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Energiewende international: Grande Herausforderung

Frankreich baut vorerst weiterhin auf seine zahlreichen Kernkraftwerke. Doch die Unterstützung dafür bröckelt. Kommt der Ausbau erneuerbarer Energien doch noch in Schwung?
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Sie sind die Musterschüler Europas, zumindest in Sachen Treibhausgasausstoß: Pro Kopf verursachen die Franzosen weniger als eine Tonne Kohlendioxidäquivalente pro Jahr – in Deutschland sind es mehr als vier Tonnen, im Schnitt der 27 EU-Länder immerhin noch fast drei Tonnen, vermeldet die Europäische Umweltagentur. Da ist es kein Wunder, dass unsere Nachbarn sich schwertun, den Ausbau erneuerbarer Energien aus Klimaschutzgründen zu forcieren, vor allem, da die Unterschiede bei den Emissionen im Energiesektor noch drastischer ausfallen: Verursachte Deutschlands Energiebranche 2009 343,7 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, waren es in Frankreich nur 60,5 Millionen.

Drei Viertel des in Frankreich erzeugten Stroms stammen aus den heimischen 58 Kernreaktoren, berichtet die französische Agentur für Umwelt und Energiewirtschaft (ADEME). Kein Land der Welt produziert mehr Strom durch Kernspaltung, auch wenn die USA einen geringfügig größeren Reaktorpark besitzen. Bis zur Katastrophe im japanischen Fukushima hätte kaum ein Franzose daran etwas ändern wollen.

Kernkraft, heimische Energie

Nach wie vor nimmt die Bevölkerung die Kernenergie als heimische Energie wahr, die unabhängig ist von außenpolitischen Krisen. Der jährliche Importbedarf von 8000 Tonnen Uran wird dabei gerne übersehen, ebenso wie die ökologisch und vor allem ethisch nicht immer unstrittigen Bedingungen, unter denen der Rohstoff gefördert wird. Der französische Nukleartechnikkonzern Areva zum Beispiel hat 2008 gleich zweifach den Negativpreis "Public Eye Award" erhalten, weil verschiedene Organisationen Strahlenbelastungen weit oberhalb erlaubter Grenzwerte dokumentiert hatten, über die Areva die Bevölkerung nicht informiert haben soll.

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Kernkraft in Frankreich | Nur in wenigen Ländern weltweit werden mehr Kernreaktoren betrieben als in Frankreich. Doch neu gebaut wurden in den letzten Jahrzehnten nur wenige Anlagen: Momentan errichtet Areva einen neuen Block in Flamanville am Atlantik in Form eines Druckwasserreaktors.

Doch weder das noch, dass Uran wie jeder fossile Rohstoff endlich ist, spielt in der öffentlichen Debatte eine Rolle. Areva soll über Vorkommen für etwa 20 Jahre verfügen, und laut dem – allerdings bekannt kernkraftkritischen – Umweltinstitut München wurde das Fördermaximum für Uran weltweit sogar schon in den frühen 1980er Jahren überschritten. Stattdessen begrüßen viele Franzosen den niedrigen Strompreis, der mit durchschnittlich knapp zwölf Cent je Kilowattstunde europaweit nur in sechs Staaten unterboten wird. In Deutschland liegt er dagegen fast doppelt so hoch.

Mehr als ein Jahr nach Fukushima bröckelt für die Kernenergie dennoch der Rückhalt in der Bevölkerung. Zuletzt stimmte in Umfragen rund ein Drittel dafür, die Reaktoren mittelfristig stillzulegen, und ein Drittel will an der Technik festhalten. Die umfangreichen Sicherheitsüberprüfungen der französischen Reaktoren haben zu Forderungen nach teuren Nachbesserungen geführt. Erst im April berichteten Medien über Pläne Frankreichs, Großbritanniens, Polens und Tschechiens, den Weg für EU-Subventionen für Kernkraftwerke frei machen zu wollen. Schon länger zweifeln Energiemanager, ob der Neubau eines Kernkraftwerks noch wirtschaftlich sei. Die Bevölkerung sprach sich zudem bereits in einer Studie aus dem Februar 2011 zu 97 Prozent für den Ausbau erneuerbarer Energien aus, vor allem für die Fotovoltaik. Eine Mehrheit der Befragten erklärte sich zudem bereit, höhere Strompreise zu bezahlen, um damit erneuerbare Energien zu fördern.

