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Königreich Juda: Handschriften aus der Frühzeit des Alten Testaments

Die automatisierte Analyse militärischer Notizen zeigt, in welchem kulturellen Umfeld alttestamentliche Texte entstanden: Im Königreich Juda war Schreiben kein Elitenphänomen.
Tell Arad

Wann die ersten Teile des Alten Testaments entstanden, ist unter Forschern umstritten. Nach Meinung mancher Experten wurden bestimmte Texte bereits vor der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar im Jahr 586 v. Chr. abgefasst. Andere setzen den Entstehungszeitpunkt erst nach diesem geschichtlich einschneidenden Ereignis an, das das Ende des Königreichs Juda und den Beginn des babylonischen Exils markiert.

Plausibilitätsgründe für die frühe Datierung liefert nun ein Team von Mathematikern und Archäologen um Israel Finkelstein von der Tel Aviv University. Sie haben dazu mit Hilfe einer teilautomatisierten Handschriftenerkennung insgesamt 16 beschriftete Keramikscherben untersucht, auf denen die Korrespondenz von Militärangehörigen, Priestern und königlichen Beamten verzeichnet ist. Die Texte wurden bei Ausgrabungen in der Festung Arad im Süden des heutigen Israels gefunden. Mit einem Alter von etwa 2600 Jahren stammen sie aus der Zeit kurz vor der babylonischen Eroberung.

Beschriftete Scherben aus der Festung Arad | In der Wüstenfestung Arad fanden Wissenschaftler umfangreiche Schriftzeugnisse, so genannte Ostraka. Die rund 100 Scherben geben einen Einblick in die militärische Verwaltung des Außenpostens an der Grenze zum Reich Edom.

Bei der Analyse der zumeist recht profanen Schriftstücke – es dreht sich darin um Verwaltungsangelegenheiten und Truppenverlegungen – zeigte sich, dass mindestens sechs Autoren am Werk waren, darunter hochrangige Bedienstete des Königs, aber etwa auch der stellvertretende Quartiermeister der kleinen Wüstenfestung. Anhand von Stil und Inhalt der Texte schließen die Wissenschaftler aus, dass professionelle Schreiber die Notizen abfassten.

Tatsächlich dürfte wohl im Königreich Juda die Schreib- und Lesefähigkeit weiter verbreitet gewesen sein, als gemeinhin angenommen wird. Auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet sollte es demnach unter den rund 100 000 Einwohnern Judas mehrere hundert Schreibkundige gegeben haben. In einem solchen Umfeld könnte ihrer Meinung nach dann tatsächlich der Grundstein für die Texte des Alten Testaments gelegt worden sein.

Nach der Eroberung durch Nebukadnezar wurden die Eliten des Landes nach Babylon deportiert, was für Juda selbst einen herben kulturellen Rückschlag bedeutet habe, erklären Finkelstein und Kollegen. Erst nach dem Beginn der persischen Herrschaft um 200 v. Chr. habe die Bevölkerung Judas wieder ein vergleichbares kulturelles Niveau erreicht.

Zur Analyse der Handschriften setzten die Wissenschaftler auf eine Mischung aus Handarbeit und Maschinenlernen. Experten rekonstruierten zunächst die Form der teils nur schwach erhaltenen Buchstaben, dann suchte ein lernfähiger Algorithmus nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Die Forscher erzeugten dadurch eine statistisch aussagekräftige Abschätzung, ob zwei gegebene Texte vom selben oder von verschiedenen Autoren stammen.

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