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Impfstoffe: Große Hoffnung

Übertriebene Erwartungen sollten wir uns schenken - sie werden dem neuen Malariaimpfstoff RTS,S nicht gerecht, meint die Redaktion von "Nature".
MalariaimpfungLaden...

Impfstoffe schreiben medizinische Erfolgsgeschichten ohne Gleichen: Mit ihrer Hilfe konnte die Kinderlähmung fast und die Pocken völlig ausgerottet werden; jedes Jahr retten Impfprogramme Millionen von Kindern vor dem Tod an Masern, Diphtherie, Tetanus oder Keuchhusten. So ist es wohl kein Wunder, dass wir mittlerweile dazu neigen, von einem Impfstoff die totale oder zumindest fast vollständige Eliminierung einer Krankheit zu erwarten. Und so erklärt sich wohl auch die anhaltend aufgekratzte mediale Berichterstattung der letzten Wochen über den Wirkstoff RTS,S/AS01 – genauer, über das Zwischenfazit nach 18 Monaten der klinischen Phase-II-Studie zu dem Vakzinkandidaten gegen Malaria, der an 15 000 Kindern in sieben afrikanischen Ländern getestet wird.

In Großbritannien etwa vermeldete der Guardian auf der Titelseite, dass wohl "Millionen von Kinderleben" gerettet werden können. Tragischerweise wird das nicht gelingen. Denn im 18-Monats-Fazit bestätigen sich vor allem die enttäuschenden Resultate, die auch schon nach zwölf Monaten zu erkennen waren.

Das Vakzin RTS,S weicht in einigen Punkten von unserem gern gepflegten Idealbild eines Impfstoffs ab. Zum Beispiel bietet er nur einen teilweisen Schutz: Viele Menschen, die in Regionen mit einem mäßigen bis hohen Ansteckungsrisiko leben, werden sich trotz Impfschutz im Laufe der Zeit doch anstecken. Zudem streiten die Experten auch über die tatsächliche Effizienz des Vakzins. Einige Medienberichte halten den vom Impfstoff vermittelten Schutz für zufriedenstellend, auch wenn er nicht – wie bei für Kinder zugelassenen Impfstoffen sonst üblich – 9 von 10 Geimpften vor der Krankheit bewahrt. Immerhin würde ja, so hieß es, die Zahl der Fälle bei geimpften 5 bis 17  Monate alten Kindern um 46 Prozent und bei den 6 bis 12 Wochen alten Babys um 27 Prozent zurückgehen.

Das stimmt nur leider nicht. Denn die für RTS,S veröffentlichten Effizienzdaten lassen sich nicht mit den üblicherweise für Impfstoffe veröffentlichten Werten vergleichen. Gängig ist, den Erfolg eines Vakzins daran festzumachen, wie viele Menschen nach einer bestimmten Zeitdauer noch geschützt sind – zum Beispiel nach 12 Monaten. Weil RTS,S aber nur einen Teilschutz bietet, muss seine Effizienz anders bewertet werden: Man setzt dazu komplizierte statistische Modelle ein, in die ein errechneter Risikoquotient einfließt, der auf Grundlage der ersten beobachteten klinischen Symptome ermittelt wird. Selbst die Urheber dieser Methode geben zu Bedenken, es sei "von Nachteil", dass man nicht intuitiv nachvollziehen könne, was eine "auf berechneten Risikoquotienten basierende Vakzineffizienz" eigentlich aussagt. Dem kann man nur beipflichten: Für Experten oder Regulierungsbehörden sind Risikoquotientenmodelle nützliche Berechnungswerkzeuge für die Effizienz teilprotektiver Vakzine – von Medienvertretern, Politikern und Entscheidungsträgern können sie allerdings leicht fehlinterpretiert werden.

Nicht direkt beteiligte Wissenschaftler sind nicht in der Lage, aus den publizierten 18-Monats-Daten Vakzineffizienzwerte abzuleiten, die mehr dem üblichen Schema entsprechen. Genau darauf haben kürzlich erst auch die Geldgeber des Vakzintests hingewiesen (in einer Studie, die mitsamt Datenanhang gerade noch den Review-Prozess eines Wissenschaftsmagazins durchläuft): die PATH Malaria Vakzin Initiative (MVI) aus Seattle, US-Bundesstaat Washington, und Glaxo Smith-Kline (GSK), der Pharmariese mit Hauptsitz in Brentford, Großbritannien.

Allerdings kann man – aus den seit Längerem in allen nötigen Details veröffentlichten Daten des 12-Monats-Fazits – einen Effizienzerfolg nach dem herkömmlichen Schema errechnen: Er fällt um mehr als ein Drittel niedriger aus. Zudem scheint es so, als ob der Schutzeffekt nach sechs Monaten nachzulassen beginnt.

Womöglich vielversprechender sieht die Absenkung der schweren Fallzahlen aus, die nach dem üblichen Muster berechnet und publiziert werden. Allerdings: Während der Rückgang bei Kindern von 5 bis 17 Monaten 36 Prozent erreicht, waren die 15 Prozent bei den 6 bis 12 Wochen alten Babys nicht einmal statistisch signifikant. Genau auf diese Altersgruppe aber hatte man sein Hauptaugenmerk gerichtet: Aus logistischen Gründen liegt nahe, den Babys Malariavakzine gleichzeitig mit anderen Routineimpfungen zu geben, die sie ohnehin bekommen.

Viele der Teilnehmer am Impfprogramm hatten Zugriff auf andere Schutzmaßnahmen gegen Malaria – etwa auf mit Insektizid getränkte Moskitonetze und wirksame Medikamente, und vielleicht nützt das Vakzin Menschen mehr, die der Krankheit gegenüber noch stärker exponiert sind. Trotzdem: Nach den Maßstäben der WHO von 2006 – die von einem teilprotektiven Vakzin eine "Schutzwirkung gegen schwere Erkrankung sowie Tod von über 50 Prozent über eine Dauer von mehr als einem Jahr" verlangt – ist der Impfstoff durchgefallen.

Es bleibt genug zu tun. Bis nächstes Jahr müssen wir noch auf Daten warten, die den Effekt der nach 18 Monaten erfolgten Auffrischungsimpfung belegen. RTS,S soll auch noch mit einem anderen Impfstoff in Kombination getestet werden, den Forscher der Oxford University gerade in einem frühen klinischen Test untersuchen. Anerkennung verdient sich der RTS,S-Test weiter auch deshalb, weil er einen sicher dauerhaft die Zusammenarbeit zwischen den afrikanischen Forschern vor Ort und den infrastrukturell erstklassig ausgestatteten Laboren in Europa beeinflusst.

An RTS,S wird seit 30 Jahren gearbeitet. Seit 2001 hat MVI rund 200 Millionen US-Dollar in das Projekt gesteckt, GSK steuerte wohl 350 Millionen bei – und rund 260 Millionen liegen noch bereit, um die Entwicklung abzuschließen. Die Gefahr besteht, dass Erfolge von Impfkampagnen in der Vergangenheit heute der übertriebenen Illusion Nahrung geben, bald gebe es einen "Malaria-Impfstoff". Dabei hat RTS,S ziemlich genau denselben – recht bescheidenen – Erfolg wie andere Malariabekämpfungsmaßnahmen, von denen einige zudem kostengünstiger zu haben sind. Zu hohe Erwartungen sollten daher nicht geschürt werden – sie können angesichts womöglich geringer Möglichkeiten nur zu Enttäusschungen führen.

Der Kommentar erschien unter dem Orginaltitel "High Hopes" in Nature 502, S. 271–272, 2013.

43. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 43. KW 2013

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