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Humanevolution: Half härter Zuschlagen aufrechten Männern?

Zuschlagen
Das klingt plausibel: Ein kleiner, auf allen Vieren geduckter Mann ist einem großen, hoch aufgerichteten Zweibeiner zunächst einmal nicht gewachsen, wenn dieser auf ihn einschlägt. Das kann man sogar nachmessen, erkannte David Carrier von der University of Utah in Salt Lake City – und Schlussfolgerungen daraus ziehen. Etwa die, dass unsere Hominidenvorfahren einst deshalb begannen, sich auf zwei Beine zu stellen, weil sie dann besser zuschlagen konnten und so am Ende vielleicht auch größeren Erfolg bei den Frauen hatten.

Kraftvoll zuschlagen? Besser im Stehen! | Der Versuchsaufbau von Carriers Hau-den-Lukas-Experiment. Die Probanden sollten zum Beispiel von oben auf den gepolsterten Sensor-Punchingball einschlagen, die Aufprallenergie wurde dann gemessen. Im Knien macht der Treffer weit weniger Eindruck als im Stehen, errechnete der Forscher.
Experimentell untermauern sollte diese Hypothese ein Versuch des Forschers, bei dem einige kampferprobte Freiwillige auf einen Hau-den-Lukas-ähnlichen Versuchsaufbau eindroschen [1]. Die Teilnehmer rekrutierten sich aus Boxern und aktiven Kampfsportlern; sie wurden gebeten, auf verschieden positionierte, sensorbestückte Punchingbälle möglichst kräftige Schläge von oben, seitwärts, unten oder vorne auszuteilen, wobei sie mal knieten, mal auf beiden Beinen standen. Ergebnis: Von oben herab und stehend teilt man nachweislich weit besser aus; und auf Knien nach oben zu keilen kostet mehr Kraft.

Das, so spinnt Carrier sein Garn weiter, hat eben womöglich eine bis dato unterschätzte Rolle in der Evolution gespielt. Das Partnerwahlsystem großer Menschenaffen sei schließlich von intensiven Kämpfen der Männchen um Weibchen geprägt, schiere Körperkraft entscheide wesentlich über den Fortpflanzungserfolg. Demnach hatten bestimmt aufrecht stehende Primatenvorfahren gegenüber Artgenossen Vorteile, weil sie sich häufiger im Handgemenge durchsetzen konnten.

Für die Evolution des aufrechten Gangs durch den Menschen sind schon eine Reihe anderer Erklärungen herangezogen worden. Im Mittelpunkt stehen meist die frei werdenden Vorderextremitäten: Mit ihnen können aufgerichtete Exemplare etwa Kinder oder Gegenstände tragen, Werkzeuge bedienen und generell ihre Reichweite beim Greifen erhöhen. Zudem könnte das Laufen auf zwei Beinen auch eine bessere Thermoregulation in heißen Gegenden erlauben oder die Langstreckenmigration in der Savanne erleichtern. Auch ein Abschreckungseffekt gegenüber Raubtieren oder Konkurrenten wurde schon lange diskutiert.

Carrier stellt dagegen schon seit einiger Zeit den Kampf um Weibchen und den damit verbundenen Fortpflanzungserfolg in den Mittelpunkt seiner Forschungen. Der sei schon bei Vormenschen eine Triebfeder der Evolution und anatomischer Merkmale gewesen, meinte der Biologe zum Beispiel bereits 2007 anlässlich seiner Untersuchung der Skelettmerkmale von verschiedenen Menschenvorfahren aus der Gattung der Australopithecinen. Diese hätten über 2 Millionen Jahre lang ihre kurzbeinige, kompakte Form behalten, weil sie ihnen Vorteile im Kampf Mann gegen Mann um Frauen beschert habe [2].

Moderne Menschen wurden dann langbeiniger – vielleicht, um schneller zu laufen: Dabei hilft ihnen auch eine typische Fußstellung beim Auftreten, bei der die Ferse statt der Zehen zuerst abgesetzt wird. Beim Langstreckenlaufen ist das deutlich ergonomischer, fasste Carrier eine weitere seiner Studien im vergangenen Jahr zusammen. Allerdings, so schob der Forscher nach, war das Fersenlaufen auch schon bei Affen präsent, und sei daher wohl nicht wegen der ergonomischen Vorteile beim Langlaufen entstanden. Vielmehr habe es den Affen und Vormenschen "bei gewalttätigen Auseinandersetzungen Vorteile verschafft: Man steht so stabiler und kann agiler ausweichen" [3]. Für Carrier ist der Kampf offensichtlich in vielerlei Hinsicht die Mutter der menschlichen Anatomie. (jo)

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