Direkt zum Inhalt

Grevyzebras: Die Zebras mit den großen Ohren

Grevyzebras sind besonders hübsch und besonders selten. Die meisten gibt es in Zentralkenia. Noch. Wegen jahrelanger Dürre kämpfen Mensch und Tier um jeden Grashalm. Bis aufs Blut.
Ein Grevyzebra steht unter einem Akazienbaum im Buffalo-Springs-Nationalreservat in Nordkenia.
Im Buffalo-Springs-Nationalreservat in Nordkenia gibt es noch wild lebende Grevyzebras.

Als der Land Cruiser zum Halten gekommen und der Motor ausgeschaltet war, schien die Welt zu verstummen. Der Wind rauschte durch die Äste der Akazien und trug gleichmäßiges Rupfen, Malmen und Schnauben von einer Gruppe Grevyzebras über das Land. Tiere, die man zu sehen erhofft, aber als Besucherin selbst in den Nationalreservaten im Zentrum Kenias bloß noch unregelmäßig antrifft.

»Was glaubt ihr, wie viele Grevys es gibt?« Mit dieser Frage eröffnet Andrew Letura seine Zebra-Infoveranstaltung für die Anwohner in Archers Post, einer Siedlung, die entlang einer geteerten Straße in Hitze gehüllt zwischen den Reservaten Buffalo Springs, Samburu und Shaba im mittleren Westen des Landes liegt. »Oft antworten die Leute ›Millionen‹«, sagt Letura, der als Wildlife Manager für die Organisation Grevy’s Zebra Trust arbeitet. »Weil sie die Zebras seit ihrer Kindheit im Alltag gewohnt sind, gehen sie davon aus, dass die Tiere nicht nur im Samburu County, sondern auch massenweise in Kenias Naturschutzgebiet Massai Mara oder anderen afrikanischen Ländern, gar auf anderen Kontinenten leben.« Sie irren.

Etwas mehr als 3000 frei lebende Equus grevyi gibt es noch. Das ergab eine Zählung im Jahr 2020. Die meisten wandern in Zentral- und Nordkenia umher, rund 200 in Äthiopien. Damit gehören die Grevys zu den am stärksten bedrohten Säugetieren Afrikas.

Die Tiere stehen als »gefährdet« auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN. Schon bald könnten sie verschwunden sein. Weil eine seit Jahren anhaltende Dürre zuvor saftige Weideflächen im Samburu County zu bracher Erde gebacken hat. Weil Vieh stirbt und die Lebensgrundlage hunderttausender Menschen schwindet. Weil der Drang zu überleben zum Töten treibt.

Grevys fallen nicht nur auf, sie sind auch nützlich

»Samburu ist eine Region mit besonderen Tieren«, sagt John Lesinka ole Leng’eny. Er sitzt auf einem Baumstamm, der mächtige Berg Ol Olokwe ist von hier aus zu sehen, ebenso der Ewaso Nyiro Fluss, der in den vergangenen Monaten zu einem flachen Gewässer verkommen ist. Trotzdem kommen immer wieder Tiere, um das rötliche Wasser zu trinken. Eine Antilope, die zwischenzeitlich auf zwei Beinen läuft? Gibt es hier, sie heißt Gerenuk. Außerdem Netzgiraffen, Somalistrauße sowie Beisa-Oryx. Und eben Grevyzebras.

»Ich sehe nicht bloß ein Tier, ich sehe Leben«
(Andrew Letura, Tierschützer)

»2008 habe ich mein erstes Grevy gesehen, das war noch in der Massai Mara«, sagt ole Leng’eny, der, wie es sich als Mitglied des Massai-Stammes gehört, in eine rot-blau-karierte Decke gehüllt und mit Schmuck behangen ist. Er arbeitet dort als Guide, seit 2019 macht er denselben Job im Samburu County und begegnet daher öfter Equus grevyi als damals. »Alle Zebras sind schöne Tiere, aber das Grevy übertrifft die anderen. Wenn es dich anschaut und dabei die runden, haarigen Ohren nach vorne dreht – das ist einfach großartig.« Mit ihren schmalen Streifen und dem weißen Bauch unterscheiden sie sich deutlich von anderen Zebras, auch in ihrem Verhalten (siehe Infokasten »Was man über Grevyzebras wissen sollte«). Was allen Zebras gemein ist: »Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems«, sagt ole Leng’eny.

Zebras fressen, was den meisten Tieren Magenschmerzen bereiten würde. Sie säubern die Böden von minderwertigen Pflanzen. Neue, zarte Blätter und Gräser können wachsen, die für viele Tiere verträglich sind. Ab und an ein Zebra zu fressen wiederum, ist für Löwen überlebenswichtig. »Die Bedeutung der Grevys für die Natur ist deshalb nicht zu unterschätzen«, sagt der Massai.

