miozän, die durch klimatische Veränderungen bedingt war. Landstriche fielen trocken, und Wüsten bildeten sich.

Entstand der erste Menschenvorfahre in Europa?

Sicher ist: Der Oberschenkelknochen stammt von einem Individuum, das vor 7,2 Millionen Jahren an einem Flusslauf in einer Savannenlandschaft lebte, ähnlich der Umgebung im heutigen Ostafrika. Dort hielten es der vermeintliche Graecopithecus und seine Nachfahren aber anscheinend nicht dauerhaft aus.

Vor acht bis sechs Millionen Jahren bedingten Klimaveränderungen »mehrere Ausbreitungswellen eurasischer Säugetiere nach Afrika«, erklärt Böhme. »Diese Entwicklung legte den Grundstein der heutigen Säugetierfauna afrikanischer Savannen.« Womöglich breitete sich auch Graecopithecus vom Balkan nach Süden aus. Die knifflige Frage lautet dann: Wo genau erfolgte der entscheidende Schritt in der Geschichte der Menschwerdung – zeitlich und vor allem örtlich?

Letztlich liegt momentan nur ein einziger Oberschenkelknochen vor

Laut gängiger Lehrmeinung gingen die Linie der Vormenschen und diejenige der Schimpansen- und Gorillavorfahren in Afrika auseinander. Sollte Graecopithecus aber ein Hominine sein, hätte dieser Schlüsselmoment der Evolution bereits in Europa eingesetzt. Und er wäre dann ein früher Vertreter der menschlichen Linie, wenn nicht der früheste.

Auch dazu trifft die Gruppe um Spassov in ihrer Studie keine konkreten Aussagen. Madelaine Böhme sieht hingegen viel Anlass, genau diese Entwicklung in Betracht zu ziehen. Nicht zuletzt, weil in Afrika jede Spur von Vorfahren der menschlichen Großfamilie (Homininae) aus der Zeit bis vor sieben Millionen Jahren fehlt. Wenn es so verlaufen ist, wie Böhme es sich vorstellt, würde das erklären, »warum es in Afrika keine Funde von Urschimpansen oder Urgorillas gibt«, sagt Böhme. Sie seien in Eurasien zu suchen.

Möglich ist es, aber eindeutige Belege liegen bisher nicht vor. Dazu muss auch die Fachcommunity noch überzeugt werden, was für ein Wesen genau der Graecopithecus aus Azmaka war. Paläoanthropologe Williams jedenfalls ist nicht der Ansicht, »dass es sich überhaupt um einen Menschenaffen handelt und erst recht nicht um einen zweibeinigen Homininen«.

Fachkollegen halten die neue Studie dennoch für bedeutsam. Aber was tatsächlich in dem Knochen aus Azmaka steckt, was seine Anatomie hergibt und ob es nun der erste Vormensch war oder nicht, wird noch für Diskussionen sorgen. Letztlich liegt momentan nur ein einziger Oberschenkelknochen vor.

Skepsis bleibt also. Auch weil die Studie in »Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments« vieles im Vagen lässt. Darin ist der neue Graecopithecus ein Homininae, der etwas von einem Vierbeiner, aber auch von einem Zweibeiner hat. In Presseberichten und Gesprächen ist er aber der erste Vormensch. Nur ganz am Ende ihres Papers hat die Gruppe um Spassov einen Hinweis auf ihre tatsächliche These platziert – in einer Anmerkung, die sie in der allerletzten Schlussphase ihrer Veröffentlichung einfügte (»note added in proof«): »Wenn der Azmaka-Oberschenkelknochen Graecopithecus zuzuordnen ist, stellt die Tatsache, dass er (wenn auch in Übergangsform) zweibeinig ist, ein weiteres Indiz dafür dar, dass diese Gattung zu den Hominini gehört.«

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  • Quellen

Fuss, J. et al., PLOS ONE 10.1371/journal.pone.0177127, 2017

Spassov, N. et al., Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments 10.1007/s12549–025–00691–0, 2026

Williams, S. et al., Science Advances 10.1126/sciadv.adv0130, 2026

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