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Sexualstörung

Hängen Pädophilie und Brutpflege zusammen?

Bei pädophilen Männern reagiert jenes neuronale Netzwerk übermäßig auf das Kindchenschema, das auch fürsorgliches Verhalten für den Nachwuchs oder langjährige Partner steuert.
Ein Teddybär liegt auf der Straße

Bislang konzentrierte sich die Suche nach den Ursachen von Pädophilie vor allem auf Hirnanomalien, die mit sexuellen Reaktionen und der Verhaltenskontrolle zusammenhängen. Jetzt hat ein deutsches Team eine weitere Auffälligkeit gefunden: übermäßige Reaktionen auf das Kindchenschema in jenem neuronalen Netzwerk, das auch das Brutpflegeverhalten von Eltern steuert. Laut Jorge Ponseti, Erstautor und Leiter der Kieler Studie, könnte Pädophilie demnach mit einer "Sexualisierung der Brutpflege" zusammenhängen.

Diesen Schluss zogen der Psychologe und seine Kollegen aus Hirnscans von 115 erwachsenen Männern, darunter 60 Probanden, die sich wegen einer pädophilen Neigung behandeln ließen. Rund jeder zweite von ihnen war allein an Mädchen interessiert, die übrigen an Jungen oder beiden Geschlechtern. Entsprechend setzte sich auch die Kontrollgruppe zusammen: 60 Prozent der Männer waren heterosexuell, die übrigen homo- oder bisexuell.

Versuchsmaterial: Fotos von süßen Tierbabys

Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie verfolgten die Forscher die Hirnaktivität der Versuchspersonen, während diese auf einem Bildschirm 60 Bilder betrachteten – allerdings nicht von Kindern, sondern von niedlichen Jungtieren wie Katzen- und Hundebabys sowie von ausgewachsenen Tieren. Damit wollten die Forscher einer etwaigen Vermischung von fürsorglichen und sexuellen Reaktionen vorbeugen, wie sie erläutern: "Bilder von Tierkindern rufen normalerweise bei pädophilen Probanden keine sexuelle Erregung hervor, anders als menschliche Kinder." Und wie erwartet gaben beide Versuchsgruppen an, dass die Tierbilder sie nicht sexuell erregten.

Doch drei Hirnregionen reagierten bei den pädophilen Probanden stärker auf die Tierbabys als bei der Kontrollgruppe: Teile der motorischen Kortizes, des dorsolateralen präfrontalen Kortex und der anterioren Inselrinde. Alle drei Bereiche gehören den Forschern zufolge zu einem neuronalen Netzwerk, das am Brutpflegeverhalten beteiligt ist. Die linke anteriore Inselrinde sei besonders interessant, erklären sie: "Vorangehende Studien zeigten, dass diese Region bei gesunden Erwachsenen beim Anblick menschlicher Kinder aktiv wird." Außerdem spiele sie auch bei der Paarbindung zwischen Erwachsenen eine Rolle. In der linken anterioren Inselrinde überlappen sich demnach neuronale Reaktionen, die sowohl Fürsorge für den Partner als auch sexuelles Interesse spiegelten.

Eine übermäßige Reaktion auf das Kindchenschema?

Ponseti und Kollegen schließen daraus: Reize wie das Kindchenschema, die zur Brutpflege motivieren, könnten bei Pädophilen sexuell konnotiert sein. Die bis dato bekannten sexuellen und exekutiven Fehlfunktionen im Gehirn fände man hingegen häufiger bei jenen Probanden vor, die schon ein Kind sexuell missbraucht hätten.

Zwar sei es nicht zulässig, die Reaktionen auf den Anblick von Tierbabys einfach auf den von menschlichen Kindern zu übertragen, räumen die Forscher ein. Doch ihre Befunde könnten tatsächlich eine Lücke in der Ursachenforschung schließen: Sie liefern eine neurobiologische Grundlage dafür, dass sich Pädophile emotional an das Objekt ihrer Begierde binden können. Als Nächstes wollen die Forscher erkunden, ob sich die Reaktion auf das Kindchenschema hormonell beeinflussen lässt und neue Therapieansätze eröffnen könnte.

Was versteht man unter Pädophilie?

Pädophile (auch: Pädosexuelle) sprechen sexuell vor allem auf Kinder vor oder bei Eintreten in die Pubertät an. Nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation ist eine Person pädophil, wenn sich ihre sexuellen Fantasien und Impulse wiederholt auf ein Kind richten, wenn sie diese Gedanken in die Tat umsetzt oder sich von ihnen belastet fühlt. Nach Schätzungen von Sexualwissenschaftlern sind rund ein Prozent der erwachsenen Deutschen betroffen, darunter überwiegend Männer. Im engeren Sinne bezeichnet Pädophilie allein die sexuelle Erregbarkeit durch vorpubertäre Kinder und somit eine Störung der Sexualpräferenz. Wenn jemand sexuelle Handlungen vor, an oder mit einem Kind vornimmt, spricht man von Pädosexualität, einer "Sexuellen Verhaltensstörung". Ein Pädokrimineller ist nicht zwangsläufig auch pädophil; umgekehrt begeht nicht jeder Pädophile sexuelle Übergriffe an einem Kind.

Anonyme Hilfe für Betroffene
bietet das Präventionsnetzwerk "Kein-Täter-werden".

2/2018 (Juni/Juli)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2018 (Juni/Juli)

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