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Lernfähigkeiten: Gutes Sprachtalent, guter Programmierer

Wer Mathe beherrscht, tut sich auch mit dem Erlernen von Programmiersprachen leichter. So die gängige Meinung. Doch Psychologen sagen, ein anderes Talent sei viel mehr von Vorteil.
Glücklicher Programmierer am LaptopLaden...

Wer hat das Zeug zum Programmierer? Menschen, die über ein gutes mathematisches Verständnis verfügen, würde man wohl meinen. Aber nicht nur, wie eine Studie von Neurologen der University of Washington nahelegt. Demnach ist vor allem ein Talent für Sprachen ausschlaggebend.

Programmiersprachen ähneln in ihrem Aufbau der menschlichen Sprache, schreiben die Forscher um die Neurologin Chantel Prat in »Scientific Reports«. Genau deshalb wollte das Team herausfinden, ob für das Erlernen einer Programmiersprache eher mathematische Fähigkeiten von Vorteil sind oder eine gute sprachliche Begabung. Für ihre Studie haben die Forscher dann die neurokognitiven Fähigkeiten von 36 Versuchsteilnehmern getestet. Mit Hilfe von acht Standardtestverfahren loteten sie deren mathematisches Verständnis, die sprachliche Begabung, die Merkfähigkeit und die Eignung zur Problemlösung aus.

Vorab zeichneten Prat und ihr Team das elektrische Aktivitätsmuster im Gehirn der Probanden auf – per Elektroenzephalografie (EEG). Schon in früheren Studien will die Forscherin nachgewiesen haben, dass sich aus dem EEG im Ruhezustand ableiten lässt, wie gut sich ein Mensch Fremdsprachen aneignen kann. »Letztlich lassen sich diese Daten vom Gehirn im Ruhezustand als kulturell unbeeinflusster Maßstab nutzen, um zu messen, wie jemand lernt«, sagt Prat.

Braucht man fürs Informatikstudium unbedingt mathematische Kenntnisse?

Anschließend sollten die Probanden die Programmiersprache »Python« erlernen. Nachdem sie ein Lernprogramm und einige Tests dazu absolviert hatten, sollten sie ein simples Knobelspiel programmieren. Die Auswertung der Versuchsdaten ergab, dass jene Teilnehmer am erfolgreichsten abschnitten, die über eine hohe sprachliche Begabung, ein gutes Arbeitsgedächtnis und starke Fähigkeiten zur Problemlösung verfügten. Ein Talent für Mathematik war zwar ebenfalls von Vorteil, für das Erlernen der Programmiersprache jedoch offenbar nicht so bedeutsam wie ein Sprachtalent.

Für Prat ist das Ergebnis unter anderem deshalb bemerkenswert, weil Studierende in der Informatik und ähnlichen Studienfächern oft umfangreiche mathematische Kenntnisse und Fähigkeiten vorweisen müssen. In der Gesellschaft herrsche ebenfalls die Meinung vor, dass ein guter Programmierer notgedrungen auch ein guter Mathematiker sein müsse. »Diese Vorstellungen bestätigen unsere Daten aber nicht«, sagt Prat.

4/2020 (Juli/August)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 4/2020 (Juli/August)

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