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Vogelgrippe: »Der neue Erreger besitzt völlig andere Eigenschaften«

In Deutschland grassiert die Vogelgrippe, darunter auch ein - scheinbar - bekanntes Virus: H5N1. Die Viren-Expertin Anja Globig vom Friedrich-Loeffler-Institut erklärt, was es damit auf sich hat.
Ein Mann in Schutzkleidung hebt einen Vogelkadaver in einen Plastiksack.

Die Vogelgrippe tötet derzeit tausende Wasservögel in Deutschland. Weit über 10 000 tote oder sterbende Tiere sammelten Mitarbeiter der Wattenmeer-Nationalparkverwaltung allein an der schleswig-holsteinischen Küste ein.

Besonders stark betroffen sind die dort rastenden Weißwangengänse und Pfeifenten. Aber nach Angaben der Nationalparkverwaltung gibt es bei fast 90 verschiedenen Vogelarten mögliche Grippefälle. In den vergangenen Wochen tauchte das Virus in insgesamt neun Bundesländern auf.

Im Interview mit »Spektrum.de« erklärt die Veterinärmedizinerin Anja Globig vom Friedrich-Loeffler-Institut, woher die Krankheit kommt und ob sie auch für Menschen gefährlich ist.

»Spektrum.de«: Ist bekannt, woher das Virus kommt?

Anja Globig: Um genau zu sein, haben wir bisher mehrere verschiedene Subtypen von hochpathogener aviärer Influenza (HPAI) nachweisen können: H5N8, H5N5 und H5N1. Diese Viren sind mit dem 1997 in Hongkong erstmals nachgewiesenen H5N1-Virus verwandt, mit dem sich auch Menschen infiziert hatten und die auch zu einem erheblichen Teil daran starben.

Anja Globig | Anja Globig ist Fachtierärztin für Virologie und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Friedrich-Loeffler-Institut, der Forschungseinrichtung des Bundes für Tiergesundheit.

Welche Bundesländer sind inzwischen von der Vogelgrippe betroffen?

Nachweise von HPAI-Viren gibt es mittlerweile aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Hamburg, Bremen, Bayern und zuletzt Nordrhein-Westfalen.

Sind die Viren gefährlich für Menschen?

Hochpathogen sind diese Virentypen für Hühner und Puten, aber nicht zwingend für alle Wildvögel. Es gibt auch keine Hinweise auf Infektionen des Menschen mit diesen in Europa aktuell zirkulierenden H5-Viren. Die hochpathogene Form von aviären Influenzaviren kommt bei den Virustypen H5 und H7 vor, sie ist durch eine andere Spaltstelle im Hämagglutinin (HA), einem Glykoprotein auf der Virusoberfläche, charakterisiert.

Aber am Typ H5N1 sind bei früheren Ausbrüchen hunderte Menschen gestorben. Wieso gehen Sie dennoch nicht von einer Gefährdung von Menschen aus?

Das derzeit in Europa neben H5N8 und H5N5 zirkulierende H5N1-Virus ist zwar im HA-Gen verwandt, aber in anderen Genen völlig anders als das human-pathogene von damals. Dazu muss man wissen, dass zwischen 60 und 80 Prozent der wilden Wasservögel im Herbst und Winter mit anderen, niedrig pathogenen aviären Influenzaviren infiziert sind, wie H4N6, H3N1, H6N4 und so weiter.

»Es gibt auch keine Hinweise auf Infektionen des Menschen mit diesen in Europa aktuell zirkulierenden H5-Viren.«

Kommen diese Vögel nun zusätzlich mit dem aus Asien oder Russland eingetragenen H5N8 in Kontakt, kann es zu einer Vermischung der Gensegmente der verschiedenen Virus-Subtypen, einer so genannten Reassortierung, kommen. Auf diese Weise ist vermutlich ein H5N1-Virus entstanden, das neu ist, auch wenn es den gleichen Namen trägt. Das ist zugegebenermaßen verwirrend.

Es ist trotz des gleichen Namens weniger gefährlich?

Das Hämagglutinin, also H-Gen, ist zwar noch verwandt mit dem ursprünglichen H5N1-Virus, aber der neue Erreger besitzt völlig andere Eigenschaften. Es gibt ja noch eine ganze Reihe anderer Virusproteine, die unter anderem für die Virulenz zuständig sind. Im Ergebnis schafft die neue Viruskonstellation »H5N1«, die zurzeit neben H5N8 und H5N5 in Europa zirkuliert, nicht mehr den Wirtssprung vom Vogel zum Menschen – glücklicherweise!

Die Einschätzung ist also weiterhin, dass die jetzt aufgetretenen HPAI-Viren nicht auf den Menschen überspringen können?

