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Wissenschaftsgeschichte: "Guten Abend, meine lieben Freunde!"

"Ein Platz für Tiere" prägte eine ganze Fernsehgeneration und machte Begriffe wie "Ökologie" und "Naturschutz" populär. Am 13. März 1987 starb Bernhard Grzimek.
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Die wahrscheinlich letzten Bilder seines Lebens waren die einer bedrohten Tierart: Bernhard Grzimeks Herz blieb plötzlich während einer Tigervorführung im Zirkus stehen. Ein tragikomischer Abschied für den sicherlich bekanntesten Natur- und Tierschützer im Deutschland der 1960er bis 1980er Jahre: Gefährdete Arten und besonders die Erhaltung ihrer natürlichen Lebensräume waren das Lebenswerk des passionierten Zoologen und Tierfilmers, das er mit ungeheurer Energie vorantrieb.

Schon in der Schule schleppt der am 24. April 1909 als jüngstes von sechs Kindern in Oberschlesien geborene Grzimek immer wieder Lebendes aus Wald und Flur an, darunter einen Igel, der zeitlebens sein Wappentier bleiben sollte. Nach dem fast zwangsläufigen Studium der Zoologie und Tiermedizin in Leipzig wird er 1933 in Berlin in Veterinärmedizin promoviert, erlebt den Krieg als Veterinäroffizier und landet schließlich auf der Flucht vor drohender Kriegsgefangenschaft 1945 in Frankfurt am Main. Schon als Student hatte er Hildegard Prüfer geheiratet, mit der er drei Kinder aufzieht: Rochus, den später verunglückten Michael und den Adoptivsohn Thomas. In Frankfurt zunächst als Polizeipräsident eingesetzt, wird Grzimek bald zum Direktor des in Schutt und Asche liegenden Zoos ernannt. Diesem verhilft er mit Ideenreichtum und ungewöhnlichen Mitteln in der schwierigen Nachkriegszeit wieder zu internationalem Ruhm.

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Bernhard und Michael Grzimek | Bernhard Grzimek und sein Sohn Michael erforschen und filmen in den 1950er Jahren die Tierwelt der Serengeti im heutigen Tansania. Ihre zebragestreifte Dornier für Aufnahmen aus der Luft gilt als ihr Markenzeichen. Doch Michael Grzimek bezahlt die Dreharbeiten am 10. Januar 1959 mit dem Leben.
Anfang der 1950er Jahre reist der Forscher zum ersten Mal nach Afrika – eigentlich um Tiere für den Zoo zu fangen, aber auch, um ihre Lebensweise kennen zu lernen und so ihre Haltungsbedingungen in Gefangenschaft zu verbessern. Die Notlage der afrikanischen Wildtiere entsetzt Grzimek, und es beginnt das Engagement, das sein Leben von da an prägen soll. 1956 erscheint sein Buch "Kein Platz für wilde Tiere" und kurze Zeit später der mit einem "Goldenen Bären" ausgezeichnete gleichnamige Film.

Serengeti darf nicht sterben

Die unerwartet hohen Einnahmen aus beidem ermöglichen Grzimek zusammen mit seinem Sohn Michael den Beginn einer großen Bestandsaufnahme der wandernden Tierherden in der ostafrikanischen Serengeti aus der Luft. Dabei erproben die beiden als eine der ersten die damals neue Methode der Radiotelemetrie: Sie versehen vorher mit einem Betäubungsgewehr narkotisierte Wildtiere mit Sendehalsbändern, um so über ein Funksignal Rückschlüsse auf ihre Wanderungen und Reviere treffen zu können. Darüber gelingen den beiden Grzimeks fundierte Aussagen über Migrationsverhalten, Aufenthaltsorte und Flächenbedarf von Wildtierpopulationen, was zur Ausweisung des Serengeti-Nationalparks in seiner heutigen Form führt. Ebenfalls zu dieser Zeit wirft der Tierfilmer aus dem Flugzeug Rauchbomben auf Wildererlager und half so den afrikanischen Nationalparkbehörden, gegen die ausufernde Wilderei vorzugehen. Die zebragestreifte Dornier der Grzimeks avanciert bald zum Markenzeichen in ganz Tansania.

