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Wissenschaftsgeschichte: Großvater der Atombombe

Die friedliche Nutzung der Kernenergie war sein großes Ziel - und doch musste er mit dem Wissen leben, dass er auch die Grundlagen der Atombombe mit geschaffen hatte. Der Nobelpreisträger Otto Hahn starb am 28. Juli 1968 in Göttingen.
Otto Hahn
1879 sei ein besonders guter Jahrgang gewesen, soll Carl Ramsauer, selbst Physiker, einmal bemerkt haben. Denn in diesem Jahr erblickten neben ihm auch Albert Einstein und Max von Laue das Licht der Welt. Lise Meitner, so fügte Max Planck später hinzu, müsse eigentlich hinzugerechnet werden, auch wenn sie als "vorwitziges Mädchen" die Zeit nicht habe abwarten können und schon Ende 1878 auf die Welt kam.

Frühe Erfolge

Und noch jemand zählt zur Riege der 1879er: Otto Hahn. Am 8. März in Frankfurt am Main geboren, studierte der Glaserssohn später gegen den Wunsch seines Vaters, der ihn lieber als Architekten gesehen hätte, an der Universität Marburg Chemie. Von seinem ursprünglichen Plan, eine gute Anstellung in der Wirtschaft zu finden, bringen ihn seine ersten Forschungsjahre bei Sir William Ramsay in London und Ernest Rutherford in Montreal ab.

Schon während seines halbjährigen Aufenthalts in London entdeckt er sein erstes "neues Element", das "Radiothorium" (Th-228). In Montreal, seiner nächsten Station, wird diese Entdeckung zunächst skeptisch aufgenommen. Rutherford gibt wenig auf die chemischen Methoden Hahns und verlangt ihm ab, seine Ergebnisse auch mit physikalischen Mitteln nachzuweisen. Die Bedingungen, unter denen Hahn arbeitet, sind dabei noch sehr einfach: "Unsere Beta- und Gammastrahlen-Elektroskope stellten wir uns aus einer größeren Konserven- oder sonstigen Blechdose her, auf die eine kleinere Tabaks- oder Zigarettendose aufgesetzt war. Die Isolation des Blättchenträgers geschah mit Schwefel, denn Bernstein hatten wir damals noch nicht […] Andererseits war das ganze Forschungsgebiet noch so neu, dass man auch mit primitiven Mitteln leicht Entdeckerfreuden erleben konnte."

Hahn entdeckt in Kanada zwei weitere "radioaktive Elemente". Er gewinnt dabei reichlich Erfahrung in der radiophysikalischen Arbeitsweise und Rutherford Respekt: "Hahn hat eine gute Nase für die Entdeckung neuer Elemente."
"Hahn hat eine gute Nase für die Entdeckung neuer Elemente"
(Ernest Rutherford)
Im Sommer 1906 kehrt der Wissenschaftler nach Deutschland zurück. Weil sein Forschungsgebiet so abseitig ist, weist man ihm am Chemischen Institut der Berliner Universität die unbenutzte Holzwerkstatt im Erdgeschoss als Labor zu.

Obwohl zunächst ganz auf sich allein gestellt und primitiv ausgerüstet ist, entdeckt er weitere strahlende "Elemente". Das "Mesothorium I" (Ra-228), für das er später zum ersten Mal für den Nobelpreis vorgeschlagen wird, verschafft ihm sogar einen gewissen Ruhm, da es teurere Substanzen in der medizinischen Strahlentherapie ersetzt. Dass Hahn eigentlich keine neuen Elemente, sondern unbekannte Isotope entdeckt, wird erst 1913 deutlich, als Frederick Soddy erkennt, dass es verschiedene Atom-Varianten eines Elements mit unterschiedlich vielen Neutronen im Kern gibt.

