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Das aktuelle Stichwort

H5N1

H5N1 bleibt weiterhin in Deutschland aktuell, wie infizierte Geflügelbestände in Bayern zeigen. Wie gefährlich ist das gefürchtete Vogelgrippe-Virus für Tier und Mensch?
Die Vogelgrippe macht wieder Schlagzeilen: In den letzten Tagen und Wochen mussten in Bayern auf verschiedenen Bauernhöfen eine knappe halbe Million Enten und anderes Geflügel getötet werden, weil in ihren Beständen hoch ansteckende H5-Viren nachgewiesen wurden. Darunter waren in zwei Fällen das gefährliche und gefürchtete H5N1, das bei Ansteckung von Menschen in vielen Fällen zum Tod führt, bislang aber nur in extremen Einzelfällen von Mensch zu Mensch übertragen wurde. Beim jüngsten Fall eines betroffenen Hofs trat allerdings ein anderes H5-Virus unter dem Geflügel auf, betont das Friedrich-Loeffler-Institut als deutsches Referanzlabor für die Tierkrankheiten.

Unbekannt ist noch, wie das Virus in die einzelnen Bestände gelangen konnte. Während des letzten Sommers wurden im südlichen und östlichen Deutschland immer wieder tote Wildvögel gefunden, die den Erreger in sich trugen. Das spricht dafür, dass er sich mittlerweile erfolgreich in diesen Populationen eingenistet hat, aber dort nur unter sehr ungünstigen Umständen zum Tode führt – etwa wenn Enten durch Botulismus-Toxine oder Nahrungsmangel geschwächt sind. Eine Übertragung auf Zuchtgeflügel erscheint allerdings unwahrscheinlich, da dieses normalerweise in hermetisch abgeriegelten Ställen gehalten werden.

Möglich wäre deshalb nur der Eintrag über mit Vogelkot kontaminiertes Futter oder Stroh, das ungenügend sterilisiert wurde. Wahrscheinlicher ist eine Übertragung durch infizierte Tiere, die aus anderen Beständen stammen, in denen das Virus ebenfalls kursiert, aber noch nicht nachgewiesen wurde. Zumindest zwischen einigen der betroffenen Höfe in Bayern bestanden Geschäftsbeziehungen, bei denen Küken ausgetauscht wurden. Auch ein Vogelgrippe-Fall in Großbritannien ließ sich auf Geflügel zurückführen, die aus einem infizierten Hof in Ungarn stammten.

Bei der Vogelgrippe, auch Geflügelpest oder aviäre Influenza genannt, handelt es sich bislang weiterhin um eine Tierseuche. Bekannt ist die weltweit verbreitete Krankheit bereits seit dem Ende des 19. Jahrunderts, als es in Italien zu einem Ausbruch kam. Die Wissenschaftler unterscheiden die niederpathogene aviäre Influenza, bei der das Geflügel nur unter leicht zerzausten Federn leidet und etwas weniger Eier legt, von der hochpathogenen Form, bei der fast alle angesteckten Tiere innerhalb kurzer Zeit verenden. Das H5N1-Virus gehört zur Letzteren.

Die H5N1-Epidemie, die in Asien im Dezember 2003 ausbrach und inzwischen ihren Weg nach Europa gefunden hat, scheint dabei besonders aggressiv zu sein. Seinen kryptischen Namen verdankt der zu den Influenza-A-Viren zählende Erreger den Proteinen Hämagglutinin und Neuraminidase, die auf seiner Oberfläche sitzen und außerordentlich variabel sein können. Bisher sind 16 H- und neun N-Subtypen bekannt – der erste beschriebene Subtyp H1N1 hat übrigens die "Spanische Grippe" von 1918/19 ausgelöst, an der mindestens zwanzig, vielleicht sogar fünfzig Millionen Menschen gestorben sind.

Als natürliches Reservoir für Influenza-A-Viren gelten Wasservögel – insbesondere Schwäne –, von denen der Erreger auf andere Wirte überspringen kann. Aviäre Influenza-Viren beschränken sich normalerweise nur auf Vögel und Schweine, im Jahr 1997 konnte H5N1 jedoch in Hongkong auch bei Menschen nachgewiesen werden. Laut WHO haben sich seitdem 328 Menschen mit dem Virus infiziert, wovon 200 gestorben sind.

Die Ansteckung erfolgte vermutlich nur über den engen Kontakt mit infizierten Tieren, eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch kam erst in einem Einzelfall vor. Erhitztes Geflügel erscheint ebenfalls harmlos, und wer halb rohes Hühnerfleisch zu sich nimmt, dürfte eher Probleme mit Salmonellen als mit H5N1 bekommen. Die verordnete Stallpflicht dient somit in erster Linie dem Schutz des Federviehs. In Deutschland gelangte womöglich gefrorenes Entenfleisch aus dem bayerischen Mastbetrieb in den Handel, das mit dem Virus verseucht war – eine Gefährdung der Bevölkerung schließen die Behörden jedoch aus, da davon auszugehen sei, dass das Fleisch vor dem Verzehr erhitzt wird.

H5N1 stellt daher noch keine unmittelbare Bedrohung für den Menschen dar. Doch Grippeviren zeigen sich als höchst wandlungsfähig und tauschen auch gerne Gene untereinander ein. Experten befürchten daher weiterhin, dass aus einer Doppelinfektion mit H5N1 und einem humanpathogenen Grippevirus ein tödlicher Mix entstehen könnte.
14.09.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14.09.2007

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