Es gibt keine Hinweise darauf, dass sie ein solches zoonotisches Potenzial haben. Weder aus genetischer Sicht noch aus den bisherigen Erfahrungen beziehungsweise Beobachtungen. Zum Beispiel, dass es Funde von mit HPAIV-H5 infizierten Säugetieren gäbe, die sich etwa von infizierten verendeten Vögeln ernährt hatten.

Könnte es durch die HPAI-Viren beispielsweise über die Übertragung von Vögeln auf Schweine als Zwischenwirte zu weiteren Mutation kommen, die irgendwann für den Menschen gefährlich werden können?

Es ist grundsätzlich denkbar, dass auch Schweine sich mit den aktuellen hochpathogenen H5-Viren infizieren. Wir wissen, dass sich im Atemtrakt von Schweinen Zellen befinden, die Rezeptoren aufweisen, die sowohl bei Menschen im Atmungstrakt vorkommen als auch bei Vögeln. Theoretisch ist es also denkbar, dass auch das H5N8-Virus Schweine infiziert und sich dort an den neuen Wirt anpasst. Es gibt dafür aber keinerlei Nachweise.

Und dann irgendwann gefährlich auch für Menschen wird?

Das ist wegen der Möglichkeit der Reassortierung bei Influenza-A-Viren immer möglich, auch mit den aviären Influenzaviren. Dazu müssen sie bei gleichzeitiger Infektion einer Zelle mit einem weiteren Influenzavirus Virussegmente austauschen, so dass ein neues Virus entsteht. Das sind dann schon potenzielle Pandemie-Kandidaten.

Es muss aber schon sehr viel an Zufall hinzukommen, damit dann tatsächlich ein Pandemie-Erreger entsteht. Das H1N1 zum Beispiel, das ab 2009 pandemisch wurde, ist ein Mischvirus aus Schweine- und humanen Influenzaviren. Dieses ist dann auch wieder vom Menschen auf das Schwein übergegangen.

Ist das gegenwärtige Ausbruchsgeschehen historisch stark?

Das müssen wir erst einmal abwarten. Auch der letzte große Ausbruch 2016/17 begann mit einem punktuellen und auffälligen Vogelsterben. Damals waren es Reiherenten auf dem Plöner See. Im gegenwärtigen Geschehen ist auffällig, dass punktuell sehr viele Weißwangengänse sterben. Diese Vogelart war damals überhaupt nicht auffällig.

»Das sind dann schon potenzielle Pandemie-Kandidaten.«

Wie sich die Lage in diesem Winter weiterentwickelt, dazu können wir keine Vorhersage machen. Wir sollten aber damit rechnen, dass es sich zu einem europaweiten epidemischen Geschehen ausweitet. Nach wie vor melden die Bundesländer und auch andere europäische Staaten täglich Dutzende neue Fälle.

Ist mangelndes »social distancing« ein Problem? Immerhin sind die besonders stark betroffenen Weißwangengänse und Pfeifenten dafür bekannt, dass sie gemeinsam und auf engem Raum grasen?

Die physische Nähe spielt sicher eine ganz große Rolle. Dort, wo viele potenzielle Wirte auf engem Raum zusammensitzen, kann sich ein Virus von Tier zu Tier ausbreiten. Gedränge ist ein absolutes Paradies für Viren. Das war ja auch beim Geschehen 2005/06 schon so, da gab es das Eisloch-Phänomen: In dem kalten Winter drängten sich die damals besonders betroffenen Schwäne in den wenigen, nicht zugefrorenen Wasserlöchern und infizierten sich in großer Zahl.

Bei früheren Ausbrüchen war auch auf den Geflügelhandel als möglicher Überträger hingewiesen worden. Sind tatsächlich die Zugvögel »schuld« am gegenwärtigen Ausbruch?

Es ist schon ziemlich klar, dass die Viren von Wildvögeln eingetragen wurden. Das ganze zeitliche Muster und die betroffenen Arten passen mit dem Vogelzug sehr gut zusammen. Genetisch ist das Virus sehr eng verwandt mit den Viren, die im Spätsommer in Nordkasachstan und Russland nachgewiesen wurden. Zu allen Ausbruchsjahren – nämlich 2005/06, 2014/15, 2016/17 sowie im derzeitigen Geschehen – gehen wir davon aus, dass das Virus durch Wildvögel nach Europa eingetragen wurde.

Das haben etwa zahlreiche phylogenetische Untersuchungen weiter erhärtet. 2017 waren dann auch Geflügelhaltungen in der geflügeldichtesten Region Deutschlands betroffen. Hier gab es Sekundärausbrüche, das heißt, das Virus wurde vermutlich durch Kontakte zwischen den Geflügelhaltern oder Gerätschaften in andere Geflügelhaltungen eingetragen. Es gibt allerdings keinerlei Hinweise, dass die jeweiligen HPAI-H5-Viren der unterschiedlichen Epidemie-Jahre durch den Geflügelhandel nach Europa gelangten.