Lise Meitner

In Berlin lernt Otto Hahn auch Lise Meitner kennen. "Unsere Madame Curie", wie Albert Einstein die gebürtige Wienerin anerkennend nannte, hatte in Wien als zweite Frau mit dem Hauptfach Physik promoviert und war 1907 zu Max Planck gegangen, der damals an der Berliner Universität eine Professur für Physik innehatte. Plancks Worte entsprechen den Auffassungen der Zeit, als er 1897 schreibt:
"Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig
(Max Planck)
"Wenn eine Frau, was nicht häufig, aber doch bisweilen vorkommt, für die Aufgaben der theoretischen Physik besondere Begabung besitzt und außerdem den Trieb in sich fühlt, ihr Talent zur Entfaltung zu bringen, so halte ich es, in persönlicher wie auch in sachlicher Hinsicht, für unrecht, ihr aus prinzipiellen Rücksichten die Mittel zum Studium von vornherein zu versagen […]. Andererseits muss ich aber daran festhalten, dass ein solcher Fall immer nur als Ausnahme betrachtet werden kann […]. Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig."

In Lise Meitner erkennt Planck wohl eine "Ausnahme" mit entfaltbarem Talent, denn er macht sie zu seiner Assistentin – und damit zur ersten weiblichen Assistentin an einer preußischen Universität überhaupt. Als Meitner 1922 anlässlich ihrer Habilitation eine Antrittsvorlesung über "Die Bedeutung der Radioaktivität für kosmische Prozesse" hält, vermeldet eine Berliner Tageszeitung, deren Redakteur das offenbar zu männlich erschien: "Der Vortrag von Dr. L. Meitner behandelte Probleme der kosmetischen Physik."

Die Bekanntschaft der beiden ist der Auftakt einer lebenslangen Freundschaft und einer ausgesprochen erfolgreichen, etwa 30 Jahre währenden guten und vertrauten Forschungsarbeit.
"Hähnchen, geh' nach oben – von Physik verstehst Du nichts"
(Lise Meitner)
Ein Mitarbeiter am Kaiser-Wilhelm-Institut erinnert sich, dass Hahn eines Tages auf dem Weg in sein Büro im Obergeschoss innehält, um sich in ein Gespräch zwischen Lise Meitner und einem Physiker-Kollegen einzumischen, woraufhin sie ihn neckt: "Hähnchen, geh' nach oben – von Physik verstehst Du nichts."

Die Regeln sind hart: Lise Meitner darf die Holzwerkstatt zunächst nur durch den Hintereingang betreten. Die Labors der anderen männlichen Kollegen sind für sie tabu. Dennoch machen die beiden jungen Forscher Fortschritte: Sie erkennen, dass ein Kern beim Aussenden eines Alpha-Teilchens einen Rückstoß erfährt und identifizieren noch vor Ausbruch des Krieges mit der "Rückstoßmethode" weitere radioaktive Substanzen.

Erste Kriegserfahrungen

Der Erste Weltkrieg bringt die Forschung zunächst zum Erliegen. Lise Meitner arbeitet als Röntgenschwester in österreichischen Lazaretten, Otto Hahn wird zur Sondereinheit für die Kriegsführung mit Giftgas unter dem späteren Nobelpreisträger Fritz Haber abkommandiert. Gemeinsam mit anderen bekannten Wissenschaftlern wie James Franck und Gustav Hertz hilft er bei der Entwicklung der Kampfstoffe Grünkreuz und Blaukreuz. Es heißt, Hahn sei erschüttert gewesen, als er die ersten Opfer des Giftgases in den Schützengräben unter Qualen sterben sah. In seiner Autobiografie berichtet er jedoch auch von der Verrohung der Gefühle: "Der ständige Umgang mit diesen starken Giftstoffen hatte uns so weit abgestumpft, dass wir beim Einsatz an der Front keinerlei Skrupel hatten."

Ein herausragendes Forscherduo
Ein herausragendes Forscherduo | Otto Hahn und Lise Meitner im Labor (um 1925)
Haber rechtfertigt die Kriegsführung mit Giftgas mit denselben Argumenten, die im Zweiten Weltkrieg den Abwurf der Atombomben legitimieren sollen: Gelingt es, den Krieg durch den Einsatz der neuen Waffen schnell zu beenden, verhindert man damit den Tod unzähliger Menschen.

