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Grünes Wachstum: Passen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz zusammen?

Es wird als Königsweg aus der Klimakrise gepriesen. Doch für grünes Wachstum wäre es nötig, Ressourcenverbrauch und Wirtschaftsleistung zu entkoppeln. Wissenschaftler haben Zweifel an dieser Idee.
Eine Pflanze wächst auf einem ansteigenden Geldhaufen.
Die Frage, ob grünes Wirtschaftswachstum ein tragfähiges Konzept ist, ist mehr als ein akademischer Streit. Viele Politikerinnen und Politiker weltweit setzen zur Erreichung ihrer Ziele darauf. (Symbolbild)

Im Jahr 2017 lernte die Welt ein neues Wort kennen: Flugscham. Es ist abgeleitet vom schwedischen Ausdruck »flygskam« und bedeutet, dass man wegen der Umweltschädlichkeit von Flugreisen lieber auf sie verzichten, ja sich sogar dafür schämen sollte. Doch die Luftfahrtbranche hat eine enorme Bedeutung für die Volkswirtschaft – Flugzeuge transportieren nicht nur Menschen, sondern auch Güter. Zudem ist sie ein nicht zu vernachlässigender Technologietreiber. Flugzeughersteller stehen daher unter dem Druck, effizienter zu werden, sich neu zu erfinden, möglicherweise sogar klimaneutral zu fliegen – und das bei gleichzeitiger Steigerung ihrer Wirtschaftsleistung. Grünes Wachstum par excellence.

Die Idee eines solchen nachhaltigen oder grünen Wirtschaftswachstums hat Konjunktur angesichts der immer sichtbarer und spürbarer werdenden Folgen der Erderhitzung und des ungebremst voranschreitenden Artensterbens. Das Versprechen klingt auch zu verlockend: Klima- und Naturkrise endlich in den Griff bekommen und trotzdem nicht auf eine expandierende Wertschöpfung verzichten müssen. Ob in den nationalen Plänen zur Erreichung der Klimaneutralität oder in den mit beispiellosen Geldsummen ausgestatteten Wirtschaftsprogrammen nach der Corona-Pandemie – ein weiteres, sogar gesteigertes Wachstum bei geringerem Ressourcenverbrauch und weniger Emissionen von klimaschädlichem Kohlenstoffdioxid (CO2) spielt darin eine zentrale Rolle.

Die deutsche Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP hat dieses Leitmotiv unter dem Schlagwort »klimaneutraler Wohlstand« in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen. »Wir sehen den Weg zur CO2-neutralen Welt als große Chance für den Industriestandort Deutschland. Neue Geschäftsmodelle und Technologien können klimaneutralen Wohlstand und gute Arbeit schaffen …«, heißt es dort.

Aber kann dieses Vorhaben funktionieren? Ist ein wirklich grünes, Ressourcen schonendes Wirtschaftswachstum überhaupt möglich? Darüber streiten Menschen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft seit Langem. Einige sehen einen grundsätzlichen Fehler in der Theorie. Denn die Voraussetzung für ein Wachstum, das weder die Klimakrise anheizt noch die Ausbeutung der verbliebenen Natur ungebremst fortsetzt, wäre, den Verbrauch von Energie, Rohstoffen oder Landfläche vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) abzukoppeln: mehr Waren und Dienstleistungen zu produzieren, ohne gleichzeitig die Umweltkosten weiter in die Höhe zu treiben.

Umweltbewusstsein als Triebfeder

Befürworter der Theorie verbindet vor allem die Grundüberzeugung, dass Innovationen und der technologische Fortschritt die Effizienz der Produktion stetig steigern und so ein grünes Wachstum auf unbestimmte Zeit ermöglichen. Innovationstreiber sind die Bedürfnisse des Marktes, die wiederum die jeweiligen gesellschaftlichen Prioritäten widerspiegeln. Ein Glaubenssatz dieser ökonomischen Schule lautet: Jede Nachfrage schafft sich ihr Angebot. Das Verlangen einer Bevölkerungsmehrheit nach Klimaneutralität oder nach einem wirksamen Schutz der biologischen Vielfalt könnte sich nach dieser Logik als eine Triebfeder für die Entwicklung immer umweltfreundlicherer Produkte oder Produktionsprozesse erweisen.

Kritiker halten dem jedoch entgegen, dass zumindest eine absolute und umfassende Entkopplung – die Umweltbelastung zu verringern und gleichzeitig die Wirtschaftsleistung zu steigern – bisher nie funktioniert habe.

Zu den prominenten Skeptikern der Theorie gehört der Kölner Biologe und Ökonom Joachim Spangenberg. Mit fünf anderen Forschern und einer Forscherin hat er die wissenschaftliche Literatur zum Thema ausgewertet. In seinem Bericht mit dem Titel »Decoupling debunked« (»Entkopplung entlarvt«) kommt das Team zu dem Ergebnis, dass es weder früher noch heute ein Beispiel dafür gegeben hat, Wirtschaftswachstum und Umweltbelastungen in einem Ausmaß voneinander zu trennen, das nur annähernd ausreicht, um den ökologischen Zusammenbruch zu verhindern. »Wachstum ohne weiteren Ressourcenverbrauch ist nicht möglich«, sagt Spangenberg. »Daraus folgt, dass grünes Wachstum eine Illusion ist.«

Es könne in Einzelfällen mit einmaligen technischen Innovationen gelingen, Wachstum zu verbuchen und gleichzeitig den Ressourcenverbrauch zu verringern, sagt der Vizechef des Thinktanks »Sustainable Europe Research Institute Germany«. »Doch wenn man ständig wachsen will, muss man sich auch ständig verbessern, um weniger Material zu benötigen.« Und Innovationen stoßen ebenfalls an Grenzen. So sei es zwar möglich, über eine ausgereifte Kreislaufwirtschaft die derzeitigen Recyclingraten zu verdoppeln oder zu verdreifachen, nennt Spangenberg als ein Beispiel. »Wir können sie aber nicht verhundertfachen, weil die Gesetze der Thermodynamik sich nicht durch Mehrheitsentscheidung des Parlaments aufheben lassen«, kritisiert er die weit gehende politische Festlegung auf das Konzept des grünen Wachstums. Hinzu komme, dass eine stetige Effizienzsteigerung bereits »eingepreist« sein müsse. »Wenn wir unser Klimabudget einhalten wollen, müssen wir die Effizienzsteigerung ohnehin verdreifachen – ein wirtschaftliches Wachstum kommt dann noch obendrauf.«

Ebenso wie keine einheitliche Definition des »grünen Wachstums« vorliegt, wird auch der Begriff der Entkopplung sehr unterschiedlich verwendet. Es gibt Betrachtungen, die sich auf den Rohstoff- oder Energieverbrauch fokussieren, und solche, die messbare Umweltbelastungen einbeziehen. Meist wird dabei auf die Treibhausgasemissionen geschaut, da sie sich vergleichsweise einfach messen lassen. Andere Konzepte beziehen Faktoren wie Luftverschmutzung, Wasserqualität oder Bodenerosion ein. Zunehmend wird in der Bewertung aber auch auf die Biodiversität insgesamt Bezug genommen, und es werden Maßstäbe wie der ökologische Fußabdruck in den Vordergrund gerückt, die eine nur regionale Betrachtung der Wachstumskosten verhindern sollen.

Muss es immer um Wachstum gehen?

Wie plausibel die These ist, beständig weiter auf ein unbegrenztes Wachstum setzen zu können, dessen Folgen für die Umwelt durch eine Entkopplung der benötigten Ressourcen abgefedert werden, wurde in zahlreichen Studien untersucht. In einer aktuellen Auswertung von mehr als 800 Einzelstudien allein zum Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, dem Ausstoß von Treibhausgasen und dem Verbrauch von Material und Energie kommt ein Autorenteam um Dominik Wiedenhofer vom Institut für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur Wien zu einem ähnlichen Ergebnis wie Spangenberg und seine Kollegen. »Überzeugende Beweise für eine absolute Entkopplung in der erforderlichen Größenordnung lieferten sie in der Regel jedoch entweder nicht oder blieben unschlüssig«, schreibt das multidisziplinäre Autorenteam. Die Forscherinnen und Forscher kritisieren, dass in vielen Studien das Primat des Wachstums nicht hinterfragt werde. Eine »potenziell grundlegende Unvereinbarkeit zwischen Wirtschaftswachstum und systemischen gesellschaftlichen Veränderungen zur Bewältigung der Klimakrise« werde kaum in Betracht gezogen. Nötig seien umfassendere und langfristigere Analysen unter Einbeziehung zum Beispiel von Lieferketten.

»Grünes Wachstum ist ein Irrweg«(Jason Hickel, Anthropologe)

Andere Forscher ziehen explizit mit Blick auf die Pariser Klimaziele ein noch kritischeres Fazit. »Empirische Belege stützen die Theorie des grünen Wachstums nicht«, schreiben der Anthropologe Jason Hickel von der London School of Economics und der Ökonom Giorgos Kallis von der Autonomen Universität Barcelona in einer viel beachteten Studie. Auch wenn man die Entkopplung allein auf den Kohlenstoffausstoß beziehe, sei es »höchst unwahrscheinlich, dass eine absolute Entkopplung in einem Tempo erreicht wird, das schnell genug ist, um eine globale Erwärmung von mehr als 1,5 oder 2 Grad zu verhindern, selbst unter optimistischen politischen Bedingungen«. Das Fazit der Forscher: »Grünes Wachstum ist ein Irrweg.« Die gesellschaftlichen Entscheidungsträger müssten dringend nach alternativen Strategien suchen.

