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Sommerloch heute: Halluzinogene Pilze wirken wirklich

Ein nach Aussage der Forscher unter strengsten wissenschaftlichen Bedingungen durchgeführter Freiwilligentest zeigte, dass so genannte halluzinogene Pilze tatsächlich mystische Erfahrungen hervorrufen. Da sie sich langfristig positiv auf das Befinden der Teilnehmer auswirkten, sollte ihre Anwendung als therapeutisches Mittel gegen Depressionen untersucht werden, schlagen Roland Griffiths von der Johns-Hopkins-Universität und seine Kollegen vor.

Griffiths betont den wissenschaftlichen Anspruch der Studie: "Wir erfassen nur, was wir sehen. Wir gehen nicht so weit zu fragen: Existiert Gott oder nicht? Unsere Arbeit kann und wird sich damit nicht beschäftigen."

Als Doppelblind-Studie angelegt, wussten weder die Probanden noch ihre Betreuer, wer Psilocybin, den aktiven Inhaltsstoff der halluzinogenen Pilze, oder das Placebo Ritalin erhielt. Bei den 36 Teilnehmern handelte es sich um gesunde, gebildete Personen meist mittleren Alters mit spiritueller oder metaphysischer Erfahrung. Letztere sollte helfen, die Erlebnisse besser einstufen und beschreiben zu können, während Menschen ohne entsprechende Aktivitäten davon vielleicht verwirrt oder geängstigt werden könnten, so die Sorge der Forscher.

Auch die Wissenschaft kennt ein Sommerloch. Mehr und mehr fluten dann Ergebnisse die Medien, die sonst kaum den Weg in die Berichterstattung finden. Mit der Reihe "Sommerloch heute" möchten wir Ihnen eine Auswahl präsentieren.
Um mögliche negative Nebenwirkungen zu minimieren, trafen sich die Teilnehmer vor dem eigentlichen Experiment mehrmals mit Medizinern, die Erfahrung in der Beobachtungen von Medikamententestern hatten – und die auch bei der Einnahme der Kapsel dabei waren, um eventuell beruhigende Unterstützung zu leisten. Das Experiment selbst fand in einem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer-Nachbau statt, bei indirekter, nicht laborartiger Beleuchtung und sanfter Musikuntermalung. Blutdruck und Herzschlag wurden kontinuierlich überwacht. Und damit die Erwartungshaltung der Freiwilligen das Ergebnis nicht etwa verfälschen konnte, setzten die Forscher sogar auf die Notlüge, dieses Mal gebe es das Placebo, aber beim nächsten – nie stattgefundenen – Versuch sei dann das Halluzinogen an der Reihe. Aus ethischen Gründen habe man die Probanden auch über mögliche Nebenwirkungen des Halluzinogens aufgeklärt, erklärten die Wissenschaftler.

"Wir erfassen nur, was wir sehen. Wir gehen nicht so weit zu fragen: Existiert Gott oder nicht?"
(Roland Griffiths)
Mehr als sechzig Prozent der Freiwilligen habe Effekte des Psilocybin beschrieben, welche die Kriterien einer "vollständigen mystischen Erfahrung" nach etablierten psychologischen Maßstäben erfüllten, so die Forscher. Mehr als zwei Drittel stuften die Erfahrung unter den fünf bedeutsamsten spirituellen Erlebnissen ihres Lebens ein – für viele rangierte die Bedeutung des Ereignisses auf vergleichbarer Ebene mit der Geburt des ersten Kindes oder dem Tod eines Elternteils. Ein Drittel der Teilnehmer berichtete aber auch von Angstattacken und kurzen Anflügen von Paranoia, "obwohl man alles getan habe, um negative Effekte zu minimieren." Es sei daher kein Wunder, dass unter unkontrollierten Bedingungen solche negativen Eindrücke zu Panik und gefährlichem Verhalten führen könnten. Sie warnen daher dringend davor, angesichts ihrer Ergebnisse nun unkontrolliert mit halluzinogenen Pilzen zu experimentieren.

Neun spezialisierte Fragebögen und die extra entwickelten Nachuntersuchungen sollten jegliches Detail der Effekte genau ans Tageslicht bringen. Sie entstammten Fragenkatalogen zur Wirkungsdifferenzierung von psychoaktiven Substanzen, zum Nachweis von Bewusstseinsveränderungen, zur Einstufung mystischer Erfahrungen und zur Erfassung von Veränderungen in der Zukunftssicht. Noch zwei Monate später berichteten fast achtzig Prozent der Probanden von größerer Zufriedenheit oder Wohlgefühl sowie einem anhaltenden positiven Effekt auf Stimmung und Verhalten. Befragungen von Freunden und Familie bestätigten die Aussagen. Psilocybin ahmt den Effekt von Serotonin im Gehirn nach. Allerdings sei bislang nicht genau bekannt, wo und wie. Nach dem ausgedehnten Missbrauch solcher Substanzen in den 1960er Jahren sei die Forschung daran überwiegend brach gelegen, monieren die Wissenschaftler. Es sei ihnen sehr bewusst, dass sie sich mit ihrer Arbeit auf einem schmalen Grat zwischen Neurowissenschaft und nicht mehr als wissenschaftlich eingestuften Effekten bewegten. "Es ist aber notwendig, hier die wissenschaftlichen Grundlagen zu legen", erklärt Griffiths. Psilocybin könne vielleicht zum tieferen Verständnis beitragen, wie Denken, Gefühle und Verhalten letztendlich in der Biologie verankert sind.

Das Team plant nun einen ähnlichen Versuch mit Patienten, die an einer fortgeschrittenen Krebserkrankung leiden und in dem Zusammenhang Depressionen oder Angstzustände entwickelt haben. Auch wollen die Forscher untersuchen, welche Rolle Psilocybin in der Therapie von Medikamenten-Abhängigkeit spielen könnte.
12.07.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12.07.2006

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