GSM-R: Das Funknetz, das alle Züge stillstehen ließ

In der leidlichen Historie von gestörten Zugverbindungen sucht dieses Ereignis seinesgleichen: In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2026 standen in Deutschland über eineinhalb Stunden sämtliche Züge still. Der Zugfunk war ausgefallen – das System, über das Triebfahrzeugführer, Netzleitzentrale und Fahrdienstleiter kommunizieren. Es ist nicht das erste Mal, dass dieser bahneigene Mobilfunk ausfällt. Im Oktober 2022 standen in weiten Teilen Norddeutschlands schon einmal Züge still. In Berlin und Nordrhein-Westfalen hatten Saboteure damals aktiv Kabel gekappt – allerdings nicht, um den Funk zu stören, sondern um die Kabel zu stehlen. Doch Sabotage schließt die Bahn für den aktuellen Fall aus. Stattdessen habe aus derzeitiger Sicht der planmäßige Austausch einer technischen Komponente den Ausfall bewirkt, heißt es auf der Internetseite des Konzerns.
In der Fachwelt nennt sich der Zugfunk »Global System for Mobile Communications – Railway«, kurz GSM-R. Mitsamt seiner Infrastruktur funktioniert er wie der alte 2G-Mobilfunkstandard, der sich GSM abkürzt. Allerdings funken Bahnbedienstete nicht nur auf einer anderen Frequenz, sondern es gelten innerhalb der Funkübertragung auch spezielle Spielregeln. So gewährt das Netz Notrufen Priorität. Ist das Netz ausgelastet, beendet es eine niedriger priorisierte Verbindung, um einen freien Kanal für den Notruf zu schaffen.
Zudem erlaubt das Netz Sammelrufe, bei denen sämtliche Lokführer oder Fahrdienstleiter in einem bestimmten Gebiet gleichzeitig von einer Stelle angerufen werden können. Über weitere Kanäle kommunizieren alle Anwesenden in einem bestimmten Gebiet gleichberechtigt miteinander. Und es lassen sich nicht nur einzelne, spezielle Personen über den Funk anrufen, sondern auch Menschen, die innerhalb eines Gebiets aktuell eine bestimmte Funktion übernehmen – unabhängig davon, um wen es sich genau handelt. So ist es auch möglich, dass sich Personen im Zug automatisch mit dem nächstgelegenen Fahrdienstleiter verbinden.
Die Deutsche Bahn sieht sich nun heftiger Kritik ausgesetzt, weil ein Komponententausch zu einem so weitreichenden Ausfall des Zugverkehrs führen kann. Die Bahn weist jedoch darauf hin, dass ihr Funk sehr wohl über eine Rückfallebene verfüge. Nur habe es eben Stunden gebraucht, um einen IT-Angriff auszuschließen und den Funk auf ein redundantes System umzustellen.
GSM-R gilt zwar als robust und sicher. Klar ist jedoch auch, dass diese Technologie aus den 1990er-Jahren noch eine Weile durchhalten muss. Zwischen 2026 und 2035 soll das System schrittweise durch den neuen Funkstandard FRMCS – Future Railway Mobile Communication System – abgelöst werden, der dann auf der 5G-Technologie beruht.
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