Wissenschaftliche Debatte mit realen Folgen

Hier treffen die Forscher den politischen Kern der Debatte. Die Frage, ob eine Entkopplung und damit grünes Wachstum tragfähige Konzepte sind oder nicht, ist mehr als ein akademischer Streit. Viele Politiker und Politikerinnen weltweit setzen darauf, um ihre Ziele zu erreichen. Das gilt etwa für die Klimaziele, aber auch für den neuen globalen Rahmen zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt, der im Dezember 2022 bei der Weltnaturkonferenz im kanadischen Montreal verabschiedet werden soll.

Auch im mit 750 Milliarden Euro ausgestatteten europäischen Post-Corona-Wiederaufbauplan unter dem Schlagwort »NextGenerationEU« wird auf Wachstum bei gleichzeitigem Klimaschutz gesetzt. Gemeinsam mit dem Sieben-Jahres-Haushalt der Gemeinschaft soll der Fonds als historisch größtes Konjunkturprogramm mit einem Volumen von fast zwei Billionen Euro eine »grünere, digitalere und widerstandsfähigere EU« schaffen, verspricht die Kommission. Ein Drittel der Gelder soll in den »Green Deal« fließen, der bis zur Mitte des Jahrhunderts das Wirtschaftswachstum grün gestalten soll.

Entkopplung als Königsweg hin zu dem Ziel, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent der Erde zu machen. Widerspruch kommt ausgerechnet von einer EU-eigenen Organisation, der Europäischen Umweltagentur (EEA) mit Sitz in Kopenhagen. Die Fachbehörde soll den politischen Entscheidern wissenschaftliche Handlungsempfehlungen an die Hand geben. Ihr Wort hat in Fachkreisen großes Gewicht. In ihrer Anfang Dezember 2021 veröffentlichten Studie warnen die EEA-Experten vor einer ausschließlichen Fixierung auf grünes Wachstum als Weg zu mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit. »Angesichts der endlichen Kapazität der Natur, Ressourcen bereitzustellen und Verschmutzungen zu absorbieren, gibt es jedoch Zweifel, ob ein unendliches Wirtschaftswachstum möglich ist«, schreiben sie. Weil weltweit bereits so große Umweltschäden angerichtet worden seien, wäre eine »noch nie da gewesene Entkopplung des Wirtschaftswachstums von den Umweltbelastungen erforderlich«, lassen sie ihre Skepsis durchblicken.

Auch wenn die EU-Experten genau wie Spangenberg und andere an der Machbarkeit dieser Entkopplung Zweifel hegen, plädiert keiner von ihnen dafür, den Gedanken ganz aufzugeben. »Das Streben nach einer möglichst weit gehenden Entkopplung kann ein Baustein auf dem Weg zur Erreichung beispielsweise der Klimaziele sein, aber nur ein kleiner«, sagt Spangenberg. »Die Krise ist so groß, da brauchen wir alle Instrumente.« Und die EU-Experten raten: »Diese Unwägbarkeiten bedeuten nicht, dass Europa sein Konzept des grünen Wachstums aufgeben sollte.« Im Zentrum der Bemühungen müsse vielmehr stehen, den von der EU-Kommission angestoßenen Umbau der Staatengemeinschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit zu einem Erfolg zu machen. Dazu solle versucht werden, die Wirtschaft so umzugestalten, dass sie das Wohlergehen der Gesellschaft auch bei einem schrumpfenden BIP sichern kann.

»Es geht auch darum, zu erkennen, dass unser Lebensstandard sich in dem ausdrückt, was wir täglich benutzen, und nicht in dem, was wir täglich neu kaufen«(Joachim H. Spangenberg, Biologe und Ökonom)

In einer Abkehr davon, sich stets auf Wachstum zu konzentrieren, sieht auch Ökonom Spangenberg eine Lösung. Nötig sei hier ebenso ein anderes gesellschaftliches Bewusstsein, das Wohlstand nicht allein an Konsum messe. Dazu könne jeder und jede Einzelne einen Beitrag leisten, sagt der Forscher. »Es geht auch darum, zu erkennen, dass unser Lebensstandard sich in dem ausdrückt, was wir täglich benutzen, und nicht in dem, was wir täglich neu kaufen«, sagt er. Deshalb hält Spangenberg auch vermeintlich kleine Initiativen für wichtig, wie etwa dagegen vorzugehen, dass Produkte nach Ablauf der Garantiezeit sofort kaputtgehen – die so genannte geplante Obsoleszenz. Oder den Modebegriff zu überdenken: Die meisten Autos und das meiste Mobiliar beispielsweise würden ausgemustert und durch mit viel Energie und Umweltbelastung neu produzierte Produkte ersetzt, weil sie aus der Mode gekommen seien; und nicht, weil sie nicht mehr funktionierten oder nicht repariert werden könnten. »Warum hängt unser Sozialprestige daran, dass wir das Neueste zu Hause haben, und nicht daran, dass wir die Dinge möglichst lange benutzen?«, fragt Spangenberg. Dann hätte vielleicht die Werbeindustrie ein Problem – Umwelt und Menschen dagegen ein entscheidendes weniger.

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