Hahn und Meitner können noch vor Kriegsende nach Berlin zurückkehren und ihre Forschung wieder aufnehmen. Hahns wichtigste Entdeckungen während der Weimarer Republik sind die Rubidium-Strontium-Methode zur Altersbestimmung von Gesteinen und die Kernisomerie: Atomkerne können in verschiedenen energetischen Zuständen existieren, wobei auch einige angeregte Zustände recht langlebig sein können.

Die Dreißiger Jahre

1933 ergreifen die Nazis die Macht. Fritz Haber, selbst Jude, quittiert nach Übergriffen der Nazis den Dienst als Leiter des Instituts für Physikalische Chemie in Berlin und verlässt das Land. Er stirbt wenig später als gebrochener Mann.

Weil Lise Meitner von der Universität ausgeschlossen wird, legt auch Otto Hahn sein Amt nieder und übernimmt Habers Institut. Außerdem verweigert er den üblichen Beitritt zur NSDAP. Er nimmt an der Gedenkfeier zum einjährigen Todestag Habers teil: "In dieser grotesken Situation holte mich Planck am Vormittag des 29. Januar in meinem Institut ab. Wir wussten nicht, ob wir nicht gewaltsam am Betreten des Harnack-Hauses gehindert würden. Aber nichts geschah. Der schöne große Saal war voll besetzt […] Auf den hinteren Bänken saßen einige Mitglieder meines Instituts: Lise Meitner, Fritz Straßmann, Max Delbrück. Der Verlauf der Feier war würdig und eindrucksvoll. Leider konnte Professor Bonhoeffer [Chemiker und Bruder des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer] seinen Vortrag nicht selbst halten. Er hätte seine Stelle als Leipziger Hochschullehrer verloren. Auf seine Bitte las ich seinen Vortrag vor. Ich selbst war, da ich 1934 aus der Fakultät ausgetreten war, nicht gefährdet. […] Diese Erinnerung an Haber zeigt, das man in den ersten Jahren des Hitlerregimes noch einen wenn auch kleinen Widerstand leisten konnte, was später nicht mehr möglich war."

Lise Meitner ist durch ihre österreichische Staatsbürgerschaft zunächst noch vor dem Schlimmsten gefeit, gerät als Jüdin aber zunehmend unter Druck. Max von Laue kommt schließlich auf die Idee, sie wegen ihrer Verdienste, aber auch um sie zu schützen, für den Nobelpreis vorzuschlagen. Meitners Mentor Max Planck antwortet darauf: "Der Plan, Frl. Meitner für den Nobelpreis vorzuschlagen, ist mir sehr sympathisch. Ich habe ihn schon im vorigen Jahr ausgeführt, insofern ich für den Chemiepreis 1936 die Teilung zwischen Hahn und Meitner vorschlug. Aber ich bin von vornherein mit jedem Modus des Vorschlages einverstanden, den Sie in dieser Richtung mit Herrn Heisenberg verabreden."

Als es 1938 der "Anschluss Österreichs ans Reich" erfolgt, muss Meitner fliehen. Hahn unterstützt sie dabei nach Kräften. Mit Hilfe einer befreundeten holländischen Physiker-Familie wird Meitner außer Landes geschmuggelt. So setzt der Faschismus den drei Dekaden direkter Zusammenarbeit Hahns und Meitners ein Ende.

Aber die beiden halten Kontakt: Hahn bemüht sich darum, Meitner zumindest einen Teil ihrer Habe nachschicken zu können. Die Briefe Meitners geben einen Eindruck von den ausgesprochen schweren Arbeits- und Lebensbedingungen im schwedischen Exil. Sogar um Logarithmus-Papier muss sie Hahn bitten, um überhaupt noch wissenschaftlich arbeiten zu können.

Die Kernspaltung

Zu diesem Zeitpunkt sind die beiden Forscher bereits der Kernspaltung auf der Spur. Die Grundlagen dieser bahnbrechenden Entdeckung hatte 1934 Enrico Fermi in Rom gelegt, als er verschiedene Elemente – darunter auch Uran – mit Neutronen bestrahlte. Allgemein ging man damals davon aus, dass die Neutronen vom Urankern absorbiert werden. Wenn dann durch einen Beta-Zerfall ein Elektron den Kern verlasse, steige die Ladungszahl des Kerns, und es bildeten sich so genannte Transurane.

Ida Noddack-Tacke, eine deutsche Chemikerin, ist zunächst die Einzige, die eine ganz andere Interpretation der Messergebnisse in Betracht zieht: "Es wäre denkbar, dass bei der Beschießung schwerer Kerne mit Neutronen diese Kerne in mehrere größere Bruchstücke zerfallen, die zwar Isotope bekannter Elemente, aber nicht Nachbarn der bestrahlten Elemente sind." Allerdings verfolgt auch sie diesen Gedanken nicht weiter.

Die Experimente Fermis waren in Berlin auf großes Interesse gestoßen. Verstärkt durch Fritz Straßmann, einen regimekritischen Chemiker, dem Hahn eine Assistentenstelle verschafft, versuchen Hahn und Meitner die Ergebnisse Fermis zu reproduzieren und die entstehenden Transurane genauer zu charakterisieren. Immer wieder kommt es beim Nachweis der schweren Elemente jedoch zu Unstimmigkeiten. 1938 – Lise Meitner ist bereits in Schweden und kann nur noch schriftlich beratend teilnehmen – stoßen Hahn und Straßmann beim Beschuss von Uran-238 auf eine Reaktion, die sich nur schwer interpretieren lässt. Transurane können die beiden nicht nachweisen. Aber auch die These, dass durch einen künstlich erzeugten Alpha-Zerfall ein Thorium-Isotop entstünde, lässt sich nicht halten. Entsteht vielleicht nach zweifachem Alpha-Zerfall Radium?

Die beiden Chemiker wenden all ihr chemisch-analytisches Geschick auf, um die verschwindend kleinen Mengen des vermutlich entstehenden Radiums nachzuweisen. Das Mittel der Wahl: eine Fällungsreaktion mit Bariumchlorid. Doch der Erfolg bleibt aus, das Radium nicht nachweisbar. Immer wieder zeigt sich nur Barium in den Analysen.

Hahn kann sich das nicht erklären und schreibt am 19. Dezember 1938 frustriert an Lise Meitner: "Es ist nämlich etwas bei den 'Radiumisotopen', was so merkwürdig ist, dass wir es vorerst nur Dir sagen. Die Halbwertszeiten der drei Isotope sind recht genau sichergestellt; sie lassen sich von allen Elementen außer Barium trennen; […] immer mehr kommen wir zu dem schrecklichen Schluss: Unsere Ra-Isotope verhalten sich nicht wie Ra, sondern wie Ba. Wie gesagt, andere Elemente, Transurane, U, Th, Ac, Pa, Pb, Bi, Po kommen nicht in Frage. […] Vielleicht kannst Du irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen. Wir wissen dabei selbst, dass es eigentlich nicht in Ba zerplatzen kann. […] Aber wir müssen doch klarwerden."

Lise Meitner zeigt sich in ihrer Antwort vom 21. Dezember ebenso erstaunt: "Eure Radiumresultate sind sehr verblüffend. Ein Prozess, der mit langsamen Neutronen geht und zum Barium führen soll […]
"Wir haben in der Kernphysik so viele Überraschungen erlebt, dass man auf nichts ohne Weiteres sagen kann: Es ist unmöglich"
(Lise Meitner)
Mir scheint vorläufig die Annahme eines so weit gehenden Zerplatzens sehr schwierig, aber wir haben in der Kernphysik so viele Überraschungen erlebt, dass man auf nichts ohne Weiteres sagen kann: Es ist unmöglich."

Am nächsten Tag haben Hahn und Straßmann weitere Experimente, diesmal gezielt auf den Nachweis von Barium und Lanthan ausgelegt, abgeschlossen und ringen sich zu der noch zögerlichen Mitteilung an "Die Naturwissenschaften" durch: "Als Chemiker müssen wir aus den kurz dargelegten Versuchen das obengebrachte Schema eigentlich umbenennen und statt Ra, Ac, Th die Symbole Ba, La und Ce einsetzen. Als der Physik in gewisser Weise nahestehende Kernchemiker können wir uns zu diesem, allen bisherigen Erfahrungen der Kernphysik widersprechenden Sprung noch nicht entschließen. Es könnte doch noch vielleicht eine Reihe seltsamer Zufälle unsere Ergebnisse vorgetäuscht haben."

Anfang Januar ist dann klar: Das Uran zerplatzt wirklich in zwei etwa halb so große Kernfragmente. Aber wie ist das physikalisch möglich? Meitner und ihr Neffe Otto Robert Frisch rechnen fieberhaft und sind schließlich in der Lage, das Zerplatzen mit Hilfe des Tröpfchenmodells des Atomkerns zu erklären: Das Neutron versetzt den Kern derart in Schwingungen, dass er sich in der Mitte abschnürt und teilt.

Schnell wird klar, welch unglaubliche Mengen an Energie nutzbar würden, wenn es gelänge, Kernspaltungen, bei denen weitere Neutronen frei werden, zu einer Kettenreaktion zu verknüpfen. Darin liegt ein Potenzial, das angesichts der sich zuspitzenden Situation am Vorabend des Zweiten Weltkriegs Begehrlichkeiten weckt.

Der zweite Krieg

Werner Heisenberg soll einmal gesagt haben: "Im Sommer 1939 hätten noch zwölf Menschen durch gemeinsame Verabredungen den Bau von Atombomben verhindern können." Schon wenig später arbeiten eine ganze Reihe von Staaten – allen voran Russland, England und die Vereinigten Staaten – unter strikter Geheimhaltung und zum Teil unter unerhörtem finanziellem wie personellem Einsatz an der Konstruktion der neuartigen Waffe.

In Deutschland macht sich der Uranverein an die Arbeit: 1941, etwa zeitgleich mit den anderen Nationen, sind die physikalischen Voraussetzungen zur Entfesselung der Kernenergie weit gehend geklärt. Als 1942 jedoch klar wird, dass die Bombe angesichts einer vom Krieg gebeutelten Wirtschaft vermutlich nicht vor Kriegsende fertig gestellt werden kann, schiebt die Regierung die Entwicklung der Bombe aufs Abstellgleis.

So wie Lise Meitner trotz harter Lebensumstände die Mitarbeit am englisch-amerikanischen Atombomben-Projekt ablehnt, distanziert sich Otto Hahn demonstrativ vom Uranverein. Die physikalisch-theoretischen Fragen der Kernspaltung und die technische Realisierung der Kettenreaktion interessierten ihn nicht, lässt er wissen. Obwohl er als politisch unzuverlässig gilt, kann Hahn zunächst relativ unbehelligt weiterforschen. Erst kurz vor Kriegsende muss er sich zunehmend unangenehmeren Verhören stellen.

Im März 1944 wird Hahns Kaiser-Wilhelm-Institut durch Sprengbomben schwer beschädigt, und der Forschungsbetrieb zieht ins württembergische Tailfingen um. Als im April der Einmarsch französischer Truppen bevorsteht, überzeugt Hahn den Bürgermeister, das Städtchen entgegen dem Führerbefehl nicht "bis zum letzten Mann" zu verteidigen. Unmittelbar nach der Invasion setzt ein amerikanisches Sonderkommando eine Reihe führender Kernforscher fest und bringt sie gemeinsam im englischen Landhaus Farm Hall bei Cambridge unter. Ziel ist es, den Stand der deutschen Atomforschung zu ermitteln.

In Farm Hall erfährt Hahn vom Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Er ist am Boden zerstört. Schon früher, als ihm die volle Bedeutung seiner Entdeckung seiner klar geworden sei, habe er an Selbstmord gedacht, berichtet er. Nun, da die Bombe gebaut und eingesetzt worden sei, fühle er sich für den Tod Hunderttausender verantwortlich. In langen Gesprächen tröstet ihn Max von Laue damit, dass die Kernspaltung früher oder später ohnehin entdeckt worden wäre.
"Nicht eine Entdeckung ist gut oder böse, sondern das, was Menschen daraus machen"
(Fritz Straßmann)
Fritz Straßmann sagt rückblickend: "Nicht eine Entdeckung ist gut oder böse, sondern das, was Menschen daraus machen."