Die vorerst letzte Richtungsentscheidung schließlich dürfte am 6. Mai gefallen sein. Der neu gewählte Präsident François Hollande will bis 2025 den Anteil der Kernkraft am Strommix auf die Hälfte verringern. Der älteste Meiler, Fessenheim an der deutschen Grenze, soll 2017 als Erstes vom Netz gehen, und neue Reaktoren will Hollande nicht genehmigen. Aus der Technik aussteigen möchte er allerdings auch nicht. Damit bliebe Flamanville der momentan letzte Neubau in Frankreich. Die Anlage ist bereits heute 2,7 Milliarden Euro teurer als geplant, ihr Bau vier Jahre in Verzug.

Sanfter Ausstieg

Aber schon Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy, der erst im Februar verkündet hatte, Frankreichs Kernreaktoren sollten zukünftig länger als 40 Jahre laufen dürfen, war kein absoluter Gegner von Wind, Sonne und Co. In seiner Amtszeit setzte sich die französische Regierung einen Anteil der erneuerbaren Energien im Jahr 2020 von mindestens 23 Prozent zum Ziel – heute sind es knapp 15 Prozent. Statt der momentanen 33 Gigawatt soll sich die installierte Leistung knapp verdoppeln, der Energieverbrauch in diesem Zeitraum um 38 Prozent sinken.

Sarkozy brachte zudem Anfang 2011 Pläne für einen zügigen Ausbau der Offshore-Windkraft auf den Weg. Mit mehr als 3000 Kilometer Atlantikküste bietet sich die Technologie geradezu an. Bislang hat Frankreich dafür fünf Zonen ausgewiesen, weitere sollen folgen, doch die Abstimmung mit Tourismus, Fischerei und Naturschützern ist kompliziert. Ende 2011 gab es in Frankreich laut European Wind Energy Association Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 6800 Megawatt, bis zum Ende dieses Jahres sollen es 11 500 Megawatt sein. Angesichts verschärfter Antragsbedingungen, von Widerständen der lokal betroffenen Bevölkerung und einer Obergrenze von 500 Anlagen pro Jahr erschien das Ziel nie sonderlich realistisch, und der Ausbau hinkt hinterher. Und das, obwohl auch Frankreich je nach Standort eine Einspeisevergütung von 2,8 bis 13 Cent bezahlt. Gegenüber dem heutigen Anteil an der Energieversorgung hat die französische Windkraftbranche noch viel Luft nach oben.

Nicht minder enorm ist das Potenzial der Fotovoltaik, gerade auch im von der Sonne verwöhnten Süden des Landes. Trotzdem finden sich in Frankreich bislang nur wenige Solarzellen auf den Dächern. Auch hier hat aber die Trendwende begonnen. Waren in der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt 2010 erst rund 900 Megawatt Solaranlagen installiert, kamen allein 2011 bereits etwa 1500 Megawatt hinzu. Doch speziell für Solarkraftwerke kritisiert die European Photovoltaic Industry Association, dass die Anschlusszeiten ans Stromnetz teils bei bis zu 18 Monaten lägen – offiziell aus Sorge um die Netzstabilität.

Drosselung von oben

Die französische Regierung hat auf den Boom reagiert, indem sie den jährlichen Zubau auf 500 Megawatt begrenzt und die Einspeisevergütung wiederholt gesenkt hat. Für Neuanlagen auf Wohngebäuden gibt es aktuell rund 20 Cent je Kilowattstunde und damit um die Hälfte weniger als noch vor Kurzem. Begründet wird das Vorgehen damit, dass so Außenbilanzdefizite vermieden werden sollen, da die meisten Solarmodule aus dem Ausland stammen. Außerdem hat Frankreich das Ziel seines Nationalen Aktionsplans für 2012 im Bereich Fotovoltaik bereits 2010 erreicht.

Schon etabliert ist hingegen die Wasserkraft. Sie liefert rund 90 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien und zwölf Prozent der gesamten Stromerzeugung; sie soll deshalb nur noch wenig bis 2020 wachsen. Dafür soll eine Förderung von 15 Cent je Kilowattstunde die Entwicklung der Gezeiten- und Wellenkraftwerke vorantreiben: Wahrscheinlich im Sommer geht in der Bretagne ein erstes Meeresströmungskraftwerk mit vier bis sechs Megawatt Leistung ans Netz. Angesichts des bewegten Atlantiks lohnen hier Investitionen.

Ein Jahr nach Fukushima und dem deutschen Atomausstieg ist die Energiewende hier zu Lande in vollem Gang. Aber wie sieht es in anderen wichtigen Industriestaaten oder aufstrebenden Nationen wie China aus? Steht die Kernkraft auch dort vor dem Aus? Wie verknüpfen Brasilien oder die USA Ökonomie und Ökologie? In einer mehrteiligen Serie werfen wir einen Blick auf diese Staaten.

Noch größer als die Herausforderungen beim Umbau der Stromversorgung sind jene, die bei der Heizenergie auf Frankreich warten. Gebäude haben einen Anteil von 44 Prozent am Energieverbrauch, bis 2020 soll er um mehr als ein Drittel sinken. Die Krux: Ein Drittel der Haushalte nutzen Elektroheizungen, ineffiziente noch dazu. Sinkt die Außentemperatur um ein Grad, steigt nach Angaben des Netzbetreibers RTE der Strombedarf um 2100 Megawatt. An kalten Wintertagen sind sie regelmäßig auf Stromimporte angewiesen, obwohl Frankreich im Jahresmittel eindeutiger Exporteur ist. Das war beispielsweise im letzten Winter der Fall, als klirrende Kälte auch unseren linksrheinischen Nachbarn heimsuchte und Heizungen auf Hochtouren liefern. Während dieser Zeit exportierte Deutschland auch große Mengen Solarstrom gen Westen.

Autos als Puffer

Um die Lücken zu decken, setzen die Franzosen zunehmend auf Biomasse, die bereits ein knappes Sechstel des Heizbedarfs deckt und weiter wachsen soll. Hinzu kommen steigende Anteile für Solarthermie und Wärmepumpen – Letztere benötigen aber ebenfalls wieder Strom. Deshalb gewinnt auch Sparen zunehmend Priorität: Ab 2013 gelten neue Energiesparnormen für Neubauten. Statt 250 Kilowattstunden je Quadratmeter Wohnfläche sollen sie maximal noch 50 Kilowattstunden verbrauchen. Außerdem ist geplant, ab 2013 jährlich 400 000 Altbauwohnungen zu renovieren, ebenso wie einmalig die 800 000 Sozialwohnungen mit den geringsten Energiestandards.

Zur Strategie beim Umbau der Energieversorgung gehört auch der Blick auf die Straße: Elektroautos sollen als mobiler Puffer die Netzstabilität gewährleisten helfen. Doch auch hier sind die Hürden noch hoch: Beim Verkauf von Elektroautos liegt Frankreich in Europa zwar an der Spitze, das relativiert sich jedoch schnell, denn diese Fahrzeuge machen bislang nicht einmal zwei Promille der Verkäufe aus. Deshalb hat die Regierung für Fuhrparke der Post und anderer staatlicher Unternehmen 25 000 Elektroautos geordert, um den Sektor anzukurbeln. Ein Viertel davon soll noch in diesem Jahr ausgeliefert werden. Bis 2020 hat sich Frankreich das ambitionierte Ziel von zwei Millionen E-Fahrzeugen gesetzt, die landesweit auf eine Million Ladestellen zugreifen können sollen.

Damit hängt womöglich auch Wohl und Wehe der französischen Energiewende ab. Denn sie steht und fällt mehr noch als in Deutschland mit dem Ausbau der Netze und der Entwicklung leistungsfähiger Stromspeicher. Während es hier zu Lande bislang gelingt, Stromschwankungen der Wind- oder Solarenergie auszugleichen, indem Gaskraftwerke schnell herauf- oder heruntergeregelt werden, bieten die eher trägen Kernkraftwerke diese Flexibilität nicht.

27. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27. KW 2012

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