Grevyzebra | Weiß auf Schwarz oder Schwarz auf Weiß? Über die Musterung von Zebras lässt sich erbittert diskutieren.

Auch für Letura sind Grevys etwas Besonderes. »Ich sehe nicht bloß ein Tier, ich sehe Leben«, erzählt der 35-Jährige in Archers Post. Ob er vor lauter Streifen einzelne Zebras überhaupt voneinander unterscheiden könne? »Selbstverständlich, jedes Muster ist einzigartig.« Manche sind zudem von Kampfspuren gezeichnet, haben Narben oder Flecken. »Besonders einfach ist es, Jungtiere wiederzuerkennen, deren Mütter gewildert wurden. Wir sehen sie aufwachsen und sind mit ihren Eigenarten vertraut«, erzählt er weiter.

Die Verbundenheit verleitet zu Kosenamen. Da ist zum Beispiel »Atoti«, was »kleines, schönes Mädchen« auf Swahili bedeutet. »Sie ist ein außergewöhnlich hübsches Fohlen, war ungefähr zwei Wochen alt, als wir sie fanden, und ist mittlerweile sechs Monate, gesund und kräftig«, erzählt Letura. Andere Tiere benennen die Tierschützerinnen und Tierschützer nach Orten oder Rettern: Es gibt etwa Ltungai, da gefunden im gleichnamigen Schutzgebiet sowie Newario, abgeleitet vom Namen des Buffalo-Springs-Rangers Wario, der es entdeckte.

Auf Wilderei folgte Straßenbau, folgte Dürre um Dürre

Seit 15 Jahren bemüht sich die Organisation, Grevys zu schützen. Lange bedrohten vor allem Wilderer den Bestand. Auch wenn es immer wieder Fälle gibt, ist das Problem dank vieler Ranger und aufmerksamer Mitmenschen unter Kontrolle. Doch es wurden immer mehr Straßen gebaut, über die Minibusse, Trucks und Autos bretterten und deren Fahrer oft nicht mehr rechtzeitig bremsen konnten, wenn ein Zebra auf seiner gewohnten Route queren wollte. Und dann ist da noch die Dürre.

Wohin man mit zusammengekniffenen Augen auch blickt: Es ist, als würde ein Filter, der alle Farben verblassen lässt, über Archers liegen. Jeder Windstoß peitscht den Körper. Von oben schickt die gleißende Sonne Hitze, von unten kriecht sie aus dem Boden durch die Sohlen. Außerhalb der Steinhäuser und Wellblechkonstruktionen gelingt es allein knorrigen Akazienbäumen, brauchbaren Schatten zu werfen.

  • Was man über Grevyzebra wissen sollte

    Grevys (Equus grevyi) sind königlich. Davon war zumindest Menelik II., der Kaiser von Abessinien – dem heutigen Äthiopien – im Jahr 1882 überzeugt. Er schenkte dem damaligen französischen Staatspräsidenten Jules Grévy ein Exemplar, worauf die Art fortan Grevyzebra hieß. Erstmals wissenschaftlich beschrieben hat die Tiere im selben Jahr der französische Zoologe Émile Oustalet.

    Gab es vor 20 Jahren schätzungsweise noch 17 000 Tiere dieser Art, sind es nach aktueller Kenntnis rund 3000.

    So manche Merkmale unterscheiden Grevys von anderen Zebras wie dem Bergzebra (Equus zebra) oder Steppenzebra (Equus quagga): Sie sind größer, haben schmalere Streifen, einen weißen Bauch sowie einen schwarzen Streifen auf dem Rücken, braune Schnauze und – äußerst auffällig – große, wuschelige Ohren. Bis zu 450 Kilogramm bringen ausgewachsene Exemplare auf die Waage.

  • Lebensraum und Ernährung

    Grevys besetzten die Nische zwischen dem wasserabhängigen Steppenzebra und dem an Trockenheit angepassten Wildesel. Ihre Körper funktionieren in trockenen und halbtrockenen Ökosystemen, weshalb sie in den zentralen und nördlichen Regionen Kenias sowie einigen Gebieten Äthiopiens problemlos überleben könnten.

    Sie fressen nahezu alles und können bis zu fünf Tage ohne Wasser auskommen. Einschränkung: Weibchen, die ihre Jungen säugen, müssen regelmäßig trinken, um ausreichend Milch für ihren Nachwuchs zu produzieren.