Politische Verantwortung

Mit dem Einmarsch der Franzosen in Tailfingen findet Hahns aktive Laufbahn als Forscher ein Ende. Wieder in Deutschland, setzt er sich jedoch stark für den Wiederaufbau der deutschen Wissenschaft ein: Er will das Beste aus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft für Nachkriegsdeutschland retten. Seine Vergangenheit als Kritiker des Naziregimes und der Nobelpreis für Chemie, von dem Hahn noch in Farm Hall erfahren hatte, helfen ihm dabei. 1948 ist es schließlich so weit, dass er als Präsident die Max-Planck-Gesellschaft in den drei westlichen Besatzungszonen aufbauen kann.

Hahn setzt sich mit Eifer für den friedlichen Nutzen der Kernenergie ein und warnt vor ihrem Missbrauch: 1955 veröffentlicht er eine Broschüre mit dem Titel "Kobalt 60 – Gefahr oder Segen für die Menschheit". Aufklärende Auftritte im deutschen Radio und bei der BBC hinterlassen in der Öffentlichkeit eine deutliche Wirkung.

Auf einer Nobelpreisträger-Tagung in Lindau im selben Jahr arbeitet er mit anderen Teilnehmern die so genannte "Mainauer Kundgebung" aus. Insgesamt 52 Nobel-Laureaten schließen sich bis Ende des Jahres der Warnung vor einem nuklearen Krieg an:
"Eine Nation, die sich auf den totalen Krieg einlässt, ruft ihren eigenen Untergang herbei und gefährdet die ganze Welt"
(Mainauer Kundgebung)
"Eine Nation, die sich auf den totalen Krieg einlässt, ruft ihren eigenen Untergang herbei und gefährdet die ganze Welt."

Als die Pläne der deutschen Bundesregierung bekannt werden, die Bundeswehr mit nuklearen Waffen auszustatten, legt Hahn nach: Gemeinsam mit 17 anderen deutschen Atomforschern verfasst er als Protest das Göttinger Manifest. Die in Anlehnung an die "Göttinger Sieben" nun "Göttinger Achtzehn" genannten Wissenschaftler machen sich damit unbeliebt. Verteidigungsminister Franz Josef Strauß lässt sich sogar dazu hinreißen, Hahn im Bonner Presseklub zu beschimpfen: Otto Hahn sei ein "alter Trottel, der die Tränen nicht halten und nachts nicht schlafen kann, wenn er an Hiroshima denkt." Die Aufrüstung der Bundeswehr findet letztlich nicht statt – Adenauer und Strauß müssen sich dem öffentlichen Druck beugen.

Auch nach dem Krieg aktiv
Auch nach dem Krieg aktiv | Fritz Straßmann, Lise Meitner und Otto Hahn 1956 in Mainz
Auch wenn Lise Meitner nicht mehr dauerhaft nach Deutschland zurückkehrt, bleibt sie Zeit ihres Lebens eng mit Otto Hahn verbunden. Gemeinsam freuen sie sich über die einsetzende friedliche Nutzung der Kernenergie. Hahn ist persönlich dabei, als 1964 der erste mit einem Kernreaktor angetriebene Frachter der BRD unter dem Namen "Otto Hahn" vom Stapel lief.

Am 28. Juli 1968 stirbt Otto Hahn 89-jährig in Göttingen. Lise Meitner überlebt ihn nur um wenige Monate. Vor seinem Tod hatte Arnold Flammersfeld, Kernphysiker und Schüler Lise Meitners, Hahn gefragt, ob er bei seinen zahlreichen Entdeckungen eigentlich immer das gesucht, was er gefunden, und das gefunden, was er gesucht habe. Darauf erwiderte Otto Hahn: "Nein, wenn ich recht überlege, habe ich eigentlich meist etwas anderes gefunden, als ich suchte, und mein Rat an jeden Forscher, der auf etwas Unvermutetes stößt, ist: Versuchen Sie es zu reproduzieren."
26.07.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26.07.2008

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