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Krankheiten: Grippe 2.0

Zur wirkungsvollen Bekämpfung von Infektionskrankheiten muss man die Ausbreitungswege des Erregers kennen. Statt auf Fallzahlen von Ärzten setzen Forscher gerade bei Grippe zunehmend auf das Internet als Datenquelle. Die so gewonnenen Informationen sind schnell verfügbar, anpassungsfähig und ergänzen die auf herkömmliche Weise gesammelten Daten hervorragend.
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Jeden Tag nutzen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt die Suchmaschine Google, um nach Informationen zu verschiedenen Krankheiten zu suchen – und tragen so ganz ungewollt dazu bei, dass Forscher die Ausbreitung von bestimmten Infektionserkrankungen relativ einfach überblicken können. Denn der Internetkonzern Google fahndet seit 2008 mit Hilfe seiner Nutzer nach epidemiologischen Daten: indem er ganz einfach die Suchanfragen sämtlicher Nutzer auswertet.

Was zunächst relativ skurril klingt, basiert auf wissenschaftlichen Grundlagen. Google konnte feststellen, dass zu Zeiten von Krankheitsepidemien auch die Anzahl der gesundheitsbezogenen Suchanfragen wächst. Unter Einbeziehung der Grippedaten, die in den USA jährlich vom Center of Disease Control and Prevention (CDC) erhoben werden, gelang es dem Unternehmen tatsächlich, einen Satz von Suchbegriffen zu generieren, die in der Auswertung eine hohe Korrelation mit der vom CDC gemessenen Ausbreitung von Grippeerkrankungen aufweisen [1].

Bis heute trifft Google mit seinen Grippedaten aus dem Netz in jeder Wintersaison tatsächlich ins Schwarze. Die Ergebnisse werden ohne viel Aufwand nahezu tagesaktuell auf dem Onlineportal "Google Grippe-Trends" präsentiert. Für Deutschland gelten die Daten vom European Influenza Surveillance Network als Referenzwerte.

Die Datenerhebung von Google ist zwar schnell und vergleichsweise wenig aufwändig, ein paar Haken sind aber dennoch mit dieser Vorgehensweise verbunden: Natürlich ist nicht jeder Nutzer, der nach grippeassoziierten Begriffen sucht, auch automatisch krank. Noch dazu weiß Google im Sinne des Datenschutzes kaum mehr über das einzelne Individuum, was darüber hinausgeht, in welchem Bundesland es die entsprechende Suchanfrage gestellt hat.

Datenerhebung auf Freiwilligenbasis

In Deutschland gibt es daher seit Kurzem zwei neue Internetportale, mit denen Epidemiologen die Datensammlung im Internet noch weiter verfeinern wollen: "GrippeWeb" und "Aktiv gegen Grippe". Erstere Plattform wird seit März 2011 vom Robert Koch-Institut (RKI) betrieben und arbeitet mit Onlinefragebögen, die regelmäßig von Freiwilligen aus der Bevölkerung ausgefüllt werden. Mitmachen kann jeder, der mindestens 14 Jahre alt ist, und Eltern haben die Möglichkeit, ihre Kinder mit anzumelden. Die Teilnahme ist grundsätzlich anonym, zunächst müssen die Probanden aber mindestens Auskunft über bestimmte Basisangaben wie etwa Geschlecht, Geburtsjahr und Landkreis geben.

ARE und ILI werden häufig als Indikatoren für Grippeerkrankungen zurate gezogen.

Die akuten respiratorischen Erkrankungen (ARE) sind dabei definiert als Atemwegserkrankung mit Fieber oder Husten oder Halsschmerzen.

Akute grippeähnliche Erkrankungen (engl: influenza-like illness, ILI) dagegen setzten Fieber zusätzlich zu Husten oder Halsschmerzen voraus.

Anschließend berichten die Freiwilligen einmal wöchentlich über neu auftretende Symptome, die im Zusammenhang mit so genannten akuten respiratorischen Erkrankungen (ARE) oder grippeähnlichen Erkrankungen (ILI) stehen, beispielsweise Husten, Schnupfen, Halsschmerzen oder Fieber. Da regelmäßige Auskünfte für die Epidemiologen des RKI von großer Bedeutung sind, locken sie die Teilnehmer mit einem Punktesystem und der Aussicht auf teure Preise: Wer jede Woche seinen Fragebogen ausfüllt, bekommt mehr Punkte und hat so am Ende der Grippesaison bessere Chancen, bei einer Verlosung Notebook, Mediaplayer oder Digitalkamera zu gewinnen.