Enten und Schwäne drängen sich um ein Eisloch | In beengten Verhältnissen verbreitet sich die Vogelgrippe besonders gut. Zum Beispiel wenn ein harter Winter nur wenige offene Stellen im Eis lässt. An denen drängen sich dann die Wasservögel.

Wie spielen Hausgeflügel und Wildvögel bei der Entstehung dieser Viren zusammen?

Das H5N8-Virus ist 2020 in Nordkasachstan und Russland sowohl in Hausgeflügel als auch Wildvögeln aufgetreten. Dann gelangte es vermutlich mit dem Vogelzug im Herbst nach Europa. Wir wissen allerdings nicht, welche Gebiete, etwa in Sibirien und anderen Teilen Nordrusslands, auch betroffen sind. Wo es keine Tests gibt, gibt es natürlich auch keine Berichte zu Nachweisen.

Generell ist es ein Wechselspiel zwischen der Art der Geflügelhaltung, etwa in Asien – nämlich in großer Zahl und im Freiland –, und der Kontaktmöglichkeit zwischen gehaltenem Wassergeflügel und Wildvögeln. Immer da, wo eine Wechselwirkung zwischen domestiziertem Geflügel und Wildvögeln besteht, gibt es die Möglichkeit, dass das Virus auf andere Populationen überspringt.

Bedeutet die hohe Zahl der Fälle bei Weißwangengänse und Pfeifenten auch, dass sie die Viren hierhergebracht haben?

Es ist natürlich immer auch Zufall mit im Spiel bei den Übertragungen auf andere: Wo und in welcher Population tritt das Virus zuerst auf, wer infiziert sich und scheidet das Virus aus, auch ohne schwer zu erkranken? Wer infiziert wen? Wie sind die Zugwege? Wo gibt es Überlappungen von verschiedenen Populationen in Rastgebieten? Wir wissen nicht, wer der wirkliche Virusüberträger ist. Sehr wahrscheinlich gibt es verschiedene Wege und auch Paralleleinträge nach Deutschland.

Welche Art bringt sie mit?

Es müssen nicht zwingend die Weißwangengänse sein, nur weil sie im Moment durch gehäufte Todesfälle auffallen. Es kann sein, dass der Gänseorganismus besonders anfällig für diese Viren ist. Das scheinen jetzt die Weißwangengänse zu sein, 2016 waren es die Reiherenten. Eingeschleppt haben können die Viren aber ebenso gut Spießenten oder irgendeine andere Art, die uns gar nicht so stark auffällt, weil sie keine so starken Symptome zeigt.

Wir können und wollen uns da jedoch keine klare Aussage erlauben, weil wir dazu viel zu wenig wissen. Wir wissen zwar, dass ein so massiv auftretendes Phänomen unter Zugvögeln schon klar mit Infektionsgeschehen innerhalb der ziehenden Wasservogelpopulationen zu tun hat. Wo, wann und durch wen sich aber die einzelnen Populationen infizieren, das können wir nicht sagen.

Können auch asymptomatische Vögel HPAI-Viren in sich tragen, ohne daran zu erkranken, gleichwohl aber das Virus an andere weitergeben?

Ja, das ist in der Tat so. Wir sehen von der Epidemie nur die Spitze des Eisbergs: nämlich meist bloß die toten Vögel, die wir einfach einsammeln und testen können. Auf Rügen etwa sind Proben von erlegten Enten untersucht worden. Ein Drittel der eingesandten Proben von klinisch gesunden geschossenen Enten war HPAI-H5-Virus-positiv. Ähnliches zeigte sich jetzt im Landkreis Passau in Bayern. Dort wurden zehn klinisch gesunde erlegte Stockenten HPAI-H5-Virus-positiv gemeldet. Auch experimentell konnte mehrfach belegt werden, dass Enten eine HPAIV-Infektion ohne klinische Symptome überstehen und dennoch Virus ausscheiden und andere Enten anstecken. Je nach immunologischer Vorerfahrung verendeten die auch daran.

Was bedeutet das für unser Wissen darüber, wie weit die Viren sich bereits tatsächlich verbreitet haben?

Die wahre Inzidenz in den Vogelpopulationen ist völlig unbekannt. Leider lassen sich von klinisch gesunden und mobilen Wasservögeln nur sehr schwer Proben nehmen, so dass wir das echte Ausmaß nicht erfahren werden. Gerade deshalb sind Wasservogelzählungen an den Hotspots so wichtig, also eine gute Dokumentation der Anzahl von toten und lebendigen Vögeln und zu welchen Arten sie gehören. Feldbeobachtungen von Naturschützern und Vogelbeobachtern können hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Frau Globig, herzlichen Dank für das Gespräch.

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