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Wissenschaftsgeschichte: Große Mythen sterben langsam

Ein Teil der Geschichte rund um Louis Pasteurs Tollwutimpfstoff ist schlicht falsch. Und das ist nicht das einzige Beispiel aus der Medizingeschichte.
zeitgenössische Tollwutimpfung

Die Beendung des Londoner Choleraausbruchs 1854 durch John Snow, die Entwicklung der antiseptischen Chirurgie durch Joseph Lister, Alexander Flemings Erfindung des Penizillins – die Wissenschafts- und Medizingeschichte ist voll von großen Taten heldenhafter Figuren. Doch alle drei genannten Beispiele sind Mythen. Erfundene Geschichten, in denen höchstens ein Körnchen Wahrheit steckt. Und obwohl sie von Historikern inzwischen als solche entlarvt wurden, leben sie weiter – in Büchern, im Fernsehen, in Klassenzimmern und im Internet.

Uns ist es nun gelungen, eine weitere Episode der Wissenschaftsgeschichte als Mythos zu enttarnen: der heroische Tod von Joseph Meister, der ersten Person, die durch den Tollwutimpfstoff Louis Pasteurs gerettet wurde. Im Folgenden wollen wir Meisters Geschichte ein wenig auseinandernehmen, um zu zeigen, wie derartige Fabeln entstehen, warum sie nur langsam verschwinden und was man tun kann, um sie aufzudecken.

Meisters Tod

Im Juli 1885 wurde ein neunjähriger französischer Junge namens Joseph Meister von einem tollwütigen Hund übel gebissen, so dass ihm der Tod so gut wie sicher war. Stattdessen aber schrieb der junge Meister Medizingeschichte: als erster menschlicher Patient Pasteurs, der mit einem Tollwutimpfstoff behandelt wurde und überlebte. Nun geben Berichte in englischer und französischer Sprache dieser Erzählung seit mehr als einem halben Jahrhundert ein dramatisches Ende: 1940, 55 Jahre nachdem ihm das Leben gerettet worden war, arbeitete Meister als Pförtner am Pasteur-Institut in Paris. Als die Wehrmacht im Juni jenes Jahres Paris besetzte, marschierten Soldaten am Institut vor und verlangten Zugang zu Pasteurs Gruft. Statt die letzte Ruhestätte seines Retters den Nazis preiszugeben, tötete sich der 64-jährige Meister selbst – so die Geschichte.

Louis Pasteur beobachtet Tollwutimpfung
Louis Pasteur beobachtet Tollwutimpfung | Als erster Mensch der Welt wird Joseph Meister erfolgreich gegen Tollwut geimpft – unter den Augen von Louis Pasteur, der den Impfstoff entwickelt hat. Später wird Meister Pförtner am Pasteur-Institut.

Während unserer Buchrecherche über den Biologen Jacques Monod zu den Lebensbedingungen im besetzten Paris stießen wir vor zwei Jahren in den Archiven des Pasteur-Instituts auf ein zeitgenössisches Tagebuch von Eugène Wollman. Wollman leitete das Bakteriophagen-Labor an der Forschungseinrichtung und wohnte direkt vor Ort: Seine Einträge widersprechen gänzlich den populären Berichten über Meisters Suizid. Das Tagebuch offenbart, dass in der Entwicklungsgeschichte des Mythos sowohl das Datum als auch die Mittel und das Motiv seines Freitods verändert worden waren.

Nach der verbreiteten Erzählung tötete sich Meister am 14. oder 16. Juni kurz nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich. Wollman schreibt jedoch am 24. Juni, zehn Tage nach der Besetzung von Paris: "Heute morgen wurde Meister tot aufgefunden." Oft wird erzählt, dass er sich selbst erschossen hätte, doch Wollman sagt aus, dass er sich "mit Gas" getötet habe. Manche Quellen geben an, dass Meister sich umbrachte, weil er die Vorstellung nicht ertragen hatte, die Nazis könnten Pasteurs Grab entweihen. Wollman erwähnt nichts dergleichen. Stattdessen weist er daraufhin, dass Meister "sehr depressiv" gewesen sei und seine Frau und Kinder abgereist waren. Wie Millionen andere Menschen flohen sie vor den anrückenden deutschen Truppen aus Paris.

Unser Interesse war geweckt. Wir machten uns auf die Suche nach weiteren Informationen in den Archiven und dem Museum des Pasteur-Instituts. Außerdem gewährte uns die Enkelin Meisters, Marie-José Demouron, freundlicherweise ein Interview. Alle diese Quellen bestätigen Wollmans Version und werfen weiteres Licht auf das Motiv für Meisters Suizid. Er dachte offensichtlich, dass seine Familie in einem feindlichen Bombenangriff ums Leben gekommen war, und wurde von Schuldgefühlen überwältigt, weil er sie weggeschickt hatte. In den chaotischen Tagen nach dem Zusammenbruch Frankreichs war es nahezu unmöglich, Nachrichten von Angehörigen zu bekommen, weshalb Meister nicht wusste, dass sie in Sicherheit waren. Tatsächlich kehrten seine Frau und Töchter just am selben Tag nach Paris zurück, an dem er sich tötete. "Das Leben kann manchmal von ausgesuchter Grausamkeit sein", notierte Wollman.

Die Geschichte eines verzweifelten Mannes, der sich wenige Stunden vor Heimkehr seiner irrtümlich für tot gehaltenen Familie mit Hilfe eines Gasofens das Leben nimmt, ist tragisch. Doch hat sie wenig mit dem Mythos zu tun, laut dem ein kleiner Angestellter die Pläne von Invasoren hintertreibt.

Wie entstand der Mythos?

Die Studien vieler Wissenschaftshistoriker der letzten Jahrzehnte deuten ein typisches Legenden bildendes Muster an. Wie bei Meister beruhen diese Geschichten auf einigen Fakten, die dann so lange umformuliert werden, bis sie in das Bild eines Helden passen. Fleming beispielsweise isolierte tatsächlich den antibakteriellen Stoff aus einem Schimmelpilz und nannte ihn Penizillin. Aber er entwickelte nicht das Antibiotikum, das 14 Jahre später eingesetzt wurde – noch war er überhaupt in Kontakt mit den dafür verantwortlichen Wissenschaftlern. Die Katalysatoren der Legendenbildung lassen sich jedoch leicht identifizieren. Über erfolgreiche klinische Tests mit Penizillin wurde erstmals 1941 berichtet, inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs, als infizierte Wunden schwere Verluste verursachten. Während des Kriegs suchten Zeitungsmacher natürlich nach Heldengeschichten, um ihre Leser zu inspirieren und aufzumuntern – wie es die "Times" am 12. Juni 1944 kundtat: "Die Vorsehung meinte es gut mit uns, indem sie uns dieses machtvolle Mittel gab (…), als wir gegen unseren Willen in diesen blutigen Krieg gezogen wurden." Der Krieg war wohl auch mit ein Grund dafür, dass Meisters Geschichte verdreht wurde. Die heroische Version des Suizids schmückt Pasteurs Legende weiter aus und dient gleichzeitig als Heldengeschichte über den Widerstand gegen die Nazis.

Je öfter man den Mythos dann wiederholt, desto weiter entfernt er sich von der Realität, und desto eher beginnt er ein Eigenleben zu führen. Sobald die Erzählung um Meister auch deutsche Soldaten und ihren Zutritt zur Gruft umfasste, rückte sein Sterbedatum näher an das des deutschen Einmarsches in Paris. Dann sagte man Meister nach, dass er sich erschossen hätte, schließlich, dass er dazu seine Pistole aus dem Ersten Weltkrieg verwendete. Und in manchen Berichten waren es sogar die Nazis, die ihn erschossen.

Auch bei der Legende um Alexander Fleming gab es Versuche, sie weiter zu glorifizieren – mit der Behauptung, dass Fleming gleich zweimal das Leben des früheren britischen Premierministers Winston Churchill gerettet habe. Als Kind soll Fleming angeblich den jungen Churchill vor dem Ertrinken bewahrt haben, und später heilte er ihn dann noch mit Penizillin. Beide Gerüchte wurden letztendlich aus der Welt geschafft.

Doch warum werden solche Erfindungen immer weiter fortgesponnen, obwohl die Wahrheit längst bekannt ist? Historiker haben bereits vor Längerem erkannt, dass bestimmte Mythen wiederholt werden, weil sie alle Zutaten spannender Geschichten beinhalten. Hartnäckige Mythen haben Helden und Schurken, bieten Triumph und Tragödie, sie steuern auf einen Höhepunkt zu, um dann eine überraschende Wendung zu nehmen. John Snow kartierte beispielsweise tatsächlich den Verlauf der Londoner Choleraepidemie und führte sie so auf einen verseuchten öffentlichen Brunnen zurück. Nur war es dummerweise nicht er, der den Pumpenhebel entfernte und damit den Ausbruch beendete. Erst ein Komitee sorgte dafür – und zwar nachdem die Seuche bereits abgeklungen war.