"Aktiv gegen Grippe" arbeitet mit einem ähnlichen System. Als Teil des europaweiten Projekts "Influenzanet" sollen hier staatenübergreifend möglichst einheitliche Daten zur Grippeausbreitung gesammelt werden. Die Onlinefragebögen sind daher standardisiert und in allen teilnehmenden Ländern weit gehend gleich. Vorreiter des europäischen Netzwerks waren bereits 2003 Belgien und die Niederlande. Im Lauf der Zeit gesellten sich Portugal, Italien und Großbritannien dazu; seit Januar 2012 sitzen dank "Aktiv gegen Grippe" auch Deutschland, Österreich und die Schweiz mit im Boot – am Ende soll schließlich ganz Europa teilnehmen.

Die Vorteile des Internets als Grippedatenquelle liegen – wie bei "Google Grippe-Trends" auch – vor allem in der Schnelligkeit, mit der die Daten erhoben und im Kern umgesetzt werden können, erklärt Markus Schwehm. Der Mathematiker zeichnet sich verantwortlich für die Plattform "Aktiv gegen Grippe". Im Gegensatz zur Berichterstattung durch niedergelassene Ärzte stehen die Grippedaten der beiden Onlineportale "Aktiv gegen Grippe" und "GrippeWeb" immer nahezu tagesaktuell zur Verfügung und ermöglichen so eine ideale Überwachung der Influenzaausbreitung.

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Grippe auf einen Blick | Auf "GrippeWeb" können die Nutzer jederzeit die aktuelle Grippeausbreitung verfolgen. Die Graphen zeigen den Anteil der Teilnehmer, die unter einer akuten Atemwegserkrankung leiden, dargestellt für Kinder unter 15 Jahren in Rot und für Erwachsene in Grün.

"Zudem erheben wir weitaus differenziertere Daten als andere Stellen", so Schwehm. So deckt der anfängliche Basisfragebogen nicht nur die wichtigsten sensiblen Daten ab, sondern fragt beispielsweise auch nach dem Arbeitsplatz, der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, chronischen Erkrankungen, oder ob der Teilnehmer sich bereits gegen Grippe hat impfen lassen. Berichtet ein Freiwilliger von grippeähnlichen Symptomen, so wird er ebenfalls dazu aufgefordert, Angaben über die Dauer seiner Erkrankung zu machen und ob er bereits Medikamente dagegen eingenommen hat. "Solche Informationen bekommt man nur durch Onlineerhebungen", erklärt Schwehm.

Dabei sind solche Angaben für die Epidemiologie durchaus von großer Bedeutung. Nimmt jemand regelmäßig Bus oder Bahn? Leben die Teilnehmer mit kleinen Kindern oder alten Leuten zusammen? Gehen sie trotz Krankheit weiterhin zur Arbeit? Antworten darauf machen die Verbreitungswege von Krankheiten transparenter und zeigen gleichzeitig auf, wo Präventionsmaßnahmen am sinnvollsten ansetzen sollten.

Mit Onlinedaten die Belastung für das Gesundheitssystem einschätzen

Die Erhebung von Grippedaten mittels Onlinefragebögen scheint also aussichtsreich zu sein, auch wenn sie – wie alle anderen epidemiologischen Verfahren auch – gegen statistische Verzerrungen längst nicht immun ist. So ist es problematisch, wenn ein Teilnehmer die Befragung zwischenzeitlich abbricht, erklärt Schwehm. Zudem konnten die Forscher vom RKI bei ihrer ersten Auswertung durchaus Unterschiede zur Durchschnittsbevölkerung feststellen, beispielsweise bei der Frage, wie viele der Befragten sich gegen Grippe impfen ließen. Bei den über 16-Jährigen lag der Anteil der gegen Influenza geimpften Personen in einer gewichteten Analyse bei rund 50 Prozent, die Auswertungen des Meinungsforschungsinstituts YouGov fallen für den gleichen Zeitraum dagegen wesentlich magerer aus: Hier waren es nur halb so viele [2]. Erklären lassen sich diese Unterschiede beispielsweise durch die Annahme, dass sich auf Plattformen wie "GrippeWeb" vorwiegend gesundheitsbewusste Menschen tummeln – und die lassen sich auch häufiger impfen.

Unterschiede konnten die Forscher zudem im Alter der Teilnehmer feststellen. So entspricht die Altersverteilung in der Saison 2010/2011 in den Gruppen 0 bis 4 Jahre, 5 bis 14 Jahre und 15 bis 34 Jahre zwar in etwa der Verteilung in der Gesamtbevölkerung, die 35 bis 59-Jährigen sind dagegen leicht über- und die über 59-Jährigen deutlich unterrepräsentiert: Viele ältere Menschen sind weniger internetaffin. Zudem waren die meisten Teilnehmer aus allen Gruppen weiblich.

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Grippe im Netz | Mit Hilfe des Internets wollen Epidemiologen überwachen, wie sich die Grippe in der Bevölkerung ausbreitet.

Epidemiologe Udo Buchholz vom RKI sieht die Grippedaten aus dem Internet daher vor allem als willkommene Ergänzung zu den bereits vorhandenen Daten aus Arztpraxen, die sein Institut ebenfalls erhebt. Denn in den Fragebögen wird üblicherweise ebenso gefragt, ob der Betroffene bereits einen Arzt besucht hat. Mit Hilfe der seit März erhobenen Daten konnten die Forscher vom RKI feststellen, dass sich nur 18 Prozent aller ARE- und 42 Prozent aller ILI-Erkrankten ärztlich behandeln ließen [2]. "Dadurch können wir wiederum Rückschlüsse drauf ziehen, wie die Fallzahlen zu gewichten sind, die wir von den Medizinern selbst bekommen", erklärt Buchholz. "Zudem lässt sich so auf die Belastung für das Gesundheitssystem schließen." Auf der anderen Seite können natürlich auch die Ergebnisse der Onlineerhebung nur im Kontext der herkömmlich gewonnenen Datensätze umfassend und richtig interpretiert werden, betont der Forscher.

Mehr Aussagekraft durch größere Datenmengen

Auch Markus Schwehm hofft, mit den im Internet erhobenen Daten genau diese Informationslücke schließen zu können. Er verweist in diesem Zusammenhang auf eine Studie, wie sich die Influenzapandemie 2009 in Neuseeland ausgebreitet hat [3]. Insgesamt waren hier neun verschiedene Datenquellen notwendig, um den epidemiologischen Verlauf möglichst genau bestimmen zu können. Unter anderem wurden dazu sogar Leute per Telefon von den Forschern befragt, ob sie im entsprechenden Zeitraum unter Grippesymptomen litten. Mit dem Telefoninterview erhofften sich die Forscher vor allem diejenigen Erkrankten zu erfassen, bei denen die Grippe sehr glimpflich verlief. Schwehm erklärt, dass es häufig diese asymptomatischen Verläufe sind, die den Epidemiologen Schwierigkeiten bereiten: "Die Menschen fühlen sich nicht so krank, gehen nicht zum Arzt, sondern weiterhin zu Arbeit – und dann werden sie vom Gesundheitssystem nicht erfasst. Trotzdem sind sie aber Überträger der Krankheit." Die Plattform "Aktiv gegen Grippe" soll auch diese Krankheitsverläufe aufzeichnen.

Im Vergleich zum Telefoninterview aus Neuseeland hat sich gezeigt, dass die Onlinebefragung eine sehr Zeit sparende Erhebungsmethode ist. Teilnehmer, die keine Symptome haben, müssen wöchentlich nur einen Klick im Fragebogen machen, wer an einer Grippeerkrankung leidet, der kommt locker mit ein bis zwei Minuten aus. Zudem sind die neuen Befragungssysteme leicht an neue Krankheitsbilder und Pandemien anzupassen. "Wenn eine neue Erkrankung auftritt, dann können wir sehr schnell neue Fragebögen generieren und sie dem bereits bestehenden Pool an Teilnehmern zuschicken", erklärt Schwehm.

Von März bis August 2011 verzeichnete das RKI insgesamt 1361 angemeldete Teilnehmer, von denen rund 80 Prozent regelmäßig an der Onlinebefragung teilnahmen. Für die Wintersaison 2011/2012 haben sich die Zahlen bereits Mitte Dezember fast verdoppelt. "Wir sind froh darüber, dass wir vor Kurzem unseren 2500. Teilnehmer begrüßen konnten", so Buchholz. Für die Zukunft erhoffen er und auch Markus Schwehm von "Aktiv gegen Grippe" sich noch mehr Freiwillige, die Angaben zu auftretenden Grippesymptomen machen. Denn fest steht: Je mehr Leute teilnehmen und regelmäßig berichten, desto aussagekräftiger werden die erhobenen Grippedaten und können somit Epidemiologen einen realistischeren Überblick über die Ausbreitung der unterschiedlichen Infektionserkrankungen geben.

5. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 5. KW 2012

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