  • Sozialleben und Fortpflanzung

    Ihr soziales Verhalten ähnelt eher Eseln als Pferden. Grevys finden sich zwar in Gruppen zusammen, doch sie bilden keine Herden in denen ein Tier die Führung übernimmt, sondern verstehen sich zumeist als Einzelgänger. Ein Männchen schart ein Harem an Weibchen um sich, andere ziehen in Bacherlorgruppen umher. Je nach Nahrungsangebot und Umgebung tun sie sich zeitweise zusammen, letztlich aber löst sich jede gemischte Gruppe wieder auf.

    Einzelne Männchen herrschen über Territorien, die durchschnittlich sechs Quadratkilometer messen, sich aber über bis zu zehn Quadratkilometer erstrecken können. Andere Männchen toleriert man, solange keine brunftigen Stuten anwesend sind. Mit etwa sechs Jahren sind sie geschlechtsreif, Weibchen im Alter von rund drei Jahren.

    Einmal trächtig, dauert es 13 Monate bis ein Fohlen geboren wird. Die Kleinen wiederum sind von ihren Müttern stark abhängig und zehn Monate lang auf sie angewiesen, bevor sie entwöhnt sind und für sich selbst sorgen.

Üblicherweise kommen Zebras sogar in langen Trockenzeiten gut zurecht. Doch die Grevys warten nicht erst seit Wochen oder Monaten auf Regen, sie warten seit mehr als drei Jahren. Ebenso die Menschen.

Während in weiten Teilen Kenias die Böden verdorrten, strebten umherziehende Stämme in die Region, die dank des Ewaso Ngiro noch Wasser und Grün birgt – auch wenn der Fluss im Mai 2022 geradezu zähflüssig ist. Sie ließen sich nieder und nutzen die Sondererlaubnis der Regierung, das, was von ihren einst stattlichen Herden noch übrig ist, in die Nationalparks zu treiben. Nachdem viele Kühe verendet sind, haben einige Hirten auf widerstandsfährigere Ziegen gewechselt, die noch die letzten spärlichen Grashalme bis zum Boden abnagen und Grevys sowie weiteren Wildtieren daher das Futter wegfressen. Die Grevys wiederum bahnen sich ihren Weg durch eine Region, in der es immer weniger freie Flächen und immer mehr privates Weideland gibt.

Ein Fluss als Grenze | Der Ewaso Ngiro teilt die nationalen Schutzgebiete Samburu und Buffalo Springs. Mitte Mai 2022 führte er kaum noch Wasser.

An einigen Stellen im Samburu County steht Zaun an Zaun. Gebaut aus grobem Holz und Stacheldraht, verstärkt mit Dornensträuchern oder Kakteen. In Zeiten der Dürre helfen die Menschen vor allem sich selbst. Man hat sich bewaffnet, um das eigene Land zu verteidigen oder um auf Land vorzudringen, das einem nicht gehört. Statt sich gegenseitig zu helfen, um zu überleben, geraten Nomaden, Landwirte und Hirten immer wieder aneinander. Schüsse hört man in Archers nicht nur nachts, sondern auch tagsüber.

Manche Zebras sterben, weil sie auf ihrer Wanderung zu Futtergründen und Wasserstellen ins Kreuzfeuer geraten. Andere, wenn Menschen versuchen, sie von ihrem Land zu verscheuchen. Wieder andere werden erlegt, da das Fleisch die Familie ernähren soll. Ob er verstehen könne, dass die Menschen aus Hunger töten? »Nein, viele haben auch jetzt noch andere Optionen«, sagt Letura. Sie könnten eine ihrer Ziegen verkaufen. »Doch anstatt ihr Eigentum herzugeben, töten sie lieber Wildtiere.«

Wer ein Grevy tötet, hat keine ernsthaften Konsequenzen zu fürchten. In Kenia sei es schwierig, irgendwen zu bestrafen, erzählt Letura – Rote Liste hin oder her. Letura erzählt von einem Fall aus dem Frühjahr 2022. Mehrere Männer töteten ein Zebra und transportierten es zerlegt auf ihrem Motorrad. Sie wurden festgenommen, aber nicht bestraft. »Sie hatten Waffen, statt die ohnehin angespannte Situation eskalieren zu lassen, lässt man sie lieber frei«, sagt Letura.

Er würde es zwar gut finden, wenn das Töten bestraft würde, ist aber überzeugt davon, dass die direkte Konfrontation momentan der falsche Weg ist. Besser sei es, den Menschen in der Region zu vermitteln, wie wichtig Grevys sind. »Die Zebras zeigen Hirten, wo es Wasser oder Weideflächen gibt und warnen vor möglichen Gefahren«, sagt der Artenschützer. Wo Grevys sich friedlich in Gruppen zusammenfinden, sind Raubtiere zumeist fern. Außerdem locken sie Touristen an und bringen so Jobs und ein gesichertes Einkommen in Zeiten, in denen alles andere unsicher geworden ist.

