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Grönlandhaie: Ein Herz, das Jahrhunderte lang schlägt

Die extreme Langlebigkeit von Grönlandhaien ist noch immer rätselhaft. Eine Forschungsgruppe hat sich nun erstmals das Herz der Methusalems genauer angeschaut – mit überraschendem Ergebnis: Selbst erhebliche Alterungszeichen scheinen ihm nichts anhaben zu können.
Ein Grönlandhai schwimmt in grünlich schimmerndem Wasser. Der Hai ist seitlich zu sehen, mit gut erkennbaren Flossen und einer rauen Hautstruktur. Im Hintergrund ist das Wasser dunkelgrün, was eine mystische Unterwasseratmosphäre erzeugt.
Der Grönlandhai (Somniosus microcephalus) lebt in arktischen Gewässern des Nordatlantiks und kann bis zu 400 Jahre alt werden.

Der Grönlandhai (Somniosus microcephalus) hat die längste bekannte Lebensspanne aller Wirbeltiere. Er kann bis zu 400 Jahre alt werden – und ist damit ein einzigartiges Modell der Langlebigkeitsforschung. Ein Team von der Scuola Normale Superiore in Pisa und vom Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena hat erstmals systematisch untersucht, in welchem Zustand das Herz solcher uralter Tiere ist. Wirkt es völlig unberührt vom Zahn der Zeit? Oder schlägt es munter weiter, obwohl das Alter durchaus seine Spuren hinterlässt? Wie die Arbeitsgruppe in »Aging Cell« berichtet, entgeht der Grönlandhai nicht dem Alterungsprozess per se, scheint jedoch seine Folgen über lange Zeit abpuffern zu können.

Der bis zu fünf Meter lange Fisch, der im arktischen Nordatlantik lebt, wächst extrem langsam und wird erst mit mehr als 100 Jahren geschlechtsreif. Die Fachwelt rätselt schon lange darüber, wie so etwas möglich ist. Im Rahmen früherer Genomuntersuchungen ließ sich bereits zeigen, dass eine effiziente DNA-Reparatur und Tumorabwehr eine wichtige Rolle für seine Langlebigkeit spielen könnten.

Aber wie sieht es mit dem Herzen der Methusalems aus? Schließlich besteht ein enger Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und kardiovaskulärer Gesundheit. Um dem auf den Grund zu gehen, untersuchten die Fachleute um Alessandro Cellerino das Herzgewebe von zehn Individuen, die per Langleine gefangen worden waren, auf typische Alternsanzeichen. Entsprechend ihrer Körpergröße wurde das Alter der Fische auf 100 bis 150 Jahre geschätzt.

Den Analysen zufolge wiesen die Herzen eine erhebliche Fibrose auf. Hierbei handelt es sich um eine Vermehrung von Bindegewebe, die die Elastizität verringert und die Pumpfunktion beeinträchtigt. Zusätzlich fanden sich Hinweise auf Schäden an den »Kraftwerken« der Zellen in Form einer Anreicherung von Lipofuszin, das aus defekten Mitochondrien stammt. Auch hatte sich eine bedeutende Menge des oxidativen Stressmarkers 3-Nitrotyrosin in den Herzen abgelagert. Demnach scheinen die Herzzellen des Grönlandhais trotz schädlicher oxidativer Prozesse ihre Arbeitsfähigkeit aufrechterhalten zu können.

»Die gleichen Schäden in einem menschlichen Herzen wären nicht mit dem Leben vereinbar«Alessandro Cellerino, Biologe

»Alles in allem zeigten die analysierten Proben deutlich erkennbare Anzeichen klassischer Alternserscheinungen auf molekularer und Gewebeebene«, erklärte Alessandro Cellerino in einer Pressemeldung. »Die gleichen Schäden in einem menschlichen Herzen wären nicht mit dem Leben vereinbar.« Und die Tiere waren alles andere als dem Tode geweiht, als sie gefischt worden waren. Immerhin waren sie laut den Autoren fit genug, um auf Beutefang zu gehen und sich angemessen sensomotorisch zu koordinieren.

Der Grönlandhai ist also nicht vor altersbedingten Schäden geschützt, aber bemerkenswert gut dazu in der Lage, deren Auswirkungen zu kompensieren. Die genauen Mechanismen wollen die Forscher in zukünftigen Studien untersuchen. Ein besseres Verständnis könnte völlig neue Wege zur Förderung eines gesunden Alterns beim Menschen eröffnen.

  • Quellen
Chiavacci, E. et al., Aging Cell 10.1111/acel.70505, 2026

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