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News: Griechische Kolonisten profitierten von der Zivilisation Süditaliens

Die griechischen Kolonisten, die um 700 v. Chr. in Süditalien Städte gründeten, verdankten ihren Reichtum den wohlhabenden Siedlungen der einheimischen Bevölkerung. Das zeigen die Ergebnisse von Ausgrabungen niederländischer Archäologen der Universität Groningen auf dem Timpone della Motta bei Francavilla Marittima in Kalabrien, wo sich eine Siedlung mit Grabstätten und ein Heiligtum befanden.
Die aus Hütten, Gräbern und dem Heiligtum der ursprünglichen Bevölkerung, der Enotrier, stammenden Funde deuten darauf hin, daß hier bereits lange vor Eintreffen der Griechen Bronze-, Eisen- und Tongegenstände gefertigt und Olivenöl und Wein bereitet wurden. Die Ausgrabungen förderte der Fachbereich Geisteswissenschaften der niederländischen Forschungsorganisation NWO.

Die Griechen gründeten ihre Kolonie, das berüchtigte Sybaris, in einer breiten Küstenebene. Sybaris lag inmitten älterer einheimischer Höhensiedlungen. Der Geschichtsschreibung zufolge ist dieser Landstrich erst durch die Griechen zivilisiert worden. Heute weiß man aber, daß die Höhen um Sybaris schon vor der Ankunft der Griechen dauerhaft bewohnt waren. Die einheimischen Siedlungsgemeinschaften hatten bereits von den Mykenern und Phöniziern gelernt, wie sie Bronzeschalen, verzierte Tongegenstände, Olivenöl und Wein erzeugen konnten.Das läßt sich aus gefundenen Objekten wie italomykenischen Vasen, Bronzekesseln und Vorratsgefäßen ägäischer Prägung ableiten.

Im Gegensatz zu den Mykenern lebten die Enotrier in Familienverbänden und hatten weder Könige noch einen Hofstaat. Die Ausgrabungen auf dem Gipfel des Timpone della Motta zeigen, daß die Enotrier – lange bevor die Griechen dort ihre Tempel der Athene weihten – an dieser Stelle eine einheimische Göttin verehrten. In der dicken Ascheschicht in der Nähe des Altars fanden die niederländischen Archäologen Bruchstücke von im Stil des Gebiets bemalten Schalen mit tierischen Knochen.

Um den Altar lagen Webgewichte, verziert mit Labyrinthmotiven und Schmuck, Ringe, Fibulae, Spiralarmbänder usw. aus dem neunten und achten Jahrhundert v. Chr. Damals gab es hier noch keine griechischen Kolonien. Folglich beherrschten die enotrischen Frauen bereits die Kunst des Webens und suchten für diese wichtige Einkommensquelle den Schutz ihrer Göttin. An anderen Stellen wurden von einheimischen Schmieden gefertigte Gebrauchsgegenstände aus Bronze und Eisen sowie Schmuck und Waffen gefunden. Diese Geschenke weisen auf eine Verehrung durch die männliche Bevölkerung hin.

Diese jüngsten Funde belegen erneut, wie unzuverlässig die griechische und die europäische Geschichtsschreibung bezüglich der griechischen und römischen Kolonisation ist. In den antiken griechischen Quellen werden die besetzten Gebiete fast immer als unbewohnt und die Kolonisten als Begründer der Zivilisation in diesen Gebieten dargestellt. Diese Sicht wurde zum größten Teil von Historikern der neuzeitlichen europäischen Kolonialmächte übernommen. Es ist nun aber eine Neuinterpretation geboten, die die Vitalität der einheimischen Kulturen berücksichtigt.

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