Der globale Klimawandel trägt zu den Extremwetterereignissen bei. Doch indem einige Kenianer Bäume fällen, Sand von Flussbänken abschöpfen und immer mehr gefräßige Ziegen halten statt Kühe, erschöpfen die Menschen das Land. »Es liegt an uns, auch in schwierigen Zeiten, im Einklang mit der Natur zu leben statt gegen sie zu arbeiten und für unsere Fehler zahlen zu lassen«, sagt Letura. Langfristig gelte es, das Land in der Region so zu nutzen und zu verwalten, dass Tier und Mensch dort gemeinsam leben können. Umsetzen lässt sich auch das nur mit der Bevölkerung, nicht gegen sie.

In Samburu werden Grevys überwacht, geheilt, gar gefüttert

»Wir können die Grevys nur schützen, wenn alle mithelfen: Kinder, Frauen, Älteste, Krieger«, sagt Letura. Rund 30 Leute aus der Community arbeiten beispielsweise für die Organisation als Scouts, darunter mehr Frauen als Männer, die nach Tieren Ausschau halten. Pro Monat bekommen sie 15 kenianische Schilling, umgerechnet 10 bis 15 Cent. Für Menschen, die keine Schule besucht oder eine Ausbildung genossen haben, sowie Witwen oder Älteste, die sonst überhaupt nichts verdienen würden, ist das ein bedeutsames Einkommen.

Ausgerüstet mit Datasheets oder Smartphones mit spezieller App, notieren die Scouts, wann und wo sie Grevys gesehen haben, in welche Richtung sie gegangen sind, ob es Nachwuchs gab und vermerken, ob Tiere gesund wirken oder in irgendeiner Form auffällig waren.

»Wir wünschten, es hätte eine andere Lösung gegeben, doch die Alternative wäre gewesen, sie verhungern zu lassen«
(Andrew Letura)

Einmal im Monat trägt das Trust-Team die Daten zusammen und wertet sie aus. »Das erlaubt uns abzuschätzen, ob es gleich viele Zebras, weniger oder mehr sind«, sagt Letura. Aber wie belastbar sind die Daten – schließlich könnten die Scouts eintragen, was sie wollten? »Äußerst belastbar, da wir immer zahlen, egal ob man ein Tier gesehen hat oder nicht. Es gibt also keinen Grund, sich etwas auszudenken.« Neben den Scouts gibt es noch Botschafter, die in Schulen, zu Versammlungen und in Dörfer gehen, um für den Schutz der Zebras werben. Und es gibt Krieger, die in äußerst abgelegenen Gebieten, Zebras überwachen.

Ursprünglich wollte man im Jahr 2022 zählen, wie viele Grevys die vergangenen zehrenden Jahre überlebt haben. Die Coronakrise hat es verhindert. »Wir planen den Zensus nun für Januar 2023. Dann werden wir wissen, wie viele wegen der Dürre und ihren Folgen starben.«

Geplagte Grevys bekommen extra Heu

Wie wichtig es ist, Späher im gesamten County positioniert zu haben, hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt. Weil Tiere wegen der hohen Temperaturen und geringen Wasserbestände in einigen Regionen verendeten, entschied die Organisation mehrfach, entlang der Wanderrouten Heuballen zu verteilen, zusätzliches Futter also. Zuletzt 2019.

»Wir wünschten, es hätte eine andere Lösung gegeben«, sagt Letura, »doch die Alternative wäre gewesen, sie verhungern zu lassen.« Allen Beteiligten sei klar, dass es sich um eine Ausnahme in Ausnahmezeiten handelt. Würde man dauerhaft zufüttern, könnten die Tiere sich zu sehr an menschliche Nähe gewöhnen, womöglich ihre Wanderrouten ändern und dann noch häufiger mit den Landwirten und Hirten aneinandergeraten als bisher. Außerdem ist Heu ein teures Gut.

Doch die nächste Fütterung deutet sich an. In naher Zukunft ist laut Kenias Regierung kaum Regen zu erwarten. »Die Dürre, die Nahrungsmittelknappheit und die damit verbundenen Entwicklungen in Samburu und höher im Norden sind beängstigend«, sagt Letura. »Liebend gern würde ich Grevys weiterhin in freier Wildbahn sehen.« Doch wegen des immer öfter, immer länger ausbleibenden Regens, wachsenden Interesses an Land und zu vielen Menschen und Herden, in Gegenden, die nur wenig zu bieten haben, fürchtet er, dass es Grevys in ein paar Jahren nur noch auf privatem Gelände oder in Schutzgebieten gibt. »Dann hätte die Welt versagt.«

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte