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News: Halothan

Münchner Toxikologen zufolge wurde zur Befreiung der Geiseln im Moskauer Musical-Theater womöglich das Narkosegas Halothan eingesetzt - und zwar in einer "irrwitzigen Dosis".
Spektrum.de
Thomas Zilker und Eberhard Koch vom Rechtsmedizinischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität und der Technischen Universität in München vermuten, dass die russischen Behörden zur Befreiung der Geiseln aus dem Moskauer Musical-Theater das Narkosegas Halothan verwendet haben. Ihren Angaben zufolge haben sie Abbauprodukte der Substanz in Blut und Urin der beiden deutschen Opfer nachgewiesen. Auch wenn sie nicht hundertprozentig sicher sein können, dass noch andere Mittel eingesetzt wurden, schließen sie zumindest den Kontakt der Geiseln mit chemischen Kampfstoffen aus – auch Opiate waren nicht nachweisbar.

Halothan (C2HClBrF3) gehört - wie Chloroform - zu den halogenierten Kohlenwasserstoffen und ist seit den fünfziger Jahren als Inhalationsnarkotikum im Einsatz. Während es in Deutschland mittlerweile fast vollständig durch neuere Mittel ersetzt wurde, ist es in Russland jedoch noch weit verbreitet. Die Substanz riecht süßlich, was sich mit Berichten von Überlebenden der Rettungsaktion deckt, die ebenfalls einen süßlichen Geruch bemerkt haben wollen.

Üblicherweise wird Halothan nur in Kombination mit anderen Narkotika gegeben, zumindest aber hätte das unter Normalbedingungen flüssige Mittel mit einem Treibgas vermischt werden müssen, um sich im Zuschauerraum des Theaters schnell genug verteilen zu können. Nach Angaben Zilkers muss es sich dabei jedenfalls um eine "irrwitzige Dosis" gehandelt haben.

Halothan führt zu raschem Bewusstseinsverlust, Erschlaffung der Muskeln und Blutdruckabfall. Bei zu hoher Dosierung drohen Atemdepression, maligne Hyperthermie und Leberschäden aufgrund toxischer Abbauprodukte wie beispielsweise Trifluoressigsäure. Da sich das Gas schnell wieder aus dem Körper verflüchtigt, erlangen Patienten schon etwa fünf bis zehn Minuten nach Beendigung der Zufuhr wieder das Bewusstsein.

Der Mediziner Hugo van Aken vom Universitätsklinikum Münster zweifelte gegenüber dem Nachrichtensender n-tv an den Aussagen seiner Kollegen. Da Halothan in Moskauer Krankenhäusern weit verbreitet ist, hätte es auch über die zur Behandlung der Patienten eingesetzten Atemgeräte in die Blutbahn gelangt sein können.

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