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ZGF-Projekt in Afrika | Nach seinem Tod wirkt das Erbe von Bernhard Grzimek noch weiter. Mit seiner Stiftung "Hilfe für die bedrohte Tierwelt" fördert die Zoologische Gesellschaft Frankfurt internationale Schutzprojekte.
"Serengeti darf nicht sterben", der Film zu dieser Arbeit, wird zum Welterfolg – 1960 prämiert mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm. Doch das Projekt fordert einen hohen persönlichen Preis: Michael Grzimek stürzt 1959 im Alter von 24 Jahren während der Dreharbeiten in Afrika tödlich ab. Sein Vater begräbt den geliebten Sohn noch am gleichen Tag am Rande des Ngorongoro-Kraters in Tansania. Seine Arbeit wird für ihn von nun an noch wichtiger.

Ein Platz für Tiere

Bereits seit Oktober 1956 lief in Deutschland seine Fernsehserie "Ein Platz für Tiere". Mit Einschaltquoten von bis zu siebzig Prozent sollte sie sich zur erfolgreichsten Dokumentarserie des Deutschen Fernsehens mausern: Fast dreißig Jahre lang versammelte sich in deutschen Wohnzimmern die ganze Familie einträchtig vor dem Fernseher und hörte Grzimeks vertraut genäseltes: "Guten Abend, meine lieben Freunde!" Mit der Mischung aus spannenden Tiersequenzen, fernen Lebensräumen und unterhaltsamen Elementen traf er genau ins Herz der jungen Fernsehnation. Besonders seine wechselnden tierischen Begleiter brachten die Live-Übertragung zum Entzücken der Zuschauer oft genug unplanmäßig durcheinander.

"Ich mache meine Fernsehsendungen nicht nur, um die Menschen nett zu unterhalten, sondern um etwas damit zu erreichen"
(Bernhard Grzimek)
Doch der Frankfurter Zoodirektor infizierte mit dem Dauerbrenner nicht nur die Wirtschaftswunderkinder mit der Liebe zur Natur: Durch die Medienwirksamkeit seiner possierlichen Schimpansenbabys und stampfenden Nashörnern transportierte er als einer der ersten damals unbekannte Begriffe wie "Ökologie" oder "Umweltschutz" in breite Bevölkerungsschichten. "Er war ein Motor der Naturschutzbewegung", sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weinzierl einmal über Bernhard Grzimek, "seine Sendung auch ein politischer Termin."

Eine moralische Instanz

So schob Grzimek mit Überlegung schockierende Bilder von geschlachteten Robbenbabys auf dem kanadischen Eis genauso wie illegal gedrehte Sequenzen über die Käfighaltung von Legehennen zwischen seine Tier- und Lebensraumporträts ein und rüttelte damit die Öffentlichkeit auf. Trotzdem distanzierte sich Grzimek immer bewusst von Tierschutz aus "verzärtelten" Gründen und pflegte einen sachlich distanzierten Ton ohne jede Sentimentalität. Dass beispielsweise die arktischen Sattelrobben zu keiner bedrohten Tierart gehören und deshalb ihre maßvolle Nutzung unter Berücksichtigung von ethischen und moralischen Gesichtspunkten durchaus vertretbar sei, erfuhr der Zuschauer genauso wie sein Verdammen einer grausamen Massenschlachterei. Solche Fernsehaktionen brachten der "moralischen Instanz" Grzimek ein enormes Echo auf breiten Ebenen: So fielen die Preise für Robbenfell nach seiner Sendung um ein Viertel; seit 1983 ist die Einfuhr von "Whitecoats" in die Europäische Gemeinschaft verboten.

