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Grüner Wasserstoff: Wettlauf der Wüstenstaaten

In Saudi-Arabien und Namibia entstehen gigantische Produktionsanlagen für grünen Wasserstoff. Deutschland ist als Partner beteiligt. Doch auch der neue Energieträger birgt Risiken.
Im Vordergrund Solarpaneele, im Hintergrund Windräder, drumherum eine Landschaft, die ganz klar arid wirkt.
Auch Staaten, die bisher auf dem Energiemarkt keine Rolle spielen, können mit Wind- und Solarenergie zu Wasserstofflieferanten werden.

Der Weg zur Stadt der Zukunft führt durch ursprüngliche Wüstenlandschaften. Hier und da trotten ein paar Kamele am Straßenrand entlang, gefolgt von Beduinenhirten. Ansonsten: nichts. Man könnte meinen, man habe sich im Niemandsland verirrt, wären da nicht die Schilder. »Neom« steht auf ihnen geschrieben. Es ist der Name der Planstadt, die sich künftig durch den gesamten Nordwesten Saudi-Arabiens ziehen soll. Zugleich ist Neom ein Versprechen. Die Wortschöpfung steht für »neue Zukunft«. Und genau die will das saudische Königshaus nun einläuten.

Noch sprudelt in Saudi-Arabien das Öl und sorgt für Wohlstand. Doch angetrieben von seiner »Vision 2030« sucht Kronprinz Mohammed bin Salman vorsorglich nach neuen Einkommensquellen, unter anderem Wasserstoff. In Neom stampfen Experten von Unternehmen wie ThyssenKrupp eine gigantische Produktionsanlage aus dem Boden. 650 Tonnen grünen Wasserstoff am Tag will Saudi-Arabien dort künftig herstellen und in alle Welt exportieren. »Wir sind davon überzeugt, dass wir der wettbewerbsfähigste Produzent sein werden«, sagt Energieminister Abdulaziz bin Salman Al Saud. Damit ist das Ziel gesetzt: Nach Jahrzehnten als globale Tankstelle greift Saudi-Arabien nach der Marktführerschaft bei Wasserstoff.

Einer der Partner bei diesen Plänen ist Deutschland. Im März 2021 schloss der damalige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ein Abkommen mit dem saudischen Energieminister. Denn auch Deutschland will zum globalen Vorreiter bei grünem Wasserstoff werden. Allerdings nicht als Produzent, sondern vorrangig als Ausstatter und Nutzer. »Grüner Wasserstoff ist das Erdöl von morgen«, heißt es in der Nationalen Wasserstoffstrategie. Vor allem in der Industrie, im Verkehr und im Wärmesektor soll er fossile Energieträger ersetzen.

Auf Partnersuche

»Ohne Importe von grünem Wasserstoff wird das in Deutschland nicht möglich sein«, sagt Malte Küper vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Forscher schätzen den Bedarf an grünem Wasserstoffbedarf in Deutschland bis 2030 auf 50 bis 60 Terawattstunden. Das entspricht in etwa einem Zehntel des gesamten Strombedarfs hier zu Lande. Geht es nach der Ampelkoalition, kann Deutschland bis 2030 etwa die Hälfte davon selbst erzeugen. Stellt sich die Frage: Woher soll der restliche grüne Wasserstoff kommen?

»Wenn man Wasserstoff emissionsfrei herstellen will, braucht man jede Menge Ökostrom«Malte Küper, Institut der deutschen Wirtschaft

An Importkandidaten mangelt es nicht. Von der Arabischen Halbinsel bis nach Australien, von Südamerika bis nach Afrika – weltweit streben etliche Regionen nach einer führenden Rolle auf dem Wasserstoffmarkt. Sie alle haben das, woran es Deutschland mangelt: reichlich Platz, Sonne und Wind. »Wenn man Wasserstoff emissionsfrei herstellen will, braucht man jede Menge Ökostrom«, erklärt Küper.

So rechnen sich im Wasserstoffrennen selbst Länder eine Chance aus, die auf dem globalen Energiemarkt bislang höchstens Außenseiter waren. Eines davon ist Namibia. Mit dem Wüstenstaat im Südwesten Afrikas hat Deutschland im August 2021 eine neue Partnerschaft besiegelt. 40 Millionen Euro will die Bundesregierung in den Ausbau der namibischen Wasserstoffwirtschaft investieren. Das soll sich später auszahlen. Nach Berliner Berechnungen wird der Energieträger in keinem Land günstiger zu haben sein. »Ein gewaltiger Standortvorteil für Wasserstoff made in Namibia«, sagte die damalige Forschungsministerin Anja Karliczek. Schließlich brauche Deutschland Wasserstoff in großen Mengen, und das möglichst rasch. In Berlin ist man überzeugt: »Namibia kann liefern.«

Wasserstoff aus Lüderitz

Die Pläne führen in den Tsau-ǁKhaeb-Nationalpark im kargen Süden des Landes. Dort, am Rande des Fischerstädtchens Lüderitz, soll eine Anlage entstehen, die 300 000 Tonnen grünen Wasserstoff im Jahr erzeugen kann. Das übersteigt selbst die geplanten Kapazitäten von Neom. Wie in Saudi-Arabien auch ist ein deutsches Unternehmen beteiligt. Enertrag ist Teil des Konsortiums Hyphen, das im November 2021 als bevorzugter Bieter für das Projekt bekannt gegeben wurde.

Die Beteiligten glauben, in Lüderitz eine »einzigartige Kombination« gefunden zu haben. Eine Windstärke, wie man sie in Deutschland höchstens draußen auf See verzeichnet, fast doppelt so viele Sonnenstunden und vor allem jede Menge ungenutzte Fläche. Nach der Mongolei ist Namibia das am dünnsten besiedelte Land der Welt. Das Konsortium rechnet deshalb mit weitaus weniger Interessenkonflikten. »Wir sehen Namibia sehr, sehr weit vorne auf dem Wasserstoffmarkt«, sagt Matthias Philippi von Enertrag. »Das Land hat nicht nur die geografischen Voraussetzungen, es ist auch innovationsfreundlich und demokratisch.« Damit spricht er einen Punkt an, den Kritiker der deutsch-saudischen Partnerschaft immer wieder bemängeln.

Eines hat die Anlage in Lüderitz mit der in Neom gemein: Es ist noch nicht viel von ihr zu sehen, abgesehen von ein paar Windmessmasten. Denn die Weiten Namibias haben auch Schattenseiten, zumindest aus unternehmerischer Sicht. Die Infrastruktur des Wüstenlandes ist nur dürftig ausgebaut. »Wir stehen noch am Anfang«, räumt Philippi ein, »aber es tut sich was.« Die Aufgabenliste ist lang, die Zeit knapp. Nicht nur die Produktionsanlagen selbst muss das Konsortium errichten. Auch Straßen, Stromleitungen und ein geeigneter Hafen müssen erst noch entstehen. Von dem neu geschaffenen Terminal aus soll der Wasserstoff verschifft werden. Zuvor soll er in grünen Ammoniak umgewandelt werden. Denn der kann wesentlich kostengünstiger transportiert werden.

Auch die Bevölkerung soll profitieren

90 Prozent des Wasserstoffs sind zunächst für den Export gedacht, der Rest bleibt im Land. »Es gibt in Namibia keine großen Industrien, die Wasserstoff brauchen. Der Markt muss erst noch entstehen«, erklärt Philippi. Trotzdem spricht er von einer Win-win-Situation. 15 000 Arbeitsplätze will Hyphen in der Anfangsphase schaffen. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Lüderitz, das aktuell eine Arbeitslosenquote von 55 Prozent verzeichnet.

»Die Gewinne sollen nicht nur in Europa bleiben«Matthias Philippi, Enertrag

Auch die lokale Wasserversorgung wolle man verbessern. Eine Entsalzungsanlage soll künftig nicht nur das Hyphen-Werk mit Frischwasser versorgen, sondern auch die Bevölkerung. Was an Wind- und Solarenergie übrig bleibt, soll ins namibische Stromnetz eingespeist werden. Die neu geschaffene Infrastruktur soll zudem auch zukünftigen grünen Projekten dienen. Nachhaltige Wertschöpfung sei oberstes Gebot, sagt Philippi: »Die Gewinne sollen nicht nur in Europa bleiben.«

Einige Aktivisten betrachten die Projekte im globalen Süden kritisch. Von »grünem Kolonialismus« ist in Debatten die Rede: Der globale Norden nutze die Ressourcen anderer Regionen, um die eigenen Klimaziele zu erreichen – während die Lieferländer stagnieren oder sogar Rückschritte machen. Auch Küper vom IW und seine Kollegen warnen in ihrer Studie vor so genannten Reboundeffekten. In vielen möglichen Herstellungsländern sei die Energiewende weniger weit vorangeschritten als in Deutschland. »Wenn wir aus Ländern importieren, die dann selbst Kohlekraftwerke hochziehen müssten, dann wäre das natürlich nicht im Sinn der globalen Energiewende und der Pariser Klimaziele«, sagt Küper.