Mythen blähen außerdem wünschenswerte Charaktereigenschaften der Protagonisten auf. Lister wird als exzentrischer Außenseiter porträtiert, der die wissenschaftliche Wahrheit gegen ein feindliches Umfeld verteidigt. In Wirklichkeit war schon damals sein Einsatz von Karbolsäure wenig revolutionär. Und viele Mitglieder des Pasteur-Instituts leisteten den Deutschen Widerstand, doch nur Meisters Suizid machte Schlagzeilen, weil er Pasteurs herausragende Bedeutung versinnbildlichen half. Außerdem verstetigen sich Legenden, wenn sich Autoren nur auf selbstreferenzierende Vorarbeiten verlassen, statt einen Blick in die Primär- und Sekundärliteratur zu werfen. Je öfter man eine Version der Erzählung liest, desto eher akzeptiert man sie als die richtige. Das Internet verstärkt dieses Phänomen noch weiter.

Wege zur Wahrheit

Wissenschaftliche Mythen schaden. Sie verzerren die Geschichte und Entwicklung der Forschung, indem sie Wissenschaftler als außergewöhnliche Menschen darstellen, die grandiose Fortschritte in schneller und geradliniger Weise erzielen. Derartige Märchen schaden besonders dem Bild, das sich die Öffentlichkeit, aber auch der akademische Nachwuchs von der Geschwindigkeit und der Komplexität der Wissenschaft macht. Der Fleming-Mythos etwa verschweigt das Ausmaß an Zeit, Aufwand und Datensammlung, das nötig war, um eine medizinisch brauchbare Arznei zu erzeugen. Indem wir diesen Koryphäen fiktive Errungenschaften andichten, schaffen wir uns Superhelden, deren Leistungen jedem Studenten unerreichbar erscheinen müssen.

Geschichtenerzähler – Journalisten, Autoren, Filmemacher oder Wissenschaftler – müssen bezüglich ihrer Quellen wachsam sein; vor allem ist natürlich die Verwendung von Primär- und Sekundärquellen ratsam. Dabei ist uns bewusst, dass die Suche nach Fakten rund um längst vergangene Ereignisse Zeit raubend und schwierig sein kann, weshalb man leicht versucht ist, weit verbreitete Geschichten einfach zu akzeptieren. Tatsächlich waren wir auch kurz davor, den Meister-Mythos zu wiederholen, wären wir nicht auf das Tagebuch von Wollman gestoßen.

Deshalb sollte man, sobald eine Legende entzaubert ist, dafür sorgen, dass die Wahrheit zu ihrem Recht kommt. Das Internet ist dabei Last wie Bürde. Im Fall von Meister hatte der Mythos einen derartigen Schneeballeffekt, dass ein erwiesenermaßen gefälschter Zeitungsbericht, der bei den Suchmaschinentreffern ganz weit vorne rangiert, als vertrauenswürdige Quelle zitiert wird. Doch dieser Effekt lässt sich auch positiv nutzen. Wikipedia zum Beispiel dient vielen als wichtige, erste Anlaufstelle für Informationen und fördert die Nutzung von Primär- und Sekundärliteratur. Mythenjäger sollten deshalb sicherstellen, dass ihre Arbeit und vor allem ihre Quellen sorgfältig in der Enzyklopädie vermerkt werden. Mit anderen Hilfsmitteln wie Google Books lassen sich schnell zahllose Veröffentlichungen durchforsten – es hat dazu beigetragen, dass die Fleming-Churchill-Legende enttarnt wurde.

Mythen entstehen, weil sie unser Verlangen nach guten Geschichten stillen. Um sie zu eliminieren, ist es am besten, man ersetzt die Fiktion mit Fakten, die ähnlich gut befriedigen. Joseph Meisters Suizid aus Verzweiflung, kurz bevor seine vermisste Familie zurückkehrt, bewegt das Herz. Doch da er nun nicht mehr Pasteurs Legende aufpolieren kann, bleibt abzuwarten, ob die nächste Generation wissenschaftlicher Biografen den Tod von Meister noch genauso gern schildern wird wie ihre Vorgänger.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "History: Great myths die hard" in Nature 502, S. 32-33, 2013.

42. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 42. KW 2013

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