Grzimek erkannte daneben früh die Bedeutung von Naturtourismus als Wirtschaftsfaktor für Entwicklungsländer. Bereits in den 1960er Jahren nutzte er seine guten Kontakte zu afrikanischen Staatsoberhäuptern, um sie zur Erhaltung und Pflege ihrer noch intakten Naturräume zu bewegen, anstatt sie in Agrarland umzuwandeln. Im Fernsehen behauptet er, man könne Aufenthalte in ostafrikanischen Nationalparks zu einem bestimmten Preis pauschal buchen. Das führte tatsächlich zum Angebot erster Charterreisen nach Kenia und Tansania und damit zum Erhalt von Nationalparks bis auf den heutigen Tag. Oft übersehen blieb dagegen sein deutsches Naturschutzengagement: So ist die Einrichtung des Nationalparks "Bayerischer Wald" im Jahr 1970 – die erste und für lange Zeit einzige Großschutzzone hierzulande – auch Grzimeks jahrelanger Beharrlichkeit zu verdanken.

Hilfe für die bedrohte Tierwelt

Mit dem ab 1962 zum Ende jeder Sendung von "Ein Platz für Tiere" eingeblendeten Sonderkonto "Hilfe für die bedrohte Tierwelt" und der Bitte um Spenden sammelte der Tierfilmer über seinen Tod hinaus Millionenbeträge für Naturschutzprojekte aus Spenden, Hinterlassenschaften und Vermächtnissen ein. Damit förderte der Wissenschaftler bereits in den 1960er Jahren internationale Schutzprojekte wie den Erhalt von Riesenschildkröten auf Galapagos.

Träger solcher Projekte war von Anfang an die Fördergesellschaft des Frankfurter Zoos, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Als damaliger Zoodirektor gab Grzimek ihr damit eine neue Arbeitsrichtung: den internationalen Naturschutz. Mit steigenden Finanzmitteln konnte die ZGF eine langfristige Förderstrategie entwickeln. 14 Jahre nach Grzimeks Tod stellte das geldschwere Sonderkonto im Jahr 2001 den Grundstock für eine gleichnamige Stiftung. Zum Ende des Geschäftsjahres 2005 betrug ihr Stammkapital 41 Millionen Euro, sie gilt damit als eine der größten Naturschutzstiftungen in Europa. Jährlich schüttet die Institution Fördergelder an die ZGF und zu einem geringeren Teil an den Frankfurter Zoo aus.

Ausflüge in die Politik

1970 ernennt Bundeskanzler Willy Brandt den Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes zum Beauftragten der Bundesregierung für Naturschutz. Grzimek tritt jedoch bald von diesem Amt auf eigenen Wunsch zurück, da er seine Ziele nicht verwirklicht sieht. Eigene Versuche, in die Politik zu gehen, bleiben im Ansatz stecken. Zusammen mit Horst Stern und 19 weiteren Umweltschützern gründet Grzimek 1975 den Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Der erfolgreiche Autor gibt die Zeitschrift Das Tier heraus und verfasst neben rund zwanzig Büchern und zahlreichen Veröffentlichungen die zoologische Enzyklopädie "Grzimeks Tierleben".

Nach seiner Pensionierung als Zoodirektor widmet er sich ausschließlich der ZGF. Er reist weiterhin jedes Jahr nach Afrika, um sich vor Ort über Probleme und Projekte zu informieren, weitere Geldmittel einzuwerben und führt bis zu seinem Todestag sein Lebenswerk aktiv weiter. Seine Urne ruht neben seinem Sohn Michael in einem gemeinsamen Grab am Ngorongoro-Krater mitten in der Wildnis.

Mit Bernhard Grzimek hat der Naturschutz bereits vor zwanzig Jahren einen eigenwilligen Streiter verloren. Sein gewaltiges ideelles und materielles Erbe wird jedoch von der ZGF nach wie vor verwaltet und weiter ausgebaut. Aktuell werden mehr als achtzig Projekte in rund dreißig Ländern mit einem Jahresbudget von rund fünf Millionen Euro gefördert. Ihr Schwerpunkt ist und bleibt dabei Afrika, das "Herzensland" Grzimeks – und besonders die Serengeti.
13.03.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 13.03.2007

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