Traumpartner Norwegen

Der logische Umkehrschluss: Wer Wasserstoff importiert, muss sicherstellen, dass weder die Bevölkerung noch die Umwelt des Lieferlandes darunter leidet. Stattdessen müssen die Hersteller selbst die erneuerbaren Energien nutzen können. Sie müssen sie aber auch nutzen wollen. Saudi-Arabien zum Beispiel belegt auf dem aktuellen Klimaschutzranking von German Watch den vorletzten Platz.

»Wir sollten uns gut überlegen, mit wem wir solche Energiepartnerschaften eingehen«, sagt der Politologe Andreas Goldthau. »Schließlich sprechen wir von Pfadabhängigkeiten, die man schafft.« Welche Lieferländer er empfehlen würde? Goldthau präsentiert eine Rangliste, die er und seine Master-Studierenden im Rahmen eines Projekts der Willy Brandt School of Public Policy erstellt haben. »Es ist nicht nur eine Frage der Importkosten«, sagt Goldthau, »es geht vor allem auch um politische, soziale, ökonomische und ökologische Faktoren.«

Für ihre Bewertung haben Goldthau und sein Team Fragen beleuchtet wie: Wie gut ist die Gerichtsbarkeit in dem Land? Könnte die Produktion die Lebensverhältnisse der Anwohner beeinträchtigen? Was tut das Lieferland für den Klimaschutz vor der eigenen Haustür? Und: Pflegt Deutschland bereits Partnerschaften mit dem Land, oder wäre es eine unerprobte Allianz? Das Ergebnis: Der Spitzenplatz geht an kein Wüstenland, sondern an einen vertrauten Partner. Norwegen führt mit weitem Abstand. Darauf folgen Chile, Neuseeland, Australien und Mexiko. »Danach geht die Kurve steil nach unten«, sagt Goldthau. Saudi-Arabien liegt im Mittelfeld, unter anderem wegen seiner dürftigen lokalen Klimapolitik. Namibia landet wegen mangelhafter Governance-Werte auf einem der Schlussplätze.

Ein Rennen gegen die Zeit

Goldthau betont, dass die Rangliste lediglich ein Deutungsangebot sei; die Faktoren und deren Gewichtung seien nicht in Stein gemeißelt. Eines macht die Rangliste jedoch in jedem Fall deutlich: Die Suche nach Energiepartnern ist komplex und mit etlichen Fallstricken verbunden. »Trotz aller Krisen dürfen wir uns keiner Blauäugigkeit hingeben«, sagt Goldthau.

Wie kann Deutschland seinen Bedarf bis 2030 also decken? Klasse statt Masse sei das Gebot der Stunde, sagt Claudia Kemfert vom Sachverständigenrat für Umweltfragen. Sie betrachtet grünen Wasserstoff nicht als Erdöl von morgen, sondern als »Champagner unter den Energieträgern«. Er sei rar, kostbar und nur etwas für besondere Anlässe. »Wir sollten Wasserstoff wirklich nur da nutzen, wo es keine elektrische Alternative gibt«, sagt sie.

Küper und seine Kollegen raten in ihrer Studie zudem zu einem breiten Importportfolio, um Abhängigkeiten von einzelnen Herstellungsländern zu vermeiden. Gleichzeitig sollte Deutschland die eigenen Kapazitäten schnellstmöglich ausbauen. »Es wird noch eine Weile dauern, bis die globale Wasserstoffwirtschaft hochfährt und der Import per Pipeline und Schiff im großen Stil geregelt ist«, sagt Küper. Auch der Politologe Goldthau betont: »Wir reden von grünem Wasserstoff, den es de facto noch nicht gibt.« Wenn es im Wasserstoffrennen einen großen Gegner gibt, dann ist es die Zeit.

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